Anne-Mette hat geschrieben: So 19. Jan 2020, 10:37
Zusammenfassungen
Das ist ein gutes Stichwort. Verstehen wir Zusammenfassung als eine gruppierung von Menschen mit gemeinsamen Merkmalen, muss das nicht bedeuten, dass diese Merkmale scharf und ausgrenzend sind. Bleiben wir beim Beispiel "Rentner". Sind Rentner, die zusätzlich noch einer geregelten Arbeit nachgehen, noch Rentner oder sind sie Arbeitnehmer ?
Das Kernproblem besteht doch darin, dass wir als Allgemeinheit Mann und Frau ausschließend sehen: ein strenges entweder oder. Auf der anderen Seite lassen wir aber zu, gleichzeitig männliche und weibliche Aspekte zu besitzen. Das ist mMn ein Widerspruch.
Es ist für mich absurd, mich als Frau mit Penis zu bezeichnen. Und ja, ich könnte mir ein Leben als Frau in einem weiblichen Körper vorstellen. Hätte ich einen weiblichen Körper, würden mich wahrscheinlich die Realitäten (z.B. die Folgen eines anderen Hormonhaushalts) drastisch ernüchtern. Aber die Vorstellung eine Frau zu sein, macht mich im Sinne, wie es Wally beschrieben hat, "vollständiger". Das ist eine perfekte Kurzformulierung für mich. Das betrifft sowohl Lebensgefühl wie auch die sexuelle Komponente. Ich kann es mangels Vorstellungsvermögen nicht erklären, wie ich das eine vom anderen trennen könnte. Geschlecht bedeutet für mich immer auch Sexualität, auch wenn ich en femme nur zeitweise an Sexualität denke.
Ein anderer Aspekt, der in der Diskussion aufkam, war der Begriff "Fremdbestimmung". Genau das ist es, was ich auch nicht mag. Wenn mich jemand in eine Gruppe einsortiert, kann und will ich das nicht verhindern, aber ich wehre mich vehement dagegen, das als Attribut mit mir herumschleppen zu müssen. Ein Kichern von Teenies, wenn ich aus der Damentoilette komme, macht mir nichts aus (schon passiert). Wenn man mich verjagen wollte, schon (noch nicht passiert). Wenn mich jemand eklig findet, ist das sein Problem (schon passiert). Wenn mich jemand deswegen beschimpft, wird das zu meinem Problem (noch nicht passiert). Es gibt Situationen, in denen ich sicher bin, fremdbestimmt zu sein. Ich bin zwar schon en femme gesehen worden, aber ich oute mich trotzdem nicht auf der Arbeit. Es würde vermutlich Nachteile bedeuten. Zumindest müsste ich sehr viele Diskussionen über mich als Person aushalten, die ein Cis-Mensch nicht kennt. Niemand muss sich erklären, weshalb er als Mensch mit Penis "typisch männlich" auftritt. Das ist mir, zumindest derzeit, zu viel.
Nichts in dieser Welt ist schwarz-weiß. Wo hört das Meer auf, wo fängt das Land an ? Wo ist der Übergang von Erde zu Weltraum ? Liegt das Innere des Magens im Menschen oder ist es noch außen ? Falls inn, wo ist die Grenze und warum dort ? Die Einteilungen sind durch Menschen gemacht, um kommunizieren zu können. Aber sie sind nicht eindeutig. So sehe ich das mit Mann und Frau auch. Und hier liegt mMn auch das Problem. En femme drücke ich für Andere aus, ich sei potentiell gebährfähig. Das kann (und wird) als "Betrug" verstanden (werden). Was in unserem Kopf passiert, hat sicher auch ohne konkreten Anlass eine biologische, sprich arterhaltende, Komponente (wie die im Detail aussieht, sei einmal dahin gestellt). Insofern kann man den "Betrug" verstehen.
Muss ich deutlich machen, dass ich nicht betrügen will ? Ich denke nein. Es muss meine Freiheit sein können, mich so auszudrücken, wie ich gesehen werden will. Dazu benutze ich symbolhaft Attribute, die einem gesellschaftlichen Verständnis unterliegen, z.B. Nagellack, FSH o.ä. Aber die Interpretation, ich sei willig und gebährfähig liegt nicht bei mir. Hier muss mMn das Umdenken stattfinden. Eine Bio-Frau im Mini ist ja auch kein Freiwild, auch wenn das manche Menschen meinen. Aber ich fürchte, das kann noch eine Weile dauern ...
Ganz großartig fand ich auch Carrys Beitrag zum Thema Partnerinnen.
Carry hat geschrieben: Fr 17. Jan 2020, 11:57
Wenn ein Trans*-Mensch in einer Beziehung ist und sich outet, dann hat das zwangsläufig ganz erhebliche Auswirkungen auf den anderen Part der Beziehung. Denn, ob man es nun gut findet oder nicht, i.d.R. ist es so, dass der Hauptanteil der Menschen sich in den herkömmlichen Rollenbildern ganz wohl fühlt und sich eben sein Leben so eingerichtet hat.
Ein Trans*-Mensch, der eben dies verschweigt, tut das ja auch - wenn auch nur zum Schein. In dem Moment, wo das Outing stattfindet, werden die Karten einfach innerhalb der Beziehung komplett neu gemischt. Viele sagen so oft, das hat doch mit der Partnerin nichts zu tun. Aber ich sage, das hat es sehrwohl! ...
Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass eine Beziehung auch durch ein vermiedenes Outing beeinflusst wird. Beziehungen sind sehr stark wirkende Einflüsse beim jeweils Anderen. Eine Beziehung ohne Austausch, egal zu welchem Thema, bleibt an der Oberfläche. Trans* ist in einer Beziehung keine "Privatsache" mehr. Durch die Öffnung kommen Dinge in Bewegung. Es scheint mir, dass Menschen meinen, sie würden wie ein Satellit im Weltall alleine durch die Welt gehen. Aber da wir soziale Wesen sind, stehen wir in ständiger Wechselbeziehung (nicht nur im Paar), die uns immer beeinflusst. Und in diesem Beziehungsgeflecht beeinflussen wir uns alle gegenseitig viel stärker als es den Anschein hat. Die Paarbeziehung dürfte die Stärkste dabei sein.
Auch hier gilt Watzlawicks "Man kann nicht Nichtkommunizieren". Alles was ich tue oder auch nicht tue, beeinflusst mein Gegenüber. Ein Outing zwingt den Anderen, sich mit der Situation auseinander zu setzen. Die Frage, "was macht das mit mir" ist ganz wichtig. Es reicht nicht, einen Transmenschen zu akzeptieren, wie er ist. Es betrifft den/die Partner/in in der eigenen Persönlichkeit, denn es werden implizit Fragen aufgeworfen, die einer Selbstreflexion bedürfen. Es werden "Leichen" ans Tageslicht geholt, die man lieber tief vergraben ließe. Das erklärt auch die massive Ablehnung durch Partner/innen, wenn sie mit der Fragestellung Trans persönlich konfrontiert werden. Für Menschen, die in der Frage abgeklärt sind, ist das kein Problem, aber für Menschen, die hier Defizite haben, werden mächtig geschüttelt. Aber darin liegt eine Chance (
https://www.zeit.de/2003/36/Stimmts_Chi ... iftzeichen).
Ohne auf alle Beträge eingegangen zu sein, bzw. eingehen zu können, vielen Dank für Eure Mühe. Es ist und bleibt spannend.