Kapitel 16: Valerie denkt nach"¦
Auf Denis"˜ Bemerkung folgte eine kleine, peinliche Pause des Schweigens, in der sie krampfhaft versuchte, die Bedeutung dessen zu verstehen, was er gerade über sie gesagt hatte, genauer, seine Bemerkung über ihre Qualitäten im Bett:
"Tu l"™as fait comme une pute" hatte er gesagt, (du hast es mir wie eine Professionelle vom Strich gemacht). Sie hatte sich also doch nicht verhört.
Er spürte dann sofort ihre Anspannung. Klar, sie hatte es missverstanden, und er wollte das Missverständnis sofort klären, die Sache gleich wieder herunterspielen, natürlich meine er das als ein Kompliment. Künstler reden halt so locker daher, natürlich betrachte er sie keinesfalls als eine Nutte, wie kommst du denn auf sowas? Er knuffte sie in die Seite, er lachte mit ihr, sie kuschelten dann noch eine ganze Weile, und als sie sich später zum Gehen aufmachte, hatte sie es auch schon wieder vergessen.
Auf der Heimfahrt zu ihrer Narbonner Wohnung kam ihr die Bemerkung aber wieder in den Sinn. Sie wendete Denis"˜ Satz einige Male hin und her. "Professionell" hatte er gesagt, so dachten sie also in seinen Künstlerkreisen über sie. Professionell und für jeden zu kriegen"¦ Ihre Gedanken schweiften und blieben hängen an der negativen Bedeutung des Wortes. Sie, eine Frau ohne Bindungen"¦ Ja, es stimmte, sie war ungebunden und frei"¦ aber war sie deshalb auch für jeden zu haben? War das jetzt ihr Image in bestimmten Gruppen ihrer Freunde? War es schon so weit gekommen?
Langsam fügten sich ihre Gedanken zueinander. Frei und unabhängig, ja das war sie wirklich. Unabhängig, das heißt aber auch ohne Bindung. Aber war das eigentlich ihr Ziel? Wollte sie das wirklich, so ganz ohne Bindungen und Verpflichtungen dahinzuleben, ohne eine richtige Aufgabe, ohne dauerhafte Arbeit, und ohne einen Job in ihrem gelernten Beruf? Marketing hatte sie doch einmal gelernt, damals in der Autoindustrie, und nicht schlecht verdient hatte sie in ihrem Beruf, und richtig gut gefühlt hatte sie sich auch in dem zweiten richtigen Job, der darauf folgte, als sie das Immobilienbüro von Michael in Narbonne leitete, damals, als sie hier runterkam in den Süden.
Als sie in ihre Tiefgarage einfuhr, hatte sie plötzlich eine Idee. Sie beschloss, sich für ein paar Tage frei zu nehmen. Vielleicht würde ein Tapetenwechsel helfen. Sie wollte nachdenken über sich, eventuell ein wenig wegfahren, Abstand gewinnen und sich klar werden über die eigene Situation. Einfach mal den Kopf frei kriegen. Aber erst mal würde sie die Nicole Veron anrufen, ihre Freundin. Wenn jetzt jemand helfen konnte, dann Nicole.
Spontan, wie sie war, kramte sie das Handy aus der Handtasche und rief noch vom Auto aus die Nummer ihres alten Büros an. Nach kurzen Klingeln meldete sich das Immobilienbüro in Narbonne, das sie früher, lange vor Ihrer Heirat mit Thierry selbst gegründet hatte, und das jetzt in andere Hände übergegangen war. Nicole Veron meldet sich, die neue Chefin.
"Hallo, c"™est Valerie Bellegarde" sagte Valerie und bemerkte, wie am anderen Ende der Leitung Freude aufkam. Man wusste also schon noch, wer sie war. Sie, Valerie, die alte Chefin, sie, die den Laden damals gegründet hatte.
"Ahhh"¦ Valerie, comment vas-tu" ( Ahh"¦ Valerie, wie geht es dir?)
fragte Nicole zurück und Valerie bemerkte von der Stimmlage her, dass die Freude auf der anderen Seite echt, und das Interesse nicht geheuchelt war. Sie beschloss deshalb, nicht erst lange um den heißen Brei herumzureden, sondern kam unmittelbar zur Sache.
Ja, sagte sie, es gebe da ein kleines persönliches Problem, über das sie mit Nicole reden wollte. Sie, Valerie sei ja nun schon eine ganze Zeit lang Single und allein"¦ du verstehst"¦? ja und ihr sei langweilig"¦ Kurz sie suche Beschäftigung, eine vernünftige Arbeit.
"Je cherche du travail, quelquechose du raisonable"¦ du travail demandeuse"¦ tu comprends?"
(ich suche Arbeit. Etwas Vernünftiges halt, nicht nur so einen Job"¦ sondern eine anspruchsvolle Arbeit, du verstehst? — etwas das mich fordert)
Kurze Pause am anderen Ende, dann kam die positive Antwort: Klar, sie habe verstanden. Und ja, darüber könne man reden. Ob sie dann vielleicht mal vorbeikommen wolle im alten Büro? Vielleicht gleich nächste Woche? Die Adresse sei ja noch dieselbe.
Valerie sagte zu und änderte ihre Planung. Strich den vorher gefassten Gedanken, ein paar Tage auszuspannen, sondern meldete sich gleich zu Beginn der nächsten Woche zum vereinbarten Termin bei Nicole, der neuen Büroleiterin in Narbonne.
Diese gab ihr sofort und ungefragt ein komplettes Briefing über die Geschäftslage des Büros. Ja die Geschäfte liefen gut, Ferienimmobilien laufen gerade wie verrückt, wir ersticken in Arbeit. Also wir freuen und wirklich, dass du dich gemeldet hast bei uns, Valerie. Wir haben jetzt weitere Büros in Carcassonne und natürlich hier, das alte Büro in Narbonne, das gibt es immer noch. Und wir decken mit unserem Angebot praktisch die ganze Region der Occitanie ab bis runter zur spanischen Grenze und westlich fast bis hinüber nach Toulouse.
Wie es läuft bei uns? Immer noch so, wie früher bei dir, Valerie. Das Angebot für Vermietungen läuft alles noch über das Internet, die Verträge gehen meistens über eine Woche, Samstag ist Wechseltag, dann der Schlüsselversand und die kaufmännische Abwicklung, das ist alles noch so wie damals, Valerie, dein altes Konzept läuft immer noch wie geschmiert.
Was wir für dich hätten und dir anbieten würden, das wäre ein Job als Kontrolleurin auf freelance-Basis. Du repräsentierst die Firma und kontrollierst den Einsatz unserer Putzer-Kolonnen, die immer dann in die Wohnungen reingehen, wenn die Mieter die Ferienwohnung samstags um 10.00 Uhr verlassen haben. Um zwei, also Punkt 14.00 Uhr zieht dann der neue Mieter ein, wenn"™s optimal läuft. Und dann findet er eine pico bello gereinigte Ferienwohnung vor, alles klar?
Nicole, die Büroleiterin hatte sich ein wenig in Rage geredet, und ihre Begeisterung wirkte ansteckend auf Valerie. Mehrere Hundert Ferienwohnungen seien das jetzt, die das Büro verwaltet und an Feriengäste vermieten würde. Kaum zu glauben, dachte Valerie, was heute aus dem kleinen Büro geworden ist, das ich damals mit Michaels Hilfe hier gegründet habe.
Soviel für heute. Weiter geht es, wenn ihr wollt, am nächsten Wochenende, wie immer hier in diesem Theater.
Lieben Gruß, Valerie
