Ich finde diesen Thread hier sehr wichtig. Es sollte eigentlich eine eigene Rubrik dafür im Forum geben! Denn an diesen Zweifeln scheiden sich für sehr viele von uns Freud und Leid im Leben.
Meiner Ansicht nach gibt es zu unserem Hauptthema drei unterschiedliche Zweifel, welche aber allesamt sehr eng zusammenhängen. Ich hatte mir diese Zweifelsfragen deshalb wie folgt aufgeteilt:
1. Zweifelt man daran, eine Frau zu sein bzw. so viele neurale weibliche Anteile im Kopf zu besitzen, dass man sich mehr als solche empfindet?
2. Zweifelt man daran, den Weg der Transition einschlagen zu wollen oder zu sollen?
3. Zweifelt man daran, ganz als Frau leben zu können und gesellschaftlich anerkannt zu werden?
Dann hatte ich diese Fragen für mich wie folgt gelöst:
1. Ich war so mit 19 eine Zeit lang öfter in einer Selbsthilfegruppe für Transsexuelle. Dort habe ich über zahlreiche Gespräche, Beobachtungen und Gedanken für mich irgendwann klar entschieden, ja, ich bin eindeutig mehr weiblich als männlich. Das klingt jetzt vielleicht etwas banal, aber ich finde es wichtig, sich diese Frage erst einmal ganz grundlegend und von einer möglichen Transition völlig losgelöst beantworten zu können. Ich hatte also zu dieser Zeit eine Transition noch gar nicht so richtig in Erwägung gezogen. Ich wollte einfach nur wissen, ob ich deutlich mehr weiblich oder männlich ticke im Kopf und von meinem ganzen Wesen her. Und zwar ganz egal wie mein Körper dazu gerade aussieht oder gar meine Kleidung.
2. Nach dem ich dann trotz meines Wissens zu meiner inneren Weiblichkeit noch sehr lange Zeit männlich bzw. androgyn gelebt hatte, habe ich mir später dann mal eine Art Fangfrage gestellt. Also abgesehen von immer wiederkehrenden Online-Tests, weiteren Gesprächen, unzähligen nächtlichen Gedanken usw.
Für diese Fangfrage hatte ich der Einfachheit halber erst einmal die Prämisse angenommen, dass ich wirklich komplett als Frau leben könne und gesellschaftlich auch absolut so anerkannt würde. Unter dieser hypothetischen Annahme habe ich mir dann also die folgende Frage gestellt:
Wenn ich heute entscheiden müsste, den Weg der Transition zu gehen und für immer und ewig fortan als Frau zu leben ODER ich diesen Weg niemals mehr in der Zukunft einschlagen würde können! Wie würde ich dann entscheiden?
Die Frage an sich klingt zwar erst einmal recht simpel, aber es ist wichtig sie wirklich richtig und ganz intensiv zu verinnerlichen und sich wirklich darauf zu konzentrieren, sie an genau diesem Tag zu beantworten! Denn dadurch erhöht die Frage den Entscheidungsdruck meiner Ansicht nach in der Art, dass man endlich aufhört ewig über diese Sache nachzusinnen und sich einfach auf sein innerstes Bauch- und Kopfgefühl verlässt.
3. Soweit so gut. Ich wusste nun also, ich denke sehr weiblich und möchte den Weg der Transition eigentlich sehr gerne gehen. Aber da war ja noch was!
Deshalb nun also zur letzten Zweifelsfrage, was die gesellschaftliche Akzeptanz angeht. Da habe ich dann einmal all mein Geld zusammengekratzt und mir ein sehr professionelles Mann-zu-Frau-Fotoshooting geleistet. Das kann ich jeder nur absolut empfehlen. Denn die holen da optisch gesehen teilweise Sachen aus einen heraus, an die man selber noch nie gedacht hätte vorher. Danach wusste ich dann definitiv, dass ich optisch keine Probleme haben würde in der Gesellschaft. Und das selbst bei meiner Körpergröße.
Im Ergebnis dieser drei Fragen und Antworten bin ich dann schließlich sicheren Schrittes den Weg der Transition gegangen. Dieser ist bekanntermaßen absolut nicht immer leicht, enthält viele tolle Fortschritte, aber auch ein paar schwierige Rückschläge. Gerade die psychischen Belastungen dabei können manchmal in völlig unerwarteten Ecken lauern. Aber es ist nun mal mein Weg für den ich mich ja sicheren Herzens und nach bestem Wissen und Gewissen entschieden hatte!
Inzwischen genieße ich absolut jeden Tag meines fraulichen Lebens. Und ich denke auch, ich habe es mir schwer verdient dieses Glück.
Natürlich gibt es nun auch genügend unter uns, denen der Leidensdruck so stark brennt, dass sie den Weg so oder so gehen, ganz egal ob die Gesellschaft sie so aufnimmt oder nicht. Das kann ich auch sehr gut verstehen. Aber in diesem Thread geht es ja um all die Zweifel. Und auch für mich war das eben sehr wichtig mit diesen Zweifeln. Denn sehr viele Aspekte an meinem Frausein haben auch genau damit zu tun, wie ich von anderen wahrgenommen werde, wie sie mit mir umgehen usw.
Ich danke Euch für Eure Geduld meinen langen Text zu lesen. Ich hoffe der einen oder anderen damit ein wenig weiter helfen zu können.
Und ich wünsche Euch von Herzen das ihr ebenfalls Euer Lebensglück finden möget.
