Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 25. Jun 2025, 08:31
Aber so wenig ich durchschnittliche Unterschiede auf Geschlechtereigenschaften beziehen kann (davon können wir ein Lied singen), kann ich das bei Gewalt auch nicht. Wir schauen gerne auf die Zahlen, welches Geschlecht wie straffällig wird. Aber die Frage müsste lauten, wieviel % der Männer straffällig werden ? Welche Rolle spielt das Alter oder der Alkohol ? Ich habe das Gefühl, dass hier Muster stecken, die noch nicht ausreichend beleuchtet sind. Interessant wäre auch die Frage, welche Rolle das Wertesystem einer Gesellschaftssystem spielt.
Sorry, Vicky, aber dazu gibt es wirklich tonnenweise belastbares Material. Die ganzen Nebenfaktoren werden seit Jahrzehnten beobachtet. Sozioökonomischer Status, Bildung, Familie, Biografie, kulturelle Einflüsse, usw. usf. Ja, auch das Wertesystem. Insbesondere seit einigen Jahren der Einfluss von social media auf die Radikalisierung von vulnerablen, sich abgehängt und benachteiligt fühlenden jungen Männern. Manosphere, Incels und was der gleichen Dinge mehr sind. Solch krasse Ereignisse wie auf dem französischen Festival sind ziemlich sicher auf solche Gruppen zurückzuführen. Immerhin haben sie sich quasi-öffentlich dazu verabredet.
Das ändert aber nichts daran, dass im Gesamtbild der geschlechtsspezifischen Gewalt gegen Frauen all diese Faktoren an Bedeutung verlieren und als Gemeinsamkeit nur "Mann" übrig bleibt. Natürlich lässt sich in jedem Einzelfall Ursachenforschung betreiben. Zum Beispiel warum ein bieder-bürgerlicher Mann, von seinem Umfeld als "liebender Familienvater" beschrieben, sich im Nachhinein als Schläger entpuppt oder seine Partnerin in einer destruktiven Beziehung gehalten hat. Der Punkt ist: Es gibt keine Vorhersage. Keine Kriterien, um zu sagen "der wird (eine) Frau(en) belästigen, nötigen, vergewaltigen, stalken oder töten".
Deshalb ist es für Frauen sinnvoll, sich jederzeit und gegenüber jedem Mann vorsichtig zu verhalten. Deshalb brauchen wir schützende Strukturen, Prävention, Aufklärung und Früherkennung soweit möglich. Deshalb brauchen wir auf der anderen Seite eine generelle Ächtung männlicher Gewaltbilder, "Alpha"-Zeugs und VerHERRlichung, Coaching und Therapie, und langfristig eine Abkehr von der gesamtgesellschaftlichen Erziehung zu dem ganzen Unfug.
Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 25. Jun 2025, 08:31
Ich halte es für verfehlt, Männer unter Generalverdacht zu stellen. Wir tun nicht nur ihnen damit Unrecht, sondern schaden uns auch selber, in dem wir in uns unnötige Ängste aufbauen, die sogar zu einer Paranoia aufbauen können. Und die machen ein Zusammenleben sehr schwer.
Ich fasse es noch mal zusammen: Für Frauen ist es nicht vorhersehbar, welcher Mann sie irgendwann belästigt und_oder sexualisierter Gewalt aussetzt. Ein paar mögen wahrscheinlicher wirken, einige Sitiuationen gefährlicher, aber rein statistisch kann es jeder sein. Vor allem auch in der eigenen Beziehung und dem direkten Umfeld. Generalverdacht "Mann" ist Selbstschutz.
Nur zwei Quellen diesmal:
https://www.bundesstiftung-gleichstellu ... rhaeltnis/ und
https://www.institut-fuer-menschenrecht ... gen-frauen
Zitat aus Quelle 1:
Eine Auswertung von Mustern von Gewalt in bestehenden Paarbeziehungen konnte aufzeigen, dass Frauen häufig wiederholte Gewalt durch Partner erleben (Schröttle/Ansorge 2008: 19 ff.):
* Von Mustern systematischer Misshandlung (durch schwerere körperliche, sexuelle und psychische Gewalt) in der aktuellen Paarbeziehung waren sechs Prozent der in Beziehung lebenden Frauen in Deutschland betroffen.
* Mehr als jede zehnte Frau (elf Prozent) hatte in der aktuellen Paarbeziehung Muster erhöhter psychischer Gewalt ohne körperliche/sexuelle Gewalt erlebt, die oft nicht als Gewaltmuster erkannt werden, aber mit schweren gesundheitlichen Folgen verbunden sein können.
* Darüber hinaus konnten bei etwa jeder fünften Frau weitere Muster mit a) gering ausgeprägter psychischer (ohne körperliche) Gewalt (15 Prozent), b) einmaliger leichter körperlicher Gewalt (drei Prozent) und c) leichter bis mäßig schwerer körperlicher Gewalt mit gering ausgeprägter psychischer Gewalt (drei Prozent) durch den aktuellen Partner identifiziert werden.
Von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz waren nach einer von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Auftrag gegebenen empirischen Studie für den Zeitraum Juni 2018 bis Mai 2019 fünf Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen betroffen, wobei Frauen diese häufiger durch Vorgesetzte erfuhren und sie auch insgesamt als bedrohlicher und belastender erlebten als Männer (Schröttle et al. 2019: 58; ebd.: 75 ff.).
Heisst: Allein im direkten Umfeld, Partnerschaft und Beruf, sind 10-20% der Frauen betroffen. Dazu gehören demnach auch 10-20% aller Männer als Täter. Das meint flächendeckend. Da sind KO-Tropfen im Club noch nicht drin.
Und weiter:
Risikofaktoren und Risikosituationen
Anders als häufig vermutet, betrifft Gewalt im Geschlechterverhältnis und Gewalt gegen Frauen alle sozialen und Bildungsgruppen; sie lässt sich auch nicht überwiegend auf „andere Kulturen“ beziehen (Schröttle/Ansorge 2008: 178). Besonders häufig betroffen sind Frauen, die in Kindheit und Jugend bereits Gewalt durch Eltern oder zwischen den Eltern erlebt haben (ebd.). Darüber hinaus stellt für Frauen die Trennungs- und Scheidungssituation, wenn sie sich von kontrollierenden und gewaltbereiten Partnern trennen, eine Hochrisikosituation dar (ebd.: 205). Mit Abstand am häufigsten von Gewalt betroffen sind Frauen mit Behinderungen. Je nach Gewaltform und Behinderung haben sie im Vergleich zu Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt zwei- bis viermal häufiger Gewalt in Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben erfahren (Schröttle et. al. 2013: 10).
Zur Prävention:
Bislang gibt es keine Hinweise darauf, dass Gewalt gegen Frauen und Tötungsdelikte an Frauen in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zurückgegangen sind und bisherige Aktivitäten und Maßnahmen zu einem relevanten Abbau der Gewalt geführt hätten. Deshalb ist Prävention von Gewalt im Vorfeld ihrer Entstehung wichtig.
Prävention von Gewalt gegen Frauen ist „nur durch eine Veränderung der Werthaltungen und geschlechtsspezifischen Rollenvorstellungen und Identitäten möglich“ (Schröttle 2017: 15). Machtdynamiken im Geschlechterverhältnis auf unterschiedlichen Ebenen müssen sichtbar gemacht und verändert werden. Notwendig sind gezielte Öffentlichkeitsarbeit, die Schulung verschiedener Berufsgruppen, die Sensibilisierung von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen, wobei Jungen und Männer noch besser erreicht werden müssen. Wichtig ist auch, egalitäre und gewaltfreie Geschlechterbeziehungen in der Bildungsarbeit von Kitas und Schulen zu vermitteln sowie in der Erwachsenenbildung und Gemeinwesenarbeit, z. B. in Nachbarschaftsprojekten (Schröttle et al. 2016: 87 ff.; Schröttle 2017: 207 f.; BIK 2021: 34).
Mit Blick auf die Prävention von häuslicher und sexualisierter Gewalt gegen Frauen empfehlen Schröttle et al. (2016: 114 ff.) folgende Maßnahmen:
* generelle Präventionsmaßnahmen in Schulen und Bildungseinrichtungen sowie gezielte Unterstützungsmaßnahmen für Kinder, die in Situationen häuslicher Gewalt leben oder gelebt haben;
* die Fortführung und Intensivierung von Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen gegen sexualisierte und häusliche Gewalt;
* den Ausbau flächendeckender Fort- und Weiterbildungen für alle relevanten Berufsgruppen;
* die gezielte Förderung von Beratung und Unterstützung aller Beteiligten in Trennungs- und Scheidungssituationen.
Für Deutschland empfiehlt das Bündnis Istanbul-Konvention (BIK) ein umfassendes Präventionskonzept, „das sich an alle Alters- und Zielgruppen richtet, das Jungen und Männer sowie potenzielle Täter und soziale Umfelder anspricht, und das von gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen“ sowie Migrant*innenorganisationen mitentwickelt wird (BIK 2021: 35).
Und Quelle 2 (Langfassung):
Laut einer repräsentativen Befragung der EU-Grundrechteagentur (FRA) aus dem Jahr 2012 haben 35 Prozent aller befragten Frauen in Deutschland (etwa 1.500 Frauen im Alter von 18 bis 74 Jahren) seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens eine Form von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt durch (ehemalige) Partner*innen oder durch andere Personen erfahren. Psychische Gewalt erfuhr etwa die Hälfte der befragten Frauen seit dem 15. Lebensjahr und etwa 11 Prozent erlebten wirtschaftliche Gewalt.
Die im Jahr 2020 durchgeführte repräsentative Befragung „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“ (SKiD) des BKA und der Polizeien der Länder mit 45.350 Personen, darunter 23.290 Frauen, zeigt, dass 6 Prozent der Frauen ab 16 Jahren innerhalb von zwölf Monaten strafrechtlich relevante Sexualdelikte erlebten, 1,3 Prozent Körperverletzungen und 4,6 Prozent verbale Gewalt im Internet (Jahresprävalenz).
Jede dritte Frau mindestens einmal im Leben. Sechs Prozent innerhalb von zwölf Monaten. Das sind hochgerechnet mindestens 1 Million Taten pro Jahr. Und zu jeder Tat gehört ein Täter, der ausser "Mann" keine verlässlichen Vorhersage- oder Risiko-Merkmale hat. Im Umkehrschluss wird jeder dritte Mann mindestens einmal im Leben Täter, sechs von hundert Männer innerhalb der letzten zwölf Monate. Selbst mit Mehrfachtätern wird das nicht wirklich weniger. Und das sind im gleichen Verhältnis Frauen als Opfer und Männer als Täter in unserem eigenen Umfeld.
Die PKS ist für ein realistisches Bild unzureichend (auch im Lagebild der Bundesregierung), weil:
Im Durchschnitt zeigen Frauen 66 Prozent der von ihnen erlebten Körperverletzungen, die mit einer Waffe und von einer einzelnen Person verübt wurden, an, 26,4 Prozent der erlittenen Körperverletzungen, die durch eine Person ohne Waffe begangen wurden, und nur 21,5 Prozent der durch mehrere Personen und ohne Waffe begangenen Körperverletzungen. Bei sexualisierter Gewalt ist die Anzeigeneigung der Betroffenen deutlich geringer: Durchschnittlich zeigen Frauen nur jede zehnte gegen sie gerichtete Straftat (9,6 %) im Bereich sexueller Missbrauch oder Vergewaltigung an. Die Anzeigenquote für von Frauen erlebte körperliche sexuelle Belästigungen liegt bei lediglich 2,6 Prozent und für das unerwünschte Zeigen von Geschlechtsteilen bei 2,4 Prozent.
Die Zahlen der PKS können also entprechend multipiziert werden. Für "erlebte körperliche sexuelle Belästigungen" mit dem Faktor 38. Für Vergewaltigungen Faktor 10. usw.
Es ist alles bekannt. Es muss wirklich nichts mehr erforscht werden, bevor gehandelt werden kann. Das Bild ergibt sehr klar genau diesen einen Faktor "Mann". Ohne signifikante weitere Merkmale. Es gibt Präventionsprogramme, Monitoring, Schutzsysteme. Trotzdem "gibt es keine Hinweise darauf, dass Gewalt gegen Frauen und Tötungsdelikte an Frauen in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zurückgegangen sind und bisherige Aktivitäten und Maßnahmen zu einem relevanten Abbau der Gewalt geführt hätten".
Und deshalb finde ich es ziemlich infam, von "Spaltung der Gesellschaft" zu sprechen, wenn es um Selbstschutz gegenüber flächendeckender Gewaltrisiken geht.
Statt immer noch irgendwelche Merkmale für "die anderen" als Täter zu suchen, um sich und den eigenen Bekanntenkreis irgendwie auszunehmen, sollte endlich die Perspektive der Opfer in den Vordergrund rücken. Und die heisst nunmal: Jeder Mann kann Täter sein. Jeder. Deine Freunde, deine Kollegen, die Kumpel deines Partners - und auch dein Partner selbst. Risiko sechs von hundert in zwölf Monaten. Du weisst es nicht vorher.