Aria hat geschrieben: Mi 2. Jun 2021, 20:49
Diejenigen, die negativ bis ironisch auf deine Erzählungen kommentiert haben, kennen sich alle ziemlich gut mit der HET und ihren (Langzeit)Folgen aus. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die dem eher skeptisch gegenüberstehen und dir das auch mitteilen. Und das hat auch nix mit Neid o.ä. zu tun, wie hier gerne behauptet wird. Nein, es ist einfach die langjährige Erfahrung und dem Austausch mit anderen Betroffenen geschuldet. Denen ist nämlich alle samt kein vergleichbarer Fall unter gekommen. Aus diesem Grund sprach ich von medizinischem Wunder.
Es ist so wie Patricia sagte, es gibt Folgen einer Gynäkomastie, die durch eine Ungleichheit im männlichen Hormonhaushalt entsteht. Die Folge davon ist in der Hauptsache ein einsetzendes Brustwachstum - meist nur bis zur Vergrößerung des Warzenvorhofes mit Bildung von Milchdrüsen (vgl. Tanner-Stadium 3). Was die Ursache dafür ist, ist meines Wissen nicht bekannt. Einerseits vermutet man die Ernährung, andererseits genetische Grundlagen. Das ist aber auch vollkommen egal, wir wissen alle das es das gibt und sind uns über die Ausmasse bewusst.
Woher unser/mein Unglauben über deine Erzählungen kommt, kann ich dir sagen. Das was du beschreibst, fällt nicht in das Schema einer Gynäkomastie. Das fällt eindeutig in das Schema einer recht langen, gut laufenden HET (im Bereich > 130ng/l) einschließlich Epilation. Ich weiss nicht ob es dir bewusst ist was es heisst ein B-Cup zu haben?! Differenz O-Brust zu U-Brust Weite.....sind Begriffe für dich?! Gut. Um so eine Cup-Grösse zu erreichen, müssen A) die genetischen Voraussetzung stimmen und B) einige Monate bis Jahre Brustwachstum ins Land gegangen sein. Du redest von max. 6 Monaten. Erstaunlich!
Du erzählst von Fettverteilung die in dem selben Zeitraum stattgefunden hat. Ich kann dir sagen, dass der mittlere Zeitraum für derartige Veränderungen - bei einer optimal verlaufenden HET - bei 3-4 Jahren liegt. Auch hier bist du mit ca. einem halben Jahr weit unter dem Durchschnitt. Ebenfalls ein absolutes Wunder für mich!
Dann noch ein Punkt, der mich ausserdem erstaunt hat. Dein Bartwachstum verlangsamte sich, die Haare wurden dünner und fielen sogar aus. Wahnsinn, echt! Du kannst dir eine Epilation also sparen. Die Barthaare einer MZF-TS sind so ziemlich das hartnäckigste Übel an der ganzen Transition. Die Biester halten sich so verdammt fest, weil die männl. Haare viel tiefer und stärker verwurzelt sind als bei Frauen, das meine Elektrologistin manchmal am verzweifeln ist. Bei dir werden die einfach weicher und fallen aus. Toll, echt. Du sparst dir damit echt Zeit, Geld und Schmerzen. Ach stimmt, dein Kinn hast du ja noch hervor gehoben. Das ist nun viel spitzer als vorher..... Lass dir was sagen, Knochen änderst du nicht - die hast du - oder du lässt die chirurgisch ändern. Das machen übrigens so einige Mädels, weil sich am Schädelknochen halt nix ändert, auch nach 50 Jahren HET.
Ich denke, ich spreche für die anderen Ungläubigen hier mit, wenn ich sage, dass uns deine Geschichte sehr unglaubwürdig vorkommt, weil wir eben wissen, wie sehr die HET - und damit meine ich die med. eingeleitete - Geduld und Ausdauer mit sich bringt und Veränderungen nun mal eben nicht in ein paar Monaten geschehen. Und ich kann auch nicht gutheißen, dass uns hier pauschal Neid unterstellt wird. Zumal man in diesem Punkt eigentlich gar nicht mitreden kann und sein Wissen vornehmlich aus Erzählungen und nicht am eigenen Leib erfahren hat.
Was ich dir hingegen abnehme ist, dass es Veränderungen psychischer Natur gibt, die schon vor Beginn der HET einsetzen. Denn das sind Erfahrungen die ich selbst gemacht habe. Man ist sich einfach schlagartig bewusst was mit einem los ist und das tut einerseits ziemlich gut, andererseits kann man es dann kaum noch abwarten mit der HET zu beginnen. Bei mir haben zu der Zeit schon andere Denkmuster eingesetzt und Verhaltensweisen kamen zu Tage - ja, die kamen einfach aus mir raus und es fühlte sich verdammt gut an. Was aber nicht einsetzte, waren irgendwelche körperlichen Veränderungen. Damit hätte ich wohl bis in alle Tage warten können. Wenn bei dir das so ist, sehe ich aber nur sehr geringe Auswirkungen dadurch. Das meiste macht die Psyche.
Liebe Aria,
kurz zur Namensfrage - Carrie oder Nora - Carrie ist mein Online-Alias, Nora mein Name. Wie du mich ansprichst, ist mir relativ egal.
Was den Punkt Diskussionskultur angeht: Ja, ich habe mich angegriffen gefühlt und bin in Verteidigunsstellung gegangen. Wahrscheinlich würden unsere Gespräche Face to Face um ein Vielfaches besser funktionieren, aber das ist ja leider nicht möglich.
Darum bitte ich: Der folgende Beitrag ist in keiner Weise feindseltig / rechtfertigend gemeint, sondern einfach erläuternd.
Und vorab: Ja, mir fehlen die Erfahrungen einer HET. Ich weiß nur von anderen, was da passiert, und auch, in welchem Umfang und in welchem Zeitraum.
Und genau das ist ja auch der Grund, warum es mich selbst verunsichert - und weshalb ich dieses Thema eröffnet habe.
Ich möchte kurz Stellung zu deinem Beitrag beziehen und ein paar Dinge relativieren.
Vorab: ich kann nur nochmals betonen, dass ich selbst kaum glaube, was passiert.
Ich habe mir tatsächlich gerade einmal kurz die Brust gemessen - vielleicht sagen hier Zahlen ja etwas: Unterbrust 89cm, Oberbrust 97,5 cm. Nicht geschummelt, nicht gelogen, echt gemessen. Die Form der Brust sieht auch einfach nicht aus wie die Männerbrüste einer Gynäkomastie.
Es kribbelt ständig in den Brüsten, seit Wochen, mittlerweile eher seit Monaten, so sehr, dass es bisweilen schmerzhaft ist.
So etwas bildet man sich nicht ein.
Was das Thema weichere Gesichtszüge angeht: ich weiß, dass Knochen sich nicht ändern, so etwas habe ich auch nicht behauptet. Aber dass sich Fettpölsterchen an Wangen / Kieferpartie ansetzen... das ist etwas anderes.
Klar, euch fehlen irgendwelche Vergleiche. Aber ich habe mich durch Fotos einfach viel dokumentiert in der letzten Zeit. Abgesehen davon bekomme ich auch - ohne dass ich es anspreche - von meinem Umfeld entsprechende Bemerkungen.
Ebenso, wenn sich Fett an Oberschenkeln und Po ansetzt - in einem Maße, das never ever als eingebildet durchgeht. Vor allem WEISS ich ja einfach, wie ich dort vor einem Jahr aussah und sehe ich JETZT im Spiegel, wie es heute aussieht.
Ich habe nich komplett zugenommen, im Gegenteil. Ich habe in den letzten Monaten exzessiv sport gemacht, da ich im letzten Jahr stark zugenommen habe (noch so ein Indiz.?). Dadurch habe ich abgenommen... und gleichzeitg an besager Partie ordentlich zugenommen.
So etwas kann man sich nicht einreden.
Was meine Aussage zum Bart angeht: Es ist selbstverständlich nicht so, als würden mir die Haare da reihenweise ausfallen. Gar nicht. Das Zeug ist da und ich epiliere wie blöd. Mag sein, dass das auch die Struktur der Barthaare ändert, habe ich auch mal von gehört. Die Barthaare sind aber weniger borstig und mehr wie Kopfhaar, wodurch es dünner aussieht. Aber der Schatten ist natürlich trotzdem da und ich hasse ihn. Gott sei dank gibt es Make up.
Aber gerade meine bisweilen extreme Dysphorie zeigt mir eigentlich: Das ist kein einreden, sonst würde ich mir ja wer weiß alles noch einreden. Aber dafür gibt es einfach zu oft Momente, in denen ich in den Spiegel gucken und denke: Bah, geht gar nicht.
Ich möchte nicht ausschließen, dass diese Entwicklung vor mehr als einem halben Jahr angefangen hat. Meine trans* Geschichte zieht sich schon über 20 Jahre hin... ich war schon vor einigen Jahren mal mit einem Bein in der Transition... und durch ein einschneidendes Erlebnis vor einem Jahr habe ich gewissermaßen gewusst, das ich über kurz oder lang auch ganz diesen Weg gehen werde. Was ich damit sagen will: Es arbeit schon ziemlich lange ziemlich intensiv in mir.
Letztlich müssen wir bei diesem Thema einfach abwarten, was der Spezialist sagen wird. Ich teile euch dann mit, was bei rauskommt.
Als letztes: Nein, meine Frau mischt mir nichts ins essen. Meine Kinder essen dasselbe wie ich. Meine Ernährung hat sich seit ungefähr 15 Jahren nicht geändert.
Viele liebe Grüße
Nora