Nach dem Tipp von Anja (im Thread Was lest ihr gerade) (noch mal Danke!) habe ich diesen Roman, von dem ich vorher nie gehört hatte, gleich gelesen. Manche Passagen sind etwas schwülstig, eben Fin de siècle, aber insgesamt ist Monsieur Vénus gut lesbar. Man kommt schnell rein, und spannend ist er auch.Anja61 hat geschrieben: Mo 20. Dez 2021, 18:36 ich lese gerade den Roman "Monsieur Venus"(!) von Rachilde, der Ende des 19.Jahrhunderts in Frankreich (Paris) spielt.
Zum Inhalt: eine junge Frau aus reichem und adeligem Hause verliebt sich in einen jungen Mann (Künstler) aus einfachen Verhältnissen. Er wird aber nicht etwa ihr Liebhaber, sondern sie macht ihn zu ihrer Geliebten und letzten Endes sogar zu Ihrer Frau. Sehr faszinierend geschrieben und für damalige Verhältnisse ein absoluter Skandal. Das Buch konnte nur zensiert erscheinen, seit dem letzten Jahr liegt eine vollständige Fassung auf Deutsch vor.
Anne Maya Schneider, eine der beiden Übersetzerinnen, sagt in einem Interview, der Roman sei spannend, wenn man seinem Wissen über Transsexualität historische Tiefe geben möchte.
Ich finde, er ist auch dann spannend, wenn man ihn einfach nur als Roman liest. Während sich die historische Tiefe bei mir nicht so ohne Weiteres einstellen will. Mir kommt es schwierig vor, so einen Fin-de-siècle-Text ohne Anleitung einigermaßen richtig zu verstehen. Von wegen Tiefe: Mein Verständnis bleibt oberflächlich. Manchmal habe ich beim Lesen das Gefühl gehabt, dass ich irgendwelche Codes nicht mitkriege.
Der Roman hat etwas Doppelbödiges. Was habe ich da gerade gelesen? Und was evtl. überlesen, übersehen? Das passiert schnell. Ein Damenbart in einem Nebensätzchen, da liest man schon mal drüber weg, auch wenn das sicher absichtsvoll so eingebaut wurde. Es wird viel Nonverbales geschildert, auf das man sich selber einen Reim machen darf. Beispielsweise bin ich nicht draus schlau geworden, inwieweit in dem Roman Sex stattfindet. Der Text ist da nicht explizit. (Kann natürlich auch sein, dass ich es nur nicht kapiert habe.)
Aber vielleicht bin ich zu pingelig. Auch ohne Romanistik-Studium versteht man eine Menge. Die brachiale Gewalt, mit der auf Abweichungen von der Rollennorm reagiert wird. Der Wortschatz, mit dem darüber geredet wird. (Ein typisches, immer wiederkehrendes Wort ist verkommen.) Man merkt einen großen zeitlichen Abstand und dann wieder eine überraschende Nähe. Und man ahnt, wie klein die Spielräume damals waren, selbst für reiche Leute, selbst im mondänen Paris, selbst unter günstigsten Bedingungen. In solchen Verhältnissen kann aus einem Anderssein einfach nichts Gutes, Schönes, Freundliches werden.
Im letzten Kapitel habe das Buch etwas von einem Schauerroman, habe ich irgendwo gelesen. Hm. Gruselig fand und finde ich nicht das letzte Kapitel, sondern viele Passagen vorher. Die Autorin Rachilde, die ja offenkundig gegen die patriarchalen Verhältnisse aufbegehrt, reproduziert sie an ganz vielen Stellen wieder. Ihre Hauptfigur bezeichnet sie selber als teuflisch, sie distanziert sich ständig wieder von ihr. DAS finde ich gruselig, diese Macht des Patriarchats, die Wucht, mit der das durchschlägt.
Fazit. Ein heute verfasster historischer Roman über das Thema Trans* wäre nur, was jemand heute in die damalige Zeit hineinfantasiert. Monsieur Vénus ist selbst historisch, man kriegt den damaligen Diskurs im O-Ton um die Ohren gehauen. Und das ist auch dann noch lesenswert, wenn man nicht alles versteht.
LG, Noa