Die vorherigen findet ihr hier: viewtopic.php?f=6&t=30805
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Und in diesem Zusammenhang möchte ich nochmals ganz besonders auf diesen Teil hinweisen, der mir beim Schreiben doch etwas untergegangen ist. Hier ist das alles, weil frischer in der Erinnerung klarer zusammengefasst und auch die Art des Umgangs im Chat etwas nachgebildet.
https://forum.magiccode.de/texte/offene ... nerung.pdf
Und bitte bis zum Ende lesen, auch wenn es viel ist.
Bisher habe ich Euch ja im zweiten Teil viel Phantastisches präsentiert. Wobei es an sich so phantastisch nicht war, die Inhalte der Gepräche schon, aber diese Gespräche und die Accounts gab es wirklich. Es war also insofern keine Märchenstunde die ich hier abgehalten hätte.
Für mich ging natürlich nach dem doch betrüblichen Ende dieser Gespräch das ganz normale Leben weiter. Oder genauer gesagt, das Leben war nicht mehr normal. Diese beiden virtuellen Liebesbeziehungen hatten mich sehr berührt und auch verändert. Im Alltag trat Claudia immer mehr hervor, war in der damals noch männlichen Rolle deutlich spürbar, deutlicher als jemals zuvor. An einem Nachmittag im Januar 2011 hatte ich ein wichtiges Gespräch mit meiner Frau. Ich fragte sie, warum sie ihren Freund, einen schwulen Pastor, und ebenso die in lesbischer Gemeinschaft lebende Pastorin vor allen so intensiv verteitigte, sich aber so massiv dagegen wehre, dass Claudia mal nach draußen geht. Die Antwort war ganz deutlich: "Ich frage mich sowieso, wieso du nicht den ganzen Weg gehst. Du bist doch nur noch Claudia!" Ich hatte ihr geantwortet, dass ich keine Trennung wollte und die befürchtete. Sie sagte mir zu, dass sie mich nicht im Stich lassen würde. Naja, diese Zusage hat sich dann um Laufe der Zeit in Luft aufgelöst.
So begann ich dann, nach Therapiemöglichkeiten zu suchen und fand sie auch nach einigen Umwegen im UKE. Rs dauerte dann noch bis zum Juni bis ich das erste Gespräch hatte. Ich hatte mir vorher lange überlegt, was ich groß erzählen sollte von mir, aber aus dem erwarteten Schweigen wurde nichts. Nach ein paar anfänglichen Fragen sprudelte es nur so aus mir heraus. Und diese erste Sitzung war für mich so intensiv, so beeindruckend, dass für mich eins sicher war: Ich kann nicht wieder im M-Modus dorthin. Und das gab es auch nie wieder. Der nächste Termin war schon der folgende Dienstag, also der turbo-Modus.
Eintrag in meinem Tagebuch:
"Die ersten Schritte in Rock und Top aus der Wohnung etwas unruhig, aber auch nur etwas. Gleich Nachbarn beim Fahrstuhl getroffen, keine Reaktion von der Frau, kein besonderer Blick, kein Kommentar. Als wäre es so selbstverständlich wie ich hier herumlaufe. Vielleicht wird es das einmal für mich, ich hoffe es."
In meiner Firma, zumindest in meiner Abteilung, gab es natürlich auch ein wenig Überraschung, aber ich hatte die Kolleg*innen schon darauf vorbereitet, dass das kommen wird, nur der Zeitpunkt war offen. Die Reaktionen waren für mich überraschend und höchst erfreulich. Sie machten sich daran, in allen aktuellen Dokumenten meinen Namen zu ändern, damit es auch für die Kunden in Gesprächen nachvollziehbar wäre. Dazu hatte ich nicht aufgefordert, das machten sie von sich aus.
Natürlich gab es im Treppenhaus, im Fahrstuhl und auf Sitzungen irritierte Blicke, Fragen allerdings nicht. Mit einer kleinen Erklärung war das aber schnell erledigt. Es gab keinerlei Ablehnung. Und dann gab es in Anregung meiner Cheffin ein kleines Interview mit Personalverwaltung, das dann mit Bild in der Firmenzeitung veröffentlicht wurde. Kleiner Funfact am Rande: Meine Cheffin hatte beim Vorstand angefragt, wie das denn mit den Toilettenregeln sei, es könnten sich vielleicht doch manche gestört fühlen. Die Antwort: Alle gehen dorthin, wo sie sich zugehörig fühlen. Beschwerden sind nicht zulässig. Kann man sich einen besseren Arbeitgeber wünschen?
Das war das positive Erleben meiner Transition. Es gab allerdings auch so einige Krisen, in der Beziehung und auch in mir selbst. Nach einigen Wochen erklärte mir meine Frau, dass dieses so intensive Zusammenleben mit Claudia sie doch zu sehr belasten würde, sie wollte die Scheidung und würde sich bald eine eigene Wohnung suchen. Diese Trennung wurde zunächst in der eigenen Wohnung vollzogen, wir hatten mehr Platz, weil die Kinder inzwischen ausgezogen waren. Also getrennte Zimmer, getrennter Einkauf, der Kühlschrank wurde geteilt. Und nach einem halben Jahr hatte sie eine Wohnung gefunden und zog aus. Nun war ich nach 33 Jahren Ehe allein. Das fühlte sich schon sehr merkwürdig an.
Aber das war nicht die einzige Krise für mich. Ich stand immer mal wieder vor der Frage, ob ich diese Transition durchhalten kann aus ganz banalen Gründen. Nicht lachen, ein großes Problem für mich waren Schuhe. Wegen meiner schon damals sehr ausgeprägten Gehbehinderung brauchte ich auf jeden Fall flache Schuhe. Diese hier häufiger - witzig oder ernsthaft - geführten Kommentare zu Schuhen mit hohen Absätzen waren für mich nie ein Thema, ging einfach nicht. Aber winterfeste Damenschuhe in meiner Größe (45) zu finden, war dann schon eine Herausforderung. Ich hatte mehrfach überlegt, das alles abzubrechen und in die alte Rolle zurückzukehren. Noch hatte ich ja keine unumkehrbaren Schritte unternommen. Aber letztlich hat sich die Frau in mir durchgesetzt. So habe ich dann im Dezember 2012 den Antrag auf Namensänderung geschrieben. Nach einem Vierteljahr hatte ich dann die beiden damals noch nötigen Gutachtergespräche und kurze Zeit später meinen Gerichtstermin. Das ging alles ganz locker bis belustigt.
Die Richterin fragte mich wie es mir ginge und auf meine Antwort, dass es mir gut ginge, sagte sie nur: "Das sieht man."
So hatte ich nun ganz offiziell meine(n) so geliebten Namen. Wie schon in der phantasievollen Vorgeschichte angekündigt, habe ich einen Namen übernommen und heiße jetzt Claudia Alina.
Die nächste Krise kam dann aber schnell hinterher, es drohte der Verlust meiner Therapie oder genauer der meiner Therapeutin. Sie hatte inzwischen ihre Fortbildung zur psychologischen Psychotherapeutin abgeschlossen und daraufhin eine eigene Praxis aufgemacht. Das Problem war dann nicht die Krankenkasse, da hatten wir einen Weg gefunden. Das Problem war die Praxis, die hatte Treppen und war damit für mich wegen meiner Behinderung nicht mehr zugänglich. So gab es erstmal eine längere Pause. Was sollte, was konnte ich tun? Das führte dann sogar zu Streitereien hier im Forum. Ich hatte das vereinzelt im Chat und in Beiträgen angesprochen, ob es da Ideen zu einer Lösung gäbe. Aber das wurde sehr schnell abgetan, es wäre Jammern auf hohem Niveau und ich könnte mir ja jemand anderes suchen. Als wenn es so leicht wäre, so schnell einen anderen Platz zu finden und sich nach eineinhalbjahren schnell auf jemand anderen einzulassen, der mich und meine Vorgeschichte nicht kennt. Nach viel üben im Treppenhaus bei mir zu Hause und einer Absprache mit meiner Therapeutin sind wir dann zu einer Lösung gekommen. Sie trägt mir meinen Rollator die Treppe rauf und wieder runter und ich kämpfe mit Gehstöcken auf dem Weg. Sehr mühsam, aber hat funktioniert.
Der nächste Schritt war dann die Wahl eines Arztes für die große OP, die ich dann schon möglichst bald haben wollte. Es gab hier im Forum ja viele Gespräche, welcher denn nun der Beste wäre. Aber die haben mich ehrlich gesagt nicht sonderlich interessiert, nach eigener Informationssuche im Netz und einigen Telefongesprächen hatte ich mich entschieden, es sollte ein Arzt für mich praktisch um die Ecke sein. Auch auf den Termin musste ich nicht so lange warten, nur ein halbes Jahr. Operiert wurde ich dann am 25.11.2014 in Hamburg Rissen von Dr. Pottek, der dort inzwischen nicht mehr arbeitet. Ein wenig stand diese OP dann doch auf der Kippe, es war nicht ganz sicher, ob er sie wegen meiner Behinderung durchführen konnte. Aber er konnte und ich bin mit dem Ergebnis mehr als nur zufrieden. Es gab keinerlei Probleme, es waren keine Korrekturen nötig, endlich mal etwas ohne Krise.
Ich weiß, ich schreibe viel, aber ihr müsst auch nicht mehr lange durchhalten. Jetzt kommt der letzte, anfangs schöne, dann aber traurige Teil meiner Erlebnisse. Noch am OP-Tag, nach dem Auswachen und dem für mich so wichtigen Kaffee habe ich mich ja schnell hier im Forum gemeldet und von mir erzählt. Es ist alles gut und ich habe keine Schmerzen. So ging es die nächsten Tage weiter, es gab immer nette Gespräche. Überrascht war ich dann, als ich im Chat abgeflüster wurde, so ganz vorsichtig. "Darf ich dich etwas zu deiner OP befragen?" Diese vorsichtige Anfrage, ob überhaupt eine Frage zulässig ist fand ich schon beeindruckend. Und noch viel mehr, weil sie von einem der hier so seltenen Transmänner kam. Wir hatten uns dann eine Weile unterhalten, es war ein sehr angenehmes Gespräch. Ja, wie das Leben so spielt, aus diesem einen Gespräch wurde mehrere, nein viele. Und aus den anfänglichen belanglosen Plaudereien wurden dann sehr persönliche Gespräche. Das hieß im Chat anfangs viel Geflüster und später dann der Rückzug in einen virtuellen Raum. Bis dann mal die Idee aufkam, er könnte mich ja mal besuchen. Das war dann schon mit etwas Aufwand verbunden, er kam aus BaWü und hier nach Schleswig-Holstein ist es denn schon ein bisschen weit.
So haben wir uns darauf geeinigt, dass er so eine Woche bei mir bleibt, da könnten wir uns besser kennenlernen. An dem Tag, an dem ich ihn am Flughafen abholen sollte, war ich schon ganz aufgeregt, bin auch viel zu früh losgefahren. Und dann hatte dieser Flieger auch noch eine Stunde Verspätung. Aber dann kam er doch an, ich habe ihn auch schnell erkannt, hatte ja ein Bild bekommen. Und so blieb er die geplante Woche bei mir, nein, wir verlängerten das schnell auf zwei Wochen, weil uns diese eine Woche zu wenig war. Der Abschied nach diesen zwei Wochen fiel schon schwer, aber auch mit Erwartungen verknüpft. Er flog nur zurück, weil er etwas erledigen musste. Und wir hatten dann vereinbart, dass ich ihn in zwei Wochen mit dem Auto abhole und wir viele seiner Sachen mitnehmen. Wir wollten zusammen bleiben. So schnell kann das gehen.
Es war schon aufregend, ihn nach diesen zwei Wochen abzuholen, aber so frisch verliebt fiel der Aufwand nicht schwer. Dabei war es schon eine abenteuerliche Tour. Von Elmshorn mal eben so bummelig 750km runter nach Tübingen, einladen, wieder 750km zurück nach Elmshorn. Das waren dann 28 Stunden action, hinterher waren wir beide erstmal platt. So ist er bei mir eingezogen, es war ein sehr schönes gemeinsames Leben. Ich konnte ihm ein wenig helfen, hier einen Therapieplatz zu finden, ebenso bei der Namensänderung. Denn von der Prozeßkostenhilfe für die Gutachtergebühren wusste nichts. Er fing dann auch an in Hamburg zu studieren, es war für uns ein schönes Leben, auch wenn es ab und zu mal Probleme gab. Aber die konnten wir lösen.
Nun habe ich euch noch garnicht gesagt, um wen es eigentlich geht. Es gab ja doch häufig Bedenken hier, dass das bei unserem Altersunterschied nicht klappen kann, 35 Jahre sind natürlich heftig, aber die störten uns beide nicht. Ach ja, es geht um Seth, manche werden sich vielleicht noch an den Namen erinnern. Diese Zeit war wirklich sehr schön, wir wollten in diesem Jahr heiraten. Nur eine Krise konnten wir, konnte er nicht überwinden. Das ist das traurige Ende meiner Erzählung, er ist am 27.12.2024 gestorben. Er fehlt mir sehr.

