Im Oktober 1953 presste mich meine Mutter aus ihrem Bauch - ich war fast 60 cm groß und wog 5 kg, eine gute Basis für ein sattes Leben. Leider hatte mein Vater die "englische Krankheit", d.h. Kalziummangel, den die Kinderärztin bei mir früh entdeckte und dafür sorgte, dass ich trotz dieser Veranlagung stattliche 1,92 groß wurde. Neben den Brüdern - erwachsen auch über 1,90 m gab es noch die Halbschwester, geboren 1943 und der Vater vermisst. Über sie erzähle ich später. Die Kindheit war ärmlich: ein kleines Haus in einer nicht zerstörten Altstadt, die Großmutter mit im Haus ohne Bad. Aber da gab es einen Speicher...
Mein Vater war Herrenschneider und erfolglos, er musste in einem Metallwerk arbeiten, um seine 6-köpfige Familie durchzubringen. Aus seiner vorherigen Selbstständigkeit hatte er Kisten mit Knöpfen, die ich mit einer Spatzenschleuder gezielt auf das Dach des 30 m entfernten Pfarrhauses schoss
Zum Schulanfang trug ich eine Pepitahose und eine Strickjacke mit grauem Kunstledereinsatz. Mein älterer Bruder musste immer eine kurze Lederhose mit Trägern tragen, ich fand sie schrecklich.
Auf dem Speicher stand eine Anziehpuppe in Damengröße, wahrscheinlich von oder für meine Mutter. Sie war aus Pappstücken zusammengesteckt und stand auf einem Holzständer. Ich öffnete die Nieten und versuchte, "einzusteigen", was misslang. Dann war auf der Frisierkommode noch der rote Lippenstift, den ich flächig auf mein Gesicht verteilte. Ich glaube, dass meine Mutter ziemlich entsetzt war, als sie mich sah.
Mit acht Jahren fuhren mein Vater, mein Bruder und ein Gast aus Spanien, den meine Schwester in ihrer Firma kennengelernt hatte, nach Oberscheld zum Hochofen. Die Schmelzer öffneten das Spundloch und das flüssige Eisen ergoß sich in die Formen. Ich war zutiefst beeindruckt, malte daraus ein Bild und bekam in Heimatkunde eine Eins. Fügung, Schicksal? Ich weiß es nicht. Ich erzähle später.
Zu meiner Schwester hatte ich immer eine besondere Beziehung. Sie war anders. Gut, als ich im Kinderwagen war, hat sie mich mal einen Berg herunter rollen lassen incl. Überschlag
Mit 10 kam ich auf's Gymnasium, der Klassenlehrer hatte es empfohlen. Die Eltern mächtig stolz und ich der Erste aus der Gasse. Vorpubertär war eigenltich alles egal. Sport wie immer schwach, die starken Jungs mir fremd, aber zu den meisten Mädchen hatte ich auch keine wirklichen Draht obwohl einige ganz nett waren. Keine Zeit, die Spuren hinterlassen hat außer dass ich die Quarta wiederholen und nach der Untertertia die Schule verlassen musste und in der Handelsschule aufschlug. Zunächst unsicher wurde ich immer stärker, da die Mitschüler inhaltlich zurück waren. Ich wurde Klassen- und Schulsprecher und in den 60er war ja auch alternative Kleidung angesagt: Cordjeans in 29/34, lange Pullover und breite Gürtel, ja da war schon das erste Mal die rika. Auf einer Schuldisko - die gab es im Gebäude - kam eine Kameradin mit oberschenkellangen Stiefeln. In mir flogen die Sicherungen heraus. Ich spürte längst, dass da etwa ist.
In der Zeit knutschten wir, es "gingen" mal immer wieder die/der oder mit der/die.
16, fast 17. Ich beginne meine Ausbildung zum Kaufmann im Stahlwerk in Wetzlar. Alles ist riesig, gewaltig, wirkt gefährlich, der Hochofen aus der Kindheit wird lebendig. Die Blicke in die Hallen, die ich nicht betreten darf, machen Angst. Die Menscher wirken winzig. Gelbglühende, riesige Stahlblöcke liegen unter Pressen, andere in Walzen und werden zu Bändern gewalzt. Neben der Angst die Faszination. Endlich darf ich sehen, wie ein gigantischer Schmelzofen seine flüssige Brut in einen darunter hängenden Topf füllen kann - es sind 80 to flüssigen Stahls! Sie werden in Kokillen = Formen gegossen. Später bin ich all diesen gigantischen Maschinen immer wieder nah: dem Walzwerk, der Schmiede, dem Stahlwerk. Ich erlebe wieder aus meiner Kindheit das Leben des Metalles, dem Eisen. In der Mythologie steht der Gott Mars dafür. Der Krieger, der Mann. Das wir sich ändern.
Soweit für heute.
rika