Claudia hat geschrieben: Mo 28. Apr 2025, 10:48
Und ich mache es jetzt nochmal ein wenig schärfer. Ihr, also Du und Jaddy und einige andere hier bestehen darauf, dass nur das wahr sein kann, was sich wissenschaftlich nachweisen läßt. ...
Für Euch ist nur Wirklichkeit, was sich wissenschaftlich beweisen läßt und was sich nicht beweisen lässt, kann es nicht geben. Und da verlasst Ihr die wissenschaftliche Ebene, weil es keinen Beweis dafür gibt, dass es mehr geben könnte. Für mich und manche andere hier geht die Wirklichkeit aber über das Beweisbare hinaus.
Also zumindest mich gibst du da nicht korrekt wieder. Wissenschaftliche Faktizität ist das eine. Wobei auch die kritisch hinterfragt werden muss, welch impliziten Annahmen, Vorurteile und blinden Flecke die beteiligten Forschenden wohl hatten. Genau dafür ist die wissenschaftliche Methode da: Alles Wissen ist vorläufig und sinnvoll, durch bessere Beweise (nicht durch freie Spekulationen oder "Schauungen") kritisierbar. (Ganz im Gegensatz zu Religion und anderen Glaubensideologien)
Persönliche Subjektivität, eigene Modellbildung und Heuristiken, gesellschaftliche Gewohnheiten und Aushandlungen sind eine weitere Ebene von erfahrbarer Wirklichkeit, weil sie durch das Handeln von Menschen hergestellt wird. Ich habe einige Beispiele genannt: "Geld", "Demokratie", "Gender" - und persönliche Vorstellungen von Göttern etc wirken durch ihre Anhänger*innen auch auf Mitwelt und Mitmenschen.
Da sollte aber auch von den Gläubigen immer bedacht werden, dass sie subjektiv sind und "recht haben" nicht wissenschaftlich bewiesen werden kann. Es muss aus Metaregeln für das Zusammenleben vielfältiger Subjektivitäten entstehen, ohne die subjektiven Inhalte, sonst ist Gewalt und Krieg die logische Folge.
Religion, Esoterik und so weiter sind aus zwei gekoppelten Gründen konträr zu beiden Ebenen: 1. schreiben sie subjektiven und fiktionalen Modellen (Glaubenssätzen) eine Gewissheit zu, die sich näher am Wahrheitsbegriff der Wissenschaft sieht, ihre Subjektivität und Fíktionalität leugnet und sich gleichzeitig der Sachdiskussion über ihre Prämissen entzieht. 2. fordert sie basierend auf diesen fiktionalen Konstruktionen eine Autorität, also das Recht soundso zu handeln bzw behandelt zu werden.
Vereinfacht: "Ich glaube X ("es steht geschrieben / Gott hat gesagt") so fest, dass mir diese (persönliche, subjektive, fiktionale, unbeweisbare) Wahrheit das Recht gibt dich soundso zu sehen und zu behandeln, allgemeine Gesetze aufzustellen, usw".
Ich möchte lediglich die bewusste Trennung der drei Ebenen und dazu gehört, dass sich auch Gläubige der Fiktionalität und Subjektivität ihrer Modelle bewusst sind und das im Miteinander mit Nicht- und Andersgläubigen auch praktisch umsetzen.
Gibt es persönliche Wirklichkeit über das Beweisbare hinaus? Aber klar! Mach ne halbe Stunde holotropes Atmen oder wirf ein paar mg LSD ein und es gibt mehr Wirklichkeit als in allen Wissenschaften zusammen. Meditieren (oder Gebete) und langes Nachdenken über das Leben, das Universum und den ganzen Rest kriegt das auch hin, wenn eins genügend Musse und Bedarf hat. Been there, done that - und zwar alles davon. Ungeheuer, überwältigend, all-erklärend, befriedend, sinnstiftend, lebensverändernd. Und es ist auch vollkommen egal, ob Medizinys das mit Sauerstoffüberschuss, gestörten Neurotransmittern oder sonstwas erklären würden. Ich weiss, was ich erlebt habe und wie es meine Sicht auf alles so dermassen positiv verändert hat, dass ich allen Menschen ähnliche Erfahrungen wünsche.
Der Punkt ist: Kein Mensch weiss, wie viel davon rein physiologisch ist oder ob es eine über-physische Ebene gibt, die wir da anzapfen. Das ist für die Erfahrung und die Wirkung auf unser Leben aber auch völlig schnuppe. Ich möchte nur, dass wir mit uns selbst und anderen gegenüber jederzeit ehrllich über unser Nichtwissen an der Stelle sind. Es kann sein, dass es da was gibt, kann sein dass nicht. Es ist aber äusserst unwahrscheinlich, dass genau eine Erzählung fakten-wahr ist (Buddhas Elefanten-Gleichnis), sondern viel wahrscheinlicher eine Interpretation aufgrund unserer Biografie und Erziehung. Auch das ist unerheblich für
unsere subjektive Wahrheit - solange wir uns eben bewusst sind, das wir nicht wirklich wissen und deshalb kein Recht daraus ziehen dürfen, wie wir mit anderen Menschen umgehen.
Claudia hat geschrieben: Mo 28. Apr 2025, 10:48MichiWell hat geschrieben: So 27. Apr 2025, 23:05
Aber du kannst es nicht fassen, dass Leute trans Frauen verbieten, auf die Toilette für Frauen zu gehen. Tja .. warum wohl?! Und warum sollten jene gegen ein Urteil intervenieren, auf das sie offenbar nur gewartet haben?!
Nein, das kann ich nicht fassen. Nur bin ich mir ziemlich sicher, dass die dafür keine religiösen Gründe haben. Aber um diese Gründe zu besprechen, bräuchten wir einen anderen thread.
Es sind quasi-religiöse Gründe. Der Mechanismus ist der gleiche und zwar genau der, der mir Angst macht: Menschen nehmen einen Glaubenssatz ("Alle Menschen, die mit Penis zur Welt kamen, sind und bleiben Männer und Vergewaltiger"), verweigern sich einer Sach- und Lösungsdiskussion und produzieren innerhalb ihrer abgeschlossenen Logik Folgerungen, die sie auf andere anwenden. Gegen überzeugtes "komm mir nicht mit Fakten, ich habe eine Meinung / einen Glauben" kommst du nicht an - ausser durch gesellschaftlichen Druck oder pure Gewalt. Dritte Möglichkeit: Flucht / Seitwärtsbewegung.
Die exakt gleichen "sie schänden unsere Frauen und verderben unsere Kinder"-Tropes gab es bzgl Fremden, Zugewanderten, Andersgläubigen, Schwarzen etc, Homosexuellen, jetzt trans Personen.