Ihr Lieben,
hier kamen SO viele Beiträge (und dafür möchte ich mich herzlichst bedanken, ich habe jeden von ihnen aufgesogen!), sodass ich nun sicher etwas Zeit brauchen werde, um auf jeden einzelnen eingehen zu können. Daher werde ich schrittweise antworten, um niemanden zu vergessen
Hallo Vincent,
Vincent hat geschrieben: Mi 30. Okt 2019, 23:36
Die Art und Weise wie Du erfahren hast was Deinen Partner bewegt ist sicher wenig geschickt, und belastend, aber sicher aus einer tiefen Angst und Unsicherheit erwachsen. Er/sie wird lange gehadert haben, sich Dir zu öffnen und hat final einen großen Vertauensbeweis erbracht es Dir zu sagen.
Ich habe gar keine Zweifel, dass das Outing und auch die Zeit davor eine MEGA Belastung für ihn waren. Jetzt im Nachhinein kann ich das auch wirklich gut nachfühlen, aber zu dem Zeitpunkt ging bei mir einfach mal gar nichts mehr. Es ist heute genau eine Woche her als er mir schrieb und ich Hals über Kopf "geflohen" bin, wie die Zeit vergangen ist. Ich bin ein toleranter Mensch, aber es ist wirklich plötzlich etwas Anderes, wenn es auf einmal dich selbst betrifft. Ich hatte ganz andere Wünsche und Zukunftsträume, und plötzlich verändert sich alles.
Vincent hat geschrieben: Mi 30. Okt 2019, 23:36
Und auch die Person die du liebst ist die selbe, dass manche Dinge jetzt ausgesprochen sind ändert weder die Person, noch die Fakten.
Du schätzt einen Menschen, in der Regel aufgrund seines Wesens, seiner Art, seiner Ansichten usw. Was hat sich daran geändert?
Der Mensch bleibt der selbe, auch wenn er sich plötzlich ganz geöffnet hat.
Ich merke einfach, dass meine Emotionen mich total übermannt und gelähmt haben. Jetzt, eine Woche später betrachtet, kann ich da auch etwas differenzierter drauf gucken. Ich denke aber auch, dass eine solche massive Reaktion, ich sage mal, "gesund" sein kann. Zum Einen musste das alles einfach raus, denn sonst wäre ich irre geworden. Das ist einfach zu viel für einen Menschen, das muss irgendwie raus. Auf der anderen Seite hat mir meine Reaktion aber auch gezeigt, dass da immer noch Gefühle sind, die irgendwo in den letzten Jahren verborgen lagen- aber eben nie weg waren. Wäre er mir unwichtig gewesen, dann wäre meine Reaktion bei weitem nicht so massiv ausgefallen.
Ich verstehe schon, dass er quasi der Gleiche ist wie früher- theoretisch... Denn eigentlich ja auch nicht, denn er hat mir ja nie zeigen können, wie und wer er wirklich ist/ war. Ohje, das klingt verwirrend

Ich hoffe, du verstehst, wie ich das meine. Aber deine Aussage stimmt natürlich trotzdem und ich weiß auch, wie sie gemeint ist. Dennoch habe ich jedoch gerade das Gefühl, dass wir uns neu kennen lernen (und das ist gut so!).
Vincent hat geschrieben: Mi 30. Okt 2019, 23:36Komm erst mal innerlich zur Ruhe, lies hier im Forum und bilde dir dann deine Meinung
Ruhe... Die fehlte mir wirklich. Mein Kopf schwirrte, ich konnte keine klaren Gedanken fassen, alles war irgendwie zu viel. Ich war so überlagert, dass ich keine normalen Gespräche führen konnte. Worte blieben mir im Hals stecken oder fielen mir erst gar nicht mehr ein, oder ich vertauschte sie komplett. Es ist schon der absolute Wahnsinn, wie sehr unsere Emotionen unsere kognitiven und physischen Fähigkeiten beeinflussen können.
Hallo Jasmin 35,
Jasmin_35 hat geschrieben: Mi 30. Okt 2019, 23:37
Was passiert hier? Und warum passier so eine Sche*ße immer mir?
Das ist ein Satz der mich mittelmäßig sauer macht, oder nein er macht mich richtig sauer. Denn so eine "schei*e" passiert tatsächlich vielen Menschen, die es ihr leben lang wissen und es teilweise soweit unterdrücken, das es kein gutes Ende nimmt für die Person. Also bitte, bei so einem Thema kann man wirklich gar nicht als "schei*e" reden, das ist mehr als unangebracht, dazu noch in so einem Forum.
Zum Thema "das ist mehr als unangebracht, dazu noch in so einem Forum" habe ich im Verlauf noch etwas geschrieben. Du kennst mich natürlich nicht, aber es gibt Gründe, warum Menschen einfach so reagieren, wie sie es tun. Wenn du biografieorientiert bei mir schauen würdest, dann würdest du viele diverse Themen entdecken, u. a. Verlust von geliebten Menschen im Frühkindalter, Verlust von Heimat, das Ungeliebte Kind sein, Mutterersatz, keine Anerkennung erhalten, Identitätskrisen im Jugendalter mit Depressionen und problematische Jugendbeziehungen. Das ist viel für einen jungen Menschen und daher nehme ich mir einfach die Erlaubnis zu sagen: ja, mir ist viel Scheiße zugestoßen und irgendwie habe ich es schaffen können (auch mit Hilfe meines Mannes), das alles weitgehend hinter mir zu lassen. Ich bin ein guter Mensch, bin sozial, hilfsbereit, habe einen sozialen Job, kümmere mich um Tiere und Mitmenschen- also warum...? Warum meint es das Karma nicht gut mit mir. Ich versuche stets positiv zu bleiben und bin generell ein lebensfroher und witziger Mensch, ich liebe es zu lachen und Blödsinn zu machen, bin für jeden Gag zu haben und ich nehme mich selbst nicht zu ernst. Ich versuche wirklich nach dem Leitsatz zu leben: "Guten Menschen widerfährt Gutes", doch diese Erlebnis hat mich im ersten Moment und in den nachfolgenden Tagen sehr erschüttert. Mittlerweile versuche ich mein Denken etwas "umzupolen": in meinem Leben ist mir mein Mann begegnet und das war einfach ein Segen. Er ist das Gute in meinem Leben, doch nun muss es erst anders werden, was nicht bedeuten muss, dass anders mit schlecht gleichzusetzen ist. Nur diese neue Situation muss ich erst für mich erschaffen können.
Ich kann wirklich gut nachempfinden, wie schwer es für Menschen sein muss, die merken, dass "etwas mit ihnen nicht stimmt" und sie sich immer schlecht fühlen. Aber für mich war das Erlebnis auch gravierend, denke bitte auch daran. Für euch "Betroffene" ist es eine Hürde, aber für uns Partner*innen/ Angehörige ist das auch kein Strandspaziergang.
Jasmin_35 hat geschrieben: Mi 30. Okt 2019, 23:37Identität steckt so tief in uns drin, das wir uns nur bis zu einem gewissen Punkt gegen diese Identität wehren können.
Das hast du gut formuliert und es ist mir lange Zeit im Kopf nachgeklungen, ich habe da heute sehr viel drüber nachdenken müssen.
Jasmin_35 hat geschrieben: Mi 30. Okt 2019, 23:37Eine wichtige Frage kann ich dir mitgeben: Man muss sich entscheiden, ob man mit jemandem zusammen ist, wegen dessen Aussehen oder wegen dessen Charakter. Das Aussehen wird sich ändern, der Mensch dahinter nicht, außer das dieser Mensch glücklicher werden kann. Überhaupt etwas zu sagen, egal auf welche Art und Weise erfordert sehr sehr viel Kraft und sehr viel Mut, insbesondere bei Menschen die uns ganz besonders nahe stehen.
Natürlich liebe ich ihn nach wie vor, daran hat sich nichts geändert. Aber es ist eine neue Herausforderung. Wenn ich wüsste, dass seine Bedürfnisse sich "nur" auf das CD beschränken (auch in der Zukunft), dann würde es mir weitaus leichter fallen. Aber was die Zukunft bringt, wo sein Weg ihn hinführt, das weiß leider keiner, und da stehe ich dann wieder mit meiner massiven Angst und Unsicherheit und frage mich, wenn es für ihn doch noch weiter gehen sollte, ob da noch Platz für mich ist. Es sind ungelegte Eier, aber leider kann ich diese Sorgen nicht abstellen.
Auf jeden Fall war es sehr mutig, sich mir anzuvertrauen, und ich weiß auch, was das für eine Überwindung gekostet haben muss. Daher hat wirklich jeder Mensch, der sich seinem Herzensmenschen öffnen kann, meinen tiefsten Respekt.
Jasmin_35 hat geschrieben: Mi 30. Okt 2019, 23:37Auch wenn es im ersten Moment schwer fällt, aber dem ganzen eine Chance zu geben, ist nichts bei dem irgendjemand etwas verliert, man kann nur gewinnen; Erkenntnisse, Lebenserfahrung, Weltoffenheit und Toleranz. Und wenn man mit sich selbst in reine kommt, kommen auch andere Dinge wieder, die man geglaubt hat verloren zu haben oder die sich weggeschlichen haben.
Das hast du schön geschrieben
Jasmin_35 hat geschrieben: Mi 30. Okt 2019, 23:37Nimm meinen Text nicht als persönlichen Angriff, denn das soll es nicht sein, sondern ein Denkanstoß, der möglicherweise auch die Angst nehmen kann.
Danke! Ich habe es nicht als persönlichen Angriff aufgefasst, wirklich nicht. Man kann über alles reden/ schreiben, und manchmal steht man sich ja auch (aus welchen Gründen auch immer) selbst im Weg und kann seinen Standpunkt leider nicht so ganz nüchtern und aus etwas Entfernung betrachten. Ich muss wirklich sagen, dass mir der Austausch hier wirklich sehr geholfen hat, auch, wenn ich gerade erst so kurz dabei bin.
Hallo Sabrina Lirael,
Sabrina-Lirael hat geschrieben: Mi 30. Okt 2019, 23:42
Ja, du platzt gleich hier mit der Tür ins Haus, schreibst dir deinen Frust von der Seele und genau das ist richtig, wie ich finde. Manchmal hilft einfach nur das Rausschreien, den ganzen Mist mal abladen. Und wo, wenn nicht hier?
Dankeschön für dein Verständnis!

Ich habe mich hier schon vor fast einer Woche angemeldet, konnte aber noch nichts schreiben, weil ich einfach zu viele Fragen hatte. Ich habe viel gelesen um nachzuvollziehen, wie es anderen ergangen ist (dabei interessierten mich aber auch beide Seiten). Jedoch merkte ich mit der Zeit, dass ich meine innere Unruhe nicht los werden konnte und somit entschloss ich mich gestern hier mal etwas die der Elefant im Porzellanladen "umzusehen". Ich muss sagen, es tat wirklich gut!
Sabrina-Lirael hat geschrieben: Mi 30. Okt 2019, 23:42Ich kann deine Reaktion sehr gut verstehen, würdest du doch auf eine, zumindest für mich, sehr unschöne Art von den Gedanken und Gefühlen deines Partners in Kenntnis gesetzt. So nebenbei und unpersönlich, alleine gelassen mit dem Neuen.
Ich glaube, die Art, wie ich es erfahren habe, hat mich einfach so sehr mitgenommen. Ich saß alleine im Wohnzimmer, plötzlich kommt eine Nachricht rein, man schaut mal so nebenbei aufs Handy, und dann BÄM! Mein größtes Problem war glaube ich wirklich, dass ich dann einfach sofort anfing mir die schrecklichsten Szenarien auszudenken und dann da aus dem Gedanken- Strudel nicht mehr aussteigen konnte. Mein einziger Ausweg war die Flucht, was natürlich, mal so rational betrachtet, totaler Blödsinn ist, denn irgendwann muss ich mich ja dennoch damit auseinandersetzen. Aber an Rationalität war da zu dem Zeitpunkt einfach mal gar nicht zu denken. Aufgeschoben ist ja leider nicht aufgehoben.
Hätten wir das im Gespräch klären können, hätte ich ja gleich meine Sorgen und Ängste mitteilen können, die dann erst gar nicht in ausufernde Gedanken hätten ausarten können. Nun ist es jedoch zu spät und ich muss jetzt das Beste daraus machen. Dabei bin ich aber nicht alleine, mein Mann hat stets ein offenes Ohr für mich.
Hallo Cybill,
Cybill hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 00:00
Erstmal: an dir ist gar nichts falsch und es ist auch alles mit dir in Ordnung.
Das ist lieb gesagt, danke. Nun hatte ich ja auch etwas Zeit um meine Erlebnisse etwas zu verarbeiten und habe auch verstanden, dass es wohl nicht an mir liegt. Mir schossen jedoch gerade in den erste zwei Tagen SO viele Gedanken durch den Kopf, dass ich das gar nicht sortieren konnte.
Cybill hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 00:00Wenn dein Mann dir eingesteht, dass er eigentlich eine Frau ist und dich weiterhin liebt, dann solltest du dich - bei aller Schockiertheit darüber - geschmeichelt fühlen.
Sie bringt dir nämlich ein Vertrauen entgegen, von dem viele Partnerinnen in diesem Forum träumen.
So habe ich das wirklich nicht gesehen/ sehen können. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, macht es mich etwas stolz, dass er sich doch getraut hat

Aber das kann ich, glaube ich, jetzt auch erst sagen, nachdem ich in der Situation emotional "etwas reifen" konnte.
Cybill hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 00:00Im Allgemeinen ist unser Transleben nämlich von Heimlichkeit und Selbstverleugnung geprägt, von Scham und Selbstzweifel. Die meisten von uns opfern der Angst vor Ablehnung ihre Partnerschaft.
In der letzten Woche (das Outing ist heute genau eine Woche her) habe ich viel hinter die Kulissen gucken können und habe genau das auch bei meinem Mann erlebt. Er hat von seinen unterdrückten Gefühlen berichtet, von der Scham, von den Zweifeln, von der Suche nach dem "Fehler", warum er so ist, wie er ist, was mit ihm nicht stimmen würde. Was für eine Ironie, dass beide Seiten in so einer Situation sich fragen, was da bei sich selbst falsch läuft... Was muss das für ein massiver Druck sein, wenn man sich selbst nicht versteht.
Hallo Jaddy,
Jaddy hat geschrieben: Do 31. Okt 2019, 00:03
Weitere Antworten von allen Seiten sind - meiner Meinung nach - in den diversen "Betty"-Threads zu finden, oder?
Was sind Betty- Threads? Ich bin leider noch nicht so langer hier dabei, dass mir dieser Begriff etwas sagt.

Wer mich nicht leiden mag, muss halt noch ein bisschen an sich arbeiten...