Joo hat geschrieben: Di 19. Aug 2025, 18:11
hier mit der "Ästhetik" zu argumentieren ist keine gute Idee. Die gehört nämlich allen und niemandem.
Beides falsch: was mich und mein persönliches Outfit angeht, gehört sie MIR
Ich habe mich da mittlerweile nicht nur bezüglich der Genderrolle emanzipiert: ich bin z. B. auch rotgrünblind, ich sehe Farben deshalb anders als die Mehrheit - und lasse mir da auch nicht mehr vorschreiben, bestimmte Farbkombinationen zu meiden, weil sich das angeblich "schlägt". Ich seh's anders, mir gefällt's - und da es MEINE Klamotten sind, ist es halt so, basta. Andere Menschen muten mir ja auch oft Farbkombinationen zu, die
ich "unmöglich"finde. Dem Diktat der Mehrheit beuge ich mich nur noch insofern, als ich nicht mehr mit meiner roten Seidenjacke zu einer Beerdigung gehe, seit mir jemand gesteckt hat, dass die rot ist; bis dahin hatte ich die nämlich für schwarz gehalten
Joo hat geschrieben: Di 19. Aug 2025, 18:11
Immanuel Kant spricht hier von der subjektiven Objektivität und die lässt viel Raum. Auch denke ich, dass Transmenschen sich nicht nur aus ästhetischen Gründen für die eine oder andere Art der Badebekleidung entscheiden. Ich denke, da greift das persönliche Geschmacksurteil zu kurz.
Selbstverständlich ist Crossdressing nicht bloß eine ästhetisch-modische Variante; ihre Bedeutung und die Motivation dazu stammt aus sehr viel tieferen, archaischeren Schichten unseres Hirnkastels: Sex und Erotik spielen da eine riesengroße Rolle, aber auch vielerlei geschlechtsspezifische Aspekte unseres sozialen Verhaltens und unserer Selbstdarstellung. Der Wechsel ist ja nicht ohne Grund so "heikel" und angstbesetzt: da geht's um unendlich viel mehr als bloß um einen Modetrend!
Trotzdem ist auch die Ästhetik dabei ein wichtiger Aspekt: nämlich mein
persönliches, ästhetisches Empfinden. Ich beziehe mein Selbstbewusstsein als Frau im Alltag nicht zuletzt daraus, dass ich mich konsequent so kleide, wie ich
mir (!) im Spiegel am besten gefalle. Nach meinem, subjektiven Urteil ist das ästhetisch: ich finde, "man kann so rausgehen", ich kann mich so sehen lassen. Mir kommt dabei zugute, dass ich halbwegs schlank bin (weshalb ich da auch konsequent drauf achte), dass ich mit meinen 1,75 für eine Frau groß (aber auch nicht zu groß) bin und dass ich mich mit meinen 76 Jahren immer noch aufrecht halten und mich geschmeidig bewegen kann. Mit Hüftpolstern, Silis und einer in seriösem Rahmen betont weiblichen, figurnahen Kleidung "mache" ich so im Wortsinn sogar eine bessere, harmonischere Figur als die meisten meiner cis-Altersgenossinnen: für
mein Empfinden ästhetisch, und auch ein bisschen sexy - auch das gehört untrennbar zu weiblicher Ästhetik. Nur der unversteckt männliche Kopf darüber wirkt auf den ersten Blick natürlich irritierend. Aber daran kann man sich gewöhnen. In meinem gesamten, männlichen Leben habe ich mein Gesicht im Spiegelbild immer gehasst, ich empfand mich immer als abstoßend hässlich. Wenn ich mich heute im Spiegel anlächle, im Sommerkleid, mit Perlenkette und Ohrhängern, dann finde ich mich insgesamt - inklusive männlichem Kopf - auch nicht gerade "schön", aber doch immerhin sympathisch, ansehbar. Erst als Frau konnte ich endlich Frieden mit meinem eigenen Gesicht schließen, obwohl das als Einziges an meiner Alltagserscheinung männlich geblieben ist... Es hat wohl damit zu tun, dass ich in der weiblichen Rolle insgesamt mehr mit mir selber im Reinen bin; das zeigt sich dann auch in der unterbewussten Mimik, die wirkt seitdem harmonischer.
Bezüglich Ästhetik fällt mir da gerade noch etwas ein, was mich in früheren Jahrzehnten sehr verblüfft hat. Ich habe mir ja schon vor 27 Jahren die Brust aufbauen lassen, mit immerhin 2 x 500 ml - und obwohl das für mich gut und richtig war, und es mir damit dauerhaft sehr viel besser ging als vorher ohne, glaubte ich, das für meinen männlichen Alltag unter weiten Männerhemden verstecken zu müssen; "sozialkompatibel" nannte ich damals diesen Kleidungsstil, unter dem zwei undefinierbare Bollen an meiner Brust herumschwabbelten. Wenn ich mir - schon damals, bis heute - Fotos davon anguckte: einfach SCHEUSSLICH

Nur im Auslandsurlaub traute ich mich dann manchmal, in einem Hemd rumzulaufen, das zwar in Stoff, Muster und Machart genauso aussah wie meine gewohnten Männerhemden, das aber figurnah auf eine weibliche Oberweite zugeschnitten war. Da wölbten sich also meine Brüste schön proper symmetrisch nach vorne raus und zogen magisch die Blicke auf sich. Die Fotos in diesem Hemd waren nahezu die
einzigen, auf denen ich mich selber halbwegs ästhetisch ansehbar fand, auf denen ich mich selber mochte!
Was habe ich daraus gelernt? Dass ein weiblicher Busen an einem Mann unästhetisch, hässlich wirkt, wenn er wie ein Betriebsunfall, wie eine krankhafte Verwachsung notdürftig unter Männerkleidung versteckt gehalten wird. Dass aber derselbe Busen schön und ästhetisch wirkt, sobald er offen und stolz als solcher zur Schau gestellt wird -
auch als Mann, auch im Gesamtbild, trotz des vermeintlichen, geschlechtlichen Widerspruchs! Deshalb wähle ich heute ganz bewusst und systematisch Kleidung, die die Brüste optisch nochmal extra hervorhebt und gezielt den Blick darauf lenkt - und ich trage noch zusätzlich zu meinen Implantaten Silis im BH. Für
mein ästhetisches Empfinden - allein darauf kommt's letztlich an! - ist das einfach schön, ich mag mich selber so, ich fühle mich wohl darin, für mein Empfinden ist mein Erscheinungsbild damit insgesamt harmonisch. Und meine liebe Frau, die sonst mein Outfit durchaus auch schon mal aus ihrer ästhetischen Sicht kritisch kommentiert, widerspricht mir da zumindest nicht. Da ich mich in diesem Outfit selber mag, da ich es als authentisch empfinde und mich darin wohl fühle, zeige ich mich darin auch sehr gerne; das gibt Selbstbewusstsein. Und dieses gesunde, stabile Selbstbewusstsein im emotionalen Ausdruck bewirkt wiederum Akzeptanz in der Alltagsumgebung - weit mehr, als es ein krampfhaft auf "man trägt das so" angepasster Kleidungsstil je könnte. Die
direkte, optische Signalwirkung von Kleidung wird nach meiner Erfahrung maßlos überschätzt.