Wally hat geschrieben: Do 16. Jan 2020, 18:17
Den obigen Satz möchte ich hier nochmal zitieren und dreimal unterstreichen: ein ganz wichtiger Punkt, den ich sehr gut nachvollziehen kann - der aber wohl von den meisten von uns nicht genug gesehen wird, weil wir da selber oft noch zu sehr in Schuld- und Schamgefühlen festhängen, solange wir es nicht geschafft haben, unsere weibliche Seite harmonisch in unser Leben zu integrieren. Es ist etwa derselbe Unterschied wie zwischen jemandem, der gerne gepflegt ein Glas edlen Wein genießt - und jemandem, der heimlich säuft, weil er's nicht lassen kann. In der einen Form kann man es gemeinsam kultivieren und genießen - in der anderen Form ist es für BEIDE Partner ein zerstörerisches Problem. Das "positiv Integrieren" ist allerdings auch nicht einfach; regelrecht unmöglich wird es, wenn die Partnerin da kategorisch abblockt, anstatt zu unterstützen. Ein bißchen muß schon auch die Partnerin über ihren Schatten springen, wenn's gut werden soll.
Nochmals Hallo liebe Wally,
dazu muss ich auch noch mal einen Gedanken loswerden!
Deine Metapher mit dem Wein finde ich sehr gut - denn das spiegelt eigentlich genau das, was sich da zwischen zwei Beziehungspartnern abspielt, wenn einer ein scheinbar "dunkles Geheimnis" hat...insofern ist es m.E.n. immens wichtig, dass der Trans*-Teil der Beziehung auch wirklich zu seinem "andersartigen"(nicht negativ gemeint!) Wesen steht. Das ist in den allermeisten Fällen natürlich ein Prozess, der nicht von heute auf morgen gelingt.
Du hast auch absolut Recht, dass das kaum innerhalb einer Partnerschaft funktionieren kann, wenn die Partnerin kategorisch abblockt - allerdings ist das Unterstützen auch ein sehr steiniger und schwieriger Lernprozess für die Partnerin - die ihrerseits, wie ich an anderer Stelle auch schon öfter beschrieb, ja auch erstmal aus ihrer "Rolle" fällt und sich innerhalb dieses Prozesses ebenfalls erst mal neu (er)-finden muss. Denn die Auseinandersetzung mit den männlichen und weiblichen Anteilen im eigenen Inneren findet bei einer normativ-hetero Partnerin ebenso statt, wie bei dem Trans*-Teil - und hier glaube ich tatsächlich, dass das häufig von dem Trans*-Teil nicht, oder nicht genug gesehen wird.
Ähnliche Diskussionen hatte ich des Öfteren mit meinem Liebsten - denn er verstand nicht, dass SEIN Outing auch für MICH ein komplettes "Überarbeiten" des Selbstbildes erforderte.
Wenn ein Trans*-Mensch in einer Beziehung ist und sich outet, dann hat das zwangsläufig ganz erhebliche Auswirkungen auf den anderen Part der Beziehung. Denn, ob man es nun gut findet oder nicht, i.d.R. ist es so, dass der Hauptanteil der Menschen sich in den herkömmlichen Rollenbildern ganz wohl fühlt und sich eben sein Leben so eingerichtet hat.
Ein Trans*-Mensch, der eben dies verschweigt, tut das ja auch - wenn auch nur zum Schein. In dem Moment, wo das Outing stattfindet, werden die Karten einfach innerhalb der Beziehung komplett neu gemischt. Viele sagen so oft, das hat doch mit der Partnerin nichts zu tun. Aber ich sage, das hat es sehrwohl! Wenn ich mich als Hetero-Frau entscheide, bei meinem Trans*-Partner zu bleiben, dann bedeutet das definitiv, dass ich nicht nur ein bisschen über meinen Schatten springen muss, sondern dass ich ganz brutal alle meine Schatten erstmal richtig kennenlernen muss und sie eben auch meinerseits annehmen und be -und verarbeiten muss. Das kann ebenso existentiell bedrohlich wirken, wie die angsteinflößende Situation des Outing bei euch. Das wird m.E.n. tatsächlich von den Trans*-Menschen oftmals nicht so gesehen - da wird allzu oft davon ausgegangen, dass sich doch für die Partnerin im Grunde nichts ändert und sie das doch "einfach" akzeptieren kann - aber das ist nicht so. Das erfordert auch ganz viel , oftmals auch schmerzhafte, Selbstreflektion und ein Eingestehen von Ängsten, Beschränkungen, und Paradigmen etc. ...insofern danke ich Dir sehr, dass Du das auch angesprochen hast.
Für Menschen, die ihr Leben bis dahin in normalen Rollenbildern verbracht haben, weil auch nie etwas anderes nötig war oder man sich nie mit etwas anderem auseinandergesetzt hat - ist so eine Konfrontation mit dem Trans*-Sein des Partners schon eine Hausnummer! Da ist es dann einfach zwingend erforderlich, dass BEIDE alle Karten offen auf den Tisch legen.
Wenn dann erreicht werden kann, dass der Trans*-Mensch auch im Reinen mit sich und seiner "Andersartigkeit" ist, wird es natürlich erheblich einfacher - es ist immer einfacher, Menschen in ihren Sein und Tun zu akzeptieren , wenn sie auch wirklich dahinterstehen.
Das beste Beispiel ist der Verkauf einer Ware: wenn der Verkäufer sich für das Proukt, welches er an den Mann bringen will, schämt, dann wird der Kunde das merken und sich sicherlich distanzieren, denn dann kann mit dem Produkt ja was nicht stimmen. Steht der Verkäufer hingegen voll hinter seinem Produkt, liebt er es und kann den Käufer so überzeugen, dass das Produkt super ist, dann verkauft es sich wie warme Semmeln. Das gleiche Prinzip!
In diesem Sinne einen wunderschönen Tag, Carry

"Wenn Du heute aufgibst, wirst Du nie wissen, ob Du es morgen geschafft hättest!"