Wie Walli schrieb, wurden trans Personen vor, während und noch lange nach der NS-Zeit unter "homosexuell" geführt. Insbesondere Menschen mit männlichem Zuweisunggeschlecht. Das betrifft auch alle Menschen, die sich heute dem Spektrum von Crossdresser bis trans (und sogar nichtbinär) zuordnen würden.
Wie die NS-Regierung 1933 bis 45 mit Menschen umgegangen ist, die nicht cis / hetero waren, ist dokumentiert. Sie wurden wegen "Sittlichkeitsverbrechen" verhaftet, verurteilt, in KZs, Gefängnisse oder Psychiatrie gesteckt, sterilisiert, gefoltert und umgebracht.
Es ist dabei letztlich ziemlich egal, unter welchem Label nicht-cis Personen einsortiert wurden. Verhaftet, gefoltert, getötet wurden sie, weil sie nicht den Anforderungen an "Mann" entsprachen. Ja, die meisten Frauen wurden in Ruhe gelassen (ausser wenn sie "zu männlich" waren). Aber der Grund war, dass sie eh keine Rolle spielten.
Diese Verfolgung war kein Zeitgeist der 30er, sondern grundlegend in der Bevölkerung. Davor, während und danach. Die Nazis konnten einfach darauf aufsetzen und alle, die wir irgendwie zu LGBTQIA* zählen würden, zusammen mit anderen Minderheiten mit vernichten.
Diese generelle Abneigung gegen non-cis / non-hetero in der Bevölkerung wurde auch uns beigebracht. In hässlichen Bemerkungen, in platter Abneigung gegen Schwule und Lesben (und trans Personen sowieso), durch lächerlich machen, Berichte von Misshandlungen usw. Wir haben sie verinnerlicht und sie machte vielen von uns das coming-out und Transition häufig sehr schwer und qualvoll.
Liebe Leute: Die Skrupel und Zweifel von vielen hier, sich Klamotten zu kaufen, sie öffentlich zu tragen, sich Partner*innen und Freundys gegenüber zu outen, das ist genau der gleiche Geist, der in vielen Köpfen noch immer rumspukt, und den wir im Alltag, Medien, Politik erleben. Er erzeugt das Gefühl "nicht normal" zu sein. Das bedeutet: Das private ist politisch.
Dass wir es heute vielfach besser haben, ist nicht wirklich Verdienst der Politik, sondern von aktivistischen Gruppen und Menschen, die sehr viel Sichtbarkeit in widrigen Zeiten gezeigt haben.
Es ist auch Verdienst neuerer feministischer Bewegungen ("dritte Welle"), die Intersektionalität und den Blick auf grundlegende Strukturen eingeführt haben. Sie werden von "konservativer" (und natürlich rechter) Seite bekämpft wie eh und je. Da hat sich seit Jahrzehnten nichts verändert.
Kleiner historischer Rückblick auf non-cis/non-hetero Belange?
Die liberalste Blase der 20er Jahre in der gesamten westlichen Welt war Berlin. Magnus Hirschfeld hat mit seinem Institut für Sexualwissenschaft bahnbrechende Forschungen betrieben, überhaupt mal Phänomene beschrieben, ganz praktisch das tragen "gegengeschlechtlicher Kleidung" überhaupt legal möglich gemacht, und sogar die ersten medizinischen Massnahmen für trans Personen durchgeführt.
Ohne einen "Transvestitenschein", den Hirschfeld mit der Berliner Stadtregierung ausgehandelt hatte und der nur in Berlin galt, war Crossdressing nämlich bereits seit der Kaiserzeit strafbar. Die Stonewall-Riots (Christopher Street) würden übrigens wegen genau solcher Vorschriften ausgelöst, die die New Yorker Polizei, genau wie deutsche Polizei bis in die Nachkriegszeit, als Vorwand für Razzien und Verhaftungen nutzte.
Berlin bot bis 1933 dank Hirschfeld und seinen Mitarbeiter*innen ein Maß an Möglichkeiten für non-cis/non-hetero Menschen, das wir in Deutschland erst ungefähr in den 80er/90er Jahren wieder erreicht haben. Statt des "Transvestitenscheins" gab es (seit irgendwann in den 90ern, oder?) den dgti Ergänzungsausweis, der aber erst seit 2016 offiziell vom BMI anerkannt wird.
Das Institut und Hirschfeld selber waren den Nazis so zuwider, dass sie es 1933 als erstes Ziel ihrer Bücherverbrennungen ausgewählt haben (
6. Mai 1933). Hirschfeld selber war zu dem Zeitpunkt schon im Exil.
Die Nazi-Regierung verschärfte den §175 (sexuelle Handlungen unter Männern, "widernatürliche Unzucht") aus der Kaiserzeit. Die Geschichte kann bei
Wiki nachgelesen werden. Wie gesagt war "trans" nur deshalb kein Thema, weil ein von den sichtbaren Geschlechtsmerkmalen abweichendes Identitätsgeschlecht überhaupt kein Konzept war.
Merke also: Bis in die ca. 1970er war "trans" quasi gleichbedeutend mit homosexuell. Wer sich als Mann nicht an die Geschlechtsnormen hielt, war schwul. Was schwulen Männern angetan wurde, wurde genauso mit trans Personen getan.
Nach 1945 wurde der §175 in West-Deutschland quasi unverändert übernommen und auch so weitergeführt. Auch da gab es noch kein Konzept von Transidentität. Die Verfolgungen und - "streng rechtstaatlichen" - Verurteilungen zu Zuchthaus, Vernichtung der bürgerlichen Existenz schon bei Verdacht, usw gingen quasi unvermittelt weiter bis 1969, als die ersten Teile der
großen Strafrechtsreform in Kraft traten: FDP und SPD gegen erheblchen Widerstand der CDU/CSU.
Reformiertes Strafrecht hiess freilich weder Akzeptanz in der Bevölkerung noch in der Politik. Wer nicht cis genug oder nicht hetero genug war, blieb besser im Schrank. Siehe soagr noch Kiessling (1984), Sedlmayr (1990). Öffentliche trans Personen? Also ausser Romy Haag und Charlotte von Marksdorf? Ah, Lilo Wanders. Ausdrücklich Transvestit. Nunja.
Und auch die Polizeien legten mindestens bis 2011 noch
Rosa Listen an:
"NRW: Skandal um Rosa Liste bei Polizei".
In der Politik hat sich allerdings seit den 1970ern kaum etwas verändert. Jedenfalls bei den Konservativen. Klingt komisch? Dann schaut hier:
In den 1970er Jahren gab es in der sozial-liberalen Regierung erste Ansätze für ein TSG, aber richtig Druck gemacht hat erst eine Entscheidung des BVerfG 1978; mal wieder.
Ich empfehle, mal die Redebeiträge im Bundestag dazu (
1.Lesung,
2.+3.Lesung) mit denen zum SBGG (
1.Lesung,
2.+3.) zu vergleichen. Es sind im Kern die gleichen Themen, damals noch strikter an der cis-hetero Familie orientiert. Kleine vs große Lösung, Scheidung wg Verhinderung gleichgeschlechtlicher Ehen, Kinder von trans Eltern, Zugang zu Räumen "des anderen" Geschlechts ohne OP ("deutliche Annäherung an das Erscheinungsbild des anderen Geschlechts"), usw.
Aus der Begründung des Bundesrats, der 1980 mit der
CDU/CSU-Mehrheit der Länder den Vermittlungsausschuss angerufen hat:
Dagegen besteht die Gefahr, daß bei einer kleinen Lösung, die nur geringere Voraussetzungen, insbesondere keine operativen Eingriffe, erfordert, auch Personen die durch das Gesetz eröffneten Möglichkeiten in Anspruch
nehmen, die nicht zum Kreis der Transsexuellen gehören. Insbesondere besteht ferner die Gefahr, daß eine erleichterte Möglichkeit der Vornamensänderung bei Personen, bei denen eine gewisse transsexuelle Veranlagung vorhanden ist, dazu führt, daß sie voreilig den „Umstieg" zum anderen Geschlecht versuchen, obwohl andere Auswege gegeben wären. Diese Gefahr kann nach den Erfahrungen in Schweden nicht ausgeschlossen werden: Dort wird die Zahl der Personen, auf die die dortige Regelung anwendbar ist, auf 7 bis 8 pro Tausend der Bevölkerung geschätzt, während für die Bundesrepublik Deutschland geschätzt wird, daß es insgesamt bis zu 5000 Transsexuelle gibt, d. h. etwa 7 bis 8 auf Einhunderttausend der Bevölkerung. Außerdem sind in den wenigen Jahren der Geltung der schwedischen Regelung dort schon mehrere
Fälle bekannt geworden, in denen eine Rückumwandlung begehrt wurde, obwohl nach bisheriger medizinischer Erkenntnis Transsexualismus irreversibel ist. Eine gesetzliche Regelung darf also nicht so ausgestaltet sein, daß sie transsexuelle Neigungen fördert und weitaus mehr Menschen, denen an sich auf andere Weise geholfen werden könnte, krank macht, als sie Kranken Hilfe bringen kann. Gegen die „kleine Lösung" spricht insbesondere auch die damit geschaffene Möglichkeit, schon frühzeitig in der Rolle des anderen Geschlechts aufzutreten. Dies sollte gerade verhindert werden, um eine vorzeitige Fixierung einer noch
nicht ausgereiften Persönlichkeit auf den Transsexualismus nicht zu fördern. Im übrigen ergeben
sich, wie schon die bisherigen Erfahrungen gezeigt haben, für die betroffenen Personen, soweit eine körperliche Anpassung an das Gegengeschlecht nicht vorgenommen wurde, beim Auftreten in der Rolle des Gegengeschlechts zahlreiche Schwierigkeiten und Peinlichkeiten, die vermieden werden sollten
(
PDF, 27.6.1980)
Zusammengefasst: Trans ist nach deren Auffassung nur, wer ein für alle Mal rechtlich und körperlich zum "anderen" (binären) Geschlecht wechselt, nach allen Klischees und Stereotypen und mit maximalem Aufwand. Auf jeden Fall sollen die Hürden mögichst hoch sein, um die Zahlen klein zu halten.
Das heisst: Allein schon in der konservativen Denke hat sich seit über 45 Jahren quasi nichts verändert. Alle rechtlichen Fortschritte sind durch erfolgreiche Verfassungsbeschwerden und sehr viel Akzeptanzarbeit in der Öffentlichkeit zustande gekommen. Gegen den gleichen erklärten Widerstand. Und über die anti-trans Tiraden der Rechtsextremen brauchen wir da gar nicht erst zu reden. Da ist ja schon die grundlegende Akzeptanz nicht da. Allerhöchstens wenn sie sich eben genau diesen alten Vorstellungen unterwerfen.
Inzwischen ist wissenschaftlicher Konsens, dass trans nicht 0/1 ist. Es gibt nicht nur zwei Geschlechter (weder in Biologie noch Identität), Prozesse und Entwicklungen sind fliessend. Die wahre Zahl an nicht-cis-Personen liegt eher bei 1-4% statt 0,7 oder gar 0,007%, wie oben für D angenommen.
Sprich: Die gesellschaftliche Tabuisierung, das Verschweigen, die Hürden und Schikanen lassen Menschen leiden. Je restriktiver, desto mehr. Je nach Rechtslage wagen nur jene eine Transition, die besonders resilient sind oder besonders unempfindlich oder in einer privilegierten Situation (Geld, Umfeld), und die sich "dem anderen Geschlecht" so annähern können und wollen, dass sie auf der anderen Seite möglicherweise eine gewisse Akzeptanz erfahren, weil sie sich "den anderen" Konventionen fügen wollen und können.
Ich weiss aber auch aus meinen Bekanntschaften mit Menschen, die vor Jahrzehnten ihre Transition hatten, dass sie, wie Walli es beschrieb, erst mithilfe einer Psychotherapie aus der Verstrickung von Anforderungen und Konventionen heraus gekommen sind. Die ihnen zur Akzeptanz ihres Wesen verholfen hat, ihnen Möglichkeiten aufgezeigt und sie begleitet hat, wo ihr Umfeld mindestens unverständig, aber auch keinen Fall akzeptierend war.
Fazit: Auf "konservativer" und rechter bis rechtsextremer Seite hat sich nichts getan. Die Wortwahl mag moderner sein, aber die Denke ist die gleiche: Zwei biologische Geschlechter, die gleichzeitig die gesellschaftlichen Rollen und die Dominanz von Männern festlegen. Keine Grauzonen und (binäre) Übergänge nur für jene, die maximalem Druck und willkürlichen Hürden standhalten. Die Zahlen und Konsequenzen klein halten, damit sich an den zweigeschlechtlichen - und patriarchalen - Strukturen bloss nichts ändert.
Trans Personen sind ihnen im Grunde eine Abscheulichkeit, selbst wenn sie es nicht so offen sagen wie Weidel, Storch und Co. Aus dem einfachen Grund, weil wir in Frage stellen, wie Männer und Frauen sein sollen, ebenso wie die Zuschreibungen zu den Geschlechtern.
Jede trans Person ist ein Beispiel dafür, dass biologistischer Unfug von "zuhören und rückwärts einparken" über "Frauen in Führungspositionen" bis zu Mario Barth einfach falsch ist.
Und das betrifft uns trans Personen. Streng genommen alle nicht cis-männlichen Personen. Auch die, die sich sicher wähnen. Wenn die Leute ab Mitte CDU bis rechtsaussen können, dann werden sie gegen uns vorgehen. Und sie werden mit ihrer Gräuelpropaganda und diskriminierenden Vorgaben auf die gleiche Mischung aus schwelender Ablehnung und Mitläufertum in der Bevölkerung treffen, die zu jeder Zeit bereit war, Minderheiten zu drangsalieren und zu vernichten.