Liebe Carry,Carry hat geschrieben: Fr 17. Jan 2020, 12:47 Also, um es auf den Punkt zu bringen, ich glaube, dass es für das eigene Empfinden, ob ich mich nun im Kern weiblich oder männlich fühle, vollkommen wumpe ist, ob ich Brüste habe, oder einen Bart, oder einen Mini-Rock trage oder einen Kartoffelsack. Insofern habe ich auch so meine Probleme, nachzuvollziehen, wenn ihr sagt, ihr fühlt euch weiblich, wenn ihr Klamotten tragt, die den Frauen zugeschrieben werden, oder wenn ihr euch (LIeblingsbeispiel) Silikonbrüste umschnallt.
Das ist in der Tat nicht so einfach zu erklären. Am ehesten kann ich es Dir als cis-Frau vielleicht am Beispiel wegen Krebs brustamputierter Frauen verdeutlichen: die Mehrzahl von denen läßt sich ja auch die Brust - sofern möglich - mit Implantaten wieder aufbauen oder trägt zumindest im Alltag Brustprothesen. Warum? Weil sie sich nur dann "weiblich fühlen"? Und weil das "Gefühl, weiblich zu sein" weg ist, wenn die Brust amputiert ist? Wohl nicht. Und wegen der biologischen Funktion erst recht nicht, weil das Stillen mit Prothesen ja nun mal auch nicht mehr geht. Das Stichwort "Vollständigkeit" liefert uns da wohl noch am ehesten den Zugang: eine Art inneres Bild davon, wie der eigene Körper beschaffen sein sollte. Da fehlt dann was...
Du beschreibst in Deinem Posting sehr schön - und m. E. auch sehr richtig - "Animus und Anima", den tieferen, authentischen Kern unseres psychischen Geschlechts. Wenn ich von geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Emotionen spreche, dann meine ich wohl ziemlich genau dasselbe. Es ist dabei aber wichtig, zwei grundverschiedene Sichtweisen auf diesen emotionalen Kern auseinander zu halten:
Da ist zum Einen die "objektive" Sicht von außen: wie fühlt irgendein anderer Mensch - oder besser: welche Gefühlsreaktionen kann ich an ihm beobachten, weil mir seine unmittelbaren Gefühle ja nicht zugänglich sind? Gibt es da archetypische Unterschiede zwischen den Geschlechtern? M. E. ganz klar und eindeutig "JA", und das in vielfacher Hinsicht. Mit letzter Sicherheit beweisen kann ich das freilich nicht, weil wir uns über Gefühle grundsätzlich nur indirekt verständigen können; da steht in jedem Fall gleich zweimal - bei mir und beim jeweiligen Gegenüber - die rationale Schicht unserer Großhirnrinde dazwischen, die den objektiven Gegenstand "Gefühl" auf der objektiv beobachtbaren Ebene verstecken, verfälschen oder gar ins Gegenteil verdrehen kann.
Eben deshalb ist die subjektive Sicht von innen eine völlig andere: wie ich mich subjektiv gerade jetzt im Moment fühle, wie sich das für mich anfühlt, das hat nur sehr indirekt damit zu tun, welches Gefühlsrepertoire mir als Mann oder Frau aus objektiver Sicht und im geschlechtlichen Vergleich fallweise zur Verfügung steht. Ich behaupte sogar, dass es ein subjektives Gefühl des männlich- oder weiblich-Seins gar nicht gibt. Ich habe in mir jedenfalls noch nie ein Gefühl gespürt, das ich so benennen könnte; und ich wüßte auch nicht, welchen evolutionären "Zweck" es erfüllen könnte, welchen evolutionären Vorteil wir daraus ziehen könnten, wenn uns die Natur mit der Fähigkeit zu einem solchen, spezifischen Gefühl ausstatten würde. Gefühl für das (und gegenüber dem) Geschlecht anderer Menschen habe ich sehr wohl, das macht ja auch evolutionär Sinn. Aber unmittelbar das eigene Geschlecht fühlt man nicht - man IST es einfach.
Wenn ich mir Silis in den BH stecke (noch zusätzlich, ich habe ja schon seit Jahrzehnten Brustimplantate, die ich auch schon fast genauso lange als selbstverständlich, organisch zu mir gehörig empfinde - deren Entfernung würde ich heute wohl ganz ähnlich empfinden wie andere Frauen eine Brustamputation), dann nicht, weil ich mich damit "weiblicher" fühlen würde. Ich fühle mich damit vollständiger, "runder" (im Sinn von "harmonisch", nicht "kugelig" - obwohl: das ja auch, KICHER). Da steckt offenbar ganz tief in mir so eine Art archaisches Bild davon, wie mein Körper beschaffen sein sollte. Noch nicht mal als direkte Zielorientierung: da ist kein Gefühl, das mich unmittelbar nach mehr Brust hecheln lassen würde. Aber wenn ich (innerhalb enger Grenzen) mehr Brust HABE, als meine (leider etwas zu klein gewählten) Implantate hergeben, wenn ich das dank zusätzlicher Silis an mir fühle oder mich damit im Spiegel sehe, dann fühle ich mich damit einfach insgesamt wohler, gesünder, selbstbewußter, stimmiger.
Dieses "innere Körperbild" ist mir auch nicht erst im Zusammenhang mit der Bewußtwerdung meiner transsexuellen Veranlagung begegnet, sondern schon viel früher, zum ersten Mal in der Pubertät. Meinen Stimmbruch und den Bartwuchs habe ich als 14-Jähriger begrüßt: nicht wegen eines inneren Selbstbildes, sondern weil ich das rational erwartet hatte, und weil die Gesellschaft - und ich selber dann auch in Form des Introjekts - den Anspruch an mich stellte, endlich ein Mann zu werden. Von der sozialen Rolle her hatte ich damit ja schon viel früher meine liebe Not, gerade deshalb lechzte ich nun sehnsüchtig nach männlicher Bestätigung, und da konnte ich in der Pubertät endlich was vorweisen. Was mir damals noch gar nicht bewußt war, war der pubertäre, männliche Wachstumsschub am Körperstamm und das Knochenwachstum an den Gelenken. Das verband ich damals kognitiv noch nicht mit "Mann-Sein", ich erwartete es nicht und brachte es auch gedanklich nicht in Verbindung mit der Pubertät; als es dann doch kam, war das für mich völlig überraschend und ein ziemlicher Schock. Das fühlte sich für mich damals unmittelbar, spontan einfach "falsch" an, "krank", "missgebildet": ich empfand meine Taille plötzlich als abstrus "fett", obwohl ich objektiv ein "Strich in der Gegend" war; und meine herausstehenden Handknöchel hatte ich im Verdacht, Knochentumore zu sein. Offenbar hatte ich schon damals ein unwillkürliches, archaisch-authentisches Soll-Bild von meinem eigenen Körper, von dem ich mich dann in der Pubertät plötzlich entfernte, anstatt mich ihm zu nähern.
Und die Kleidung? Das Crossdressing hatte für mich immer schon eine stark euphorische Komponente: mich weiblich-sexy zu präsentieren, Blicke anzulocken, mit "meinen" weiblichen Reizen (leider konnte ich die ja immer nur imaginieren, nie wirklich objektivieren) zu spielen und Wirkung zu erzielen. Das ist ein subjektives, in der eigenen Person zentriertes Gefühl, und grundlegend anders als die typisch männliche, objektzentrierte "Geilheit", die ich - wenn auch vergleichsweise unterentwickelt - schon auch an mir kenne. Die Gefühlsqualitäten sind derart unterschiedlich, dass ich lange brauchte, um diese typische Crossdressing-Euphorie überhaupt dem Bereich der Sexualität zuzuordnen. Und ich vermute, dass auch cis-Frauen und andere Transgender - sofern sie das denn ähnlich empfinden - es auch nicht zwingend mit Sex in Verbindung bringen, sondern - wenn überhaupt in diese Richtung - eher als eine diffuse Art von Autoerotik. Mit dem Geschlecht hat es aber definitiv zu tun: ich schließe das daraus, dass ich diese Euphorie ausschließlich im Zusammenhang mit explizit weiblicher Kleidung erlebe. Männliche Kleidung läßt mich dagegen emotional völlig kalt, die ist für mich reines Mittel zum Zweck, ihre Auswahl und ihren Kauf habe ich immer nur als lästige Pflichtübung empfunden. Dass Frauen generell zu ihrer Kleidung eine andere, sehr viel emotionalere Beziehung haben, liegt auf der Hand: um das zu sehen, braucht man nur in das nächstbeste Kaufhaus zu schauen.
So - das ist mal wieder ein vieeel längerer Artikel geworden, als ich eigentlich vorhatte. Ich hoffe, ein paar Leute haben trotzdem Zeit und Lust, das alles auch zu lesen
Herzliche Grüße
wally