biene38 hat geschrieben:Ein CD, der nicht komplett als Frau erkannt wird, da immer noch mehr oder weniger der Mann durchscheint, wird wohl nie wissen, wie es sich anfühlt als Frau erkannt zu werden, und als solche behandelt zu werden. Im schlimmsten Fall wird er erkennen müssen, wie es sich anfühlt, wenn man gesellschaftlich nicht dazugehört und ausgegrenzt wird, da man der typischen Geschlechterrolle/bild nicht entspricht.
Ja, das stimmt. Das ist ja auch das, was ich an dem sogenannten "Alltagstest" zu bemänglen habe. Eine Transfrau, die mit ihrer Transition beginnt und in den Alltagstest starte, die testet ja weniger (wie es ja eigentlich soll), wie sich der Alltag als Frau so gestaltet, sondern viellmehr, wie man sich als Freak, von allen angestarrt, durchschlägt. Das hat kaum was mit dem Alltag einer Frau zu tun.
biene38 hat geschrieben:Meine Frau meinte nur, als ich sie fragte, ob ich denn ähnlich wahrgenommen werde, wenn ich gestylt bin (bislang nur im Fasching, habe mich sonst noch nicht getraut), dass sie das nicht beurteilen könne.
Ich schloß daraus, dass meine Erscheinung dann auch nicht wirklich überzeugend ist.
Jedenfalls möchte ich so nicht wahrgenommen werden, da ich mich solch Reaktionen der Umwelt einschließlich meiner nicht aussetzen wollte.
Deine Frau kann das deshalb wohl nicht beurteilen, weil sie quasie die ganze Wahrheit schon gut kennt. Das geht dir sicher genauso, wenn du in den Spiegel schaust.
Dies ist ein Thema, über das ich schon viel nachgedacht habe und immernoch nachdenke. Es gibt ein Sprichwort: " Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck". Ist der erste Eindruck Mann, dann sitzt der und lässt sich auch mit recht gutem Styling nicht so einfach abändern. So ist meine Erfahrung, dass Leute , die mich schon als Mann kannten (Arbeitskollegen, Freunde, Nachbarn, Familie und auch ICH selbst) mich oft immernoch als Mann wahrnehmen und somit auch vesehentlich manchmal noch männlich ansprechen. Das hat aber tatsächlich nichts damit zu tun, dass mein Passing schlecht ist, oder ich äusserlich männlich wirke. Sondern vielmehr damit, dass die trotz aller Hülle den Menschen des ersten (oder der ersten 150.000) Eindrücke sehen.
Ich habe da einige Experimente gemacht:
Während meiner bisherigen Transition ist mir aufgefallen, dass nach einigen Monaten das "sichere Gefühl" in der Öffentlichkeit gelegentlich angeglotzt zu werden (oder über mich getuschelt wurde) ausblieb. Die erste Idee war dazu, dass mein Passing wohl in Folge etwas mehr Übung im Styling und der Wirkung der Hormontherapie, sowie der längeren Haare, des schwächer werdenden Bartschattens, aber vor allem wegen des sicheren selbstbewussten Auftretens um ein Vielfaches besser geworden sein musste. Dennoch stolperten mir seit Jahren bekannte Menschen nach wie vor darüber, mich männlich anzusprechen. Warum ist das so?
Wenn ich Menschen, die mich schon lange auch als Mann kannten, nach meinem Passing fragte, dann kam entweder die Antwort, dass sie es nicht beurteilen konnten, oder es kam eine Reihe von Aufzählungen woran man eindeutig noch den Mann erkennt. Schon komisch, oder? Also blieb mir nichts anderes übrig, als FREMDE MENSCHEN nach meine Passing zu fragen. Oh doch, das geht.

Entweder entwickelt man sensieble Antennen und achtet auf winzige Reaktionen der Mitmenschen, die einem eindeutig verraten wie sie einen wahrnehmen, oder man fragt direkt danach. Ein Beispiel:
Ich habe neulich über ein Facebook-Angebot einen gebrauchten Schreibtisch gekauft. Ich verabredete mich mit der Verkäuferin, diesen am nächsten Tag bei ihr abzuholen. Sie sah nur mein Avatarbild von Facebook (z.Zt. das selbe wie hier) und las meinen Namen. Am besagten Morgen stieg ich aus dem Bett, kämmte mich, Hose, Turnschuhe und Pulli angezogen, die Mähne ein bissl zurechtgezupft uns nagut: Lippenstifft, Kajal und Maskara druff. Handtasche gegriffen und los gings. Die Frau war freundlich und half mir die Teile des Tisches durch das Treppenhaus zu meinem Auto zu tragen. Später schrieben wir dann nochmal ein paar Worte über Facebook (Fragen wegen Zusammenbau). Dann schrieb ich ihr, dass ich noch eine persönliche Frage hätte. Ich schrieb, dass ich Transfrau sei und ob man den Mann denn noch an mir bemerken würde. Das war DIE GELEGENHEIT, denn diese Frau kannte mich ja überhaupt gar nicht. Und es war natürlich volle Absicht, erst HINTERHER danach zu fragen. Die Antwort war: Oh, da habe ich jetzt gar nicht so drauf geachtet, aber mir ist da nichts aufgefallen. Ich schrieb dann, dass mich das freute, dass sie mich wohl dann als Frau wahrgenommen hätte , die vielleicht nur eben etwas burschikos wirke mit tiefer Stimme. -Darauf schrieb sie nur noch, dass eben manche Frauen solche Stimme habe und ihr da nichts komisch vorgekommen sei. - Das war natürlich ein schönes Erlebnis für mich. Nur so kann man hinterfragen, wie man wohl von den meisten in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Und ich trug weder High Heels noch FSH oder Rock (was nicht so gut wäre beim Tragen von Möbelteilen). Auch war ich nur ganz ganz mässig geschminkt. Da ich aber sonst schon ein wenig weiblicher gekleidet bin (mein typisches Outfit in dieser Jahreszeit ist eher: schwarze Leggins, hohe Stiefel und Jeansmini, -T-Shirt) und ein wenig mehr geschminkt, kann ich wohl davon ausgehen, dass mein erster Eindruck heutzutage zu 99% eindeutig FRAU ist.
Was aber ganz wichtig ist: Das Auftreten. Eine lockeres sicheres Selbstbewusstes Auftreten sollte nicht unterschätzt werden und kann so manches vielleicht zweifelhaftes Äusseres enorm zurechtrücken.
Durch ängstliches, vorischtiges, stilles, auf-den-Boden-schauendes an den Wänden entlangschleichen kann das beste Passing zerbröseln lassen.
Ein augenscheinlich vollkommen ungezwungenes alle Leute freundlich ins Gesicht lächelndes strahlendes Selbstbewusstsein kann ein äusserlich gewagtes Passing felsenfest machen.
Ich lese hier immer wieder mal von einigen, dass es ihnen egal sei, was andere denken. Sie kleiden uns stylen sich so, wie sie sich selber wohlfühlen. Bei mir ist das doch ein wenig anders. Mir ist es nicht egal, wie ich wahrgenommen werde. Nun ist es längst nicht mehr so, dass ich in Panik gerate, wenn ich mal feststelle, dass mein Passing nicht funktioniert, jedoch fühle ich mich wohler wenn es das tut. Ich habe genug Selbstwertgefühl um mit Stolz zu meiner Transsexualität zu stehen, aber es tut ja nicht Not. Als Frau wahrgenommen zu werden und entsprechend so behandelt zu werden, bestätigt die Richtigkeit meines Entschlusses zur Transition und ist schon sehr angenehm.
Fazit: Auch wenn man selbst und Menschen, die einen schon lange kennen, immer noch deutlich den Mann sehen können, bedeutet das noch lange nicht, dass der erste Eindruck (und damit die Wahrnehmung der Öffentlichkeit) "Mann" bedeutet. Die Öffentlichkeit schaut meist flüchtig. Das, zusammen mit einem selbstbewussten Auftreten, ist. m.E. die halbe Miete.
LG
Julia