Anne-Mette hat geschrieben: Di 30. Jan 2018, 11:11
Name und Geschlecht sind rein persönliche Angelegenheiten; da ist für mich nicht einsehbar, dass der Staat entscheidet und die Zwangsgutachterei aufrecht erhält.
Das kann ich nur doppelt und dreifach unterstreichen. Obendrein empfinde ich diesen Irrsinn momentan als regelrecht
unmenschlich!
Nachdem ich hier schon ausgiebig meine Meinung dazu gepostet hatte, sitze ich seit einigen Tagen richtig schön in der Tinte.
Ich habe das Vergnügen, den "Alltagstest" als Grippekranke in vollen Zügen auskosten und genießen zu können. Da ich die drei notwendigen Jahre bis zur gerichtlichen Antragstellung aufgrund meiner eigenen Transgeschichte leider nicht quasi nebenbei abhaken konnte, darf ich diese Zeit bis zum letzten Tage als äußere Frau mit falschen Papieren erleben. Ich kann (und will) auch nicht mehr "zurück" - den
Mann hab ich tatsächlich mit allem Drum und Dran abgeschafft, sodass ich auch ungeschminkt in neutralen Klamotten draußen als "Frau" angesprochen werde.
Da ich in der Vergangenheit kaum krank war, habe ich keinen Hausarzt. Einen Hausarzt oder generell einen Arzt im hiesigen Dorf zu suchen, würde meinem schulpflichtigen Kind wegen transphober Lehrer_innen, Mitschüler_innen, Eltern sehr übel bekommen. Unter den Trans-Ärzten, bei denen ich in Behandlung bin, befindet sich kein Allgemeinmediziner. Begebe ich mich auf die Suche nach einem neuen Arzt in der nächstgrößeren Stadt, werde ich auch ohne Coming Out erstmal pauschal abgelehnt, weil die Herrschaften Weißkittel genug verdienen und die Wartezimmer auch ohne mich gerammelt voll sind. Erwähne ich den Umstand, privat versichert zu sein (nein, ich bin nicht reich, sondern nur Beamtin und kann mir keine freiwillige gesetzliche Mitgliedschaft leisten, weil ich dann zusätzlich auch den Arbeitgeberanteil blechen müsste), gibt es zwei Möglichkeiten:
Entweder jagt man mich zum Teufel, weil die "bösen" Privatpatient_innen die überhöhten Rechnungen immer erst nach der langwierigen Kostenerstattung zahlen, oder ich nähere mich dem Coming Out. "Dann geben Sie mir mal bitte Ihre Karte!" Nun gehört meine PKV zu den extrem Sparsamen, die zwar regelmäßig die Beiträge hochschrauben, aber grundsätzlich keine Versichertenkarten anfertigen. Deshalb ist jede Diskussion dort sinnlos, mich unter dem korrekten weiblichen Namen zu führen, weil ich das nach außen hin nicht dokumentieren könnte! Mangels Karte wird als nächstes um meinen Perso gebeten. Und das dürfte es dann gewesen sein ...
Wer ohnehin am liebsten gar keine neuen Patienten aufnehmen will, wird freilich schwer begeistert davon sein, eine Frau mit Männerausweis begrüßen zu dürfen.
Das nur als ergänzendes Beispiel aus dem realen Leben,
wie herrlich, wundervoll und selbstbewusstseins-stärkend der in so weiser Absicht geschaffene "Alltagstest" sein kann!
Derweil pumpe ich mich mit literweise Ingwertee, heißer Zitrone und Schmerztabletten voll und bete, dass wenigstens das Fieber sinken mag. Zum Glück darf ich als Beamtin drei Tage ohne Krankenschein fehlen (oh ja, das wird nun wieder Kreuze und Sterne in die Augen einiger NIcht-Beamt_innen zaubern), sonst hätte ich ein noch größeres Problem. Wenn es nicht besser wird, werde ich wohl den Notarzt bemühen müssen, denn zu dem oben beschriebenen gesetzlich verordneten Affenzirkus "Alltagstest" fehlt mir momentan die Kraft.
Wenn ich dran denke, dass mir das innerhalb der drei Jahre noch x-mal passieren kann, wird mir schlecht ...
Semele