Melissas Memoiren - # 9
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manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren
Das Schminkseminar - Teil 5
Beschwingt startete ich in den Sonntag. Die letzten Stunden des Seminars standen an, bevor wir wieder nach Hause fahren würden. Da wir bereits vormittags aus der Ferienwohnung auschecken mussten, stand gleich zu Beginn des Tages eine wichtige Entscheidung an: Wie sollte ich zurückfahren? En femme oder als Mann? Entsprechend würde ich packen müssen. Es ging eigentlich nur um den Weg vom Auto in die Wohnung, über den Gehweg, zwei Türen, zwei Stockwerke"¦
Tatsächlich ging es um etwas mehr. Mir war inzwischen klar, dass ich auch in Zukunft nach draußen wollte. Ich hatte schon am ersten Seminartag viel gelernt und war mit meinem Passing zufrieden. So würde ich mich vor die Tür trauen. Wenn nur die Nachbarn nicht wären"¦ Sämtliche Pläne, die ich in der Vergangenheit für Ausflüge en femme geschmiedet hatte, waren immer darauf ausgelegt, einen Kontakt mit ihnen zu vermeiden. Aber wollte ich, konnte ich mein Frau-Sein immer nur auf fremde Städte beschränken? Auf Ausflüge im Urlaub, auf Seminare wie dieses? Für mich stand fest: Ich musste durch dieses Treppenhaus, damit es ein für alle Mal seinen Schrecken verlor. Und ich hatte die einmalige Chance, mich dazu zu zwingen, ohne die Möglichkeit, kalte Füße zu bekommen. Alles was ich tun musste war, nachmittags en femme ins Auto zu steigen und es geschehen zu lassen. Ich packte also alle Männersachen bis auf ein altes T-Shirt in meinen Koffer. Das T-Shirt zog ich nur zum Schminken an, darunter trug ich schon meine Hüftpolster und eine Skinny Jeans. Zum Wechseln nach dem Schminken nahm ich ein Top und einen Strickpullover mit zu Elli.
Nachdem ich zwei Tage zuvor noch Respekt davor gehabt hatte, mit lackierten Nägeln im Auto zu sitzen, kam jetzt also noch teilweise weibliche Kleidung dazu. Ich hatte so viel Selbstvertrauen getankt, dass mir der Hybridmodus, der mir ja eigentlich eher unangenehm war, für die kurze Strecke zu Ellis Atelier überhaupt nichts ausmachte. Dort angekommen zupfte ich wieder in Ruhe meine Augenbrauen, bevor es offiziell weiterging - fast schon ein lieb gewonnenes Ritual, auch wenn ich es erst zum zweiten Mal tat. Dann begannen wir uns zu schminken, als hätten wir nie eine andere Morgenroutine gehabt. Da Elli nicht mehr so viel unterstützen musste, gab es am letzten Tag von ihr noch einige Tipps zum Thema Shapewear. Außerdem probierte ich erneut einige Perücken an. Felice und Elli hatten mich mittlerweile überzeugt, dass ich eine neue brauchte. Spätestens mit meinen verbesserten Make-up-Skills stellte meine bisherige Perücke wieder eine größere Baustelle dar, weil sie optisch im Vergleich zum Rest abfiel. Leider wollte keine Perücke so richtig zu mir passen, also vertagte ich dieses Thema zunächst. Ich musste ja nicht alles auf einmal schaffen.
Nach so viel Schminken war ab dem Mittag die Luft raus, und es fingen nur wenige nochmal von vorne an. Auch ich war zufrieden und entschied mich gegen eine erneute Wiederholung. Ich hatte versucht, das Make-up möglichst alltagstauglich und natürlich werden zu lassen, damit ich im Treppenhaus nicht unnötig auffallen würde. Das war mir nach meinem Ermessen auch ganz gut gelungen. Als die ersten Teilnehmerinnen sich langsam verabschieden wollten, weil sie für den Abend noch Pläne hatten, versammelten wir uns noch zu einem abschließenden Gruppenbild. Ich zog mein weißes Top und einen mintgrünen Strickpulli über meine Skinny Jeans, schlüpfte in meine schwarzen Ballerinas und ging zu den anderen in Ellis Garten.
Damit endete der offizielle Teil, und nach und nach verließen uns die anderen. Wer noch da war, half Elli ein wenig mit dem Abbau. Am Ende herrschte eine ähnliche Stimmung wie beim Aufbau und dem Vorabendtreffen, nur dass statt der Vorfreude die Rückschau im Vordergrund stand. Wir unterhielten uns über unsere Erlebnisse und unsere Gefühle dabei. Ich war nicht die einzige, die an diesem Wochenende zum ersten Mal draußen gewesen war. Gegen Ende fragte mich dann Elli, wie es für mich gewesen sei. Ich antwortete ehrlich, dass es sich für mich die meiste Zeit gar nicht so besonders angefühlt hatte. Dass ich irgendwie mehr erwartet hätte, aber auch glücklich war mit dieser unaufgeregten Zufriedenheit. Und dann sagte sie lässig, mit all ihrer Erfahrung: "Willkommen in der Normalität." Meine Gefühle waren also keineswegs ungewöhnlich, sondern schienen ihr bekannt vorzukommen. Ich fühlte mich bestätigt, auf dem richtigen Weg zu sein. Denn je länger ich darüber nachdachte, desto eher wollte ich ja genau das: Normalität leben, nur eben mit meiner weiblichen Seite.
Bis dahin war es aber noch ein weiter Weg. Die Normalität wollte hart erkämpft werden. Und mein nächster Schritt war, das Treppenhaus zu erobern. Felice und ich verabschiedeten uns vom Rest der Gruppe. Auch sie fuhr en femme nach Hause, eine willkommene moralische Unterstützung. Spätestens als wir im Auto saßen gab es kein Zurück mehr: In weniger als zwei Stunden würde ich, so wie ich gerade war, in unsere Wohnung spazieren. Auch dieser Gedanke war wieder sehr surreal, aber mit jedem Kilometer wurde die Vorstellung klarer"¦
Beschwingt startete ich in den Sonntag. Die letzten Stunden des Seminars standen an, bevor wir wieder nach Hause fahren würden. Da wir bereits vormittags aus der Ferienwohnung auschecken mussten, stand gleich zu Beginn des Tages eine wichtige Entscheidung an: Wie sollte ich zurückfahren? En femme oder als Mann? Entsprechend würde ich packen müssen. Es ging eigentlich nur um den Weg vom Auto in die Wohnung, über den Gehweg, zwei Türen, zwei Stockwerke"¦
Tatsächlich ging es um etwas mehr. Mir war inzwischen klar, dass ich auch in Zukunft nach draußen wollte. Ich hatte schon am ersten Seminartag viel gelernt und war mit meinem Passing zufrieden. So würde ich mich vor die Tür trauen. Wenn nur die Nachbarn nicht wären"¦ Sämtliche Pläne, die ich in der Vergangenheit für Ausflüge en femme geschmiedet hatte, waren immer darauf ausgelegt, einen Kontakt mit ihnen zu vermeiden. Aber wollte ich, konnte ich mein Frau-Sein immer nur auf fremde Städte beschränken? Auf Ausflüge im Urlaub, auf Seminare wie dieses? Für mich stand fest: Ich musste durch dieses Treppenhaus, damit es ein für alle Mal seinen Schrecken verlor. Und ich hatte die einmalige Chance, mich dazu zu zwingen, ohne die Möglichkeit, kalte Füße zu bekommen. Alles was ich tun musste war, nachmittags en femme ins Auto zu steigen und es geschehen zu lassen. Ich packte also alle Männersachen bis auf ein altes T-Shirt in meinen Koffer. Das T-Shirt zog ich nur zum Schminken an, darunter trug ich schon meine Hüftpolster und eine Skinny Jeans. Zum Wechseln nach dem Schminken nahm ich ein Top und einen Strickpullover mit zu Elli.
Nachdem ich zwei Tage zuvor noch Respekt davor gehabt hatte, mit lackierten Nägeln im Auto zu sitzen, kam jetzt also noch teilweise weibliche Kleidung dazu. Ich hatte so viel Selbstvertrauen getankt, dass mir der Hybridmodus, der mir ja eigentlich eher unangenehm war, für die kurze Strecke zu Ellis Atelier überhaupt nichts ausmachte. Dort angekommen zupfte ich wieder in Ruhe meine Augenbrauen, bevor es offiziell weiterging - fast schon ein lieb gewonnenes Ritual, auch wenn ich es erst zum zweiten Mal tat. Dann begannen wir uns zu schminken, als hätten wir nie eine andere Morgenroutine gehabt. Da Elli nicht mehr so viel unterstützen musste, gab es am letzten Tag von ihr noch einige Tipps zum Thema Shapewear. Außerdem probierte ich erneut einige Perücken an. Felice und Elli hatten mich mittlerweile überzeugt, dass ich eine neue brauchte. Spätestens mit meinen verbesserten Make-up-Skills stellte meine bisherige Perücke wieder eine größere Baustelle dar, weil sie optisch im Vergleich zum Rest abfiel. Leider wollte keine Perücke so richtig zu mir passen, also vertagte ich dieses Thema zunächst. Ich musste ja nicht alles auf einmal schaffen.
Nach so viel Schminken war ab dem Mittag die Luft raus, und es fingen nur wenige nochmal von vorne an. Auch ich war zufrieden und entschied mich gegen eine erneute Wiederholung. Ich hatte versucht, das Make-up möglichst alltagstauglich und natürlich werden zu lassen, damit ich im Treppenhaus nicht unnötig auffallen würde. Das war mir nach meinem Ermessen auch ganz gut gelungen. Als die ersten Teilnehmerinnen sich langsam verabschieden wollten, weil sie für den Abend noch Pläne hatten, versammelten wir uns noch zu einem abschließenden Gruppenbild. Ich zog mein weißes Top und einen mintgrünen Strickpulli über meine Skinny Jeans, schlüpfte in meine schwarzen Ballerinas und ging zu den anderen in Ellis Garten.
Damit endete der offizielle Teil, und nach und nach verließen uns die anderen. Wer noch da war, half Elli ein wenig mit dem Abbau. Am Ende herrschte eine ähnliche Stimmung wie beim Aufbau und dem Vorabendtreffen, nur dass statt der Vorfreude die Rückschau im Vordergrund stand. Wir unterhielten uns über unsere Erlebnisse und unsere Gefühle dabei. Ich war nicht die einzige, die an diesem Wochenende zum ersten Mal draußen gewesen war. Gegen Ende fragte mich dann Elli, wie es für mich gewesen sei. Ich antwortete ehrlich, dass es sich für mich die meiste Zeit gar nicht so besonders angefühlt hatte. Dass ich irgendwie mehr erwartet hätte, aber auch glücklich war mit dieser unaufgeregten Zufriedenheit. Und dann sagte sie lässig, mit all ihrer Erfahrung: "Willkommen in der Normalität." Meine Gefühle waren also keineswegs ungewöhnlich, sondern schienen ihr bekannt vorzukommen. Ich fühlte mich bestätigt, auf dem richtigen Weg zu sein. Denn je länger ich darüber nachdachte, desto eher wollte ich ja genau das: Normalität leben, nur eben mit meiner weiblichen Seite.
Bis dahin war es aber noch ein weiter Weg. Die Normalität wollte hart erkämpft werden. Und mein nächster Schritt war, das Treppenhaus zu erobern. Felice und ich verabschiedeten uns vom Rest der Gruppe. Auch sie fuhr en femme nach Hause, eine willkommene moralische Unterstützung. Spätestens als wir im Auto saßen gab es kein Zurück mehr: In weniger als zwei Stunden würde ich, so wie ich gerade war, in unsere Wohnung spazieren. Auch dieser Gedanke war wieder sehr surreal, aber mit jedem Kilometer wurde die Vorstellung klarer"¦
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Katie
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Re: Melissas Memoiren
Hi Melissa,
vielen lieben Dank für Deinen detaillierten Bericht, ich kann richtig gut nachvollziehen wie Du Dich gefühlt hast und was Dich bewegt, danke dafür. Auf den Bildern, die Du hier zeigst, sehe ich eine junge, hübsche und natürliche Frau, damit darfst Du Dich wirklich nicht verstecken!
Ich bin mal gespannt, wie Du Deine nächste Hürde (Treppenhaus) bewältigst. Also ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand hier einen Mann erkennen wird.
vielen lieben Dank für Deinen detaillierten Bericht, ich kann richtig gut nachvollziehen wie Du Dich gefühlt hast und was Dich bewegt, danke dafür. Auf den Bildern, die Du hier zeigst, sehe ich eine junge, hübsche und natürliche Frau, damit darfst Du Dich wirklich nicht verstecken!
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manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren
Das Schminkseminar - Teil 6
Auf der Heimfahrt chattete ich mit meiner Frau. Sie hatte sich ganz frisch Covid eingefangen - das wusste ich bereits seit dem Morgen. Es gab also ein paar organisatorische Dinge zu klären. Obwohl sie wusste, wie ich unterwegs war, fragte sie mich, ob ich ihr etwas zu essen mitbringen könne. Das lehnte ich ab, denn en femme Essen abzuholen erschien mir trotz der Fortschritte der vergangenen Tage noch mindestens eine Nummer zu groß. Sie würde sich stattdessen einfach etwas nach Hause bestellen, damit war das Thema für mich zunächst abgeschlossen"¦
Wir fuhren von der Autobahn ab, über bekannte Straßen, in meinen Wohnort, und langsam wurde aus Vorstellung Realität. Das Seminar hatte sich wie ein Traum angefühlt, abgekoppelt von meinem eigentlichen Leben. Und jetzt war ich plötzlich auf dem Weg dorthin. Ohne Aufwachen, sondern einfach nur eine Autofahrt entfernt. Melissa trat gewissermaßen in den Alltag, in meine Lebensrealität. Das war ja, was ich wollte, aber der Schritt war größer als angenommen. Ich fühlte mich irgendwie fehl am Platz, diese beiden Welten passten in meinem Kopf noch nicht zusammen. Entsprechend war ich auch nicht überrascht, dass meine Nervosität wieder Überhand nahm, als Felice vor unserer Haustür hielt. Ich sondierte kurz die Lage, aber alles schien ruhig. Keine Nachbarn in Sicht, weder auf der Straße, noch im Treppenhaus. Felice versicherte mir noch zu warten, bis ich sicher drinnen war. Dann blieb mir nichts anderes übrig, als es einfach zu tun. Ich stieg aus, den Schlüssel schon in der Hand, hievte meinen Koffer aus dem Kofferraum, verabschiedete mich von Felice und ging zur Tür. Ab da griffen die Automatismen: Haustür aufsperren, Koffer hochtragen, Wohnungstür aufsperren. Schon war ich drin. Kein Nachbar hatte mich gesehen. Eigentlich ganz einfach.
Ich begrüßte meine kranke Frau aus der Ferne und zog mir eine FFP2-Maske an, um mich mit ihr zu unterhalten. Erst dabei wurde mir langsam bewusst, dass ich voller Adrenalin war. Hatte ich das gerade wirklich gemacht? Es war alles so schnell gegangen"¦ Meine Frau verstand meine Aufregung nur bedingt, ich sei ja schließlich die letzten zwei Tage auch schon so unterwegs gewesen. Damit hatte sie natürlich Recht, aber das eigene Treppenhaus war für mich nochmal eine andere Dimension. Sie sah das alles deutlich entspannter, was wahrscheinlich auch die Unbedarftheit ihrer nächsten Frage erklärte. Sie wollte nämlich wissen, ob ich in einer halben Stunde ihr bestelltes Essen entgegennehmen würde. Auch das wollte ich zunächst nicht, das war mir zeitlich viel zu knapp. Abschminken, Duschen, Nägel entfernen - das würde mir nicht reichen, zumal der Lieferandomann manchmal auch früher kam als angekündigt. Und dann schlug meine Frau vor, es einfach en femme zu machen. Ich könne ja meine Maske anbehalten. Das gab am Ende den Ausschlag, und ich stimmte zu. Ich hatte Gefallen daran gefunden, mich selbst herauszufordern.
Zwanzig Minuten später klingelte es. Ich öffnete die Wohnungstür und ging in das - zum Glück - immer noch leere Treppenhaus. Im mittleren Stockwerk traf ich den Lieferanten. Ich hatte mich zwar schonmal mit Stimmfeminisierung befasst, aber auf Knopfdruck konnte ich das noch nicht wirklich. Ich sagte leise, ohne ihn anzusehen und mit etwas zu hoher Stimme: "Hallo!", dann tauschte ich das Trinkgeld in meiner Hand gegen die Tüte mit Essen und sagte im gleichen Tonfall: "Danke!". Er bedankte sich ebenfalls und verabschiedete sich, doch ich war schon wieder auf dem Weg nach oben. Ich hatte keine Ahnung, ob er etwas geahnt hatte. Es war mir sogar ziemlich egal, weil mir immer klarer wurde, dass es keinen Unterschied machte. Schon gar nicht, wenn ich die Person gar nicht kannte.
So endete der letzte Seminartag wilder als geplant. Ich war nicht nur einmal, sondern gleich zweimal en femme im Treppenhaus gewesen. Wieder war ich verwundert über meine eigene Risikobereitschaft. Es machte mir Spaß, die Grenzen auszutesten, meine neu gewonnene Freiheit auszureizen. Folgerichtig sagte ich Felice für das Abendessen drei Wochen später zu. Ich war mir sicher, dass ich das hinbekommen würde. Und außerdem konnte ich es kaum erwarten, wieder rauszugehen. Es machte tatsächlich irgendwie süchtig, auch wenn die Wirkung ganz anders als erwartet und viel indirekter war. So spürte ich schon am Sonntagabend, aber auch am Montagmorgen wieder diese tiefe Zufriedenheit. Ich hatte an diesem Wochenende Dinge getan, die ich mir noch vor kurzer Zeit niemals zugetraut hätte. Ich war mutig gewesen, vielleicht mutiger als je zuvor. Und ich hatte Spaß gehabt, mich wohl gefühlt, Komplimente bekommen, und mich damit selbst belohnt.
Montags arbeitete ich wieder aus dem Home Office. Meine Kunstnägel hatte ich über Nacht auf den Fingern gelassen, um noch ein letztes Mal mit ihnen aufzuwachen und an das schöne Wochenende erinnert zu werden. Während mir das Abschminken und Umziehen am Vorabend wieder nicht schwergefallen war, wurde ich bei den Nägeln etwas wehmütig. Sie waren so etwas wie das Leitmotiv des Seminars gewesen: immer im Blickfeld, involviert in jede Handbewegung, meine ständige Erinnerung an Melissa. Ich schaute sie ein letztes Mal bewusst an. Meine Arme und Beine waren immer noch glatt, und einem Teil von mir kam es komisch vor, jetzt nicht ins Bad zu gehen, mich zu rasieren, zu schminken und mir dann etwas hübsches anzuziehen. Aber das Schöne war: Ich war dazu jetzt jederzeit in der Lage, ein wunderbares Gefühl der Selbstermächtigung. In weniger als drei Wochen würde es ja schon wieder soweit sein, bei unserem geplanten Ausflug nach München. Und genau dieses Gefühl gab mir die Gelassenheit, es an diesem Tag sein zu lassen und die Nägel abzunehmen.
So fand das letzte Überbleibsel des Schminkseminars seinen Weg zurück in den Schrank. Und für mich begann eine neue Zeitrechnung"¦
Auf der Heimfahrt chattete ich mit meiner Frau. Sie hatte sich ganz frisch Covid eingefangen - das wusste ich bereits seit dem Morgen. Es gab also ein paar organisatorische Dinge zu klären. Obwohl sie wusste, wie ich unterwegs war, fragte sie mich, ob ich ihr etwas zu essen mitbringen könne. Das lehnte ich ab, denn en femme Essen abzuholen erschien mir trotz der Fortschritte der vergangenen Tage noch mindestens eine Nummer zu groß. Sie würde sich stattdessen einfach etwas nach Hause bestellen, damit war das Thema für mich zunächst abgeschlossen"¦
Wir fuhren von der Autobahn ab, über bekannte Straßen, in meinen Wohnort, und langsam wurde aus Vorstellung Realität. Das Seminar hatte sich wie ein Traum angefühlt, abgekoppelt von meinem eigentlichen Leben. Und jetzt war ich plötzlich auf dem Weg dorthin. Ohne Aufwachen, sondern einfach nur eine Autofahrt entfernt. Melissa trat gewissermaßen in den Alltag, in meine Lebensrealität. Das war ja, was ich wollte, aber der Schritt war größer als angenommen. Ich fühlte mich irgendwie fehl am Platz, diese beiden Welten passten in meinem Kopf noch nicht zusammen. Entsprechend war ich auch nicht überrascht, dass meine Nervosität wieder Überhand nahm, als Felice vor unserer Haustür hielt. Ich sondierte kurz die Lage, aber alles schien ruhig. Keine Nachbarn in Sicht, weder auf der Straße, noch im Treppenhaus. Felice versicherte mir noch zu warten, bis ich sicher drinnen war. Dann blieb mir nichts anderes übrig, als es einfach zu tun. Ich stieg aus, den Schlüssel schon in der Hand, hievte meinen Koffer aus dem Kofferraum, verabschiedete mich von Felice und ging zur Tür. Ab da griffen die Automatismen: Haustür aufsperren, Koffer hochtragen, Wohnungstür aufsperren. Schon war ich drin. Kein Nachbar hatte mich gesehen. Eigentlich ganz einfach.
Ich begrüßte meine kranke Frau aus der Ferne und zog mir eine FFP2-Maske an, um mich mit ihr zu unterhalten. Erst dabei wurde mir langsam bewusst, dass ich voller Adrenalin war. Hatte ich das gerade wirklich gemacht? Es war alles so schnell gegangen"¦ Meine Frau verstand meine Aufregung nur bedingt, ich sei ja schließlich die letzten zwei Tage auch schon so unterwegs gewesen. Damit hatte sie natürlich Recht, aber das eigene Treppenhaus war für mich nochmal eine andere Dimension. Sie sah das alles deutlich entspannter, was wahrscheinlich auch die Unbedarftheit ihrer nächsten Frage erklärte. Sie wollte nämlich wissen, ob ich in einer halben Stunde ihr bestelltes Essen entgegennehmen würde. Auch das wollte ich zunächst nicht, das war mir zeitlich viel zu knapp. Abschminken, Duschen, Nägel entfernen - das würde mir nicht reichen, zumal der Lieferandomann manchmal auch früher kam als angekündigt. Und dann schlug meine Frau vor, es einfach en femme zu machen. Ich könne ja meine Maske anbehalten. Das gab am Ende den Ausschlag, und ich stimmte zu. Ich hatte Gefallen daran gefunden, mich selbst herauszufordern.
Zwanzig Minuten später klingelte es. Ich öffnete die Wohnungstür und ging in das - zum Glück - immer noch leere Treppenhaus. Im mittleren Stockwerk traf ich den Lieferanten. Ich hatte mich zwar schonmal mit Stimmfeminisierung befasst, aber auf Knopfdruck konnte ich das noch nicht wirklich. Ich sagte leise, ohne ihn anzusehen und mit etwas zu hoher Stimme: "Hallo!", dann tauschte ich das Trinkgeld in meiner Hand gegen die Tüte mit Essen und sagte im gleichen Tonfall: "Danke!". Er bedankte sich ebenfalls und verabschiedete sich, doch ich war schon wieder auf dem Weg nach oben. Ich hatte keine Ahnung, ob er etwas geahnt hatte. Es war mir sogar ziemlich egal, weil mir immer klarer wurde, dass es keinen Unterschied machte. Schon gar nicht, wenn ich die Person gar nicht kannte.
So endete der letzte Seminartag wilder als geplant. Ich war nicht nur einmal, sondern gleich zweimal en femme im Treppenhaus gewesen. Wieder war ich verwundert über meine eigene Risikobereitschaft. Es machte mir Spaß, die Grenzen auszutesten, meine neu gewonnene Freiheit auszureizen. Folgerichtig sagte ich Felice für das Abendessen drei Wochen später zu. Ich war mir sicher, dass ich das hinbekommen würde. Und außerdem konnte ich es kaum erwarten, wieder rauszugehen. Es machte tatsächlich irgendwie süchtig, auch wenn die Wirkung ganz anders als erwartet und viel indirekter war. So spürte ich schon am Sonntagabend, aber auch am Montagmorgen wieder diese tiefe Zufriedenheit. Ich hatte an diesem Wochenende Dinge getan, die ich mir noch vor kurzer Zeit niemals zugetraut hätte. Ich war mutig gewesen, vielleicht mutiger als je zuvor. Und ich hatte Spaß gehabt, mich wohl gefühlt, Komplimente bekommen, und mich damit selbst belohnt.
Montags arbeitete ich wieder aus dem Home Office. Meine Kunstnägel hatte ich über Nacht auf den Fingern gelassen, um noch ein letztes Mal mit ihnen aufzuwachen und an das schöne Wochenende erinnert zu werden. Während mir das Abschminken und Umziehen am Vorabend wieder nicht schwergefallen war, wurde ich bei den Nägeln etwas wehmütig. Sie waren so etwas wie das Leitmotiv des Seminars gewesen: immer im Blickfeld, involviert in jede Handbewegung, meine ständige Erinnerung an Melissa. Ich schaute sie ein letztes Mal bewusst an. Meine Arme und Beine waren immer noch glatt, und einem Teil von mir kam es komisch vor, jetzt nicht ins Bad zu gehen, mich zu rasieren, zu schminken und mir dann etwas hübsches anzuziehen. Aber das Schöne war: Ich war dazu jetzt jederzeit in der Lage, ein wunderbares Gefühl der Selbstermächtigung. In weniger als drei Wochen würde es ja schon wieder soweit sein, bei unserem geplanten Ausflug nach München. Und genau dieses Gefühl gab mir die Gelassenheit, es an diesem Tag sein zu lassen und die Nägel abzunehmen.
So fand das letzte Überbleibsel des Schminkseminars seinen Weg zurück in den Schrank. Und für mich begann eine neue Zeitrechnung"¦
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kathrin84
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Re: Melissas Memoiren
Hallo Melissa,
es ist immer wieder so schön deine Erzählungen zu lesen. Deinen Mut bewundere ich immer wieder. Und damit machst du mir und anderen sicher ebenso Mut etwas zu machen das wir uns sonst so nicht getraut hätten. Vielen Dank dafür Melissa.
Viele Grüße
Kathrin
es ist immer wieder so schön deine Erzählungen zu lesen. Deinen Mut bewundere ich immer wieder. Und damit machst du mir und anderen sicher ebenso Mut etwas zu machen das wir uns sonst so nicht getraut hätten. Vielen Dank dafür Melissa.
Viele Grüße
Kathrin
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chriss
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Re: Melissas Memoiren
Hallo Melissa.
Deine Art zu schreiben ist einfach wundervoll. Ich kann darin eintauchen und habe fast das Gefühl dabei gewesen zu sein. Vor allem aber beschreibst du dein erlebtes so real und verständlich. Dankeschön dafür und schreibe bitte weiter. Denn das Gefühl was du zu transportieren in der Lage bist ist meiner Meinung nach besonders.
LG Chriss
Deine Art zu schreiben ist einfach wundervoll. Ich kann darin eintauchen und habe fast das Gefühl dabei gewesen zu sein. Vor allem aber beschreibst du dein erlebtes so real und verständlich. Dankeschön dafür und schreibe bitte weiter. Denn das Gefühl was du zu transportieren in der Lage bist ist meiner Meinung nach besonders.
LG Chriss
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Sabrinaxxx
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Re: Melissas Memoiren
Hallo Melissa,
vielen, vielen Dank für Deine Memoiren. Wie Du schreibst und damit Dein Innerstes offenbarst, ist einfach schön. Viele der von Dir beschriebenen Gefühle sind mir sehr bekannt und ich kann mich in vielen Passagen sehr gut wiederfinden. Danke dafür.
Besonders schön finde ich auch, dass Deine Frau diesen schwierigen aber auch sehr schönen Weg mit Dir geht.
Viele liebe Grüße
Sabrina
PS: Es wäre schön, wenn Du weiter schreiben würdest.
vielen, vielen Dank für Deine Memoiren. Wie Du schreibst und damit Dein Innerstes offenbarst, ist einfach schön. Viele der von Dir beschriebenen Gefühle sind mir sehr bekannt und ich kann mich in vielen Passagen sehr gut wiederfinden. Danke dafür.
Besonders schön finde ich auch, dass Deine Frau diesen schwierigen aber auch sehr schönen Weg mit Dir geht.
Viele liebe Grüße
Sabrina
PS: Es wäre schön, wenn Du weiter schreiben würdest.
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manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren
Draußen in der Großen Stadt - Teil 1
In den Tagen nach dem Schminkseminar schwebte ich wie auf einer Wolke. Ich hatte innerlich die ganze Zeit ein breites Grinsen auf den Lippen. Auch äußerlich konnte meine Frau eine Wesensveränderung feststellen: Obwohl es mir vorher schon nicht schlecht gegangen war, blühte ich nach dem Seminar regelrecht auf. Während in den ersten Tagen noch die pure Freude und der Stolz überwogen, fand später eine immer tiefergehende Reflexion meiner Erlebnisse statt. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Wanderung am Walchensee gut eine Woche nach dem Schminkseminar, bei der ich ausgiebig mit meiner Frau über alles reden und ein Stück weit den Kopf freibekommen konnte. Auch wenn es nichts Negatives zu verarbeiten gab, war es doch wichtig, sich ehrlich und ernsthaft mit dem Erlebten auseinanderzusetzen.
Bald danach kippte meine Gefühlswelt in Richtung Vorfreude auf meinen nächsten Ausflug en femme, den ersten in heimischen Gefilden. Der brauchte natürlich wieder akribische Vorbereitung, und die startete wie so oft mit der Frage: Was ziehe ich an? Ich hatte zwar zu diesem Zeitpunkt schon eine ganz ordentliche Garderobe, aber nachdem ich schon zum Seminar meine Lieblingsoutfits getragen hatte, wurde die Auswahl schneller als erwartet dünn. Ich hatte natürlich auch den Anspruch an mich selbst, nicht direkt schon wieder eines der Seminaroutfits anzuziehen. Da ich auf keinen Fall auffallen wollte, entschied ich mich schnell für eine Hose. Mit einer schwarzen Jeans, die mal meiner Frau gehört hatte, fühlte ich mich wohl, auch wenn sie mir am Bund etwas zu eng war. Darüber entschied ich mich für meine blaue Bluse, die nicht zu figurbetont war und mir ganz passend erschien. An den Füßen wählte ich wieder meine schwarzen Stiefeletten: ein bisschen Absatz für den Gang, aber nicht so viel, dass es schwierig wurde. Im Rückblick war das Outfit am Ende vielleicht sogar stimmiger als sämtliche Seminaroutfits.
Der große Tag kam schneller näher als erwartet, und zum ersten Mal würde meine Verwandlung nach der im Seminar gelernten Routine komplett zu Hause stattfinden. Wenige Tage vorher bereitete ich bereits meine Kunstnägel vor und lackierte sie in einem sehr hellen Rosa. Spätestens dabei bekam ich wieder richtig Lust, meine Weiblichkeit auszuleben. Und gleichzeitig Beklemmungen bei dem Gedanken, das öffentlich zu tun, und zwar nicht im anonymen Allgäu, sondern ausgehend von unserer Wohnung. Aber Felice und ich hatten vorgesorgt, um mir einen möglichst weichen Übergang zu ermöglichen: Statt wie gewohnt mit der S-Bahn würden wir mit dem Auto in die Stadt fahren. Felice bot an, mich zusammen mit ihrer Lebensgefährtin direkt vor meiner Haustür abzuholen und später auch wieder dort abzusetzen. Das nahm ich dankend an, denn so musste ich es nur von der Wohnung in ihr Auto schaffen, und die Strecke hatte ich ja bereits, wenn auch in entgegengesetzter Richtung, schonmal geschafft. Vor München selbst hatte ich gar nicht so viel Bammel, denn da würde ich mich hoffentlich wieder anonym genug fühlen.
Da wir an einem Freitag verabredet waren, nahm ich mir den ganzen Tag frei, obwohl wir uns erst nachmittags treffen wollten. Ich konnte noch ganz schlecht einschätzen, wie viel Zeit ich brauchen würde, also begann ich direkt nach dem Aufstehen mit den Vorbereitungen. Ich nahm ein ausgiebiges Bad, rasierte Beine und Brust und gönnte mir ein bisschen Wellness in Form von Peeling und Body Lotion. Dann rasierte ich mein Gesicht und baute zum ersten Mal meinen Schminkspiegel auf unserem Küchentisch auf. Ich begann damit, meine Augenbrauen wieder in Form zu zupfen, was nach nur drei Wochen noch mit relativ geringem Aufwand gelang. Dann nahm ich Ellis Schminkanleitung zur Hand, damit ich auch ja keinen Schritt vergaß, und begann mich zu schminken. Ich versuchte das Make-up wieder dezent zu halten und wählte einen hellen, fast hautfarbenen Lippenstift. Mit Erleichterung stellte ich nach und nach fest, dass ich seit dem Seminar nichts Maßgebliches verlernt hatte. Ein bisschen war ich aber schon aus der Übung, und so dauerte die ganze Prozedur etwas länger als erwartet. Zum Glück verspätete sich auch Felice ein bisschen. Dadurch hatte ich genug Zeit, um mich ohne Stress anzuziehen, meine Nägel aufzukleben und meine Perücke aufzuziehen.
Bevor es losging hatte ich sogar noch wenige ruhige Minuten für mich. Ich machte ein paar Fotos, betrachtete mich im Spiegel: eine junge Frau, ausgehfertig. Ich musste komplett verrückt geworden sein. Und während ich wartete, kam dann doch dieser Moment, den ich beim Seminar noch vermisst hatte: Ich stand vor dieser Tür und wusste, dass ich da gleich raus musste. Die Vorstellung ließ mein Herz aus gleich zwei Gründen höher schlagen: Weil es ein verdammt tolles Gefühl sein würde und ich das unbedingt nochmal erleben wollte. Und weil ich plötzlich große Angst davor hatte, die Klinke zu drücken und mit all meiner Verletzlichkeit raus in diese, meine Welt zu gehen. Ich versuchte mich zu beruhigen, atmete tief durch, checkte zum hundertsten Mal mein Spiegelbild, zupfte an meiner Bluse rum und korrigierte den Sitz meiner Handtasche. Dann kam die Nachricht auf mein Handy: Wir sind da. Ich nahm all meinen Mut zusammen, dachte fest daran, dass ich es drei Wochen zuvor schon einmal durch dieses Treppenhaus geschafft hatte, und öffnete die Tür. Es war niemand im Flur, also ging ich zügig nach unten. Die Absätze fühlten sich ungewohnt an auf der langen Treppe, war ich doch bisher fast ausschließlich auf flachem Boden unterwegs gewesen. Ich dachte nicht weiter darüber nach, ging nach draußen, sah das Auto von Felice und rettete mich hinein.
Die größte Hürde war damit geschafft. Ich war heilfroh, dass ich vom Seminar en femme zurückgereist war, denn ansonsten wäre sie noch größer gewesen. Aus der sicheren Wohnung rauszugehen war nochmal eine ganz andere Nummer, als in die Wohnung reinzugehen, wenn man sowieso nicht zurück konnte. Diesen Unterschied hatte ich unterschätzt. Im Auto dagegen warteten bekannte Gefühle: en femme auf der Rückbank, unterwegs zu neuen Abenteuern. Ein kleiner, warmer, rollender Safe Space. Auf der Fahrt lernte ich zunächst die Lebensgefährtin von Felice kennen, dann holten wir noch eine weitere Freundin von Felice ab und fuhren Richtung Innenstadt"¦
In den Tagen nach dem Schminkseminar schwebte ich wie auf einer Wolke. Ich hatte innerlich die ganze Zeit ein breites Grinsen auf den Lippen. Auch äußerlich konnte meine Frau eine Wesensveränderung feststellen: Obwohl es mir vorher schon nicht schlecht gegangen war, blühte ich nach dem Seminar regelrecht auf. Während in den ersten Tagen noch die pure Freude und der Stolz überwogen, fand später eine immer tiefergehende Reflexion meiner Erlebnisse statt. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Wanderung am Walchensee gut eine Woche nach dem Schminkseminar, bei der ich ausgiebig mit meiner Frau über alles reden und ein Stück weit den Kopf freibekommen konnte. Auch wenn es nichts Negatives zu verarbeiten gab, war es doch wichtig, sich ehrlich und ernsthaft mit dem Erlebten auseinanderzusetzen.
Bald danach kippte meine Gefühlswelt in Richtung Vorfreude auf meinen nächsten Ausflug en femme, den ersten in heimischen Gefilden. Der brauchte natürlich wieder akribische Vorbereitung, und die startete wie so oft mit der Frage: Was ziehe ich an? Ich hatte zwar zu diesem Zeitpunkt schon eine ganz ordentliche Garderobe, aber nachdem ich schon zum Seminar meine Lieblingsoutfits getragen hatte, wurde die Auswahl schneller als erwartet dünn. Ich hatte natürlich auch den Anspruch an mich selbst, nicht direkt schon wieder eines der Seminaroutfits anzuziehen. Da ich auf keinen Fall auffallen wollte, entschied ich mich schnell für eine Hose. Mit einer schwarzen Jeans, die mal meiner Frau gehört hatte, fühlte ich mich wohl, auch wenn sie mir am Bund etwas zu eng war. Darüber entschied ich mich für meine blaue Bluse, die nicht zu figurbetont war und mir ganz passend erschien. An den Füßen wählte ich wieder meine schwarzen Stiefeletten: ein bisschen Absatz für den Gang, aber nicht so viel, dass es schwierig wurde. Im Rückblick war das Outfit am Ende vielleicht sogar stimmiger als sämtliche Seminaroutfits.
Der große Tag kam schneller näher als erwartet, und zum ersten Mal würde meine Verwandlung nach der im Seminar gelernten Routine komplett zu Hause stattfinden. Wenige Tage vorher bereitete ich bereits meine Kunstnägel vor und lackierte sie in einem sehr hellen Rosa. Spätestens dabei bekam ich wieder richtig Lust, meine Weiblichkeit auszuleben. Und gleichzeitig Beklemmungen bei dem Gedanken, das öffentlich zu tun, und zwar nicht im anonymen Allgäu, sondern ausgehend von unserer Wohnung. Aber Felice und ich hatten vorgesorgt, um mir einen möglichst weichen Übergang zu ermöglichen: Statt wie gewohnt mit der S-Bahn würden wir mit dem Auto in die Stadt fahren. Felice bot an, mich zusammen mit ihrer Lebensgefährtin direkt vor meiner Haustür abzuholen und später auch wieder dort abzusetzen. Das nahm ich dankend an, denn so musste ich es nur von der Wohnung in ihr Auto schaffen, und die Strecke hatte ich ja bereits, wenn auch in entgegengesetzter Richtung, schonmal geschafft. Vor München selbst hatte ich gar nicht so viel Bammel, denn da würde ich mich hoffentlich wieder anonym genug fühlen.
Da wir an einem Freitag verabredet waren, nahm ich mir den ganzen Tag frei, obwohl wir uns erst nachmittags treffen wollten. Ich konnte noch ganz schlecht einschätzen, wie viel Zeit ich brauchen würde, also begann ich direkt nach dem Aufstehen mit den Vorbereitungen. Ich nahm ein ausgiebiges Bad, rasierte Beine und Brust und gönnte mir ein bisschen Wellness in Form von Peeling und Body Lotion. Dann rasierte ich mein Gesicht und baute zum ersten Mal meinen Schminkspiegel auf unserem Küchentisch auf. Ich begann damit, meine Augenbrauen wieder in Form zu zupfen, was nach nur drei Wochen noch mit relativ geringem Aufwand gelang. Dann nahm ich Ellis Schminkanleitung zur Hand, damit ich auch ja keinen Schritt vergaß, und begann mich zu schminken. Ich versuchte das Make-up wieder dezent zu halten und wählte einen hellen, fast hautfarbenen Lippenstift. Mit Erleichterung stellte ich nach und nach fest, dass ich seit dem Seminar nichts Maßgebliches verlernt hatte. Ein bisschen war ich aber schon aus der Übung, und so dauerte die ganze Prozedur etwas länger als erwartet. Zum Glück verspätete sich auch Felice ein bisschen. Dadurch hatte ich genug Zeit, um mich ohne Stress anzuziehen, meine Nägel aufzukleben und meine Perücke aufzuziehen.
Bevor es losging hatte ich sogar noch wenige ruhige Minuten für mich. Ich machte ein paar Fotos, betrachtete mich im Spiegel: eine junge Frau, ausgehfertig. Ich musste komplett verrückt geworden sein. Und während ich wartete, kam dann doch dieser Moment, den ich beim Seminar noch vermisst hatte: Ich stand vor dieser Tür und wusste, dass ich da gleich raus musste. Die Vorstellung ließ mein Herz aus gleich zwei Gründen höher schlagen: Weil es ein verdammt tolles Gefühl sein würde und ich das unbedingt nochmal erleben wollte. Und weil ich plötzlich große Angst davor hatte, die Klinke zu drücken und mit all meiner Verletzlichkeit raus in diese, meine Welt zu gehen. Ich versuchte mich zu beruhigen, atmete tief durch, checkte zum hundertsten Mal mein Spiegelbild, zupfte an meiner Bluse rum und korrigierte den Sitz meiner Handtasche. Dann kam die Nachricht auf mein Handy: Wir sind da. Ich nahm all meinen Mut zusammen, dachte fest daran, dass ich es drei Wochen zuvor schon einmal durch dieses Treppenhaus geschafft hatte, und öffnete die Tür. Es war niemand im Flur, also ging ich zügig nach unten. Die Absätze fühlten sich ungewohnt an auf der langen Treppe, war ich doch bisher fast ausschließlich auf flachem Boden unterwegs gewesen. Ich dachte nicht weiter darüber nach, ging nach draußen, sah das Auto von Felice und rettete mich hinein.
Die größte Hürde war damit geschafft. Ich war heilfroh, dass ich vom Seminar en femme zurückgereist war, denn ansonsten wäre sie noch größer gewesen. Aus der sicheren Wohnung rauszugehen war nochmal eine ganz andere Nummer, als in die Wohnung reinzugehen, wenn man sowieso nicht zurück konnte. Diesen Unterschied hatte ich unterschätzt. Im Auto dagegen warteten bekannte Gefühle: en femme auf der Rückbank, unterwegs zu neuen Abenteuern. Ein kleiner, warmer, rollender Safe Space. Auf der Fahrt lernte ich zunächst die Lebensgefährtin von Felice kennen, dann holten wir noch eine weitere Freundin von Felice ab und fuhren Richtung Innenstadt"¦
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manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren
Draußen in der Großen Stadt - Teil 2
Wir parkten in einem Parkhaus im Zentrum. Es war relativ leer, was mir nicht wirklich behagte, denn dadurch fühlte ich mich auffälliger. Im Gegensatz zum Seminar hatte ich generell das Gefühl, viel eher als Einzelperson wahrgenommen zu werden. Durch meinen Kopf schossen allerlei unnötige Fragen: Könnten die da hinten mich vielleicht als Mann erkennen? Hat der gerade im Vorbeifahren länger geschaut als üblich? Mit etwas wackligen Knien ging ich gemeinsam mit den anderen zur Treppe. Draußen wurde es dann langsam besser und ich gewöhnte mich an die Situation. Mit jeder Passantin, die ohne Reaktion an uns vorbeiging, wurde ich entspannter. Und doch war das alles überwältigend. So viele Menschen, so viele Eindrücke.
Wir trennten uns für kurze Zeit, weil Felice noch eine weitere Freundin am Marienplatz abholte. Nur noch zu dritt flanierten wir durch eine kleine Straße, die mit Cafés und Restaurants gesäumt war. Das überforderte mich dann wieder etwas. Es war schönes Wetter und entsprechend viele Leute saßen draußen vor den Läden und läuteten ihren Feierabend ein. Und die konnten mich alle so sehen. Es war ein komisches Gefühl, unter so vielen Leuten zu sein, als sichtbares Individuum und nicht als Teil einer großen Gruppe. Doch gleichzeitig spürte ich auch zum ersten Mal, was es bedeutete, in der Masse unterzugehen. Wir bekamen zwar skeptische Blicke genauso wie ein Lächeln im Vorbeigehen, aber hier war so viel los, dass die allermeisten Menschen uns gar nicht wahrnahmen.
Trotzdem war ich beim Warten auf die anderen immer noch angespannt. Ich versuchte, mich auf die positiven Gefühle zu konzentrieren, die ja durchaus da waren, was mir aber nur mäßig gelang. Ich dachte einfach zu viel nach und interpretierte in jedes fremde Gesicht etwas Negatives hinein. Dazu kam, dass ich schon jetzt meine Füße spürte, denn die waren für Einsätze in der Innenstadt noch viel zu wenig trainiert und das Warten war überraschend anstrengend. Zum Glück stießen die anderen bald zu uns, und nach einer kurzen Begrüßung liefen wir zu unserem Restaurant. Dort wurden wir sehr freundlich empfangen und bedient. Wir saßen draußen am Gehweg, und die Möglichkeit, jemanden zu sehen, den ich kannte, machte mich ein kleines bisschen nervös. Es kam aber niemand vorbei, und selbst wenn, hätte mich vermutlich niemand erkannt. Nach einiger Zeit kam noch eine Freundin von Felice aus der Schweiz dazu und komplettierte unsere Runde. Am Ende waren wir zu sechst, mit der Partnerin von Felice als einziger cis Frau. Mit der zunehmenden Gruppengröße fühlte ich mich wieder sicherer. Dennoch konnte ich mich an dem Abend einfach nicht vollends entspannen. Ich gab mir zum Beispiel viel zu große Mühe, aufrecht zu sitzen, was in Konsequenz wahrscheinlich einfach nur steif wirkte. Irgendwie kam ich mental nicht so richtig in meiner Rolle an, hatte zeitweise das Gefühl, sie eher zu spielen. Es war alles etwas verkrampft.
Nach dem Essen gingen wir weiter in eine kleine Bar. Wieder spürte ich meine Füße, dieses Mal schon schmerzhafter. Ich nahm mir fest vor, zu Hause noch deutlich öfter meine hohen Schuhe zu tragen, um mich besser an die Alltagsbelastung zu gewöhnen. Vor dem Eingang der Bar flammte kurz Aufregung auf, wie eigentlich immer, wenn ich bisher en femme einen Raum betrat. Aber auch dieses Mal wurden wir mit nichts als Herzlichkeit begrüßt. Auch hier legte ich meine Steifheit nicht ganz ab, sondern saß etwas unbeholfen auf meinem Barhocker. Weite Strecken gehen, länger im Restaurant sitzen, auf einem Barhocker - es waren alles ganz triviale Sachen, die aber für meine weibliche Seite völlig ungewohnt waren. Ich war extrem darauf bedacht, eine feminine Gestik und Körperhaltung zu bewahren. Das konnte nur schief gehen. Heute kann ich mich im Vergleich viel besser fallen lassen, denke nicht mehr krampfhaft über jede Bewegung nach, sondern bin einfach so, wie ich mich gerade fühle. Meistens kommt dann alles ganz von selbst und es fühlt sich richtig an. Vor einem Jahr war eben noch alles neu und aufregend, und ich lebte in permanenter Alarmbereitschaft und Angst, etwas falsch zu machen. Ironischerweise war genau das mein größter Fehler.
Gegen Ende gab es dann aber noch einige sehr positive Momente. Den Barkeeper hatten wir mit unserer Anwesenheit so glücklich gemacht, dass er eine Runde schmiss. Es war schön, nicht nur toleriert, sondern so aktiv akzeptiert zu werden. Und auf dem Heimweg ließen meine Nervosität und Anspannung ein bisschen nach und machten Platz für ein paar Glücksgefühle. Ich war nicht nur irgendwo draußen gewesen, sondern in meiner Stadt. Das hier war eigentlich gar keine Ausnahmesituation, sondern mein alltägliches Leben, und ich lebte es ab jetzt so, wie ich es wollte. Eine schöne Erkenntnis zum Abschluss, denn dadurch war ich nicht wirklich sauer auf mich selbst. Ich konnte jederzeit einen neuen Versuch starten und es beim nächsten Mal wieder besser machen.
Felice brachte nach und nach alle nach Hause, mich als letzte. Es war schon spät und das Treppenhaus dunkel, also hatte ich nur wenig Angst vor dem Weg nach oben. Ich traf auch wieder niemanden und verschwand schnellen Schrittes in unserer Wohnung. Ausziehen, abschminken, duschen. Und langsam die Freude über die Erkenntnis, wieder einen Meilenstein geschafft zu haben. Damit endete mein erster Ausflug in München, und es sollte nicht der letzte bleiben. Wir hatten schon grobe Pläne für ein ähnliches Treffen in der Weihnachtszeit geschmiedet und ich konnte mir immer besser vorstellen, dass Melissa von nun an fest zu meinem Leben gehören würde.
Wir parkten in einem Parkhaus im Zentrum. Es war relativ leer, was mir nicht wirklich behagte, denn dadurch fühlte ich mich auffälliger. Im Gegensatz zum Seminar hatte ich generell das Gefühl, viel eher als Einzelperson wahrgenommen zu werden. Durch meinen Kopf schossen allerlei unnötige Fragen: Könnten die da hinten mich vielleicht als Mann erkennen? Hat der gerade im Vorbeifahren länger geschaut als üblich? Mit etwas wackligen Knien ging ich gemeinsam mit den anderen zur Treppe. Draußen wurde es dann langsam besser und ich gewöhnte mich an die Situation. Mit jeder Passantin, die ohne Reaktion an uns vorbeiging, wurde ich entspannter. Und doch war das alles überwältigend. So viele Menschen, so viele Eindrücke.
Wir trennten uns für kurze Zeit, weil Felice noch eine weitere Freundin am Marienplatz abholte. Nur noch zu dritt flanierten wir durch eine kleine Straße, die mit Cafés und Restaurants gesäumt war. Das überforderte mich dann wieder etwas. Es war schönes Wetter und entsprechend viele Leute saßen draußen vor den Läden und läuteten ihren Feierabend ein. Und die konnten mich alle so sehen. Es war ein komisches Gefühl, unter so vielen Leuten zu sein, als sichtbares Individuum und nicht als Teil einer großen Gruppe. Doch gleichzeitig spürte ich auch zum ersten Mal, was es bedeutete, in der Masse unterzugehen. Wir bekamen zwar skeptische Blicke genauso wie ein Lächeln im Vorbeigehen, aber hier war so viel los, dass die allermeisten Menschen uns gar nicht wahrnahmen.
Trotzdem war ich beim Warten auf die anderen immer noch angespannt. Ich versuchte, mich auf die positiven Gefühle zu konzentrieren, die ja durchaus da waren, was mir aber nur mäßig gelang. Ich dachte einfach zu viel nach und interpretierte in jedes fremde Gesicht etwas Negatives hinein. Dazu kam, dass ich schon jetzt meine Füße spürte, denn die waren für Einsätze in der Innenstadt noch viel zu wenig trainiert und das Warten war überraschend anstrengend. Zum Glück stießen die anderen bald zu uns, und nach einer kurzen Begrüßung liefen wir zu unserem Restaurant. Dort wurden wir sehr freundlich empfangen und bedient. Wir saßen draußen am Gehweg, und die Möglichkeit, jemanden zu sehen, den ich kannte, machte mich ein kleines bisschen nervös. Es kam aber niemand vorbei, und selbst wenn, hätte mich vermutlich niemand erkannt. Nach einiger Zeit kam noch eine Freundin von Felice aus der Schweiz dazu und komplettierte unsere Runde. Am Ende waren wir zu sechst, mit der Partnerin von Felice als einziger cis Frau. Mit der zunehmenden Gruppengröße fühlte ich mich wieder sicherer. Dennoch konnte ich mich an dem Abend einfach nicht vollends entspannen. Ich gab mir zum Beispiel viel zu große Mühe, aufrecht zu sitzen, was in Konsequenz wahrscheinlich einfach nur steif wirkte. Irgendwie kam ich mental nicht so richtig in meiner Rolle an, hatte zeitweise das Gefühl, sie eher zu spielen. Es war alles etwas verkrampft.
Nach dem Essen gingen wir weiter in eine kleine Bar. Wieder spürte ich meine Füße, dieses Mal schon schmerzhafter. Ich nahm mir fest vor, zu Hause noch deutlich öfter meine hohen Schuhe zu tragen, um mich besser an die Alltagsbelastung zu gewöhnen. Vor dem Eingang der Bar flammte kurz Aufregung auf, wie eigentlich immer, wenn ich bisher en femme einen Raum betrat. Aber auch dieses Mal wurden wir mit nichts als Herzlichkeit begrüßt. Auch hier legte ich meine Steifheit nicht ganz ab, sondern saß etwas unbeholfen auf meinem Barhocker. Weite Strecken gehen, länger im Restaurant sitzen, auf einem Barhocker - es waren alles ganz triviale Sachen, die aber für meine weibliche Seite völlig ungewohnt waren. Ich war extrem darauf bedacht, eine feminine Gestik und Körperhaltung zu bewahren. Das konnte nur schief gehen. Heute kann ich mich im Vergleich viel besser fallen lassen, denke nicht mehr krampfhaft über jede Bewegung nach, sondern bin einfach so, wie ich mich gerade fühle. Meistens kommt dann alles ganz von selbst und es fühlt sich richtig an. Vor einem Jahr war eben noch alles neu und aufregend, und ich lebte in permanenter Alarmbereitschaft und Angst, etwas falsch zu machen. Ironischerweise war genau das mein größter Fehler.
Gegen Ende gab es dann aber noch einige sehr positive Momente. Den Barkeeper hatten wir mit unserer Anwesenheit so glücklich gemacht, dass er eine Runde schmiss. Es war schön, nicht nur toleriert, sondern so aktiv akzeptiert zu werden. Und auf dem Heimweg ließen meine Nervosität und Anspannung ein bisschen nach und machten Platz für ein paar Glücksgefühle. Ich war nicht nur irgendwo draußen gewesen, sondern in meiner Stadt. Das hier war eigentlich gar keine Ausnahmesituation, sondern mein alltägliches Leben, und ich lebte es ab jetzt so, wie ich es wollte. Eine schöne Erkenntnis zum Abschluss, denn dadurch war ich nicht wirklich sauer auf mich selbst. Ich konnte jederzeit einen neuen Versuch starten und es beim nächsten Mal wieder besser machen.
Felice brachte nach und nach alle nach Hause, mich als letzte. Es war schon spät und das Treppenhaus dunkel, also hatte ich nur wenig Angst vor dem Weg nach oben. Ich traf auch wieder niemanden und verschwand schnellen Schrittes in unserer Wohnung. Ausziehen, abschminken, duschen. Und langsam die Freude über die Erkenntnis, wieder einen Meilenstein geschafft zu haben. Damit endete mein erster Ausflug in München, und es sollte nicht der letzte bleiben. Wir hatten schon grobe Pläne für ein ähnliches Treffen in der Weihnachtszeit geschmiedet und ich konnte mir immer besser vorstellen, dass Melissa von nun an fest zu meinem Leben gehören würde.
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Re: Melissas Memoiren
Ein verrücktes Wochenende - Teil 1
Nach den turbulenten Wochen rund um das Seminar bekam Melissa eine kurze Pause. Erst sechs Wochen nach dem Ausflug im Oktober gab es dann nochmal einen kleinen Anlass zur Verwandlung, dieses Mal aber in den eigenen vier Wänden.
Rund um das Seminar hatte ich zwar viele Komplimente, aber auch konstruktive Kritik bekommen. Diese betraf vor allem meine Perücke. Sowohl Elli als auch Felice meinten, sie mache mich älter und passe qualitativ nicht mehr zum Gesamtbild. Vor allem Letzterem stimmte ich zu, auch wenn mich alternative Perücken bisher auch nicht wirklich überzeugen konnten. Mittelfristig sollte also eine neue und vor allem hochwertigere Perücke her, aber ich wollte keine auf gut Glück bestellen. Deshalb kam Felice bei mir vorbei und brachte ganz viele verschiedene Perücken aus ihrem eigenen Fundus mit, damit ich noch einmal breiter testen konnte. Dazu musste ich natürlich geschminkt sein, um die Perücken auch im Zusammenspiel mit meinem (weiblichen) Gesicht bewerten zu können. Die eine Perücke war zwar wieder nicht dabei, aber ich bekam ein immer besseres Gefühl dafür, was ich wollte und fühlte mich bereit, welche zur Anprobe zu bestellen. Und ganz nebenbei markierte der Tag einen Meilenstein, auch wenn mir das damals nicht bewusst war: Es sollte bis heute der letzte Tag bleiben, an dem ich mich in Melissa verwandelte, ohne danach das Haus zu verlassen…
Unser geplantes Treffen zur Weihnachtszeit entwickelte sich derweil zu einem zweitägigen Event am zweiten Adventswochenende. Während schon länger fest stand, dass wir samstags zusammen Pink Christmas besuchen würden, hatte sich eine kleine Teilgruppe spontan schon am Freitagabend verabredet. Da konnte auch ich nicht Nein sagen und freute mich darauf, wieder mal mehrere Tage am Stück en femme zu verbringen.
Für den Freitag war geplant, dass wir uns auf dem Winter-Tollwood auf der Theresienwiese treffen. Nach einem Wintereinbruch mit viel Schnee am Wochenende zuvor war es in München immer noch knackig kalt, mein Outfit sollte also vor allem warm sein. Meine Wahl fiel deshalb auf meine schwarzen Wildlederstiefel. Die hatten zwar einen recht hohen und schmalen Absatz, aber ich konnte gut darin laufen und traute mir die Schuhe an dem Abend zu - auch aus Alternativlosigkeit, denn mein einziges Paar Stiefeletten hatte leider begonnen, sich langsam aufzulösen. Immerhin versprach das Material, meine Füße schön warm zu halten. Darüber entschied ich mich eher für praktikable Kleidung: eine schwarze Jeans über Skiunterwäsche, ein weißes Top mit einem dunkelblauen Pullover und meinen grauen Mantel, der dieses Mal schon besser zur Temperatur passte.
Auf dem Weg in die Stadt konnte ich wieder den freundlichen Taxiservice von Felice in Anspruch nehmen. Wir parkten zentral und wollten uns zuerst mit einer Freundin auf einen Glühwein in der Innenstadt treffen, bevor wir zum Tollwood gingen. Auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt wurde ich gleich doppelt geprüft: Da waren erstens die Menschen. Die Stadt war brechend voll und wir liefen einmal quer über den Viktualienmarkt. Es war neu für mich, durch eine so große Menschenmenge hindurch zu gehen. Und dann war da zweitens der Boden unter meinen Füßen: Schnee und Eis waren in der Stadt größtenteils geräumt, aber es lag noch jede Menge Splitt herum. Außerdem machte mir vereinzeltes Kopfsteinpflaster das Leben schwer. So musste ich ziemlich genau aufpassen, wo ich hintrat und gleichzeitig ständig Kollisionen ausweichen. Aber ich meisterte auch diese Herausforderung und wurde schon bald dafür belohnt.
Denn wir liefen über den Marienplatz, und zum ersten Mal betrat ich en femme dieses Herzstück der Stadt. Das war ein schöner Moment für mich, weil ich zur Stadt München eine besondere Beziehung habe. Es ist einfach meine Stadt, und so vor ihr zu stehen, verletzlich wie ich in diesem Moment war, war sehr emotional für mich. Auch wenn gar nichts passierte und nicht mal eine Regenbogenflagge am Rathaus gehisst war, fühlte ich mich angenommen und zu Hause. Ich lächelte dieses Gefühl in mich hinein, und es gab mir Auftrieb für das ganze Wochenende und darüber hinaus.
Nahe der Frauenkirche trafen wir dann wie geplant auf unsere Freundin und tranken zusammen einen Glühwein. Nach dieser Stärkung gingen wir zu dritt weiter zum Tollwood. Ich war im ersten Moment etwas überrascht, dass wir U-Bahn fahren wollten, auch wenn das total sinnvoll war. Ich hatte mir darüber im Vorfeld gar keine Gedanken gemacht und war irgendwie überhaupt nicht darauf eingestellt. Aber was sollte schon schiefgehen? Also liefen wir gemütlich zum Stachus und Melissa fuhr zum ersten Mal mit einer U-Bahn. Völlig unspektakulär und eigentlich belanglos, doch diese vielen ersten Male fühlten sich an wie ein neues Computerspiel: Ständig entdeckte ich Neues, lernte nützliche Fähigkeiten und schaltete neue Level frei. Und es hörte einfach nicht auf. Ich kannte diese Welt ja eigentlich und hatte alle diese Dinge schon unzählige Male getan. Aber en femme war gerade am Anfang alles neu, alles aufregend und vieles eine Herausforderung.
Auf der Theresienwiese wartete dann auch gleich die nächste: Hier waren die Schneeberge von den Menschenmassen zuverlässig zu Eisplatten verdichtet worden; zudem fing es an zu regnen. Es war also abwechselnd spiegelglatt und matschig. Wir gingen, so schnell es uns der Untergrund erlaubte, nach drinnen, wo wir dann den Rest der Gruppe treffen sollten. Dazu gehörte auch meine Frau, die damit zum ersten Mal mit Melissa zusammen in der Öffentlichkeit war. Aber es fühlte sich alles ganz natürlich an. Wir begrüßten uns wie zwei Freundinnen, als wäre es noch nie anders gewesen. Und auch vom Rest der Gruppe wurde ich sehr angenehm aufgenommen. Eine unserer cis Begleiterinnen dachte, ich wäre 24/7 Frau und war total überrascht von der Tatsache, dass ich meistens als Mann unterwegs bin. Selbst Bilder von mir als Mann konnten sie nicht umstimmen, im Gegenteil: Sie bestärkten nur ihre Meinung, dass ich als Frau viel natürlicher wirkte und besser aussah. Ich freute mich über das Kompliment, auch wenn es etwas schräg verpackt war. Und ich erlebte in dieser Phase zum ersten Mal wie es war, wenn mich andere Menschen als Melissa kennenlernten. Es war dann eine gewisse Selbstverständlichkeit da. Melissa war der Normalzustand und der Mann eine Verkleidung. Noch heute bin ich für viele in dieser Gruppe einfach die Melissa, auch wenn ich mal nicht en femme dabei bin.
Auf dem Festival generell war die Stimmung angenehm und locker. Von den anderen Besuchern wurden wir überhaupt nicht beachtet. Als neben uns ein Getränk in unsere Richtung umkippte, kamen wir ins Gespräch und unterhielten uns nett. Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen uns gegenüber sehr aufgeschlossen waren, dass sie uns sogar von Grund auf sympathisch fanden. Nicht trotz, sondern wegen unserer Besonderheiten. Die Stimmung ermutigte mich, etwas an meiner Komfortzone zu arbeiten. Beim Getränke holen bekam ich ein Lächeln von der Barfrau und auch mein Essen holte ich mir alleine an einem Selbstbedienungsstand. Es waren meine ersten Kontakte zur Außenwelt ohne den Schutz einer Gruppe und es fühlte sich schön an, mich zu offenbaren und gleich respektiert zu werden.
Nach dem Essen wurden wir relativ schnell müde und traten den Heimweg an. Dabei machten wir Bekanntschaft mit einem besonders großen Exemplar der besagten Eisplatten. Ich fühlte mich ziemlich bescheuert, wie ich mit meinen Stiefeln über die Fläche stakste, aber selbst die Menschen in flachen Schuhen machten an der Stelle keine gute Figur und kämpften mit ihrem Gleichgewicht. Es lag also nicht (nur) an meinem Schuhwerk. Wie selbstverständlich fuhren wir mit der U-Bahn zurück zum Auto und dann nach Hause. Dort schminkte ich mich zwar ab, es folgte aber nicht die übliche Aufräumaktion. Denn den Schminkspiegel würde ich schon am nächsten Tag wieder brauchen. Auch meine Kunstnägel behielt ich einfach an und schlief mit großer Vorfreude ein.
Nach den turbulenten Wochen rund um das Seminar bekam Melissa eine kurze Pause. Erst sechs Wochen nach dem Ausflug im Oktober gab es dann nochmal einen kleinen Anlass zur Verwandlung, dieses Mal aber in den eigenen vier Wänden.
Rund um das Seminar hatte ich zwar viele Komplimente, aber auch konstruktive Kritik bekommen. Diese betraf vor allem meine Perücke. Sowohl Elli als auch Felice meinten, sie mache mich älter und passe qualitativ nicht mehr zum Gesamtbild. Vor allem Letzterem stimmte ich zu, auch wenn mich alternative Perücken bisher auch nicht wirklich überzeugen konnten. Mittelfristig sollte also eine neue und vor allem hochwertigere Perücke her, aber ich wollte keine auf gut Glück bestellen. Deshalb kam Felice bei mir vorbei und brachte ganz viele verschiedene Perücken aus ihrem eigenen Fundus mit, damit ich noch einmal breiter testen konnte. Dazu musste ich natürlich geschminkt sein, um die Perücken auch im Zusammenspiel mit meinem (weiblichen) Gesicht bewerten zu können. Die eine Perücke war zwar wieder nicht dabei, aber ich bekam ein immer besseres Gefühl dafür, was ich wollte und fühlte mich bereit, welche zur Anprobe zu bestellen. Und ganz nebenbei markierte der Tag einen Meilenstein, auch wenn mir das damals nicht bewusst war: Es sollte bis heute der letzte Tag bleiben, an dem ich mich in Melissa verwandelte, ohne danach das Haus zu verlassen…
Unser geplantes Treffen zur Weihnachtszeit entwickelte sich derweil zu einem zweitägigen Event am zweiten Adventswochenende. Während schon länger fest stand, dass wir samstags zusammen Pink Christmas besuchen würden, hatte sich eine kleine Teilgruppe spontan schon am Freitagabend verabredet. Da konnte auch ich nicht Nein sagen und freute mich darauf, wieder mal mehrere Tage am Stück en femme zu verbringen.
Für den Freitag war geplant, dass wir uns auf dem Winter-Tollwood auf der Theresienwiese treffen. Nach einem Wintereinbruch mit viel Schnee am Wochenende zuvor war es in München immer noch knackig kalt, mein Outfit sollte also vor allem warm sein. Meine Wahl fiel deshalb auf meine schwarzen Wildlederstiefel. Die hatten zwar einen recht hohen und schmalen Absatz, aber ich konnte gut darin laufen und traute mir die Schuhe an dem Abend zu - auch aus Alternativlosigkeit, denn mein einziges Paar Stiefeletten hatte leider begonnen, sich langsam aufzulösen. Immerhin versprach das Material, meine Füße schön warm zu halten. Darüber entschied ich mich eher für praktikable Kleidung: eine schwarze Jeans über Skiunterwäsche, ein weißes Top mit einem dunkelblauen Pullover und meinen grauen Mantel, der dieses Mal schon besser zur Temperatur passte.
Auf dem Weg in die Stadt konnte ich wieder den freundlichen Taxiservice von Felice in Anspruch nehmen. Wir parkten zentral und wollten uns zuerst mit einer Freundin auf einen Glühwein in der Innenstadt treffen, bevor wir zum Tollwood gingen. Auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt wurde ich gleich doppelt geprüft: Da waren erstens die Menschen. Die Stadt war brechend voll und wir liefen einmal quer über den Viktualienmarkt. Es war neu für mich, durch eine so große Menschenmenge hindurch zu gehen. Und dann war da zweitens der Boden unter meinen Füßen: Schnee und Eis waren in der Stadt größtenteils geräumt, aber es lag noch jede Menge Splitt herum. Außerdem machte mir vereinzeltes Kopfsteinpflaster das Leben schwer. So musste ich ziemlich genau aufpassen, wo ich hintrat und gleichzeitig ständig Kollisionen ausweichen. Aber ich meisterte auch diese Herausforderung und wurde schon bald dafür belohnt.
Denn wir liefen über den Marienplatz, und zum ersten Mal betrat ich en femme dieses Herzstück der Stadt. Das war ein schöner Moment für mich, weil ich zur Stadt München eine besondere Beziehung habe. Es ist einfach meine Stadt, und so vor ihr zu stehen, verletzlich wie ich in diesem Moment war, war sehr emotional für mich. Auch wenn gar nichts passierte und nicht mal eine Regenbogenflagge am Rathaus gehisst war, fühlte ich mich angenommen und zu Hause. Ich lächelte dieses Gefühl in mich hinein, und es gab mir Auftrieb für das ganze Wochenende und darüber hinaus.
Nahe der Frauenkirche trafen wir dann wie geplant auf unsere Freundin und tranken zusammen einen Glühwein. Nach dieser Stärkung gingen wir zu dritt weiter zum Tollwood. Ich war im ersten Moment etwas überrascht, dass wir U-Bahn fahren wollten, auch wenn das total sinnvoll war. Ich hatte mir darüber im Vorfeld gar keine Gedanken gemacht und war irgendwie überhaupt nicht darauf eingestellt. Aber was sollte schon schiefgehen? Also liefen wir gemütlich zum Stachus und Melissa fuhr zum ersten Mal mit einer U-Bahn. Völlig unspektakulär und eigentlich belanglos, doch diese vielen ersten Male fühlten sich an wie ein neues Computerspiel: Ständig entdeckte ich Neues, lernte nützliche Fähigkeiten und schaltete neue Level frei. Und es hörte einfach nicht auf. Ich kannte diese Welt ja eigentlich und hatte alle diese Dinge schon unzählige Male getan. Aber en femme war gerade am Anfang alles neu, alles aufregend und vieles eine Herausforderung.
Auf der Theresienwiese wartete dann auch gleich die nächste: Hier waren die Schneeberge von den Menschenmassen zuverlässig zu Eisplatten verdichtet worden; zudem fing es an zu regnen. Es war also abwechselnd spiegelglatt und matschig. Wir gingen, so schnell es uns der Untergrund erlaubte, nach drinnen, wo wir dann den Rest der Gruppe treffen sollten. Dazu gehörte auch meine Frau, die damit zum ersten Mal mit Melissa zusammen in der Öffentlichkeit war. Aber es fühlte sich alles ganz natürlich an. Wir begrüßten uns wie zwei Freundinnen, als wäre es noch nie anders gewesen. Und auch vom Rest der Gruppe wurde ich sehr angenehm aufgenommen. Eine unserer cis Begleiterinnen dachte, ich wäre 24/7 Frau und war total überrascht von der Tatsache, dass ich meistens als Mann unterwegs bin. Selbst Bilder von mir als Mann konnten sie nicht umstimmen, im Gegenteil: Sie bestärkten nur ihre Meinung, dass ich als Frau viel natürlicher wirkte und besser aussah. Ich freute mich über das Kompliment, auch wenn es etwas schräg verpackt war. Und ich erlebte in dieser Phase zum ersten Mal wie es war, wenn mich andere Menschen als Melissa kennenlernten. Es war dann eine gewisse Selbstverständlichkeit da. Melissa war der Normalzustand und der Mann eine Verkleidung. Noch heute bin ich für viele in dieser Gruppe einfach die Melissa, auch wenn ich mal nicht en femme dabei bin.
Auf dem Festival generell war die Stimmung angenehm und locker. Von den anderen Besuchern wurden wir überhaupt nicht beachtet. Als neben uns ein Getränk in unsere Richtung umkippte, kamen wir ins Gespräch und unterhielten uns nett. Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen uns gegenüber sehr aufgeschlossen waren, dass sie uns sogar von Grund auf sympathisch fanden. Nicht trotz, sondern wegen unserer Besonderheiten. Die Stimmung ermutigte mich, etwas an meiner Komfortzone zu arbeiten. Beim Getränke holen bekam ich ein Lächeln von der Barfrau und auch mein Essen holte ich mir alleine an einem Selbstbedienungsstand. Es waren meine ersten Kontakte zur Außenwelt ohne den Schutz einer Gruppe und es fühlte sich schön an, mich zu offenbaren und gleich respektiert zu werden.
Nach dem Essen wurden wir relativ schnell müde und traten den Heimweg an. Dabei machten wir Bekanntschaft mit einem besonders großen Exemplar der besagten Eisplatten. Ich fühlte mich ziemlich bescheuert, wie ich mit meinen Stiefeln über die Fläche stakste, aber selbst die Menschen in flachen Schuhen machten an der Stelle keine gute Figur und kämpften mit ihrem Gleichgewicht. Es lag also nicht (nur) an meinem Schuhwerk. Wie selbstverständlich fuhren wir mit der U-Bahn zurück zum Auto und dann nach Hause. Dort schminkte ich mich zwar ab, es folgte aber nicht die übliche Aufräumaktion. Denn den Schminkspiegel würde ich schon am nächsten Tag wieder brauchen. Auch meine Kunstnägel behielt ich einfach an und schlief mit großer Vorfreude ein.
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Re: Melissas Memoiren
Hallo Melissa,
da hatten wir uns ja beinahe auf Pink Christmas getroffen.
Dein Werdegang ist wirklich schön zu lesen.
Laura
da hatten wir uns ja beinahe auf Pink Christmas getroffen.
Dein Werdegang ist wirklich schön zu lesen.
Laura
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Re: Melissas Memoiren
Ein verrücktes Wochenende - Teil 2
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, waren die Gefühle vom Schminkseminar wieder da. Stolz und tiefe Zufriedenheit, gepaart mit großer Freude auf den kommenden Tag. Es war und ist einfach schön, mit langen, lackierten Nägeln aufzuwachen und dadurch direkt zu wissen: Heute bin ich wieder Melissa.
Das wäre mir zwar auch ohne eine zusätzliche Erinnerung klar gewesen, aber diese optischen und haptischen Anker verstärkten das Bewusstsein für meine weibliche Seite sehr. Ich war dadurch direkt im passenden Mindset und konnte mich voll auf mich selbst einlassen. Mich zu rasieren, zu schminken und etwas hübsches anzuziehen fühlte sich nicht im Entferntesten mehr wie verkleiden an, sondern richtig und einfach natürlich. Ich war langsam in der Lage, in meinem Kopf den Spieß umzudrehen: Statt zu versuchen, die Frau in mir mit Körperpflege, Make-up und Klamotten herauszulocken, war sie immer öfter gedanklich schon da. Die äußerliche Verwandlung war dann zwar immer noch etwas Besonderes und auch notwendig für mein Wohlbefinden, aber mit weniger Erwartungshaltung verbunden und verlieh meinen Gefühlen einfach nur Ausdruck. Früher war ich manchmal enttäuscht gewesen, wenn mich nach dem Aufsetzen der Perücke keine Glücksgefühle durchströmten, weil ich im Gesamtbild zwar irgendwie eine Frau, aber eben vor allem auch noch einen Mann erkennen konnte. Jetzt war es umgekehrt und ich spürte und erkannte die Frau schon im Spiegel, wenn mein Gesicht glatt rasiert und meine Augenbrauen gezupft waren. Alles, was danach kam, war ein schöner Bonus und machte mit dieser Einstellung doppelt Spaß.
Mein Outfit für den Tag stellte ich gemeinsam mit meiner Frau zusammen. Meine schwarzen Stiefel waren aus Mangel an Alternativen wieder gesetzt. Darüber wollte ich wie am Vortag meine schwarze Jeans und dazu einen Pullover mit Weihnachtsmotiv tragen, den ich von meiner Frau geerbt hatte. So richtig happy war ich mit dem Pullover aber nicht und auch meine Frau fand ihn viel zu brav und zu wenig elegant, schließlich war das Treffen am Abend so etwas wie eine Weihnachtsfeier. Unsere Wahl fiel dann auf meine weinrote Bluse mit Schößchenrock, eines meiner ersten weiblichen Kleidungsstücke überhaupt. Ein paar Monate zuvor hätte ich mich darin noch nicht wirklich wohl gefühlt, aber ich hatte ein paar Kilo abgenommen und freute mich umso mehr, dieses schöne Teil aus den Anfangstagen auch tatsächlich mal ausführen zu können. Außerdem war ich ein bisschen stolz, direkt am Anfang schon so brauchbar eingekauft zu haben.
Der Abend war sorgfältig durchgeplant: Erst wollten wir zu Pink Christmas, danach hatten wir eine Tischreservierung in einem asiatischen Restaurant in der Nähe, und zum Abschluss wollten wir eventuell noch in eine Bar gehen. Felice holte meine Frau und mich wieder vor unserer Haustür ab und wir fuhren gemeinsam in die Stadt. Den Rest der Gruppe trafen wir direkt bei Pink Christmas. Dabei gab es direkt einen schönen Moment, denn auch unsere gemeinsame Freundin, vor der ich mich im Sommer geoutet hatte, war gekommen und sah mich zum ersten Mal en femme. Wir umarmten uns herzlich, sie lobte mein Erscheinungsbild, und ab diesem Zeitpunkt war es das Normalste auf der Welt, so mit ihr zusammen zu sein. Insgesamt war die Stimmung wieder gut. Wir tranken gemeinsam den ein oder anderen Glühwein und wippten zur Musik des wie immer lustig gekleideten DJs. Gerade als es langsam ungemütlich kalt wurde machten wir uns auf den kurzen Weg ins Restaurant. Dort wurden wir gewohnt freundlich behandelt und hervorragend bekocht. Beim Kassieren sagte dann eine Kellnerin schüchtern: „Seid ihr Drag Queens oder so? Ich finde das voll cool!“ Diese süße Solidaritätsbekundung fand ich irgendwie schön, trotz oder gerade wegen ihrer Unbeholfenheit. Über so viel offene Unterstützung freute sich die ganze Gruppe und wir erklärten ihr gerne in aller Kürze, was es mit uns auf sich hatte.
Beim Gehen kam dann eine kleine Diskussion auf, ob wir schon nach Hause oder noch in eine Bar gehen sollten. Meine Frau und ich waren müde, wir wollten eher heim. Felice hatte einen Besuch der Prosecco-Bar eingeplant und schien sehr motiviert, dort noch hinzugehen. Na gut, dachten wir uns, klingt ja ganz gemütlich, bestimmt würde es auch noch andere Getränke als Prosecco geben. Einen Absacker und dann nach Hause… Was wir Banausen zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Die Prosecco-Bar ist mitnichten eine spießige, auf Schaumwein spezialisierte Bar, sondern eher ein kleiner Club und eine queere Institution in München. Sogar Freddie Mercury soll in seiner Münchner Zeit öfter dort gewesen sein. Wir machten also die Tür auf und standen plötzlich auf einer sichtlich queeren Tanzfläche. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. Wir würden also tanzen gehen? In diesem Moment war ich sehr froh, dass ich etwas schicker angezogen war als ursprünglich geplant. Und mein Gehirn ratterte: Wie tanzt man denn als Frau? Ich war ja als Mann beim Tanzen in Clubs schon überfordert… Kann ich mich überhaupt so bewegen, dass das halbwegs feminin wirkt? Halte ich das überhaupt durch in diesen Schuhen? Sieht das am Ende süß aus oder total bescheuert?
Vieles in dieser Situation stimulierte meinen Fluchtinstinkt. Meine cis Begleiterinnen spürten meine Nervosität, redeten mir gut zu und versicherten mir, für mich da zu sein. Das beruhigte mich erst mal sehr. Aber sie warnten mich auch, ich solle mal vorsichtshalber damit rechnen, angesprochen zu werden. Das wiederum beruhigte mich überhaupt gar nicht. Felice dagegen grinste mich nur wissend an und freute sich offenbar über den gelungenen Überraschungseffekt. Als ich so in die Gesichter schaute wurde mir langsam klar, dass mir mit meinen Lieben um mich herum nichts passieren konnte. Das hier war ein Safe Space. Also atmete ich tief durch und versuchte, mich auf die Situation einzulassen und meine erste kleine Party en femme zu genießen. Am Anfang hielt ich mich noch an meinem Getränk fest und wippte ein bisschen im Takt, dann tanzte ich sogar richtig mit. Zuerst ziemlich unbeholfen, später immer weniger verkrampft, auch wenn ich meine Anspannung nie ganz ablegen konnte. Angesprochen wurde ich nicht, aber ich verlor auch mit der Zeit die Sorge davor. Denn die Stimmung war toll und überhaupt nicht mit einem gewöhnlichen Club zu vergleichen. Wenn eine Person an mir vorbei wollte, wurde ich sanft zur Seite geschoben und nicht einfach umgerempelt. Falls mich jemand angesprochen hätte, wäre das sicher auf wertschätzende Weise passiert. Es war einfach zu spüren, dass die Menschen hier anders miteinander umgingen.
Wir tanzten noch fast zwei Stunden, bevor wir wieder nach Hause gefahren sind. Es war anstrengend, aber auch sehr schön, so lange in meinen Lieblingsschuhen zu tanzen. Und es war ein Schritt weit aus meiner Komfortzone heraus, für den ich mal wieder belohnt worden war. An den Tagen darauf kam ich aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Die Glücksgefühle wirkten wieder mit einiger Verzögerung, aber sie waren zahlreich. Das war das verrückteste und mutigste gewesen, was ich seit langer Zeit gemacht hatte. Und es markierte gleichzeitig den Abschluss eines sehr aufregenden Jahres für meine weibliche Seite. Ich hatte es zum zweiten Mal in Folge mit dem Vorsatz gestartet, endlich en femme rauszugehen. Und es hatte nicht nur geklappt, sondern fühlte sich auch noch verdammt gut an. So gut, dass ich mich keine drei Monate später sogar auf eine öffentliche Tanzfläche traute.
Für das nächste Jahr war der Plan klar: Dieses Gefühl mitnehmen, Sicherheit gewinnen und mein Leben in beiden Geschlechtern genießen. Und: eine neue Perücke kaufen.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, waren die Gefühle vom Schminkseminar wieder da. Stolz und tiefe Zufriedenheit, gepaart mit großer Freude auf den kommenden Tag. Es war und ist einfach schön, mit langen, lackierten Nägeln aufzuwachen und dadurch direkt zu wissen: Heute bin ich wieder Melissa.
Das wäre mir zwar auch ohne eine zusätzliche Erinnerung klar gewesen, aber diese optischen und haptischen Anker verstärkten das Bewusstsein für meine weibliche Seite sehr. Ich war dadurch direkt im passenden Mindset und konnte mich voll auf mich selbst einlassen. Mich zu rasieren, zu schminken und etwas hübsches anzuziehen fühlte sich nicht im Entferntesten mehr wie verkleiden an, sondern richtig und einfach natürlich. Ich war langsam in der Lage, in meinem Kopf den Spieß umzudrehen: Statt zu versuchen, die Frau in mir mit Körperpflege, Make-up und Klamotten herauszulocken, war sie immer öfter gedanklich schon da. Die äußerliche Verwandlung war dann zwar immer noch etwas Besonderes und auch notwendig für mein Wohlbefinden, aber mit weniger Erwartungshaltung verbunden und verlieh meinen Gefühlen einfach nur Ausdruck. Früher war ich manchmal enttäuscht gewesen, wenn mich nach dem Aufsetzen der Perücke keine Glücksgefühle durchströmten, weil ich im Gesamtbild zwar irgendwie eine Frau, aber eben vor allem auch noch einen Mann erkennen konnte. Jetzt war es umgekehrt und ich spürte und erkannte die Frau schon im Spiegel, wenn mein Gesicht glatt rasiert und meine Augenbrauen gezupft waren. Alles, was danach kam, war ein schöner Bonus und machte mit dieser Einstellung doppelt Spaß.
Mein Outfit für den Tag stellte ich gemeinsam mit meiner Frau zusammen. Meine schwarzen Stiefel waren aus Mangel an Alternativen wieder gesetzt. Darüber wollte ich wie am Vortag meine schwarze Jeans und dazu einen Pullover mit Weihnachtsmotiv tragen, den ich von meiner Frau geerbt hatte. So richtig happy war ich mit dem Pullover aber nicht und auch meine Frau fand ihn viel zu brav und zu wenig elegant, schließlich war das Treffen am Abend so etwas wie eine Weihnachtsfeier. Unsere Wahl fiel dann auf meine weinrote Bluse mit Schößchenrock, eines meiner ersten weiblichen Kleidungsstücke überhaupt. Ein paar Monate zuvor hätte ich mich darin noch nicht wirklich wohl gefühlt, aber ich hatte ein paar Kilo abgenommen und freute mich umso mehr, dieses schöne Teil aus den Anfangstagen auch tatsächlich mal ausführen zu können. Außerdem war ich ein bisschen stolz, direkt am Anfang schon so brauchbar eingekauft zu haben.
Der Abend war sorgfältig durchgeplant: Erst wollten wir zu Pink Christmas, danach hatten wir eine Tischreservierung in einem asiatischen Restaurant in der Nähe, und zum Abschluss wollten wir eventuell noch in eine Bar gehen. Felice holte meine Frau und mich wieder vor unserer Haustür ab und wir fuhren gemeinsam in die Stadt. Den Rest der Gruppe trafen wir direkt bei Pink Christmas. Dabei gab es direkt einen schönen Moment, denn auch unsere gemeinsame Freundin, vor der ich mich im Sommer geoutet hatte, war gekommen und sah mich zum ersten Mal en femme. Wir umarmten uns herzlich, sie lobte mein Erscheinungsbild, und ab diesem Zeitpunkt war es das Normalste auf der Welt, so mit ihr zusammen zu sein. Insgesamt war die Stimmung wieder gut. Wir tranken gemeinsam den ein oder anderen Glühwein und wippten zur Musik des wie immer lustig gekleideten DJs. Gerade als es langsam ungemütlich kalt wurde machten wir uns auf den kurzen Weg ins Restaurant. Dort wurden wir gewohnt freundlich behandelt und hervorragend bekocht. Beim Kassieren sagte dann eine Kellnerin schüchtern: „Seid ihr Drag Queens oder so? Ich finde das voll cool!“ Diese süße Solidaritätsbekundung fand ich irgendwie schön, trotz oder gerade wegen ihrer Unbeholfenheit. Über so viel offene Unterstützung freute sich die ganze Gruppe und wir erklärten ihr gerne in aller Kürze, was es mit uns auf sich hatte.
Beim Gehen kam dann eine kleine Diskussion auf, ob wir schon nach Hause oder noch in eine Bar gehen sollten. Meine Frau und ich waren müde, wir wollten eher heim. Felice hatte einen Besuch der Prosecco-Bar eingeplant und schien sehr motiviert, dort noch hinzugehen. Na gut, dachten wir uns, klingt ja ganz gemütlich, bestimmt würde es auch noch andere Getränke als Prosecco geben. Einen Absacker und dann nach Hause… Was wir Banausen zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Die Prosecco-Bar ist mitnichten eine spießige, auf Schaumwein spezialisierte Bar, sondern eher ein kleiner Club und eine queere Institution in München. Sogar Freddie Mercury soll in seiner Münchner Zeit öfter dort gewesen sein. Wir machten also die Tür auf und standen plötzlich auf einer sichtlich queeren Tanzfläche. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. Wir würden also tanzen gehen? In diesem Moment war ich sehr froh, dass ich etwas schicker angezogen war als ursprünglich geplant. Und mein Gehirn ratterte: Wie tanzt man denn als Frau? Ich war ja als Mann beim Tanzen in Clubs schon überfordert… Kann ich mich überhaupt so bewegen, dass das halbwegs feminin wirkt? Halte ich das überhaupt durch in diesen Schuhen? Sieht das am Ende süß aus oder total bescheuert?
Vieles in dieser Situation stimulierte meinen Fluchtinstinkt. Meine cis Begleiterinnen spürten meine Nervosität, redeten mir gut zu und versicherten mir, für mich da zu sein. Das beruhigte mich erst mal sehr. Aber sie warnten mich auch, ich solle mal vorsichtshalber damit rechnen, angesprochen zu werden. Das wiederum beruhigte mich überhaupt gar nicht. Felice dagegen grinste mich nur wissend an und freute sich offenbar über den gelungenen Überraschungseffekt. Als ich so in die Gesichter schaute wurde mir langsam klar, dass mir mit meinen Lieben um mich herum nichts passieren konnte. Das hier war ein Safe Space. Also atmete ich tief durch und versuchte, mich auf die Situation einzulassen und meine erste kleine Party en femme zu genießen. Am Anfang hielt ich mich noch an meinem Getränk fest und wippte ein bisschen im Takt, dann tanzte ich sogar richtig mit. Zuerst ziemlich unbeholfen, später immer weniger verkrampft, auch wenn ich meine Anspannung nie ganz ablegen konnte. Angesprochen wurde ich nicht, aber ich verlor auch mit der Zeit die Sorge davor. Denn die Stimmung war toll und überhaupt nicht mit einem gewöhnlichen Club zu vergleichen. Wenn eine Person an mir vorbei wollte, wurde ich sanft zur Seite geschoben und nicht einfach umgerempelt. Falls mich jemand angesprochen hätte, wäre das sicher auf wertschätzende Weise passiert. Es war einfach zu spüren, dass die Menschen hier anders miteinander umgingen.
Wir tanzten noch fast zwei Stunden, bevor wir wieder nach Hause gefahren sind. Es war anstrengend, aber auch sehr schön, so lange in meinen Lieblingsschuhen zu tanzen. Und es war ein Schritt weit aus meiner Komfortzone heraus, für den ich mal wieder belohnt worden war. An den Tagen darauf kam ich aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Die Glücksgefühle wirkten wieder mit einiger Verzögerung, aber sie waren zahlreich. Das war das verrückteste und mutigste gewesen, was ich seit langer Zeit gemacht hatte. Und es markierte gleichzeitig den Abschluss eines sehr aufregenden Jahres für meine weibliche Seite. Ich hatte es zum zweiten Mal in Folge mit dem Vorsatz gestartet, endlich en femme rauszugehen. Und es hatte nicht nur geklappt, sondern fühlte sich auch noch verdammt gut an. So gut, dass ich mich keine drei Monate später sogar auf eine öffentliche Tanzfläche traute.
Für das nächste Jahr war der Plan klar: Dieses Gefühl mitnehmen, Sicherheit gewinnen und mein Leben in beiden Geschlechtern genießen. Und: eine neue Perücke kaufen.
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Re: Melissas Memoiren
Liebe Melissa
Vielen Dank für Dein so ausführlicher Bericht! Er macht mich Mut!
Zum Schminkseminar: Meine Kosmetikerin hatte auch solche durchgeführt, sie hat aber festgestellt, dass je mehr Teilnehmerinnen dabei waren, desto schwieriger war es für sie, auf die Personen einzugehen, sprich, Hauttyp, adequate Behandlungen, usw. Deswegen gibt sie nun Einzelunterricht, den habe ich nächsten Samstag. Ich freue mich sehr darauf!
Herzlicher Gruss
Daniela
Vielen Dank für Dein so ausführlicher Bericht! Er macht mich Mut!
Dieser Prozess gehe ich nach und nach, ohne Eile, einerseits freue ich mich, andererseits habe ich dieselben "Bedenken" wie Du, aber eben, wer nichts wagt, gewinnt nicht.manchmal_melissa hat geschrieben: So 26. Jan 2025, 12:18 Und es war ein Schritt weit aus meiner Komfortzone heraus, für den ich mal wieder belohnt worden war. An den Tagen darauf kam ich aus dem Grinsen nicht mehr heraus. Die Glücksgefühle wirkten wieder mit einiger Verzögerung, aber sie waren zahlreich. Das war das verrückteste und mutigste gewesen, was ich seit langer Zeit gemacht hatte.
Zum Schminkseminar: Meine Kosmetikerin hatte auch solche durchgeführt, sie hat aber festgestellt, dass je mehr Teilnehmerinnen dabei waren, desto schwieriger war es für sie, auf die Personen einzugehen, sprich, Hauttyp, adequate Behandlungen, usw. Deswegen gibt sie nun Einzelunterricht, den habe ich nächsten Samstag. Ich freue mich sehr darauf!
Herzlicher Gruss
Daniela
Ich will einfach der sein, der ich wirklich bin: ein Mann, der seine mittlerweile erkannte sehr bedeutende Weiblichkeit vertieft kennenlernen möchte.
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Manuelaw
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Re: Melissas Memoiren
Liebe Melissa,
das ist ein sehr schöner Bericht. Mit dem ausgehen bin ich noch nicht soweit. Ich kämpfe aktuell noch mein Schminken zu verbessern.
Liebe Grüße Manuela
das ist ein sehr schöner Bericht. Mit dem ausgehen bin ich noch nicht soweit. Ich kämpfe aktuell noch mein Schminken zu verbessern.
Liebe Grüße Manuela
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manchmal_melissa
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Re: Melissas Memoiren
Ein holpriger Start ins neue Jahr
Das Jahr 2024 startete ich mit unglaublich viel Elan. Meine ersten Ausflüge en femme hallten immer noch nach und machten mir viel Lust auf mehr. Entsprechend konsequent ging ich meinen ersten Vorsatz an: eine neue Perücke kaufen.
Bereits zwischen den Jahren hatte ich mir drei hochwertige Perücken zur Anprobe bestellt. Bei der Auswahl profitierte ich von den vielen Tests bei Elli und mit Felice. Ich wusste schon grob, in welche Richtung es gehen würde und konnte das riesige Angebot gut eingrenzen. Als ich mir im Online-Shop meiner Wahl einen Account zulegte, machte ich dann spontan etwas Neues: Bisher war ich überall (außer in diesem Forum) nur mit meinem männlichen Namen angemeldet. Selbst wenn ich Klamotten für Melissa bestellte, nutzte ich dafür meine schon bestehenden Kundenkonten. Aber das hier war etwas anderes, denn zum ersten Mal brauchte ich einen Account exklusiv für meine weibliche Seite. Also meldete ich mich, ohne groß darüber nachzudenken, zum ersten Mal als Melissa an. Es erschien mir einfach logisch. Doch ich war überrascht, wie sehr mich allein die Registrierungsbestätigung bewegte. „Sehr geehrte Frau Melissa…“, stand da geschrieben. Das war wie eine warme Dusche. Die Bestellbestätigung fühlte sich nicht weniger schön an, und als das Paket dann wenige Tage später ankam, stand mein neuer Name sogar auf einem gedruckten Adressaufkleber. Das waren sehr emotionale Momente trotz ihrer Trivialität, weil sie meiner Existenz einen Hauch von Amtlichkeit verliehen. Schritt für Schritt kam ich in der echten Welt an, wurde passend angesprochen und sogar beliefert.
Ich probierte die drei Perücken kurz an, erst mal ohne mich zu schminken, und hatte dabei einen klaren Favoriten. Aber um sicher zu gehen und das Gesamtbild zu testen, musste ich mich wieder einmal verwandeln. Doch mittlerweile war mir die Zeit dafür echt zu schade, um im Anschluss daran nicht rauszugehen. Rückblickend finde ich sehr spannend, wie schnell sich meine Einstellung veränderte: Noch wenige Monate zuvor durfte Melissa nur zu Hause existieren, jetzt zog es mich automatisch nach draußen in die Freiheit, sobald ich mich geschminkt hatte. Es kam mir plötzlich wie eine schreckliche Zeitverschwendung vor, einen Tag en femme ausschließlich drinnen zu verbringen. Ich mobilisierte also recht spontan einige Freund:innen und wir verabredeten uns zum Abendessen im queeren Wirtshaus Fesch.
Ich schminkte mich wie üblich und testete die Perücken nochmal durch. Meine Wahl fiel wie erwartet auf eine braune, glatte Langhaarperücke aus Kunsthaar, die auch formbar war. Vor dem Kleiderschrank war ich dagegen nicht so entscheidungsfreudig. Mir fehlten eindeutig wintertaugliche Klamotten. Aus Mangel an Kreativität wählte ich das gleiche Outfit wie auf dem Tollwood: schwarze Stiefel, schwarze Jeans, weißes Top, dunkelblauer Pullover und grauer Mantel. Dazu kam ein kleines, aber besonderes Accessoire: Meine Frau hatte mir zu Weihnachten ein selbst gebasteltes Freundschaftsarmband mit der Aufschrift „Melissa“ geschenkt - eine super süße Geste und für mich ein Zeichen dafür, dass meine weibliche Seite mittlerweile in der Mitte unserer Beziehung angekommen war. Ich zog mich fertig an, stylte meine neue Perücke mit etwas Haarspray und machte mich zusammen mit meiner Frau auf den Weg in die Stadt. Dabei kam es wieder mal zu einer Premiere: Zum ersten Mal würde ich en femme mit der S-Bahn fahren. Das hatte schon beim Fertigmachen für einigen Stress gesorgt, schließlich gab es eine feste Abfahrtszeit. Wir waren also spät dran, als wir aus der Wohnungstür gingen.
Und beeilten uns entsprechend. Diese Eile wurde mir zum Verhängnis. Draußen lag mal wieder Schnee, den die Hausbewohner fleißig im Treppenhaus verteilt hatten, wo er zu kleinen Pfützen geschmolzen war. Ich war schon fast im Erdgeschoss, als es passierte: Ich übersah eine dieser Pfützen, rutschte mit dem Standbein nach vorne, verlor das Gleichgewicht und dann - „Knack!“ - Ich wusste sofort, dass mein Absatz abgebrochen war. Von meinen Lieblingsschuhen, den schönen schwarzen Wildlederstiefeln. Ich hätte auf der Stelle heulen können, aber ich funktionierte erst mal. Wir wollten ja immer noch eine S-Bahn erwischen. Also humpelte ich schnell zurück nach oben und hoffte so sehr wie noch nie, dass mich so kein Nachbar sehen würde. Ich ging ins Schlafzimmer, zog meine kaputten Stiefel aus und holte meine alten Stiefeletten aus dem Schuhregal. Die waren zwar schon sichtlich kaputt, aber meine einzige Alternative. Kurz überlegte ich, alles hinzuschmeißen und einfach zu Hause zu bleiben. Aber unten wartete meine Frau, und ich wollte mir den Abend von diesem Missgeschick nicht verderben lassen.
Leider schaffte ich das überhaupt nicht. Da wir noch mehr Zeit verloren hatten, hetzten wir zum Bahnhof. Ich fühlte mich überhaupt nicht gut dabei, geschweige denn weiblich. Auch auf dem Weg in die Stadt bekam ich meine negativen Gefühle nicht in den Griff. In der Tram, auf dem Gehweg: Alle schienen mich anzustarren, zu wissen, was ich war. Saß mein Make-up nach dem Stress überhaupt noch? Meine Frisur? Und immer wieder musste ich an meine kaputten Stiefel denken. Im Wirtshaus auf die anderen zu treffen lenkte mich zwar etwas ab, doch genießen konnte ich den Abend nie richtig. Sogar von meiner neuen Perücke war ich genervt, weil sie mir ständig im Gesicht hing. Ich war an dem Abend ein gestresstes, trauriges Nervenbündel, und das strahlte ich wohl auch aus.
Zum ersten Mal war ich froh, als wir wieder zu Hause waren. An diesem Abend waren genau die Dinge passiert, vor denen ich bei meinen ersten Ausflügen Angst gehabt hatte. Eine Summe von Kleinigkeiten, die mir den Tag vermiesten und mir komplett die Freude daran nahmen, meine Freiheit zu genießen. Ich hatte mich und mein Selbstbewusstsein leider richtig eingeschätzt: Alles war noch sehr fragil, meine Stimmung konnte sehr schnell kippen, und dann würde ich mich in meiner Haut nicht mehr wohl fühlen. Ich interpretierte alles zu meinen Ungunsten und ließ mich immer weiter runterziehen.
Zum Glück hielt diese Verstimmung nicht lange. Ich bekam viel Zuspruch von meinen Lieben, die mir zwar ehrlich sagten, wie unentspannt ich gewirkt hatte, aber mir gleichzeitig Mut für die Zukunft machten. Und die nahm ich gleich selbst in die Hand: Ich behielt meine Perücke und nahm mir vor, sie besser stylen zu lernen. Ich erkundigte mich nach Schuhmacher:innen, die meine schönen Stiefel wieder flicken konnten. Und meine negativen Erinnerungen bekämpfte ich erfolgreich mit der Vorfreude auf unser nächstes reguläres Treffen nur zwei Wochen später. Da hatte ich schon die nächste Chance, es besser zu machen und meine Melissa-Zeit wieder mit positivem Gefühlen zu besetzen.
Das Jahr 2024 startete ich mit unglaublich viel Elan. Meine ersten Ausflüge en femme hallten immer noch nach und machten mir viel Lust auf mehr. Entsprechend konsequent ging ich meinen ersten Vorsatz an: eine neue Perücke kaufen.
Bereits zwischen den Jahren hatte ich mir drei hochwertige Perücken zur Anprobe bestellt. Bei der Auswahl profitierte ich von den vielen Tests bei Elli und mit Felice. Ich wusste schon grob, in welche Richtung es gehen würde und konnte das riesige Angebot gut eingrenzen. Als ich mir im Online-Shop meiner Wahl einen Account zulegte, machte ich dann spontan etwas Neues: Bisher war ich überall (außer in diesem Forum) nur mit meinem männlichen Namen angemeldet. Selbst wenn ich Klamotten für Melissa bestellte, nutzte ich dafür meine schon bestehenden Kundenkonten. Aber das hier war etwas anderes, denn zum ersten Mal brauchte ich einen Account exklusiv für meine weibliche Seite. Also meldete ich mich, ohne groß darüber nachzudenken, zum ersten Mal als Melissa an. Es erschien mir einfach logisch. Doch ich war überrascht, wie sehr mich allein die Registrierungsbestätigung bewegte. „Sehr geehrte Frau Melissa…“, stand da geschrieben. Das war wie eine warme Dusche. Die Bestellbestätigung fühlte sich nicht weniger schön an, und als das Paket dann wenige Tage später ankam, stand mein neuer Name sogar auf einem gedruckten Adressaufkleber. Das waren sehr emotionale Momente trotz ihrer Trivialität, weil sie meiner Existenz einen Hauch von Amtlichkeit verliehen. Schritt für Schritt kam ich in der echten Welt an, wurde passend angesprochen und sogar beliefert.
Ich probierte die drei Perücken kurz an, erst mal ohne mich zu schminken, und hatte dabei einen klaren Favoriten. Aber um sicher zu gehen und das Gesamtbild zu testen, musste ich mich wieder einmal verwandeln. Doch mittlerweile war mir die Zeit dafür echt zu schade, um im Anschluss daran nicht rauszugehen. Rückblickend finde ich sehr spannend, wie schnell sich meine Einstellung veränderte: Noch wenige Monate zuvor durfte Melissa nur zu Hause existieren, jetzt zog es mich automatisch nach draußen in die Freiheit, sobald ich mich geschminkt hatte. Es kam mir plötzlich wie eine schreckliche Zeitverschwendung vor, einen Tag en femme ausschließlich drinnen zu verbringen. Ich mobilisierte also recht spontan einige Freund:innen und wir verabredeten uns zum Abendessen im queeren Wirtshaus Fesch.
Ich schminkte mich wie üblich und testete die Perücken nochmal durch. Meine Wahl fiel wie erwartet auf eine braune, glatte Langhaarperücke aus Kunsthaar, die auch formbar war. Vor dem Kleiderschrank war ich dagegen nicht so entscheidungsfreudig. Mir fehlten eindeutig wintertaugliche Klamotten. Aus Mangel an Kreativität wählte ich das gleiche Outfit wie auf dem Tollwood: schwarze Stiefel, schwarze Jeans, weißes Top, dunkelblauer Pullover und grauer Mantel. Dazu kam ein kleines, aber besonderes Accessoire: Meine Frau hatte mir zu Weihnachten ein selbst gebasteltes Freundschaftsarmband mit der Aufschrift „Melissa“ geschenkt - eine super süße Geste und für mich ein Zeichen dafür, dass meine weibliche Seite mittlerweile in der Mitte unserer Beziehung angekommen war. Ich zog mich fertig an, stylte meine neue Perücke mit etwas Haarspray und machte mich zusammen mit meiner Frau auf den Weg in die Stadt. Dabei kam es wieder mal zu einer Premiere: Zum ersten Mal würde ich en femme mit der S-Bahn fahren. Das hatte schon beim Fertigmachen für einigen Stress gesorgt, schließlich gab es eine feste Abfahrtszeit. Wir waren also spät dran, als wir aus der Wohnungstür gingen.
Und beeilten uns entsprechend. Diese Eile wurde mir zum Verhängnis. Draußen lag mal wieder Schnee, den die Hausbewohner fleißig im Treppenhaus verteilt hatten, wo er zu kleinen Pfützen geschmolzen war. Ich war schon fast im Erdgeschoss, als es passierte: Ich übersah eine dieser Pfützen, rutschte mit dem Standbein nach vorne, verlor das Gleichgewicht und dann - „Knack!“ - Ich wusste sofort, dass mein Absatz abgebrochen war. Von meinen Lieblingsschuhen, den schönen schwarzen Wildlederstiefeln. Ich hätte auf der Stelle heulen können, aber ich funktionierte erst mal. Wir wollten ja immer noch eine S-Bahn erwischen. Also humpelte ich schnell zurück nach oben und hoffte so sehr wie noch nie, dass mich so kein Nachbar sehen würde. Ich ging ins Schlafzimmer, zog meine kaputten Stiefel aus und holte meine alten Stiefeletten aus dem Schuhregal. Die waren zwar schon sichtlich kaputt, aber meine einzige Alternative. Kurz überlegte ich, alles hinzuschmeißen und einfach zu Hause zu bleiben. Aber unten wartete meine Frau, und ich wollte mir den Abend von diesem Missgeschick nicht verderben lassen.
Leider schaffte ich das überhaupt nicht. Da wir noch mehr Zeit verloren hatten, hetzten wir zum Bahnhof. Ich fühlte mich überhaupt nicht gut dabei, geschweige denn weiblich. Auch auf dem Weg in die Stadt bekam ich meine negativen Gefühle nicht in den Griff. In der Tram, auf dem Gehweg: Alle schienen mich anzustarren, zu wissen, was ich war. Saß mein Make-up nach dem Stress überhaupt noch? Meine Frisur? Und immer wieder musste ich an meine kaputten Stiefel denken. Im Wirtshaus auf die anderen zu treffen lenkte mich zwar etwas ab, doch genießen konnte ich den Abend nie richtig. Sogar von meiner neuen Perücke war ich genervt, weil sie mir ständig im Gesicht hing. Ich war an dem Abend ein gestresstes, trauriges Nervenbündel, und das strahlte ich wohl auch aus.
Zum ersten Mal war ich froh, als wir wieder zu Hause waren. An diesem Abend waren genau die Dinge passiert, vor denen ich bei meinen ersten Ausflügen Angst gehabt hatte. Eine Summe von Kleinigkeiten, die mir den Tag vermiesten und mir komplett die Freude daran nahmen, meine Freiheit zu genießen. Ich hatte mich und mein Selbstbewusstsein leider richtig eingeschätzt: Alles war noch sehr fragil, meine Stimmung konnte sehr schnell kippen, und dann würde ich mich in meiner Haut nicht mehr wohl fühlen. Ich interpretierte alles zu meinen Ungunsten und ließ mich immer weiter runterziehen.
Zum Glück hielt diese Verstimmung nicht lange. Ich bekam viel Zuspruch von meinen Lieben, die mir zwar ehrlich sagten, wie unentspannt ich gewirkt hatte, aber mir gleichzeitig Mut für die Zukunft machten. Und die nahm ich gleich selbst in die Hand: Ich behielt meine Perücke und nahm mir vor, sie besser stylen zu lernen. Ich erkundigte mich nach Schuhmacher:innen, die meine schönen Stiefel wieder flicken konnten. Und meine negativen Erinnerungen bekämpfte ich erfolgreich mit der Vorfreude auf unser nächstes reguläres Treffen nur zwei Wochen später. Da hatte ich schon die nächste Chance, es besser zu machen und meine Melissa-Zeit wieder mit positivem Gefühlen zu besetzen.
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Re: Melissas Memoiren
Hallo Melissa,
vielen Dank für deine ausführlichen Berichte, dann kann man gar nicht mehr aufhören zu lesen.
LG
Liv
vielen Dank für deine ausführlichen Berichte, dann kann man gar nicht mehr aufhören zu lesen.
Das ist erstaunlich, oder? Geht mir genau so. Wenn man einmal gespürt hat, wie es draußen ist, wie andere Menschen auf einen reagieren, dann will man gar nicht mehr zuhause auf dem Sofa sitzen.manchmal_melissa hat geschrieben: Do 13. Mär 2025, 22:13 Es kam mir plötzlich wie eine schreckliche Zeitverschwendung vor, einen Tag en femme ausschließlich drinnen zu verbringen.
Kopf hoch, kann passieren. Aufstehen, Krönchen richten, weiterlaufen. Ich hatte auch manchmal Tage, an denen alles schiefläuft, und sich trotzdem alles zum Besseren gedreht hat. Und schliesslich wächst man an den Problemen, die man gelöst hat. Vielleicht sollte ich auch mal an meinen Memoiren weiterschreiben.manchmal_melissa hat geschrieben: Do 13. Mär 2025, 22:13 Alles war noch sehr fragil, meine Stimmung konnte sehr schnell kippen, und dann würde ich mich in meiner Haut nicht mehr wohl fühlen. Ich interpretierte alles zu meinen Ungunsten und ließ mich immer weiter runterziehen.
LG
Liv