Aria hat geschrieben: Mi 30. Aug 2023, 10:52
Für micht ist und bleibt das Hauptkriterium für Transsexualität Dysphorie und der starken seelischen Belastung, die dadurch entsteht.
Sorry Aria, dass ich mich jetzt auf dich einschieße. Aber das kann ich so nicht stehen lassen, insbesondere nicht in diesem Thread. Ich hätte auch gerne schneller reagiert, aber ich musste erstmal meine Gedanken sammeln und die Bissspuren aus der Tischkannte feilen.
Aber solche Statements haben mich in meiner Selbsterkenntnis mindestens 20 Jahre zurückgeworfen.
Als ich mit ca. 10 Jahren das erste Mal in den Kleidern meiner Mutter vor dem Spiegel posierte, war ich überwältig von Gefühlen. Ich fühlte mich so leicht, so frei, so schön - und bekam eine Erektion. Damit war für mich klar: Das ist etwas Sexuelles - und das bespricht man nicht mehr mit den Eltern. Chance vorbei. Gleichaltrige Freundinnen ("Jungs dürfen keine Kleider tragen") und Freunde ("Schwuchtel!") waren aber auch keine Hilfe.
So verbrachte ich einen Großteil meiner Pubertät in dunklen Kellern und lenkte mein Interesse auf den Bau von Computern. Das Internet (man nannte es damals nicht so) versprach die große Freiheit. Auf irgendeinem Bulletin Board fand ich dann Informationen über Transsexualität: Ich las traurige Bericht über Depressionen und abgehängte Spiegel. Auf direkte Nachfrage hinsichtlich meiner offensichtlichen sexuellen Erregung und Phantasien bekam ich
Benjamin und
Blanchard um die Ohren gehauen. Mir wurde direkt ins Gesicht gesagt, echte Transsexuelle hätten eine Dysphorie und keine Errektion! Ich sei komplett fehl am Platz und solle mich bitte eher in den Fetisch-Ecken im Netz umsehen, die es damals schon zuhauf gab.
Mann, war ich erleichtert: Ohne Dysphorie und viele schwarze Wolken kann ich ja schlecht trans sein und die sexuelle Erregung ist ein Ausschlusskriterium par excellence. Nun gut, dann habe ich also einen Fetisch, wenn auch einen seltsamen. Um die Beule in meinem Schritt zu verbergen, erfand ich - komplett auf mich allein gestellt - ausgefeilte Tucking-Techniken mit Panzertape, die heute noch jede Dragqueen alt und jeden Urologen blass werden lassen. Aber hey, ich konnte Bikinis tragen und es fühlte sich sooo gut an!! Zusammen mit meinen damals brustlangen Haaren und meiner schmächtigen Figur hätte ich so problemlos in jedes Freibad gehen können. Bin ich aber nicht - weil es ja ein Fetisch war. Und Fetische gehören in klebrige Nachttischschubladen und nicht in die Öffentlichkeit.
Es kam in meiner Jugend oft vor, dass ich für ein Mädchen gehalten wurde. Ich habe es nicht aktiv provoziert, aber jedes Mal sehr genossen. Es gab kaum einen Schullandheim-Aufenthalt oder Jugendherbergsübernachtung, bei der ich nicht verbotenerweise bei den Mädchen geschlafen habe. Wenn ein Betreuer kam, habe ich im Halbdunkel meine langen Haare über die Bettkante hängen lassen oder den Träger eines geborgten Nachthemdes aufblitzen lassen. Ich fand das unglaublich erregend, und die Mädchen, die früher oder später auch physisch mit mir unter einer Decke steckten, wussten das durchaus zu schätzen. Aber ist das nicht schon wieder viel zu sexuell, viel zu lebensbejahend um trans zu sein?
Hätte mir damals jemand etwas wie die
Gender Dysphoria Bible in die Hände gedrückt, oder mit anderweitig erklärt, dass fehlende Dysphorie gerade kein Ausschlusskriterium ist oder mir erklärt, dass es so etwas wie
Gendereuphorie gibt und sich diese auch körperlich zeigen kann, kaum zu unterscheiden von einer Sexuellen Erregung — ich wäre sofort auf Knien erst zu meinen Eltern und dann zum Therapeuten gekrochen.
Aber nein, stattdessen bin ich auf die Trans-Gatekeeper gestoßen, die mich mit einem Fußtritt in die Fetisch-Ecke befördert haben. Vielen Dank auch!
So habe ich dann wohl oder übel meine Männlichkeit akzeptiert. Ich bin ins Fitnessstudio gegangen und habe mir ein V-Kreuz antrainiert. Ich habe mir meine schönen Haare abrasiert, um die mich viele Mädchen beneidet haben. Ich habe eine kurze und heftige Militärkarriere gestartet um mir und der ganzen Welt meine Männlichkeit zu beweisen. Aber egal durch welchen Dreck ich schwer bewaffnet gekrochen bin und wo auch immer in der Welt ich aus einem Hubschrauber gesprungen bin: Immer war Sie mit dabei. Mein blöder Fetisch.
Ich habe mich intensiv mit
Stanislawski und Strasberg beschäftigt. Ich habe mein Schauspiel perfektioniert. Ich habe gelernt, Männer zu
spielen - und Frauen. Vielleicht war auch einiges in meinem Leben nur gespielt. Aber egal auf welcher Bühne ich stand: Immer war Sie mit dabei. Mein blöder Fetisch.
Ich habe letztendlich einen typisch männlichen Beruf ergriffen. Ich kenne so manchen DAX-Konzern von innen. Aber egal wo ich im schicken Dreiteiler durch die Büros getingelt bin, es war immer nur eine Seite von mir sichtbar. Immer war Sie mit dabei. Mein blöder Fetisch.
Es hat dann doch 20 Jahre gebraucht,
bis ich nicht mehr konnte. Nicht weil ich rückständige Eltern gehabt hätte oder intolerante Freundinnen. Es hätte auch nicht an progressiven Ärzten und Psychologen gemangelt (meine halbe Familie besteht daraus) und auch nicht am lieben Geld. Sondern weil mir direkt und mantraartig aus der Trans-Community gesagt wurde, dass Trans und Sexualität nicht zusammen gehen. Das alles nur ein Fetisch sei, ein doofer Tick. Und das habe ich nur zu gerne geglaubt.
Also hört bitte auf anderen sagen zu wollen was
echte Transsexualität sei. Die Welt ist viel zu vielschichtig und komplex um auf eine Skala gepresst zu werden, vor allem nicht auf eine aus dem letzten Jahrhundert. Sprecht lieber über eure ganz konkreten Erfahrungen, und klammert die Sexualität dabei keinesfalls aus. Sie kann wertvolle Hinweise geben.
Ja, es gibt viele häßliche Klischees über uns. Aber es liegt an UNS diesen Blick zu korrigieren. In dem wir alle nur betreten auf unsere Fußspitzen schauen und so tun als seien wir Heilige, machen wir uns unglaubwürdig.
So... das musste jetzt mal raus.
LG
Liv