Am Freitagmorgen, den 15 März 2013 wurde ich sehr früh geweckt. Es muss so gegen 5.30 Uhr gewesen sein. Eine der beiden Frauen in meinem Zimmer lief durch das Zimmer, schloss ihren Schrank auf und zu, kramte in Knistertüten rum, lies das Wasser im Waschbecken laufen, kämmte sich die Haare, zog sich an und so weiter. Ich war schrecklich müde und wollte einfach nur schlafen. Durch die Geräusche aber daran gehindert bekam ich Kopfschmerzen. Leider war mein Drehschwindel noch immer vorhanden, wenn auch schon deutlich abgeschwächter. Auch die noch leicht vorhandene Übelkeit war geringer und zeigte sich eigentlich nur bei dem Versuch , mich aufzusetzen oder eben andere Bewegungen zu machen.
Es wurde mir erklärt, dass das andere Gleichgewichtsorgan im anderen Ohr die Arbeit auch alleine übernehmen könnte. Andere Organe und Sinnesorgane würden zu Hilfe kommen. Gehirn, Tastsinn, Nerven und Muskeln etc. Aber es könne auch sein, dass sich das Gleichgewichtsorgan, das ausfiel, auch wieder erholen würde. Über Ursachen könne man nur spekulieren: Unterversorgung von Teilen im Kopf bzw. im Gehirn mit Blut, oder aber auch ein Virusinfekt. Auf jeden Fall sollte ich so bald wie möglich auf die Beine kommen und trainieren. Ich sollte aufstehen und etwas umherlaufen. Vor allem müsse ich etwas essen.
Der frühe Morgen zog sich endlos lange hin, denn an Schlaf war nicht zu denken. Die "Leute" gaben sich die Klinke in die Hand: Es kam eine grün gekleidete Frau mit einem Putzgerät bewaffnet hinein. "Guten Morgen" sagte sie und begann sofort den Boden zu wischen. Dann wurde die Fensterbank gewischt und einmal über den Tisch. Der ganze Besuch dauerte vielleicht 3 Minuten, dann verschwand sie wieder. Nach etwa 3 weiteren Minuten öffnete sich die Tür erneut. " Guten Morgen" . Eine Schwester kam herein und hat bei allen 3 Patientinnen Blutdruck und Fieber gemessen. Nach ein paar freundlichen Worten verschwand sie auch wieder. Weitere 3 Minuten später wurde die Tür erneut geöffnet: "Guten Morgen". Eine Krankenschwester kam herein und begann die Betten zu beziehen. Es gab teilweise neue Laken oder Bezüge. Erstaunlich, wie sie es schafft ein Bett neu auszustaffieren, ohne dass der Patient aufstehen muss. Nach 5 Minuten war sie soweit durch und ging.
Als nächstes kam eine Schwester und brachte jedem ein Tablett mit Frühstück ans Bett. Auch mir brachte sie ein Tablett und fragte mich, da ich ja keinen Essensplan ausgefüllt hatte, ob ich Tee oder Kaffee haben wollte und ob ich Brot oder Brötchen bevorzugen würde und ob ich Wurst, Käse oder Marmelade haben würde. Ich blinzelte sie an. Es muss etwa gegen 7.30 Uhr morgens gewesen sein.
Meine innere Uhr tickt anders. Da ich häufig ziemlich aufgedreht gegen Mitternacht von der Arbeit komme, wobei es besonders in den letzten 2 bis 3 Stunden viel zu tun gab, kann ich dann natürlich nicht gleich schlafen gehen. Nachdem ich mich ausgezogen und abgeschminkt habe und dann noch etwas gegessen habe, also meist dann so gegen 0.45 Uhr, setze ich mich an den PC und schaue die emails nach oder lese im Forum oder chatte. Nach ca. 2 Stunden bin ich dann etwas ausgeglichen und ruhig. Bevor ich endgültig schlafen kann, braucht es aber oft dennoch ein bis 2 Stunden TV-Programm. So wird es oft 4 oder 5 Uhr, ehe ich schlafe, dafür dann aber auch gerne mal bis nach 12 Uhr mittags.
Also war meine Antwort auf die Fragen der Schwester mit dem Frühstück: " Was würden Sie antworten, wenn nachts um 2 Uhr jemand Sie plötzlich aus dem Tiefschlaf wecken würde und eine Mahlzeit anbieten würde?" Ich erklärte ihr den Umstand und dass ich immer noch Übelkeit verspüren würde, sobald ich mich bewege und lehnte das Frühstück dankend ab.
Als nächstes kam eine Schwester, die bei einer meiner Zimmergenossinnen einen Verband wechselte. Als nächstes.... — nein, langweilen will ich euch nicht - das ging den ganzen Morgen so weiter, bis hin zur Visite etwa gegen 10 Uhr.
Der Arzt sagte mir, dass ich später noch zum Hörtest müsse. Ich sagte ihm dass mir total schwindelig sei und mir immer noch übel würde wenn ich mich bewegen würde. Darauf hin teilte er mir mit, dass heute ja Freitag sei und das bis 16 Uhr aber gemacht sein müsse, da sonst erst am Montag wieder jemand da sei für den Hörtest. Auch eine Untersuchung mit der Ohrspülung müsse ja noch gemacht werden.
Irgendwann zwischendurch bimmelte mein Handy. Es war Timo, ein Schichtführer von der Arbeit der heute Dienst tat. Ich war ja für das ganze Wochenende abends fürs Arbeiten eingeteilt gewesen. "Hey, du warst gestern ja nicht da. Wie sieht das heute mit Arbeiten aus, kannst du vielleicht schon früher kommen, sind knapp mit Fahrern." Ich: "Ich liege in der Uniklinik. Gestern hatte ich angerufen, weil ich umgekippt war mit Schwindel. Ich bin dann mit dem Krankenwagen hergekommen. Bitte sag mal bescheid, dass ich vorläufig nicht arbeiten kommen kann. Ich melde mich dann wieder wenn es mir wieder besser geht."
Die Antwort war ungefähr so, wie ich sie von dort gewohnt bin: "Hm, na dann wird das ja wohl heute nix mit arbeiten, was?"
Bisher war ich nur 2 mal aufgestanden. Einmal hatte ich in der Nacht die Nachtschwester herbeigeklingelt, weil meine Blase voll war. Klar, ich hing ja schließlich an der Infusion. Sie begleitete mich zur Toilette, die im Gang schräg gegenüber unseres Zimmers war. Es war schon etwas umständlich mit dem Infusionsgerüst zur Toilette zu gehen. Am Morgen ging ich dann erneut. Die Schwester brauchte mich nur zu begleiten und mich nicht mehr stützen. Ich schwankte schon noch sehr, schaffte es aber durchaus aufrecht zur Toilette zu gehen.
Draußen schien die Sonne. Aber es war bitterkalt. Wir hatten zu dieser Zeit Dauerfrost. —4 bis —8 Grad tagsüber, mit Wind der es sich manchmal wie bis zu —20 Grad anfühlen lies. Nachts hatten wir zu der Zeit tatsächlich —16 Grad.
Ich schrieb zwischendurch sms mit Moni. Ich schrieb ihr wie es mir ging und ich fragte sie, ob sie mich abholen könne, wenn ich entlassen werden würde. Und ob sie mir etwas von zu Hause bringen könnte. Meine wichtigen Medikamente hatte ich ja mit. Aber keine Hormonpflaster und am Samstag, also morgen , würde ich ein neues brauchen. Und ich hatte keine Wäsche zum wechseln und keine Zahnbürste, kein Rasierzeug, einfach nichts, gar nichts.
Entweder würde ich sehr bald entlassen werden müssen, oder ich müsste jemanden haben, der mir ein paar Sachen von zu Hause holt. Dringend. Da ich ja am Donnerstag nicht mehr dazu gekommen war zu duschen, würde es bald wirklich Zeit werden. Mir begann bereits die Kopfhaut zu jucken. Ich lag in meinem Bett.. immer noch mit den dicken Socken, dem schwarzen Rock und dem weißen T-Shirt, dass ich seit Mittwochabend trug.
Irgendwann um die Mittagszeit wurde ich dann zum Hörtest abgeholt. Man nahm den Tropf ab und setze mich in einen Rollstuhl. Dann ging es in das Erdgeschoss zum Hörtest. Diesen habe ich wohl ganz gut gemeistert, mein Gehör scheint keinen Schaden genommen zu haben.
Später erschien ein mir bis dahin fremder Arzt neben meinem Bett, der mich aufforderte, zu versuchen etwas zu essen, und wenn es nur etwas Weisbrot sei und viel zu trinken. Aber er sei gekommen um mich zu der Untersuchung der Gleichgewichtsorgane abzuholen.
Wieder wurde ich in ein Rollstuhl gesetzt und runtergefahren.
Bei der Untersuchung lag ich auf einer Liege und mir wurde erst links, dann rechts erst warmes und dann kaltes Wasser tief ins Ohr gedrückt. Dann wurde mir eine spezielle Brille aufgesetzt wodurch der Arzt besser sehen konnte ob meine Augen zuckten. Es ist ja so, dass bei Schwindel die Augen waagerecht hin und her schlagen. Er verglich die Zustände nach jedem Spülvorgang. Die Untersuchung mit den Spülungen war etwas unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Zusätzlichen Schwindel spürte ich nur wenig und zusätzliche Übelkeit nicht. Die Übelkeit war inzwischen durch das Medikament im Tropf deutlich weniger geworden.
Auf jeden Fall schien die Untersuchung den Ausfall eines Gleichgewichtsorgans deutlich zu bestätigen.
Es würde eine gewisse Zeit, auch mehrere Monate dauern, bis sich das Schwindelgefühl größtenteils legen würde, wenn ein Gleichgewichtsorgan alles alleine übernehmen müsse. Wenn es sich allerdings erholt, sollte es schneller gehen. Aber einige Tage oder Wochen würde es wohl dauern. Ich könnte aber morgen am Samstag, oder spätestens am Montag entlassen werden, sagte der Arzt. Ich selber könne das mitentscheiden.
Wieder im Zimmer auf meinem Bett liegend kam an diesem Nachmittag mehrmals ein Pfleger Praktikant. Er drängelte mich dazu wenigstens eine Scheibe Toast zu verdrücken. Ich tat mein bestes und kaute endlos lange auf jedem Bissen herum, weil ich immer wieder von Übelkeit überfallen wurde. Jedoch setzte ich mich immer wieder mal auf die Bettkante und begann vorsichtig aufzustehen und auch mal das Zimmer zu verlassen. Noch quasi an der Wand entlangtastend ging ich einige Schritte. Immer wieder tat ich das. Es drehte sich noch alles und mein Blickfeld zappelte nach wie vor vor meinem Gesicht, aber ich sollte ja trainieren. Auf die Toilette ging ich inzwischen alleine. Ich überredete die Schwester dann mir noch mal eine Infusion mit Vomex zu geben, die dann nach einigen Stunden durchgelaufen war. Meine Übelkeit war nun so gut wie verschwunden und ich lief den ganzen Abend den Gang hinauf und hinunter. Am späten Abend erschien die Nachtschwester zum Dienst, die mich ja auf das Zimmer geschoben hatte und die mich in der Nacht zum ersten Mal auf die Toilette begleitet hatte. Sie strahlte mich an: "Hey, Sie sind ja schon wieder auf den Beinen".
So verging der Abend. Ich ging oft bis nach Indien. Warum Indien? Naja, eben bis zum Ende des Ganges
Gegen 22.30 Uhr, es war schon sehr ruhig geworden auf der Station und die Nachtschwester wachte ruhig im Stationszimmer, spürte ich Appetit aufkommen. Hm, bis zum Frühstück würde es aber noch wirklich lange dauern. Kurz darauf, ich weiß nicht mehr aus welchem Grund, kam die Nachtschwester ins Zimmer. Ich fragte sie nach Futter. Und tatsächlich: Minuten später brachte sie mir ein Tablett mit Kaffee, Brot, Wurst, Butter. Wow. Ich verdrückte gut 2 Scheiben Brot mit Appetit. Keine Übelkeit. Der Schwindel war jedoch nach wie vor vorhanden.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück wartete ich auf die Visite, denn ich sollte ja entlassen werden. Per sms fragte ich Moni, ob sie mich abholen könne. Sie schrieb, sie könne aber erst nach 16 Uhr. Ich antwortete ihr, dass das nicht so schlimm sein würde, hauptsache, sie käme überhaupt.
Eine Ärztin unternahm eine Entlassungsuntersuchung und stellte einen Kurzbrief an meinen Hausarzt aus. Dann war ich offiziell entlassen. Das muss so gegen 9 Uhr morgens gewesen sein, Samstag morgen.
Ich hatte ja nicht viel einzupacken. Das Waschbecken im Zimmer hatte ich ja nicht angerührt und auch keinen Schrank leer zu räumen. Alles was ich hatte war in der Schublade meines Nachtschrankes und in einer Tüte, die unten im Fach stand und meiner Handtasche. Zum Glück hatte ich geistesgegenwärtig noch eine Jeanshose, Socken und ein paar Turnschuhe einpacken lassen. Ich zog den Rock aus und die Jeans an. Ich zog die Turnschuhe an und nahm meine Jacke. Dann nahm ich meine Handtasche und die Plastiktüte in der nun der Rock war und ging auf den Gang. Ich fragte eine Schwester, wo ich warten könnte, denn ich würde erst später abgeholt werden. Man verwies mich auf den Aufenthaltsraum. An dem war ich schon einige Male vorbeigekommen, auf meinen Reisen nach Indien. Es war ein größeres Zimmer mit Tischen und Stühlen und einem Fernseher. Dort setzte ich mich auf einen Stuhl und schaute auf die Uhr. Es war 9.20 Uhr. Ich würde also über 7 Stunden jetzt hier warten müssen. Uff. Die Minuten krochen langsam dahin. Es dauerte eine Ewigkeit bis eine Viertelstunde vorüber war. Ich beschloss die Treppen langsam hinunter zu gehen zu versuchen und mal zu sehen wie es sich draußen anfühlte.
Es klappte ganz gut. Ich hielt mich am Geländer fest und konnte die Treppen schaffen. Unten trat ich ins Freie. Es war kalt, aber nicht zu sehr kalt. Die frische Luft tat gut. Die Sonne schien. Ich beschloss, vorsichtig etwas umherzulaufen und herauszufinden, wo ich mich befand. Vielleicht würde ich ja aus dem Klinikbereich hinausgehen können und in einen Bus steigen können. So ziemlich jeder Bus würde zum Bahnhof fahren und von dort aus, wäre es kein Problem, in einen Bus zu steigen, der fast bis vor meine Haustüre fahren würde. Ich wühlte in meiner Handtasche nach meinem Portemmonaie. Ich fand darin 1,10 Euro. Hm, das reicht nicht einmal für eine einzige Busfahrkarte. Also müsste ich vor der Haltestelle noch einen Geldautomaten finden. Na, das war wohl zu viel Optimismus. Dennoch schwankte ich weiter die Strassen entlang. Die Bordsteinkante zappelte hin und her und die Umrisse der Häuser wollten einfach nicht stillhalten. Da war es so ziemlich das erste Mal, dass ich dachte, wie unerträglich es doch ist, wenn man über längere Zeit ein Schwindelgefühl hat. Dennoch ging ich tapfer weiter langsam diese Strasse entlang. Der Wind pfiff mir in den Kragen und ich zog den Reißverschluss meiner Jacke fest bis zum Anschlag hoch und zog den Kopf ein wenig ein. Immer wieder drehte ich mich um, um die Orientierung nicht zu verlieren und notfalls das Gebäude aus dem ich gekommen war, wiederzufinden. Nach einer Weile und nur 2 Abbiegungen sah ich eine Schranke. Ein Ausgang vom Klinikgelände. Ich hoffte, dass dahinter die Strasse, die Feldstrasse wäre, denn dann wüsste ich wo ich bin. Und so war es.
Ich schritt durch die große Porte hinaus in die Stadt. Zum Glück kenne ich fast ganz Kiel wie meine Westentasche und ich wusste genau wo ich war und genau wie weit es bis nach Hause sein würde. Quasi einmal quer durch die ganze Stadt, geschätzte 6 bis 8 km. Ich ging ein Stück die Feldstrasse entlang, die dann auf die Brunswiker Str. traf. Dort ging ich brav an der Hauswand entlang. Einmal um ein wenig vor dem beißenden Wind geschützt zu sein , aber auch damit ich mich halten könnte, falls ich doch mal fallen würde. Denn ich war wackelig auf den Beinen. Ich fürchtete stets, Passanten könnten mich für betrunken halten. Ich erreichte eine Sparkasse mit Geldautomat. Ich ging an den Automaten, und zog 50 Euro, die leider nur als 50-Euro-Schein ausgegeben werden konnten. Ich wusste, dass Busfahrer einen 50 Euro-Schein nicht annehmen würden. Das war bekannt. Bei einem Fahrpreis von ca. 2,40 Euro würden sie bei einem 5 Euro Schein vielleicht eine Ausnahmen machen, aber niemals bei einem 50 Euro-Schein. In der warmen Vorhalle der Sparkasse, in der ich das Geld zog, verweilte ich etwas um mich aufzuwärmen und schrieb Moni eine weitere sms:
"Habe mich auf den Weg gemacht. Geldautomat gefunden. Suche mir Bus. Brauchst wohl nicht los."
Nach 5 Minuten kam eine Antwort, ich wollte gerade die Vorhalle verlassen: " Hätte auch nicht gekonnt, maus. Bin in anderer Richtung unterwegs. Mach aber langsam. Melde mich später."
Ich muss zugeben, ich war enttäuscht von Moni. Was, wenn ich nicht losgelaufen wäre und im Aufenthaltsraum weiter gewartet hätte. Es war inzwischen 10 Uhr und ich hätte inzwischen eine gute halbe Stunde gewartet in der Annahme nach 16 Uhr abgeholt zu werden. Wann hätte sie es für nötig befunden, mich davon in Kenntnis zu setzen, dass ich umsonst warte? Ich erinnerte mich daran, dass sie mal zu mir sagte, sie wäre immer für mich da und ich könnte sie jederzeit anrufen, wenn was wäre, Tag und Nacht. Nun fand ich es schmerzhaft, herauszufinden, was passiert, wenn wirklich mal was ist. Aber vermutlich hat sie die Situation nur falsch eingeschätzt, dachte ich und wird aus allen Wolken fallen, wenn ich ihr genauer erzähle, was los war.
Ich setzte meinen Weg fort. Ich ging auf jeden Fall weiter Richtung Heimat. Den Weg kannte ich genau. Es waren unzählige Abbiegungen und Ecken zu gehen, so richtig quer durch die Stadt. Den Weg jemanden erklären zu müssen wäre eine riesengroße, fast unlösbare Aufgabe gewesen. Ich war auf jeden Fall entschlossen nun auf eigene Faust nach Hause zu kommen, irgendwie. Jedoch fühlte ich mich ein wenig hilflos, weil mir immer noch so verflucht schwindelig war. Ich würde, um ggf. in einen Bus einsteigen zu können, den 50-Euro-Schein wechseln müssen. Aber hier sah ich jetzt erst mal noch keinen Laden.
In manchen Strassen war der Wind nicht so böse, weil die Häuser ein wenig schützen. In anderen Strassen dagegen pfiff der Wind energisch um die Ecken und ich zog mit einer Hand meinen Kragen noch etwas höher. Ich hatte die Idee, den schwarzen Rock aus der Tüte zu holen und ihn wie einen Schal um den Hals zu wickeln. Das würde zwar vermutlich ziemlich bescheuert aussehen, aber ich wollte mir im Bereich Hals bzw. Ohren nicht noch was einfangen. Ich bin sehr empfindlich an Hals und Ohren, schon immer gewesen.
Ein paar Ecken weiter kam ich an einem Kik-Laden vorbei. Ich spielte mit dem Gedanken hineinzugehen und mir einen billigen Schal zu kaufen. Aber ich verwarf den Gedanken wieder. Einen Schal kaufen, und dann möglicherweise noch 2 mal eine Busfahrkarte. Das alles zusammen würde mich fast 10 Euro kosten. Und ich war ohnehin schon knapp bei Kasse und wer weiß, wann ich wieder arbeiten gehen und was verdienen würde. Also ging ich weiter. Ich näherte mich allmählich dem Stadtzentrum, genauer gesagt dem Exerzierplatz. Dort hätte ich sicher schon mehr als die Hälfte des Weges geschafft. Am Exerzierplatz war eine Bäckerei und dort war auch ein Lokalität untergebracht, wo man Kaffee und Kuchen verzehren konnte.
Ich schätze, es muss so gegen 11 Uhr gewesen sein, als ich die Bäckerei betrat. Sie war gerade gut besucht und ich stellte mich an der Schlange der älteren Leute an und holte mir einen Kaffee. Ich trank den Kaffee gemütlich im warmen sitzend am Fenster, den Blick über den Exerzierplatz -Marktplatz im Zentrum von Kiel. Das ist übrigens der Markplatz, den Brösel darstellte in seinen Comics, bzw. auch im Film, wo dieses Fußballspiel stattfindet. Mein Blick ging über den Platz, auf der anderen Seite waren die Häuser auf dessen Dächer die Möwen im Werner-Comic biertrinkend dem Fußballspiel zusahen.
Es war urgemütlich und so schön kuschelig warm. Ich war natürlich immer noch unrasiert und die blonden Haarstoppel sprossen mir aus dem Kinn. Ich war natürlich auch ungeschminkt und hatte zerzauste fettige Haare. Ich trug eine Jeanshose, knöchelhohe schwarze Turnschuhe und eine olivgrüne Steppjacke. Dennoch habe ich das Gefühl, als Frau wahrgenommen worden zu sein. Aber ganz ehrlich: In dieser Situation war mir das ziemlich egal. Ich wollte nur etwas Pause machen, mich aufwärmen und dann den Weg nach Hause schaffen. Und ich wollte vermeiden, zu sehr zu schwanken, weil mir nach wie vor schwindelig war.
Jetzt würde ich den Rest des Weges auch noch laufen. Von hier würden sicher Busse in die richtige Richtung fahren. Jedoch würde ich möglicherweise nachdem ich endlich eine richtige Haltestelle gefunden hätte, noch eine halbe Stunde auf den Bus warten müssen. In der Zeit würde ich den Restweg auch Laufen können. Ich war jetzt erst mal aufgewärmt und die Sonne schien noch immer. Ich ging los. Langsam und darauf achtend nicht zu sehr zu schwanken und ja nicht hinzufallen.
Ich glaube, während der letzten 1 bis 2 km wurden meine Schritte etwas schneller. Ich freute mich auf zuhause. Aber ich erinnerte mich auch daran, dass der Eimer mit dem Erbrochenen noch vor meinem Bett stehen würde. Und der Dreck, den die Sanitäter in die Wohnung getragen hatten würde auch noch da sein. Ich würde also erst mal den Eimer ausleeren und auswaschen, das Fenster öffnen und durchwischen müssen. Aber ich wusste, dass das noch ein wenig viel sein würde, denn der Schwindel blieb hartnäckig.
Während der letzten 200 bis 300 Meter begann es leicht zu schneien. Leichter Schneegriesel fiel vom Himmel und ich dachte: "Hui, da habe ich ja gar nicht dran gedacht. Was, wenn unterwegs das Wetter richtig mies geworden wäre? Was wenn es richtig heftig zu schneien und zu stürmen begonnen hätte? Vermutlich hätte ich dann mit meinem Handy ein Taxi gerufen."
Als ich zu Haus ankam und meine Wohnung betrag, war ich überrascht, dass es nicht nach Erbrochenem stank. Denn in dem Eimer war ja fast eine ganze Rolle Toilettenpapier. Dennoch öffnete ich sofort die Fenster zum Lüften und leerte den Eimer aus und wusch ihn sauber. Erst eine Weile später feudelte ich den Fußboden. Langsam aber sicher machte ich eins nach dem andren. Dann telefonierte ich lange mit meiner Mutter und erzählte ihr alles.
Mein Blick fiel auf meine E-Zigarette die neben dem Computer in ihrem Ständer stand. Nein, es war nicht so , dass ich in der Klinik keinen Gedanken ans Rauchen verschwendet hätte. Ich habe sehr wohl daran gedacht. Aber erst spät, ich glaube am Freitagabend zum ersten mal, nachdem ich gut gegessen hatte. Ich war entschlossen, sie jetzt nicht mehr anzurühren. Ich lies sie wo sie war. Moni meldete sich nicht.
.... to be continued.