Erst einmal vielen lieben Dank für eure Rückmeldungen und auch, dass ihr gerne die Fortsetzung lesen möchtet. Da ich heute noch ein wenig Zeit habe, schreibe ich also meine Erinnerungen des nächsten Lebensabschnittes mal auf.
Während der Schulzeit gab es ja immer nachmittags mal die Gelegenheit, dass ich ein wenig alleine war. Doch nach der mittleren Reife folgte die Lehre in einem damals typischen Männerberuf in der Metallindustrie. Das hieß dann für mich, bis nachmittags arbeiten oder in die Berufsschule fahren. Selbst danach ging es noch in die überregionale Ausbildungswerkstatt. Also blieb unter der Woche gar keine Zeit mehr. Am Wochenende war ich dann aber nicht alleine und ich hatte auch noch kein Auto, um mal zu einer einsamen Stelle im Wald zu fahren, Rock und Bluse anzuziehen und ein wenig spazieren zu gehen. Und ich denke, ich hätte mich eh nicht getraut. Also war Sabrina erst einmal ein Teil von mir, der tief in meinem Inneren eingesperrt war, keine Luft zum Atmen hatte und vor sich hinlitt.
Nach der verkürzten Lehrzeit ging es im Anschluss auf die Fachoberschule. Endlich wieder Ferien, dachte ich, Zeit für Sabrina. Aber Pustekuchen. Der Stoff war sehr anspruchsvoll und gerade in Mathematik war viel nachzuholen, was in der Realschule gar nicht Thema war. Dazu kam ein Lehrer, der mit rechts schrieb und mit links gleich alles wieder wegwischte. Warum Menschen Lehrer werden die nicht erklären können, habe ich bis dato nicht verstanden. Aber ich musste mit der Situation leben und so lernte ich viel am Nachmittag und auch in den Ferien. Und ich hatte nun ein Auto und das musste auch finanziert werden. Also arbeite ich oft samstags und verdiente mir so die ein oder andere Mark dazu. Aber für Sabrina war wieder keine Zeit. Es war echt zum Mäusemelken.
Aber auch das eine Jahr verging und mit der Fachhochschulreife in der Tasche wollte ich dann studieren. Aber dem Stand zunächst noch die Bundeswehr entgegen. Aber das eine Jahr schaffe ich auch und dann kann ich in eine andere Stadt ziehen und studieren. So der Plan. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Wer kennt das nicht?! Aus dem geplanten Jahr Bundeswehr wurden 4 Jahre. Schon in der Grundausbildung merkte ich, dass ich gerne draußen bin, durch den Wald laufe und auch bei Regen im Schlamm keine Probleme hatte. Endlich war ich ein normaler Mann, dachte ich. Ja, die Ausbildung zum Unteroffizier machen doch nur richtige Männer. Sabrina war zu dieser Zeit vergessen, nicht mehr existent, zumindest dachte ich das. Nach diversen Lehrgängen wurde ich nach Thüringen versetzt. Das war von NRW doch eine richtige Ecke weg. Aber eine eigene Wohnung, Freiheit. Und plötzlich fing ich wieder an, die Frauen zu beobachten, wie sie sich bewegen, kleiden, verhalten. Auch in der Kaserne gab es ja schon Mitte der 90er Soldatinnen und ich fand den Pferdeschwanz unter dem Barrett immer besonders chic.
Wer bei der Bundeswehr war, weiß ja auch, dass überall in den Mannschaftsstuben und in den Wachräumen Hefte rumlagen wie Coupe oder Praline. Gibt es die eigentlich heute noch? Ich weiß es nicht. Und bei den Wachdiensten oder den UvD-Wochenenden las ich eben auch die Zeitschriften. Und da war es wieder, das Gefühl, auch so leben zu wollen, auch Brüste zu haben, keinen Penis und einfach schöne Kleidung tragen, drüber und drunter. Nur Nacktaufnahmen waren nie ein Bedürfnis. Sabrina gab es also doch noch, sie war nicht verschwunden, wie ich dachte. Und sie klopfte heftig in meinem Inneren an. Und da war diese Zerrissenheit. Auf der einen Seite der männliche Teil, der noch rund 2 Jahre bei der Bundeswehr bleiben musste, auf der anderen Seite Sabrina, die sich in dieser Männerwelt so überhaupt nicht wohl fühlte. Wie soll ich mit diesem inneren Konflikt umgehen? Ich hatte niemanden, an den ich mich wenden konnte, mit dem ich reden, meine Seele erleichtern konnte. Darunter litt ich nicht zu knapp, wie mir jetzt beim Schreiben gerade richtig bewusst wird.
Ich flüchtete mich in die Arbeit, übernahm Dienste am Wochenende um nicht alleine zu sein. Und ich besuchte regelmäßig Verwandte, half dort beim Hausbau oder in der Landwirtschaft. Alles eine Flucht vor mir, vor Sabrina. Zu der Zeit dachte ich immer noch, ich bin krank, pervers und mehr oder weniger alleine mit meinem Wunsch. Rückblickend war dies eine Zeit die vielleicht schon eine erste depressive Episode darstellte. Aber auch über psychische Erkrankungen wurde nicht gesprochen und wenn, dann meist abwertend mit denen da aus der Klappse. Die Zeiten sind zum Glück ja weitestgehend vorbei.
An einem Wochenende entdeckte ich während des Tagesdienstes als UvD in einem der besagten Hefte eine Anzeige des Versandhandels Transformation aus England. Die gibt es sogar noch. Ich weiß noch, dass ich die gesamte Seite aus dem Heft riss. Zu Hause muss ich mir dann irgendwie einen Katalog bestellt haben. Ich kann aber nicht mehr sagen, wie. Wahrscheinlich mit einer Postkarte. Naja, irgendwann kam dann der Katalog und ich war in meiner Naivität begeistert von dem Angebot. Ich bestellte mir natürliche Brüste, High Heels und ein oder zwei Magazine. Auch das wahrscheinlich mit einer Postkarte. Da merke ich, wie alt ich schon bin. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam dann das Paket, d.h., die Abholkarte. So ein Mist. Also ging es am nächsten Tag zur Post. Hoffentlich ist das auch wirklich ein neutraler Absender, hoffentlich werde ich nicht rot, fange an zu schwitzen. All diese Gedanken gingen mir durch den Kopf. Und es ging alles gut. Also nichts wie ab nach Hause und voller Freude das Paket aufgemacht. Und dann kam die Enttäuschung. Ich hatte zwar noch nie eine Freundin gehabt, aber das waren alles, nur keine lebensechten Brüste. Heute kann ich über diese Naivität einfach nur lachen, damals war es aber eine richtig herbe Enttäuschung. Zumindest passten die Schuhe und ich stakste dann die nächste Zeit in der Wohnung umher wie der Storch im Salat. Über einen anderen Versand bestellte ich mir dann noch Strumpfhosen und ein wenig Bekleidung. Aber das Ergebnis im Spiegel wäre eher was für Halloween gewesen. Aber das wurde zu der Zeit noch nicht gefeiert. Jetzt war ich zwar in meiner eigenen Wohnung, hatte viele Freiheiten und war doch recht unglücklich. Gefangen in einem Körper, der mir nicht gefiel, in einer Umgebung, die ich noch möchte und viel zu schüchtern, einfach nach Erfurt zu fahren und mir die Sachen zu kaufen, die ich gerne anziehen wollte. Schöne Röcke, Blusen, Schuhe, mal sportlich, mal elegant. So war Sabrina zwar präsent, aber dennoch weiter gefangen und alleine, wie die meiste Zeit ihres Lebens.
Dann kam der Sommer 1997 und es änderte sich so einiges in meinem Leben. Aber das erzähle ich dann im nächsten Teil.

Dann auch noch mal hier vielen Dank fürs Lesen.
