Ja, bei der Ursache gibt es - glücklicherweise - keine wirklich belastbaren Erkenntnisse. Ebenso wie bei den anderen, von cis-hetero-binär-dyadisch abweichenden Varianten. Tatsächlich genetisch oder epigenetisch erscheint unwahrscheinlich. Aber sehr früh angelegt ist wohl ziemlich sicher. Ziemlich sicher ist auch, dass keinein irgendetwas "falsch" gemacht hat.
Prof. H-J.Voß erklärt in
Vorträgen gerne die Komplexität bei der biologischen Ausdifferenzierung von Geschlecht. Dass über tausend Mechanismen von DNA, RNA, mRNA zu Proteinen, Enzymen und Hormonen quasi perfekt funktionieren müssen über Monate und zum richtigen Zeitpunkt. Dass die meisten davon bisher Vermutungen sind und was da alles mehr oder weniger vom Lehrbuch abweichen kann und trotzdem ein lebender Mensch entsteht. Das ist die biologische Seite, mit mindestens 1-2% messbaren Varianten. Ein Spektrum, das sich gar nicht verhindern lässt.
(Exkurs: Bei Klon-Experimenten mit Katzen wurde klar, dass selbst 100% genetisch identische Tiere eine vom Ausgangstier unterschiedliche Fellzeichnung entwickeln. Genetik ist nicht so einfach wie ein Kuchenrezept, sondern abhängig von vielen Umgebungsparametern zur richtigen Zeit. Siehe auch die temperaturabhängige Geschlechtsausprägung bei Reptilien oder der komplette Wechsel bei einigen Fischen)
Beim Begehren ist es auch ein Spektrum. Mindestens 10% aller Menschen begehren nicht rein heterosexuell. Mehr oder weniger strikt. Manche haben nur wenige non-hetero Episoden, andere mehr oder weniger häufige Ausflüge, einige sind sind klar bi- oder homosexuell. Die
Kinsey-Skala ist inzwischen überholt. Weitere Dimensionen sind dazu gekommen. Die Intensität bis zur Asexualität. Die Unterscheidung zwischen romantischem und sexuellem Begehren. Der Grad der Bedeutsamkeit von Geschlecht der anderen Person generell wie bei Poly- und Pansexualität.
Nichts davon lässt sich mit Normen, Konventionen oder Gewalt verhindern. Jegliche Konversionstherapie zur "Heilung" ist so fruchtlos, wie eine Haarfarbe wegtherapieren zu wollen.
Mir erscheint es vollkommen logisch, dass auch die geschlechtliche Identität ein natürliches Spektrum mit Varianten ist, in Wechselwirkung mit den Normen unserer Umgebung; den sozialen, kulturellen, etc. Wenn wir uns nicht vollständig und jederzeit 100% unserem zugewiesenen Geschlecht und der Rolle zugehörig fühlen, dann sind wir irgendwie auf dem Spektrum. Manche haben nur wenige Episoden mit Kleidung oder Makeup, andere machen mehr oder weniger häufige Ausflüge, einige sind klar in beiden binären Geschlechtern oder eindeutig auf der "anderen" Seite. Und auch hier ist die
Benjamin-Skala lange überholt. Neue Dimensionen.
Genderfluid (fliessende Identität),
Genderflux (wechselnde Intensität), Agender (kein Identitätsempfinden), und so weiter.
Nichts davon lässt sich irgendwie verhindern. Wir werden als Individuen und als Experiment der Evolution in unsere Umgebung geworfen und müssen uns irgendwie dazu verhalten. Was wäre aus uns geworden, wenn wir im antiken Griechenland aufgewachsen wären oder in Australien vor der europäischen Invasion? In China, im Kongo, auf Papua mit ganz anderen Erwartungen an uns?
Crossdresser, TV, trans* und all diese Begriffe sind meines Erachtens nützliche Marken auf der Landkarte des geschlechtlichen Spektrums. Aber sie sind nicht die reale Landschaft und auch keine trennscharfen Grenzen. Es hilft in der Kommunikation, sich eher nahe Punkt A zu verorten als bei Punkt B, aber die vollständigen Koordinaten müssten immer die aktuellen und sicher auch veränderlichen Abstände zu den verschiedenen Landmarken angeben, um korrekt triangulieren zu können.
Eine wunderbare Eigenschaft dieses Forum ist für mich die Bandbreite, die Anne-Mette von vornherein eingebaut hat. Auch wenn es deutliche Schwerpunkte gibt, ist doch sehr viel Spektrum sichtbar. Das lässt auch persönliche Veränderung zu, ohne dass eins dafür das Forum wechseln müsste.
Und ich nehme überwiegend Akzeptanz und Unterstützung wahr für persönliche Situationen. Keine pauschalen Zuweisungen, sondern Würdigung des individuellen Erlebens und der Umstände. Das ist meiner Ansicht nach der einzig sinnvolle Umgang.
Wer kennt "Jumanji" oder hat jemals Fantasy-Rollenspiele wie Dungeons and Dragons, Schwarzes Auge oder ähnliches gespielt? Du würfelst dir eine Spielfigur mit zufälligen Eigenschaften zusammen und findest dich in einer willkürlichen Welt wieder, in der du irgendwie klar kommen musst. Du kannst lernen, Dinge erwerben, vielleicht an dir arbeiten, aber die Ausgangswerte des Würfelns kannst du nicht verändern. Du bist irgendwo in den Spektren zwischen Halbling und Elfe, Kämpfer*in und Magier*in, chaotisch-gut und neutral-böse.
Bei den Abenteuerspielen sind meist Gruppen ganz unterschiedlicher Zusammensetzung unterwegs und müssen schwierige Aufgaben lösen. Alle Figuren bringen ihre Eigenheiten ein. Manchmal hilft Magie, manchmal Intellekt, manchmal physische Stärke, meistens die Zusammenarbeit. Es könnten mehr Menschen zufrieden und glücklich leben, wenn sie und ihre Umgebung die individuellen Würfelergebnisse der Evolution als Bereicherung der Gruppe akzeptieren würden.