sbsr hat geschrieben: Do 13. Apr 2023, 07:05
Jaddy hat geschrieben: Di 11. Apr 2023, 21:18
Es brauchte nicht einmal Lehnworte. Fussweg, Gehweg, Gehsteig. [...]
Aber es geht nicht um schöne Sprache. Es geht um Patriarchat, Macht und Verlustängste.
Es geht sehr wohl um Sprache, denn mit Deinem Vorschlag implizierst Du, Wörter zu verbieten, die nicht ausreichend gegendert oder in seltsame, grammatikalisch sowie teilweise sachlich falsche Verlaufsformen umgebogen werden können. Also landen praktisch sämtliche verbundenen Substantive auf der roten "Patriarchat" Liste, bei denen das erste Wort ein generisches Maskulinum hat.
Ah, dann hab ich das nicht gut erklärt. Ich probiere es anders: Wenn es jenen, die sich über Sternchen und angebliche Sprachverbote(*) aufregen, um die Schönheit der Sprache ginge, vielleicht noch um Grammatik oder Linguistik, könnten sie meiner Ansicht nach recht einfach Synonyme und Neuformulierungen verwenden - und befürworten. {*) Angebliche Verbote, denn mir wäre nicht bekannt, dass irgendwo generisches Maskulin tatsächlich verboten worden wäre.
Sie könnten Bezeichnungen, die traditionell und vielfach heute noch als Herabsetzung und Beleidigung verwendet werden und die Betroffenen verletzen, durch positive und elegante andere Wörter ersetzen und so ihre Sprachkompetenz demonstrieren. Bisherige rein maskuline oder zwei-gendernde Formulierungen könnten sie linguistisch schön austauschen.
Ich behaupte aber, dass das Argument "Schönheit der Sprache" eine Vernebelung ist. In Wirklichkeit sollen die alten Wörter und Formen beibehalten werden, gerade
weil sie bestimmte Sichtweisen und Strukturen repräsentieren. Patriarchale, koloniale, usw.
In vielen Fällen mag nicht mal böser Wille im Spiel sein, sondern zum Beispiel ein ungutes Gefühl von Schuldzuweisung. Natürlich steckt hinter der bewussten Vermeidung des generischen Maskulin, des "Damen und Herren", usw auch immer der Hinweis, dass diese gewohnte Sprache und Weltsicht irgendwie "nicht okay" war. Dass wir in der Vergangenheit zumindest in dem Bereich nicht "die Guten" waren.
Implizit fühlen sie abgewertet, was früher gelernt und für gut befunden wurde. Kein Mensch mag bezichtigt werden, jahrzehntelang falsch und verletzend gehandelt zu haben. Das gilt für Sprache und Sicht auf Geschlecht ebenso, wie für Beziehungmanagement, Auto fahren, Urlaubsvarianten oder Energiepolitik.
Es ist auch naheliegend, dass eine Sprache mit mehr Rücksicht auf bisher ausgegrenzte Gruppen einen Verlust eigener Dominanz bedeuten könnte. Männlicher Dominanz und den ganzen anderen Labeln, wie hetero, cis, binär, weiss, abled, usw. Da kommen welche und stellen Ansprüche, auf die ich auch noch achten soll. Die wollen Mitsprache - im wörtlichen Sinne. Erst die Sprache und dann meine Lebensweise. Die wollen ein Stück von meinem Kuchen!
Kann ich alles verstehen. Unter anderem, weil ich es selber auch erlebt habe. Ich bin völlig unbedarft in die Enby-Bubble gekommen und ein paar Mal tüchtig gegen die Wand gelaufen. Ich bin noch lange nicht durch damit, all die Dinge zu lernen, die ich Jahrzehnte lang völlig unbedacht gemacht habe.
Die Frage ist aber, wie wir auf dieses ungute Gefühl reagieren. Verleugnen, abwehren oder in Zukunft besser machen? Ich denke, dass wir nichts verlieren, indem wir mehr aufeinander acht geben. Wir verlieren auch keine Worte, wir brauchen sie nicht zu verbieten - was ja auch keinein will - sondern könnten nach besseren, achtsameren suchen.
Ich denke aber auch, dass die Diskussion über Sprache genau aufzeigt, wer an bestimmten Dominanz-Strukturen festhalten will. Wie gesagt: Es geht nicht um Wörter oder Sternchen, sondern um Macht.