Jaddy hat geschrieben: So 20. Okt 2024, 13:08
Also wir hier sind bei Themen rund um Gender zum größten Teil nicht "Normie-Gesellschaft". Wir haben auch Fachvokabular, beginnend bei Klamotten und nicht endend bei Feinheiten von Transitionswegen. Siehe die geschlossene Gruppe, in der tw mehr endokrinologische Kompetenz vorhanden ist, als die meisten Ärztys haben. "Oh je, wie nenne ich denn jetzt meine sexuelle Orientierung" ist vergleichsweise simpel und vor allem für Crossdressende eine bekannte Frage, weil Leben in zwei Modi, zu der du hier etliche Threads finden dürftest.
1. Ich habe auf die geschlossen Gruppe keinen Zugriff.
2. Ich befürworte ausdrücklich, dass der Zugriff auf die Gruppe nach bestimmten Regeln freigegeben wird, da ich davon ausgehe, dass es ein besonders geschützter Bereich ist.
3. Das heißt, ich würde mich sehr geehrt fühlen, irgendwann auch in diesem Bereich mitschreiben zu dürfen - aber das entscheidet die Moderation.
4. Ich empfinde es aber schon als etwas herablassend, mir mit Verweis auf eine geschlossene Gruppe Ignoranz vorzuhalten.
Jaddy hat geschrieben: So 20. Okt 2024, 13:08
All das können wir hier diskutieren und dabei auch unsere Sprache präzisieren und an Konzepten jenseits von cis und hetero herumdenken, weil das hier nicht Dorf- oder Marktplatz ist. Es lohnt sich meiner Erfahrung nach, sich die vielfältige Erfahrung und Überlegungen der langjährigen Nutzer*innen hier anzusehen, Community-Wissen.
Auf der anderen Seite haben wir in diesem Thread bisher nicht mal ansatzweise den Umfang, die Komplexität, die Feinheiten und den Tiefgang des Genderverse ausgeleuchtet, die in den trans und enby Discords von GenZ+ Leuten besprochen werden. Auch nicht die akademischen Räume.
Der Eingangspost stellt die Frage: sind in der
öffentlichen Diskussion so viele trans*-Begriffe notwendig?
Ich beziehe mich in meinem Ursprungspost ausschließlich auf die Begriffe, die in der
öffentlichen Diskussion nach wie vor nicht verschwunden sind. Nirgendwo nehme ich Bezug auf die forums-internen, trans*-internen, LGBTQ*-internen Diskussionen, ob sie nun in Zeitschriften, Onlineportalen oder Discord-Gruppen geführt werden. Hier muss ich auf Tira zurückgreifen: ich habe keine Zeit dafür.
Jaddy hat geschrieben: So 20. Okt 2024, 13:08
Es ist zwecks Verständlichkeit allerdings sinnvoll, je nach Kontext auch die verständlichsten und treffendesten Begriffe zu verwenden, statt sich eigene Interpretationen zu basteln.
Wo bastel ich mir denn was zusammen?
- Zeit Online am 02.10.2024 Titel "Grünenpolitikerin Ganserer will nicht mehr für den Bundestag kandideren": Zitat: "...schrieb Ganserer, eine der bekanntesten deutschen Politikerinnen mit Transidentität, in einer Erklärung."
- Der Link unter Transidentität führt dann auf die Themenseite "Transgender"...
- Zeit am 19.09.2024 Titel "Immer mehr Transgender-Operationen". Im Artikel transgender, Transmann, Transfrau...
- TAZ am 05.10.2024 Titel "Abgeschmetterte Gefühle". Im Artikel trans Personen, Transidentität...
- Die Welt hat ihre Themenseite schlicht "Transsexualität" betitelt.
- Die Emma - Titelseite "Transsexualität"
- FAZ am 06.09.2024 Transgender-Athletin, Themenseite "Transsexualität"
- Bild vom 10.09.2024 "Zitat Vallentina Pentrillo im Interview "Und es gab bisher nur eine Transgender-Person, die an den Paralympics teilgenommen hat, nämlich mich. Die Befürchtung, dass transsexuelle Menschen die Welt des Frauensports zerstören werden, ist also unbegründet. Die Leute sagen, Männer würden als Frauen antreten, nur um zu gewinnen, aber das ist überhaupt nicht passiert. Das ist einfach nur Transphobie." [...] Tatsächlich ist Petrillo die erste offene Trans-Paralympicsteilnehmerin. Bei den Spielen in Rio 2016 trat mit der Niederländerin Ingrid van Kranen eine transsexuelle Athletin im Para-Diskuswurf. Ihre Transition war jedoch nicht öffentlich bekannt."
Ohne das jetzt böse zu meinen, aber möchtest Du mir noch irgendwas zum Thema "Verbreitung" dieser "aus guten Gründen überholten, unterkomplexen" Begriffe sagen?
Und ja, es gibt auch positive Beispiele aus der Welt der Massenmedien, der Spiegel z.B. verwendet schon länger "trans X" als Bezeichnung für trans* Menschen und die Themenseite ist neutraler "Transgeschlechtlichkeit" betitelt.
Die DGTI* - insgesamt ziemlich vollständig trans*-X, sehr cool. Dann kommen da so Artikel wie "Sicher surfen: Tipps wie trans*, nicht-binäre und queere Personen sich online schützen können" und - besonderes Schmankerl "Österreich baut den rechtlichen Diskriminierungsschutz von tina* (trans*-, und inter*geschlechtlichen, nicht-binären und agender) Personen aus..."
Die sind wohl nicht ganz auf dem aktuellsten Stand der GenZ-Discord-Community?
Jaddy hat geschrieben: So 20. Okt 2024, 13:08
Was die Welt "draussen" angeht, so hängt es wohl sehr davon ab, mit welchen Menschen eins es so zu tun hat. Viele kennen die wichtigesten Buchstaben der queeren Nudelsuppe. Sogar nichtbinär und inter, auch wenn da manchmal einiges durcheinander geht. Pansexuell taucht in "Frauenzeitschriften" und manchen guten Zeitungsartikeln auf. Undsoweiter. Es ändert sich da auch viel über die Generationen.
Richtig. Aber "kennen" heißt noch lange nicht "verstehen" oder "als relevant begreifend". Und meine Ausgangsthese war nichts anderes als: weil "manchmal einiges durcheinander geht", lasst uns doch erstmal weniger komplex die grundsätzliche Diskussion um trans*-Belange führen. Wenn ich eine Diskussion über trans* Personen in öffentlichen Toiletten oder Umkleiden führen will, ist es dann sinnvoll und hilfreich, auch gleich alle Zwischenformen aufzurufen? Es ist doch schon schwer genug, der trans Frau, die zwar erkennbar weiblich gelesen werden kann, aber eben nicht operiert ist, das Recht zu erkämpfen, sich in der Damenumkleide umziehen zu dürfen!
Ich gehe im Schwimmbad nach wie vor eher in die Dusche für Menschen mit Behinderungen als in die für Frauen, obwohl ich eigene Brüste habe, der Bart/Körperbehaarung quasi non-existent (Laser) und das eigene Haar lang. Obwohl ich mich eigentlich voll binär diesem Bereich zugehörig fühle. Weil ich eben
noch "was" zwischen den Beinen baumeln habe und auch wenn es da nur Kabinen mit Tür gibt - ich habe Angst davor, einer Mutter mit Kind zu begegnen, die wiederum Angst vor mir hat. Und nein, ich werde nicht auf "aber das ist mein Recht"-beharren. Weil ich damit Ablehnung erzeuge, einem Unbehagen auf der Gegenseite mit Respektlosigkeit und Egoismus begegne. Und so bin ich nicht.

Thread-Thema.
Hilft es mir jetzt, in einer Diskussion um meine Anwesenheit in der Frauendusche, da noch die nicht-binären Geschwister einzubeziehen, die sich zwar mehr weiblich identifizieren, aber männlich genug um den Bart dran zu lassen (weil: fuck gender roles!). Nope. Ich habe im Zweifel erstmal genug damit zu tun, meine eigene Existenz und Authentizität zu verteidigen. Und trotzdem werde ich im Zweifel den Verdacht, doch nur ein einfacher Perverser zu sein, nicht vollständig ausräumen können, weil Menschen nun mal Menschen sind. Und es f***ing Videos auf Youtube gibt, wo Typen in Ponyzöpfchen und Tütü in die Kamera raunen "we're coming for your children" - und das unter dem trans*-Label. Und das dann viral geht. Weil es so schön ins Narrativ passt.
Es hilft nicht, weil es ablenkt. So wie der * und die Diskussion um alle Varianten davon nur davon ablenken, dass wir eben
so dringend ein neues Vokabular und ein moderneres Sprachformat benötigen. Wir kommen aber gar nicht dazu, dass öffentlich sinnvoll, konstruktiv und konsensorientiert zu diskutieren, weil ständig wieder irgendeine mikroskopisch-kleine Subvariante aus dem Spektrum meint, sie fühle sich aber mit all dem nicht angesprochen und möchte doch lieber was ganz anderes. Der * ist doch auch nur ein Surrogat, bis wir was passendes, sinnvolles gefunden haben. So wie ein : oder _ oder I. Aber die Aufregung um die "Entartung der Sprache" (um jetzt mal das Härteste zu nehmen, was mir so begegnet ist) findet so viel mehr Resonanz als die eigentlich so viel wichtigere Frage: wie kommen wir sinnvoll und inklusiv aus dem binären Sprachdilemma? Und das geht mir so dermaßen auf den Keks. Ich bin diese Nebenkriegsschauplatz-Diskussionen und Strohmänner so satt.
Jaddy hat geschrieben: So 20. Okt 2024, 13:08
Ipsos-PI__Pride_Gender Identity_Jun2021 A.png
Ich dachte, ich hätte die Grafik hier schon gepostet; anyway: Bei Menschen unter 45 sind 10-20% selbst irgendwie queer. Und die haben Angehörige, die zwangsläufig etwas dabei lernen.
Es gibt sicherlich große Unterschiede im Wissensstand. Auch regional, sozial, kulturell beeinflusst. Das sollte uns aber nicht davon abhalten sinnvolle und verständliche Begriffe auch nach aussen häufiger zu verwenden. Wie jede Minderheit und Subkultur haben auch "wir" (im weitesten Sinne) nützliche Dinge für den Rest der Gesellschaft beizutragen.
Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: nirgendwo habe ich geschrieben, dass wir unsere Terminologie nicht nach außen kommunizieren sollen! Wo nimmst Du dass denn her? Ich plädiere für ein langsameres Vorgehen, weil ich die Erfahrung mache, dass ich Menschen viel besser mitnehmen kann, wenn sie mit meinem Denken hinterher kommen anstatt das Gefühl zu haben, ich zwinge ihnen etwas auf.
Warum ich hier (Hallo Nico) vielleicht auch so wahrgenommen werde, als würde ich transphobe Hetze reproduzieren: weil ich im Alltag trotz aller guten Erfahrungen den ganzen Müll aus den Medien nicht vollständig ignorieren und abschalten kann und ANGST habe. Davor, dass ich mit Menschen wie Lilly Tino oder Josh Selter in einen Topf geworfen werde, die sich unter dem trans*-Label teilweise so provokativ präsentieren und regelmäßig auch für entsprechende negative Schlagzeilen sorgen - und das sind jetzt nur zwei, da gibt es ja noch viel mehr, deren Namen ich aber gar nicht kennen will.
Und ich will diesen Personen ja nicht mal absprechen trans* zu sein. Aber die Art und Weise, wie sie sich präsentieren finde ich extrem schädlich für die gesamte Community. Und sorry, aber auch das ironische Spiel mit provokanten Aussagen wie "wir holen eure Kinder" ist für mich ein absolutes No-Go. Null Toleranz.
Also: wollen wir jetzt über trans* Terminologie in der öffentlichen Debatte sprechen, oder muss ich mir erstmal die aktuellsten Discord-Kanäle durchlesen um mir meinen Platz im Elfenbeinturm zu verdienen?
PS: So wie ich keinen Zugriff auf die geschlossene Gruppe habe, erlaubt es mir die Forumsregel nicht, auf Dateianhänge zuzugreifen. Ich hab den Dateinamen gesucht und eine Graphik zur Verteilung in den USA gefunden. Das hat für mich und den hiesigen Kulturkreis keine Relevanz. Sorry.
Ahso und
Jaddy hat geschrieben: So 20. Okt 2024, 13:08
Oder mal platt gesagt: Du bist hier schon ein bisschen reingestolpert wie ein interessiertes Erstsemester in einen akademischen Fachkongress
Verschiedene Wesen haben mehrfach versucht, dir sanft deutlich zu machen, dass deine -ähem- "Privatdefinitionen" etwas ... unterkomplex, missdeutend und aus guten Gründen überholt sind.
Natürlich kannst du sie verwenden bzw weglassen.
Insbesondere, wenn bestimmte Begriffe dich emotional berühren; positiv oder negativ. Das ist auf menschlicher Ebene absolut verständlich. Viele von uns hängen an Wörtern, die sich einfach "stimmig" anfühlen, während andere so gar nicht angenehm sind. Es ist manchmal schwierig, diese emotionale Komponente von der Fach- und Sachebene zu entkoppeln. Im Gegensatz zu unseren Broterwerbs-Jobs mit ihren Fachvokabeln sind wir bei Genderthemen mit unserem Innersten involviert und es hängen massig soziale Faktoren daran.
Ich habe geschrieben, dass ich mich bemühe nicht schnippisch zu werden. Ich halte mich daran. Unangemessen, übergriffig und ziemlich unverschämt finde ich das aber schon.