Anja hat geschrieben: Di 29. Okt 2019, 13:37
Hm, das kann ich so nicht sagen. Eigentlich komme ich hervoragend mit mir klar so wie ich bin. Allerdings bin ich mir natürlich meiner Vorgeschichte bewusst.
Das Gefühl,
einfach nur Frau zu sein ist wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen sozusagen.
Also eigentlich ist alles gut. Nur in ihrer Gegenwart war es noch einen Tick besser

Mir hat ja auch vorher nix gefehlt. Ich war schon immer ein Einzelgänger, ich war häufig allein, aber eben nicht einsam. Und mir gings gut dabei.
Und sie hinterlässt nun eine Lücke die es vorher nicht gab.
...
Weißt du, liebe Vicky, die Gedanken sind mir beim Lesen auch gekommen. Denn ich war und bin mir meiner Identität sicher. Bei dir habe ich eher den Eindruck, das du momentan an einer Weggabelung stehst.
Wenn du schreibst das du dich morgens im Büro en femme aufhälst, bis die anderen Kollegen kommen und der Gedanke dich reizt, dich vielleicht erwischen zu lassen...
Hallo Anja,
zum ersten Punkt. Ich möchte die Dinge nicht problematisieren, denn ich kann nicht in Dich hinein schauen. Also spreche ich wieder aus meine Erfahrungen heraus. Mir ging es auch (scheinbar) gut und vom Typ her, komme ich auch sehr gut mit mir alleine zurecht. Doch letztlich konnte ich Nähe zu einem anderen Menschen nicht leben. Einige langjährige Beziehungen haben darunter gelitten und zumindest teilweise sind sie auch daran gescheitert (nein, das ist keine Schuldübernahme, sondern im Sinne einer Selbstkritik zu sehen). Sie blieben distanziert. Die Trennung in meiner letzten Beziehung vor genau 9 Jahren hat mich dann persönlich ziemlich aus der Bahn geworfen. Erst ein tiefes in mich Hineinschauen hat mich erkennen lassen, dass da, sehr gut versteckt, einige Leichen im Keller liegen. Erst die Auseinandersetzung damit hat mich auf einen besseren Weg gebracht und ich habe meine jetzige Frau kennen gelernt.
Ich habe den Eindruck, dass dieser Mechanismus, man scheitert so lange an seinen Problemen, bis man sich ihnen stellt, sehr oft auftritt. Nicht immer sind sie offensichtlich und nicht immer sind sie so gravierend. Mir fällt auch immer wieder auf, wie sehr sich Menschen (meine Person inklusive) sträuben, genau bei sich hin zu schauen und sich schmerzhaften Dingen zu stellen. Die Psychologie sagt auch, dass es nicht immer gut ist, weil diese Schmerzen sehr verunsichern können und es vielleicht besser ist, die alten Sachen ruhen zu lassen. Mir geht es nur darum, auf Möglichkeiten hinzuweisen. Was man daraus macht, entscheidet man selber. Ich glaube aber, dass ein enormes Potential darin steckt.
Meine weibliche Perspektive ist auch nicht die Ursache. Sie ist noch nicht einmal mein Problem. Diese liegen an irgendeinem Punkt, der gar nicht so offensichtlich ist. Es können Verletzungen sein, die man als Kind erfahren hat. Die Psyche versteckt sie und schon kommt man nicht mehr so ohne weiteres dran. Es ist ein Schutzmechanismus, ohne den man nicht ohne weiteres weiter leben kann. Meine Erklärung heute: Ich bin auch HSP, vielleicht nicht extrem ausgeprägt, aber doch deutlich. Als Kind wurde das von meinen Eltern nicht erkannt, Sie waren schlicht unfähig dazu und das Erkennen von Talenten und Stärken war in den 1960er-Jahren nicht Thema. Du kennst sicher die Sätze, die ein eher weiches Kind in der Zeit zu hören bekam. Das war kein böser Wille und meine Eltern haben mich nicht misshandelt, aber es hat mich massiv verletzt und in wichtigen Punkten habe ich keine Unterstützung erfahren. Was liegt da näher als sein Gefühlsleben zu verbergen und sich abzukapseln. Ich lernte alleine mit mir zu Recht zu kommen. Wenn ich heute teilweise Familien sehe, in denen die Kinder eine gute Unterstützung der Eltern erfahren, freut mich das sehr, aber ich sehe auch, was mir fehlt. Damit kann ich jetzt aber umgehen. Früher, als das noch in meinem Untergrund gewirkt hat, weil ich es mir nicht bewusst war, haben mich solche Situationen aus heiterem Himmel unleidig und nörglerisch gemacht. Die Zusammenhänge habe ich erst sehr viel später begriffen. Heute bin ich viel ausgeglichener, aber an mir "knabbern" muss ich heute noch.
Wie gesagt, dass soll keine Analyse sein, was Dich betrifft, sondern nur eine Anregung. Mir hilft es jedenfalls, das aufzuschreiben, denn dadurch muss ich sie für mich klarer strukturieren. Dafür bin ich dankbar.
Zum zweiten Punkt: Ich glaube, ich habe vor kurzem eine Weggabelung hinter mir gelassen. Dabei geht es um die Frage, wie offen ich mit meinem Wesen umgehen soll. In der Öffentlichkeit habe ich kein Problem und in meiner Ehe habe ich das Thema intensiviert. Wir sind hier in guten Gesprächen. Im Umfeld bin ich bisher, auch auf Wunsch meiner Frau, nicht geoutet. Weder in der Nachbarschaft, noch auf der Arbeit. Aber mein Leben en femme wird immer selbstverständlicher, wenn ich dazu aufgelegt bin. Könnte ich mich zu einer Seite der Medaille bekennen, wäre es vielleicht einfacher. Aber mein Leben geht in Phasen hin und her. Wie will man denn so was erklären ? Ich habe noch keinen tragfähigen Weg gefunden, also suche ich Gründe es nicht zu tun. Mich selbst "per Zufall" zu offenbaren, ist vermutlich Ausdruck davon. vermutlich ist das die schlechteste Lösung. Deshalb denke ich daran, Kontakt mit unserer Gleichstellungsbeauftragten diesbezüglich aufzunehmen. Ich habe Vertrauen zu ihr. Auch die Gespräche mit meiner Frau bringen in mir einiges ans Laufen. Ich will darauf hier nicht näher eingehen, denn das ist Dein Fred. Aber an anderer Stelle werde ich das Thema vielleicht vertiefen.