Nora_7 hat geschrieben: Do 23. Jan 2020, 11:47So einfach ist es nicht. Es gibt STATISTISCH relevante Unterschiede bezüglich Größe und Vernetzung der verschiedenen Gehirnzonen zwischen dem "Standard"-Männergehirn und dem von Frauen (Psyche, auch Seele genannt). Wie gesagt, dies sind statistische MITTELWERTE mit entsprechend großen Abweichungen in alle Richtungen und auch unterschiedlich bezüglich einzelner Hirnregionen. Genauso wie es Unterschiede beim "Standard"-Körperbau und -Gewicht sowie Gewichtsverteilung (Physe) gibt. Alles Statistik, die sich zur Typisierung oder Kategorisierung entwickelt hat. Ab einer bestimmten Akkumulation von Eigenschaften wird eine Person m oder w zugeordnet. Aber der Körperbau geht nicht notwendigerweise einher mit der Gehirnstruktur. Da Sexualität im Kopf erzeugt wird — der Körper reagiert nur — sind die verschiedenen Identifizierungen und die Vielfalt der Sexualität erklärbar.
Physiologische Unterschiede: Ja. Und? Ich kann mir auch erklären, wie daraus zu anderen Zeiten und Umständen mal Stereotype entstanden sind. Aber das belegt für mich noch nicht, dass diese total binäre Weltsicht irgendwie biologisch unabwendbar sein soll. Für alles ausserhalb der Partner"¢innenwahl und Sexualität schon mal gar nicht, aber aber auch dort gibt es ja viel feinere Präferenzen. Sprich: Kaum ein Mensch betrachtet wirklich jede andere Person des präferierten biologischen Geschlechts als potenzielles Begattungsobjekt, oder? Also warum soll mir hier verkauft werden, alle Menschen seien biologisch dazu verdammt, ständig mit der Paarungsbrille rumzulaufen und als Kollateralschaden jedes Ding, jeden Menschen und jede Tätigkeit danach zu sortieren? Da draussen laufen doch nicht nur dauergeile Leute rum. Ich meine, ich kenne Menschen mit wirklich seltenen Fetischen, aber solche Sachen wie Hobbies, Jobs oder Fingernägel zu gendern hat doch damit nichts zu tun.
Aus irgendwelchen fMRT Scans männliches und weibliches denken ableiten zu wollen ist eine sehr heikle Angelegenheit, so flexibel, wie das Gehirn ist und sich durch Umwelt und das eigene Denken ständig umformt und anpasst. Ob und was da überhaupt angeboren ist und wie viel "BIOS" erst nach der Geburt geprägt wird, ist bisher nicht beweisbar. Das meiste Großhirn ist da noch gar nicht vernezt, sondern auf dem Niveau einer Maus. Du kennst sicher die vielen Studien, die statt säuberlich getrennter Denkmuster mehr Überlappung bei allen möglichen Fähigkeiten des Gehirns festgestellt haben. Wenn es danach ginge, sollten die meisten Menschen sich als ungegenderte neurologische Mitte verstehen und nur ganz wenige als eindeutig männlich oder weiblich. Auf jeden Fall taugt dies nicht dazu, diese alldurchdringende Zuschreibung von Alltagsdetails zu begründen. Im Gegenteil ist es meiner Ansicht nach eine Bestätigung für Vicky_Roses Aufruf, die eigene Essenz unabhängig von Genderlabeln und -sets zu finden, was im Gegenzug bedeutet, erst mal möglichst viel zu ent-gendern, bis wir uns das zwangs-gendern abgewöhnt haben.
Nora_7 hat geschrieben: Do 23. Jan 2020, 11:47
Der Vergleich mit archaischen religiösen Ritualen hinkt. Natürlich ist das z.B. rituelle Verbot von Schweinfleisch Unsinn, wenn es eine Fleischbeschau gibt. Das gilt auch für koscher und halal, wenn die Hygiene eingehalten wird. Oder die Darstellung der Frau als Schlange und unrein. Alles Rituale, die sich in archaischen Zeiten von ausgeprägt patriarchalischen Gesellschaften und als vermeintliches Gotteswort entwickelt haben und in 3 Weltregionen manifestiert sind. Und hinter allem steht die reine Fortpflanzung: Viele Kinder (vor allem bei der damaligen Kindersterblichkeit), damit meine Versorgung später gesichert ist. Wir wissen heute viel mehr, dennoch bleiben die sich nicht im binären Mittelwert befindenden Personen Außenseiter durch den irrationalen Druck der über Jahrhunderte religiös geprägten Gesellschaft (= die Bibel hat immer Recht).
Da sind wir grundsätzlich auf einer Linie, aber wenn du im letzten Satz andeuten willst, dass dem irgendeine tiefere Wahrheit zugrunde liegt, bremst du nach meinem Verständnis zu kurz vor dem Ziel. Wir haben viele dieser Traditionen inzwischen enttarnt. Wir wissen, wie sie entstanden sind und dass sie heute eigentlich überflüssig sind, weil der Grund ihrer Entstehung weggefallen ist. Einige besonders schädliche haben wir mit großer Anstrengung überwunden, wie z.B. Sklaverei und Frauenraub (ehemals Ausgleich der Verluste an Arbeitskraft und Nachwuchs durch Krieg, genetische Auffrischung). Seit einigen Jahren werden wenigstens hierzulande religiös Andersdenkende nicht mehr getötet. Also zumindest nicht mehr systematisch... An einigen Traditionen wird aber heute noch ohne Not eisern festgehalten (freitags Fisch), andere haben sich je nach Zeit und Ort gewandelt (Samhain - Saturnalien - Weihnachten). Die Genderei war auch nicht immer gleich, weder in der Intensität, noch in den einzelnen Regeln. Ich sehe also auch da keinen unabdingbaren Grund, sich nicht davon zu lösen. Wie gesagt ist "war schon immer so" keine hinreichende Begründung, das weiter so zu machen, und schon gar nicht, andere darauf zu verpflichten.