Episode 26: Peupliers le long du canal (Pappeln entlang des Kanals)
Genau wie der der Titel dieser neuen Episode von Valeries Welt lautete auch der Name des neuen Wohnsiedlungsprojekts, auf das Valerie im Internet gestoßen war. "Ziemlich langer Name" dachte sie und kürzte den Namen bei sich spontan etwas ab: LES PEUPLIERS ("die Pappeln"), so nannte sie es bei sich. Seit drei Wochen war sie jetzt bereits wieder zuhause, davon zwei Wochen im bezahlten Krankenstand, aber ihre Chefin war generös und hatte ihr noch ein paar weitere Wochen zusätzlichen Urlaub gewährt, allerdings Unbezahlten, so ist das eben bei Freelance-Mitarbeitern.
Seither saß Valerie jeden Vormittag in Schlabberhosen und Pulli am heimischen Schreibtisch vor dem Computerbildschirm und checkte alle verfügbaren weiteren Details des peuplier-Projekts ab, oder sie telefonierte deswegen in der Gegend herum, um mehr über diese Angelotti-Gesellschaft zu erfahren.
An einem dieser Tage erhielt sie ganz überraschend ein eMail aus Deutschland, das sie richtiggehend elektrisierte.
Der Mail-Absender war von Michael und Erica, ihren alten Freunden aus Stuttgarter Tagen (vgl. dazu die ersten Kapitel dieser Geschichte aus dem September 2017).
Erica war damals lange Zeit ihre beste Freundin gewesen. Mit Michael verhielt es sich komplizierter. Er lebte mit Erica zusammen. Zuerst war er für Valerie nur ein flüchtiger Bekannter (vgl. die Geschichte in der Stuttgarter Oper), später ein enger persönlicher Freund. Ein paar Mal ergab es sich, dass er ihr ein paar lukrative Aufträge zuschanzen konnte. Und wie es sich oft so entwickelt, weil er ein gut aussehender Mann und auch ein echter "womanizer" war, wurde er dann auch einer ihrer ersten Liebhaber.
Noch später normalisierte sich ihr Verhältnis zu einer Art Geschäftspartnerschaft, sie vertrat damals sein Stuttgarter Immobilienbüro in Frankreich und sie hatte für ihn auch eine Filiale in Narbonne gegründet und geleitet. Auch diese Zeit war jetzt aber lange vorbei und heute schon fast vergessen. Man war einfach älter geworden. Aber klüger? Die beiden Frauen waren jetzt ziemlich sicher in ihren Vierzigern (Erica bestimmt Ende Vierzig, Valerie noch Mitte Vierzig), aber Michael war heute bestimmt schon deutlich über 50 Jahre alt.
Ein seltsames Trio sind wir schon gewesen, dachte Valerie. Sex mit dem Partner der besten Freundin! Und ihrer Freundin Erica scheint ihr damals gar nichts ausgemacht zu haben. Die 80er Jahre waren halt ziemlich locker in dieser Hinsicht, erinnerte Valerie sich.
Sie dachte an ihre damaligen Eskapaden mit diesem Mann. Gott, war sie damals jung gewesen und dumm! Zwar war er immer die treibende Kraft gewesen. Er wollte sie haben, das stimmte. Aber wenn sie ehrlich war, hatte ihr das auch geschmeichelt, und sie hatte es dann auch gerne zugelassen. Sie hatte sich von ihm nehmen lassen. Warum eigentlich? Weil beide betrunken waren, damals nach dem Opernbesuch? Nein, dachte sie, eigentlich war es Neugierde, nichts anderes, sie wollte damals einfach wissen, wie es sich anfühlt, sich einem Mann hinzugeben. Die zeitliche Distanz ließ alles in einem milden Licht erscheinen. Von heute aus gesehen konnte sie nur den Kopf schütteln. Was war das damals eigentlich gewesen mit Micheal? Auf jeden Fall nichts Ernstes, denn ein richtiges Verhältnis kam später nie zustande zwischen den beiden. Also was war es schlussendlich? Eher so eine Art jugendliche Naivität. Ja, so wird es wohl gewesen sein. Ihr fiel nichts anderes ein, das Ganze war auch bereits zu weit weg. man vergisst so etwas.
"Der wird sich die Hörner inzwischen abgestoßen haben" dachte Valerie dann bei sich.
Ein paar eMails gingen in der Folgezeit hin und her zwischen Frankreich und Deutschland, dann telefonierte man des Öfteren, und Valerie erfuhr von Michael, dass dieser Angelotti ein in der Branche sehr bekannter Immobilienentwickler war, ein großer Name in der Branche, ein BIG SHOT, der unglaublich erfolgreich sei und schon mehrere große Siedlungen in Frankreich realisiert hatte, auch dort unten in der Occitanie, der Region, in der sie jetzt wohnte.
"Er kauft alles auf, was sich dort unten bei euch an alten Weinfeldern anbietet und verwandelt es in Bauland, er muss supergute Beziehungen haben zu ein paar Bürgermeistern bei euch. Und dann baut er Häuser auf seinem Land, und man munkelt, dass er schon mehrere Zig-Millionen gemacht hat auf diese Weise" sagte Michael und ein klein wenig Neid lag in seiner Stimme, als ob er selbst gerne an Angelottis Stelle diese Millionen gemacht hätte.
Valerie hatte den Hörer am Ohr und ein Blatt Papier vor sich, mit dem Bleistift zeichnete sie ein Rechteck, skizzierte dann darin die Maße für ein Einfamilienhaus.
"Wie war das nochmal? Wie verkaufen sie diese Bauplätze? Wie groß? Was sagtest du?"
"...600 Quadratmeter sagtest du, für eine Einheit?" fragte sie dann nochmals ins Telefon, sie wollte sich vergewissern.
"Und der spätere VK-Preis liegt bei 60 bis 80 Euro der Quadratmeter?" setzte sie dann noch hinzu, mit einem leichten Fragezeichen in der Stimme.
"Richtig", sagte Michael
"600 m-², das ist so etwas wie ein Standardmaß für ein - sagen wir mal — dreihunderttausend Euro Häuschen, wenn es dann später verkauft wird. Das wäre so ein gängiger Preis im Süden heute" antwortete Michael.
"Zu diesem Preis gehen die heute weg".
"Wart mal kurz" sagte Valerie und skizzierte ein kleines Häuschen auf das Blatt, davor die Terrasse, rechts eine kleine Autogarage, an der Vorderfront maß das Grundstück 30, in der Tiefe 20 Meter. 600 Quadratmeter, perfekt.
"Mit Glück kriegen wir da sogar noch einen kleinen Pool rein" sagte sie dann. "so 4 mal 8 Meter etwa".
"Dann wird das Häuschen aber ein klein wenig teurer, sagen wir"¦ so etwa dreihundertfünfzig", sagte Michael.
"Und die Sonne kriegen die Besitzer umsonst dazu, hier unten im Süden" konterte Valerie sehr cool.
In dieser Weise ging es zwischen den beiden noch eine Weile hin und her, man tauschte sich über Zahlen und Immobilienpreise aus, rein sachlich, und nichts deutete darauf hin, dass sie beide schon einmal Sex gehabt hatten miteinander, damals in diesem Hotel in Narbonne, jetzt fiel Valerie alles wieder ein. Wie lange war das eigentlich her? Aber wie gesagt, äußerlich blieb sie ganz cool.
"Weißt du eigentlich, ob dieser Angelotti bei dem Peuplier- Projekt schon alle 26 Grundstücke zusammen hat? fragte sie ihn dann.
"Sicher nicht" antwortete er sofort.
Das sei nicht üblich in der Branche, alles Land vorneweg zu kaufen, so einen großen Landkauf könne ein Immobilienentwickler finanziell allein nicht stemmen, ergänzte er. Vielmehr werde meistens so verfahren, dass man erst mal bunte Prospekte drucke mit schönen Fotos, wie die Siedlung später mal aussehen wird. Damit gehen sie dann ins Internet und in den direkten Verkauf, dann ist hard selling angesagt und die besten Immobilien-Verkäufer schwärmen aus. Ist dann erst mal ein Stück vom Projekt realisiert, dann kommt auch Geld in die Kasse, und sie können das andere Land dazukaufen und auch die Handwerker bezahlen.
Ihr ehemaliger Chef und Partner kannte seine Branche, das war nicht zu bezweifeln. Valerie nickte und brummelte etwas ins Telefon, das er nicht verstand.
"Ich habe da so einen Idee, aber ich muss darüber noch etwas nachdenken""¦ sagte sie dann. Sie versprach, ihn bei nächster Gelegenheit in seinem Stuttgarter Büro erneut anzurufen.
Fortsetzung wie üblich am kommenden WE.
Lieben Gruß, Valerie
