Hallo Miss Ratlos,
erstmal auch ein herzliches Willkommen auch von mir! Ich finde es immer wieder gut, wenn Partnerinnen sich aktiv einbringen, verstehen wollen und auch ihre Sicht der Dinge darlegen.
MissRatlos hat geschrieben: Fr 24. Okt 2025, 20:12
Wir haben vor zusammenzuziehen und im rahmen Rahmen dessen hat er mir erzählt, dass er seit ca zehn Jahren im privaten „heimlich“ Frauenkleidung trägt.
Dann erstmal Glückwunsch an euch beide, aber insbesondere auch an ihn, dass er den Mut gefunden hat, sich Dir gegenüber zu öffnen. Ich kann auch eigener Erfahrung sagen, dass dies ein Riesenschritt ist, und ich damals wahnsinnig panisch war, weil ich keine Ahnung hatte wie meine Frau reagieren würde. Ich habe wochenlang mit mir gehadert, aber letztendlich wollte ich es ihr aus eigenen Stücken sagen, und nicht in irgendeiner Weise "erwischt" werden.
MissRatlos hat geschrieben: Fr 24. Okt 2025, 20:12
Doch er wollte sämtliche Kleidung loswerden und meint, dass ich ihm durch das erfüllte sexuelle und meine feminine Art alles gebe, was er braucht.
Was denkt ihr darüber? Kann ich ihn irgendwie unterstützen oder soll ich das Thema einfach „ruhen lassen“?
Meine Erfahrung und auch die vieler anderer ist es, dass es irgendwann zurück kommt. In Wochen, Monaten oder Jahren - aber dann mit voller Wucht. Besser ist es immer, zu sich zu stehen und die eigenen Bedürfnisse zu verstehen und zu kanalisieren. Dazu kann man aber niemanden zwingen, doch man kann ihm den Freiraum (zeitlich - räumlich - emotional), den es dazu vielleicht braucht, einräumen. Das kann z.B. auch bedeuten, dass an zwar zusammen zieht, aber die zweite Wohnung als Rückzugsort behält - sofern es finanziell abbildbar ist. Ich kenne einige Paare, die eine strategisch günstige Zweitwohnung (z.B. am Meer oder in der nächsten Großstadt) haben und zwar genau zu diesem Zweck.
MissRatlos hat geschrieben: Sa 25. Okt 2025, 08:38
Als er versucht hat, dieses Verhalten zu erklären habe ich ihm auch gesagt, dass Ende der Grund für dieses Verlangen irrelevant sei; wichtig ist mir nur, dass er glücklich ist. Und wenn das Teil seiner Identität ist, möchte ich nicht, dass er es aus Scham oder Angst unterdrückt.
Wow, da geht mir das Herz auf!

Genau so hat meine Frau auch reagiert und ich bin ihr so unendlich dankbar dafür! Leider sind mir auch Fälle bekannt, in denen Partnerinnen Teller geworfen oder ihre Sachen gepackt haben. Da öffnet man sich und trägt quasi sein Innerstes auf einer Servierplatte vor sich und dann schlägt einem der Mensch, den man so liebt, die Nase vor der Tür zu. In diesem Sinne: Chapeau für deine Reaktion!
MissRatlos hat geschrieben: Sa 25. Okt 2025, 08:38
Wenn ihr euch Frauenkleidung anzieht, habt ihr denn dann das Bedürfnis „für euch“ zu sein, es alleine auszuleben oder würdet ihr es gerne mit eurer Partnerin teilen?
Sowohl als auch. Es gibt intime Momente, bei denen ich ganz in mich versunken bin, mir vor dem Spiegel einen Zopf flechte, mir die Beine rasiere oder die Nägel lackiere. Es gibt Momente, in denen ich meinen Kleiderschrank durchprobiere, welches Outfit für den nächsten Ausflug wohl angemessen wäre und gerne den Rat meiner Frau einhole. Und es gibt Momente, in denen ich gerne unter Leuten bin, mich zeige und am liebsten die ganze Nacht durchtanzen würde.
MissRatlos hat geschrieben: Sa 25. Okt 2025, 16:42
Ein Ausleben außerhalb der vier Wände schreckt ihn allerdings (noch?) ab. Aufgrund seines Berufs und seiner dortigen recht hohen Stellung furchtet er, nicht mehr ernst genommen zu werden.
Diese Angst kenne ich nur zu gut. Meine ersten Ausflüge waren geradezu geheimdienstlich organisiert: Mit der Bahn gefahren (um nicht in einen Blitzer zu geraten), alles bar bezahlt (damit nichts auf einem Kontoauszug auftaucht) und das Handy zuhause gelassen (damit man mich nicht orten konnte). Aber was wenn mich die Nachbarn sehen? Oder ein Mitarbeiter? Komplette Paranoia. Letzendlich erkennt mich NIEMAND, wenn ich en femme unterwegs bin und ich habe komplette Narrenfreiheit. Ich hätte an meinen Eltern vorbei gehen können und sie hätten nicht den geringsten Verdacht geschöpft - mittlerweile wissen sie um meine feminine Seite und sind höchst interessiert an meinen Erlebnisberichten.
Ich kenne einige Crossdresser die im realen Leben stark in der öffentlichkeit stehen (z.B. Politiker, Professoren, Pastoren, Ärzte, Offiziere, Lehrer) und trotzdem Wege finden ihre weibliche Seite zu leben. Das erfordert Chuzpe und oft auch Unterstützung durch Dritte, aber es geht. Zudem muss man ja nicht gleich durch die Fusgängerzone schlendern: Es gibt auch Stammtische, queere Clubs und private Parties wo man zwar unter Leuten, aber nicht wirklich in der Öffentlichkeit ist.
MichiWell hat geschrieben: Sa 25. Okt 2025, 18:33
MissRatlos hat geschrieben: Sa 25. Okt 2025, 16:42
Desweiteren sagt er, dass er, wenn er andere Männer in Frauenkleidung sieht, wie auch sich selbst, findet er es ehr abstoßend und nicht attraktiv.
Er sieht sich selber nicht gerne, zehrt aber von dem Gefühl, das er empfindet, wenn er die Kleidung trägt.
Vielleicht könnte ein professioneller Schminkservice ein gangbarer Weg sein, falls es für ihn irgendwann vorstellbar ist, sich "richtig" sehen zu wollen.
Genau das lag mir auch auf der Zunge. Meine ersten Selbstversuche waren schrecklich und frustrierend. Ich habe im wahrsten Sinne vor dem Spiegel gesessen und geheult. NIE wäre ich so auch noch vor die Tür gegangen! Erst die Besuche bei verschiedenen Transgender Services (Elli Hunter, Atelier Changeable, Schwesternzeit), haben mir gezeigt was möglich ist und wie man da hinkommt. Bei uns in Hannover ist leider nichts dergleichem, aber zu Schwesternzeit nach Hamburg ist es ein Katzensprung und Karin ist ne Wucht (Partnerinnen sind da übrigens auch gerne gesehen und nicht selten auch der Push-Faktor).
MissRatlos hat geschrieben: Sa 25. Okt 2025, 16:42
Jetzt gerade befindet er sich in einer Phase in der er der festen Überzeugung ist, dass für in das CD eben nur eine Phase war. Ich glaube allerdings, dass es das nicht ist sondern Teil von ihm ist und bleibt. Ich habe ehrlich gesagt große Angst vor dem, was kommt oder kommen könnte.
Einerseits gebe ich Dir recht, denn es ist vermutlich nicht "nur eine Phase" sondern tief in ihm drin. Was das allerdings genau ist, muss er selbst heraus finden. Das kann ein spannender Selbstfindungs-Ritt werden, der auch Partnerinnen einiges abverlangt. Solange man es aber gemeinsam (!) macht und sich gegenseitig über die eigenen Gefühle am Laufenden hält bzw. die des anderen respektiert kann es auch unglaublich verbinden. Und ganz wichtig: Zwischen einem Mann, der gerne mal einen Kleid trägt und einer Transfrau, die Hormone nimmt, liegt ein sehr weites Spektrum. Das ist leider den wenigsten bewusst und medial komplett unterrepräsentiert.
MissRatlos hat geschrieben: Sa 25. Okt 2025, 16:42
Er ist ein unfassbar toleranter, enpathischer und einfühlsamer Mann, keineswegs überspielt maskulin. Ich glaube eher, dass ihm einfach beide Seiten in ihm gefallen und es ihm auch gut tut, die weibliche Seite zeigen zu können.
Die weibliche Seite ist in uns schon immer vorhanden gewesen und ist Teil unserer Persönlichkeit, auch wenn sie sich nur selten direkt zeigt. Als Mann zart/verletzlich/empathisch/etc. zu sein (also alles was irgendwie "weiblich" kodiert ist), sich dies selbst einzugestehen oder gar offen auszuleben, gehört zu dem letzten Tabus unserer Gegenwart. Meine Frau hat sich in mich verliebt, gerade weil ich kein Testosteronbolzen war der jedem Rock hinterher schaut. Ihr war diese feminine Seite instinktiv bewusst, wenn auch nicht deren kompletten Tragweite - de facto schaue ich nämlich schon so manchem Rock hinterher, ob dieser mir nicht auch stehen würde.
MissRatlos hat geschrieben: Sa 25. Okt 2025, 16:42
Wie ich anfangs schon erwähnt habe, habe ich aus erster Ehe einen Sohn. Er ist sechs Jahre alt.
Ich weiß nicht, wie er sich einmal entwickelt wird, möchte das Thema allerdings noch gerne von ihm fern halten.
Das Outing gegenüber den Kindern im eigenen Haushalt ist delikat und es gibt hier eigene Threads zu. Das hängt sehr von der Persönlichkeit des Kindes und eurem sozialen Umfeld ab. Lass deinen Partner sich erstmal etwas finden, es besteht ja vorerst keine Notwendigkeit das Kind einzuweihen. Wir haben bis nach der Pubertät gewartet und das war genau richtig, auch wenn es dann natürlich hieß: "Und warum erfahre ich das erst jetzt??"
MissRatlos hat geschrieben: Sa 25. Okt 2025, 16:42
Ich habe ihm auch ehrlich gesagt, dass ich nicht weiß, wie ich damit umgehen werde, sollte ich ihn mal in Frauenkleidung sehe, dass ich aber weiß, DASS ich damit umgehen werde.
Wenn es dir zuviel wird, dann sage es ihm und dann muss man gemeinsam Kompromisse finden. Ich fahre auch gerne mal ein paar Tage weg und jeder genießt ein wenig Zeit für sich. Das muss eine Parterschaft auch mal abkönnen.
Vesta hat geschrieben: Sa 25. Okt 2025, 20:36
Tatjana_59 hat geschrieben: Sa 25. Okt 2025, 09:57
Vesta hat geschrieben: Fr 24. Okt 2025, 22:08
Das klingt nach fetischistischem Transvestitismus wie aus dem Lehrbuch.
Fetischistisches Lehrbuch? Nie gehört.
Viele Betroffene lassen sich nicht eindeutig in eine Klasse (oder Schublade) einordnen, da die Übergänge fließend sind und die Persönlichkeit verschiedene Anteile haben kann. Dennoch kann diese Klassifizierung hilfreich sein, um andere oder sich selbst zu verstehen. Mir hat es damals zumindest geholfen.
Dazu ein Hinweis: Sich selbst zu klassifizieren ist ok, von anderen in Schubladen ferndiagnostiziert zu werden ist erbärmlich! Mich hat eine solche Aussage (
Du bist ja nur ein Fetischist!) mehrere Jahrzehnte der Selbsterkenntnis gekostet. Geschlecht ist überaus vielschichtig und individuell, die klassische hierarchische Einteilung (Fetischist-Crossdresser-Transfrau) wird dieser Komplexität bei Weitem nicht gerecht, ist ein Relikt des 20. Jahrhunderts und kann gerne auch dort bleiben. Ich bin gerne Mann und gerne Frau. Mal trage ich Sicherheitsstiefel mal High Heels. Manchmal habe ich einen Vollbart und gerne auch einen französischen Zopf. Geht alles und darf alles sein.
Liebe Grüße aus der Region
Liv