So viel als Einleitung, mit 37 zog ich dann nach Berlin. Nun um in Berlin aufzufallen (da wo das Leben tobt), muss man sich schon ordentlich reinknien und ich war erst mal im Paradies. Ok, es gibt immer ein paar 18 jährige, die grölend hinter einem herlaufen, aber ansonsten konnte ich mich so richtig austoben. Es gab einen Second Hand Shop um die Ecke und ich konnte mich günstig einkleiden und ab auf die Oranienstraße in Kreuzberg. Manchmal fühlte ich mich in den Läden als die unauffälligste Person südlich des Nordpols und dass genoss ich so richtig. An Sex oder so hatte ich nie gedacht, ich wollte einfach nur Frau sein, und es erleben.
Ich lernte dann eine Sis kennen und sie meinte wir sollten mal in die Bar Bizarr gehen, da wäre es für uns auch oft sehr interessant. Ich mag auch das SM, aber eigentlich eher als Mann, aber warum nicht, also sind wir hin und es war prickelnd. Es ging also öfter mal auch dorthin und eines abends sprach mich ein Mann an, ob ich mir vorstellen könnte ihm und seiner Frau zu dienen. Ich war völlig baff und vor allem jagte es mir Schauer den Rücken herunter, weil mir das so sehr schmeichelte. Ich bin nicht so feminin wie ich gerne wäre und finde mich trotz aller Tricks auch nicht wirklich hübsch oder sexy, aber ich fühle mich sehr gut. Ich habe mich auch immer als streng hetero gesehen, auf die Idee mit einem Mann was anzufangen bin ich nie gekommen. Ich war jedenfalls völlig von der Rolle und genoss es, es scheiterte dann jedoch an dem Veto von seiner Frau, bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte, ob ich das möchte. Das machte mich zum ersten Male nachdenklich, jedoch kam der Wunsch nach einem Mann einfach nicht mehr und ich dachte irgendwann nicht mehr daran.
Bis ich endlich ein passendes "kleines Schwarzes" Etuikleid fand, da musste ein feiner Nylonbody mit langen Armen drunter und eine schwarze Strumpfhose. Ich fand mich toll vor dem Spiegel und düste sogleich los ins pralle Leben. Irgendwas trieb mich in eine als Lesbenbar verschrieene Location und sie war echt Kreuzberger Flair...schrill....und...bunt gemischtes Publikum, nicht nur Frauen, schon gar nicht nur Lesben. Ich machte schnell Kontakte, wir plauderten und tranken etwas, bis eine Reporterin und ihr Fotograf in den Laden kamen. Sie erklärten uns, sie wollten eine Story machen und fotografieren, wer nicht zu erkennen sein möchte, solle sich umdrehen, es würde nicht lange dauern. Nun die Bilder waren schnell gemacht und die Reporterin begann Leute zu interviewen.
Da kam der Fotograf zu mir und sagte mit starkem französischen Akzent: "Bonsoir belle Mademoiselle, darf ich mich zu Ihnen setzen?" Er lächelte mich irgendwie verklärt an und ich sagte erfreut "Aber natürlich." Er war kleiner als ich, etwas rundlich und hatte einen schmalen Schnauzbart....ach ja, ein klischeehaftes Barett auf
Er hatte irgendwie zur richtigen Zeit am richtigen Ort, das exakte Timing drauf um mich nach Strich und Faden zu verführen. ich weiß die Worte leider nicht mehr, aber er brachte mich soweit, dass ich ihn auf die Wangen küsste und es in mir brodelte und kribbelte, dann hauchte er mir zarte Küsse auf die Wangen, bis sich ein vorsichtiger und unschuldiger Kuss auf meine Lippen verirrte. Das hat irgendetwas in mir verändert, ich entdeckte Gefühle die ich noch nicht kannte. Er schaute mich mit dem berüchtigtem verliebten Dackelblick an und ich schaute mit Sicherheit nicht anders zurück. Während ich hier schreibe kommen die Empfindungen zurück, ich dachte damals wie jetzt an Nina Hagen.....Im Augenblick fühle ich mich unbeschreiblich weiblich...Ich finde die Worte nicht dafür, aber Martina kam vollständig zum Vorschein und ich saß da in einer Wolke an Gefühlen. Die Reporterin kam und packte ihn am Arm und meinte sie müssen nun gehen. Er protestierte, riss sich los und küsste mich noch mal zart, dann zerrte sie ihn förmlich aus dem Laden. Er sagte noch was von telefonieren, ich nickte und mir fiel erst später ein, dass wir gar keine Nummern ausgetauscht hatten.
Ich saß da noch eine Weile in meinem Gefühlschaos, ich nahm von den Anderen um mich herum gar nicht mehr viel wahr und bin irgendwann nach Hause, wie ein unglücklich verliebter Teenager. Na ja, es folgten Zweifel und Identitätskrise, jedoch merkte ich, wenn ich als Martina ausging, war ich nun auf Männer fixiert. Das verstärkte sich noch weiter, bis ich mir ehrlich sagen konnte, ich bin Bi. Ich fand Männer, die mich vorsichtig einführten und es ist irgendwie auch der letzte Schritt zum Frau sein...für mich jedenfalls. Ich gehe gerne aus, und lechze nach Komplimenten, ich muss nicht ein Abenteuer haben, passiert manchmal, aber nur wenn es auch wirklich prickelt, wenn er es schafft mich richtig zu umgarnen. Ein paar mal ist es mir passiert, dass ein Mann in Begleitung seiner Freundin mir Komplimente machte, an den Hintern fasste oder einfach nur die Tellergroßen Augen nicht von mir lassen konnte. Sie fangen sich dann irgendwann Ärger ein, aber für mich hat sich damit schon der Abend gelohnt.
Nun ich bin älter geworden, muss an meiner Figur weiter was tun, aber trotz aller Bemühungen wird mir das wohl immer seltener passieren......dachte ich.....bis ich neulich einfach nur spazieren ging, ich trug ein knöchellanges Gothic-Kleid mit kurzer Jacke und genoss, dass zwei Männer mit Freundin an der Hand mich sehr freundlich angrinsten.......schnurrrrrr.....Dann sprach mich noch ein junger Türke an, etwa Ende zwanzig, er war zuerst nicht so nett, fragte direkt ob ich Sex suche und ob ich eine professionelle wäre. Na ja, ich blieb höflich, bejahte das Eine und verneinte das Professionelle, er ging dann...zunächst, dann rief er ich sollte mal warten und kam zurück. Er entschuldigte sich, reichte mir die Hand und wir stellten uns vor. Dann machte er mir Komplimente und meinte schmunzelnd, er wäre leider nicht vom anderen Ufer, sonst würde er mich auf der Stelle mit nehmen. Der Abend hatte sich also schon zu Beginn gelohnt
Ich bin wirklich nicht schön, 1,80 groß, breite schultern, immer noch Bauch, Schweinsaugen, die ich kaum geschminkt bekomme und Knollennase.....vielleicht denken die je oller desto doller, ich weiß es nicht.
...aber, im Augenblick fühle ich mich unbeschreiblich weiblich!
Lieben Gruß Tina