Hei ihr Lieben
Vielen Dank für eure Rückmeldungen zu meiner Geschichte. Und nun soll es weiter gehen. In den letzten 2 Wochen ist auch recht viel passiert, aber dazu mehr, wenn ich mal im Jahr 2026 angekommen bin.
Wir sind im Sommer 1997 und ich lernte meine spätere Frau kennen.

Wie ich so auf Wolke 7 schwebte dachte ich bei mir, dass ich jetzt doch ganz Mann bin, die Phase des Verkleidens vorbei sein. Ich deponierte meine spärlichen Habseligkeiten zwar zunächst im Keller, denn wenn ich meine Freundin in meine kleine Einraumwohnung einlasen möchte, sollte sie nichts verdächtiges aus meiner Vergangenheit finden. Und schon bald entsorgte ich alles, was ich hatte, in einem schwarzen Müllsack in einer der gemeinschaftlichen Mülltonnen an dem Morgen, wo die Tonnen an der Straße standen und ich machte gedanklich einen Haken an meine weibliche Seite. Jetzt bin ich ja ganz Mann.
Wir lernten uns den Sommer über immer mehr kennen. Ich war zu der Zeit unter der Woche aber auf einem 6-wöchigen Lehrgang, so dass nur die Wochenenden blieben. Aber das war ja auch sehr schön. Es entwickelte sich eine Liebe, die 23 Jahre andauern sollte. Unseren ersten gemeinsamen Urlaub verbrachten wir dann im Juni 1998 in Hamburg. Ich war also in meinem Männermodus und dann kam die Entscheidung, bei der Bundeswehr nicht zu verlängern, sondern zu studieren. Da ich näher bei meinem Schatz sein wollte, zog ich im August 1998 dann in eine kleine, aber etwas größere Einraumwohnung in einer kleinen Stadt. Der Weg zur FH war ja von beiden Orten in etwa gleich weit. Vorher bestellten wir dann noch ein schönes Doppelbett und richteten die Wohnung schön ein.
Zum Wintersemester 1998 / 1999 begann das Studium und nach der langen Zeit bei der Bundeswehr fiel die Umstellung auf das Lernen nicht ganz leicht. Aber frau, nee, zu der Zeit ja mann, wächst mit seinen Aufgaben. Wir führten also eine "normale" Beziehung und ich hatte mit Studium und Praktika viel um die Ohren. Und dennoch war da etwas in mir, das ich nur zu gut kannte, aber in den letzten rund 2,5 Jahren ignoriert hatte. Sabrina war noch da, nur sehr tief in mir, nicht wirklich präsent. Zwischenzeitlich gab es das Internet, noch mit einem Modem und unglaublich langer Ladezeiten. Aber ich merkte, dass ich doch nicht so ganz alleine bin, wenn ich mich in weiblicher Kleidung wohl fühlte. Also verbrachte ich abends doch einige Zeit damit, viel über das Thema Trans zu lesen. Und langsam begriff ich, was das bedeuten könnte.
Es kamen die Gedanken, ob ich krank bin, ob es ein Fetisch ist, etwas sexuelles oder perverses. Aber irgendwie verneinte ich das. Was ist es dann? Ich bin eine Teilzeitfrau, ja das passt. So hatte ich zumindest für mich schon mal eine Erklärung. Dank Internet konnte ich nun bei eBay nach Sachen stöbern, mir Klamotten für kleines Geld kaufen und auch Schuhe in meiner Größe 45. Dann kam die erste Perücke. Schwarz sollte sie sein und als sie kam, war ich mehr als enttäuscht. Gut, für 20 DM konnte ich keine Wunder erwarten. Aber die Haare sahen aus wie ein verkohlter Wischmopp. Gut, also eine blonde Perücke, so ist meine natürliche Haarfarbe. Kam, so besser aus als der Wischmopp, aber noch nicht ganz so gut. Aber besser als nichts und als Student hatte ich ja nun nicht wirklich so viel Geld. Wenn meine Freundin länger arbeiten musste oder ich am Samstag lernen musste, nutzte ich die Gelegenheit, mich in Schale zu schmeißen und den weiblichen Teil von mir zu leben. Nur gut, dass es aus der Zeit keine Fotos mehr gibt.
Es folgten Praktika und dann im Sommersemester 2002 die Diplomarbeit. Da wollte ich unbedingt gut abschneiden und war auch an den Wochenenden meist mit Recherchieren und Schreiben beschäftigt. Da blieb für Sabrina keine Zeit. Nach bestandenem Kolloquium fuhren wir für 2 Wochen nach Sylt um auszuspannen, denn am 1. Oktober 2002 trat ich meine erste Stelle an, die aber jeden Tag eine Fahrzeit von mehr als 3 Stunden hin und zurück bedeutete. Da war auch an den Wochenenden, wenn meine Freundin mal mit ihren Freundinnen unterwegs war, für Sabrina keine Zeit, zumal wir uns ab November 2002 eine größere Wohnung mieteten und ich noch einiges renovieren musste. So konnten wir aber Weihnachten 2002 in unserer ersten gemeinsamen Wohnung feiern.
In den Jahren 2003 und 2004 hatte ich meist nur am Samstagnachmittag etwa 3 Stunden Zeit für Sabrina, da meine Frau - Hochzeit war 2003 - dann meist im Fitnessstudio war. Wir hatten vereinbart, dass sie mich anruft, wenn sie zum Umziehen geht, damit ich kochen kann. So hatte ich dann immer die Zeit, wann ich mich abschminken, umziehen und meine Sachen wieder in den Keller bringen musste. Und hier schwang immer die Angst mit, was passiert, wenn sie mitgenommen wird oder es ihr schlecht geht und sie eher kommt und genau dann der Akku des Handys leer ist. Aber das ging immer gut. Auch habe ich es immer geschafft, den Mascara und den Lidschatten gründlich zu entfernen.
Zum Oktober 2002 wurde ich arbeitslos, da mein Zeitvertrag trotz dringendem Bedarf nicht verlängert werden durfte.

Dann brach ich mir im November 2002 noch das Bein und Sabrina musste wieder aus meinem Leben verschwinden. Die Arbeitssuche gestaltete sich mit dem Beinbruch doppelt schwierig und ich wurde immer depressiver. Meine Frau kümmerte sich so gut es ging um mich, doch sie hatte eine neue artfremde Aufgabe bekommen und war auch sehr stark eingebunden. So überlegte ich, was mir helfen kann und als ich Anfang 2005 wieder einigermaßen laufen konnte, bekam auch Sabrina unter der Woche wieder Raum. Bewerbungen kann frau ja auch sehr gut in Rock und Bluse schreiben.

Ich weiß gar nicht, wie viele Bewerbungen ich geschrieben habe. Damals alles noch mit Papier und schöner Mappe. Die Kopien konnte ich zum Glück beim Arbeitsamt machen und auch das Porto wurde erstattet. Und es kamen, wenn überhaupt, nur Absagen. Also was tun? Ich glaube, ich machte dann das, was viele in so einer Situation auch machen. Ich begann, Versicherungen und Finanzdienstleistungen zu verkaufen, was eigentlich so richtig gehen meine Natur war. Dementsprechend erfolgreich war ich auch, aber mit dem Gründungszuschuss und einigen guten Abschlüssen ging es einigermaßen. Ich konnte meine Zeit einteilen und war auf Stadtfesten unterwegs und besuchte viele Kunden aus dem Altbestand. Und zu dieser Zeit wurde meine innere Unruhe immer größer. Irgendwie fühlte ich mich in meiner Rolle des Versicherungsvertreters nicht wohl. Ich wurde depressiver und dann war Sabrina wieder da. Ich lebte diese "Rolle" recht häufig und fühlte mich stimmig und befreit. Aber dann war da die Angst, was passiert, wenn meine Frau mich erwischt. Das war der negative Punkt an der Sache. Was soll ich tun? Soll ich weiter alles verstecken, meine Identität - gut, damals wusste ich es noch nicht - leugnen? Soll ich es ihr beichten? Wenn ja, was passiert dann? Hat sie Verständnis? Verlässt sie mich bzw. schmeißt mich raus? Was soll ich nur machen? Hier habe ich wirklich viele Wochen mit mir gerungen. Und dann traf ich eine Entscheidung.
So, ich mag ja diese Cliffhanger. Seht es mir nach.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und ein schönes Wochenende.
