taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans
taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans - # 4

Annette
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Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Post 46 im Thema

Beitrag von Annette »

Malvine hat geschrieben: Di 25. Apr 2023, 17:55 Meine Befürchtung ist, dass wir hier die breite Masse der Bevölkerug für unser Ziel (Akzeptanz auf ganzer Lebensbreite) verprellen und uns daher eher zum Feindbild machen - "immer drauf auf die Schwachen"

Von der Politik fordern wir, dass sie die Bevölkerung bei ihren Entscheidungen mitnehmen - nur hier habe ich das Gefühl, dass genau das Gegenteil passiert.
Genau das denke ich auch, aber das wollen einige Hardliner partout nicht verstehen... es geht um gegenseitiges Verständnis, und nicht um ein kartenhaus-ähnliches Gebilde von einer rosaroten Weltanschauung.

Annette
Jaddy
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Re: taz | Gender und deutsche Sprache: Was für echte Fans

Post 47 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Malvine hat geschrieben: Di 25. Apr 2023, 17:55Wie lange hat die Einführunge von genderneutralen Pronomen und Artikeln in den jeweiligen Ländern gedauert?
Jeweils nur wenige Jahre. they/them war in UK zu Zeiten Shakespeares in Gebrauch und kam ab dem 18ten Jahrhundert zugunsten männlicher Pronomen aus der Mode. In UK und USA war es aber ab und zu als generell genderneutrales Pronomen in Verwendung ("someone left their handbag over there") und ab ca. 2018 als selbstgewähltes Pronomen.

Hen in Schweden wurde laut WIki erst ab 2010 in einigen Büchern und Zeitschriften benutzt und 2014 als neuer offzieller Eintrag im schwedischen Wörterbuch angekündigt, das 2015 herauskam. Sie hatten den Vorteil, dass es lautmässig einfach ist und ausserdem im Finnischen bereits etabliert.

Französisch und Spanisch sind noch ganz am Anfang, ihre neuen Formen einzuführen, und die sind sehr neu, weil diese Sprachen ähnlich binär wie Deutsch sind. Die Diskussionen laufen auch ähnlich heftig wie bei uns.

Davon abgesehen ist bis auf Schweden keine davon eine offizielle Sprachregelung, auch weil mW von den Ländern nur Frankreich eine staatliche Sprachhoheit hätte. In UK bildet das Oxford Dictionary ähnlich dem Duden bei uns den tatsächlichen Gebrauch ab.
Malvine hat geschrieben: Di 25. Apr 2023, 17:55Und jetzt kommt das Problem, dass der Bevölkerung keine Zeit für die Entwicklung gegeben wird.
Beg your pardon, aber das Binnen-I wird seit den 80ern aktiv verwendet. Auch in offiziellen Schriften, wenn sie sich Mühe geben wollen. Die Diskussion ist noch älter. Im Vergleich zu Schweden und USA/UK sind wir da äusserst langsam unterwegs. Soll heissen: Bei uns dauert alles offenbar mehrere Generationen. Analog zu erneuerbaren Energien, Bildungsmodernisierung, Digitalisierung, restauriertem Gesundheits- umd Sozialsystem, usw. Die sind alle ebensolange in der Diskussion und die Probleme und Lösungen ebensolange klar auf dem Tisch. Es ist reine Blockade und Veränderungsunwillen.

Dieses betuliche "Mitnehmen" akzeptiere ich deshalb nicht so einfach. In der Regel ist das eine sehr billige Abwehr, sich während der eigenen Lebenszeit jedenfalls nicht mehr damit beschäftigen zu wollen.

Gerade bei der Sprache braucht es nämlich keine Entscheidung von höherer Stelle. Eine jede Person kann zu jeder Zeit entscheiden, jetzt neue Formen lernen und verwenden zu wollen. (Ja, in Institutionen gelten ggf Sprach- und Schriftregelungen für offiziellen Output).

Es nicht zu tun ist jedenfalls auch ein Statement.
Jaddy
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Post 48 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Kleines Addendum, weil ich es eigentlich auch putzig finde, in welcher Art sich tw über (für mich) positive Beispiele aufgeregt wird, wie zB das Zitat aus dem Buch.

Eine Autorin schreibt, wie sie in ihrem Buch mit dem Thema Gender in Sprache umgeht. Aber es kommt offenbar so an, als ob sie es von allen verlangen würde: "Müssen wir jetzt alle so sprechen/schreiben, wird uns unsere gewohnte Sprache verboten", usw. Das ist nach meiner Lesart nicht der Fall.

Ich verstehe aber den empfundenen moralischen Druck nach dem Motto "Wenn du keine gendersensible Sprache verwendest, gehörst du nicht mehr zu den Guten(tm)". Ganz unberechtigt ist das nicht. Ein Großteil des Aufwands dreht sich darum, durch sensible Sprache netter zu anderen zu sein, wo das früher - aus Unwissenheit, Unachtsamkeit, etc - nicht der Fall war.

Etwas überraschend für ältere Semester (hallo? ich auch!) melden sich plötzlich Gruppen und sagen "Du hast mich Jahrzehnte lang verletzt". Das kratzt am Selbstverständnis. Kann ich verstehen. Ging mir an ganz vielen Stellen auch so, nicht nur zum Thema Gender. Und es ist auch ein bisschen moralische Nötigung, zu sagen "Jetzt weisst du es und hast nur noch die Wahl: ab jetzt netter sein - oder bewusst nicht".

Das Dilemma ist dann, wenn ich drauf eingehe, netter sein möchte, dass ich auch meine "schlimme Vergangenheit" eingestehe. Dass ich mich als Neuling oute. Nicht voll souverän und alles wissend und könnend, sondern mich belehren lassen muss, Fehler mache, mich in eine untergeordnete Position gegenüber den "woken" Leuten begebe. Das schmerzt.

Aber ist die Alternative wirklich besser? Sich dauernd aufzuregen und abzuwehren? Weiter wissendlich "unnett" zu sein und dadurch immer mehr Widerspruch und ggf Ausladungen in Kauf zu nehmen?

Es ist ein bisschen gemein, dieses Dilemma. Sobald du weisst, wie deine Sprache ggf auf andere wirkt, kommst du aus der Nummer nicht raus. Aber du hast zu jeder Zeit die freie Wahl.
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