Lana hat geschrieben: Sa 20. Jul 2024, 00:35
Wir brauchen mehr Digitalisierung!
Wirklich?
Doch, ja, schon. An vielen Stellen könnte vieles besser und einfacher sein. Aber / gleichzeitig mit anderen Parametern. Ich hab ja seit Jahrzehnten mit dem Zeugs zu tun.
Operativ wird IT / Digitalisierung leider vor allem als Kostenfaktor betrachtet. Planung und Betrieb werden daraufhin ausgerichtet. Also: Möglichst wenig Personal und nicht zu teuer (aka fähig). Zudem werden IT-Betriebsleute häufig in ihren Möglichkeiten beschränkt. Beschaffungsbürokratie, "Kostenoptimierung" für notwendige Dinge. Ich kenne IT-Abteilungen in Konzernen mit Leistungskatalogen wie Handwerksbetriebe; Material plus kalkulierte Arbeitszeit. Jeder Fall wird kleinteilig aufgezeichnet und geht in die nächste Analyse, um noch mehr Geld zu sparen. Kanban-Systeme zur Leistungsüberwachung, usw.
Das führt zu sehr viel Selbstschutz beim Personal. Immer so handeln, dass dir keinein an den Karren fahren kann. "Niemand ist je dafür gefeuert worden, Microsoft [oder IBM, ...] gekauft zu haben". Auch jetzt bei Crowdstrike wird keinein gefeuert werden, weil sie das Produkt für die eigene Firma eingekauft haben. Ebensowenig wie 2010 wg McAfee. "Industriestandard". Auch wenn es hauptsächlich Schlangenöl ist, also viel Voodoo gegen wenig Bedrohung. Von der IT hoch zu den Entscheidenden "CIO's" können alle die Hände hochreissen und beteuern, sie hätten ja alles gemacht wie es aktuell empfohlen wird.
[Einschub: Der Ausfall der Kartenterminals 2022 war auch so eine Kostensache. Die Geräte waren seit Jahren veraltet, was der Hersteller auch bekannt gegeben hatte. Sie hatten ein internes Sicherheitszertifikat mit Ablaufdatum (das muss so), das an diesem Datum ungültig wurde. Die Handelshäuser hatten nicht ugedatet, weil "geht ja noch; Update kostet; lass mal verschieben".]
Der für Digitalisierung an sich aber wesentliche Knackpunkt ist die strategische, planerische Herangehensweise. Und die ist in Deutschland generell rückständig. Digitalisierung sollte gerade nicht heissen, einfach die bisherigen Papierformulare auf den Bildschirm zu bringen und ansosten alle Prozesse beim alten zu lassen. Weder nach aussen zu den Kundys, noch für die internen Abläufe.
Mein "Algorithmen & Programmierung" Prof hat mir so ~1986/87 beigebracht: Jedes Software-Programm ist ein manifestiertes Vorurteil", nämlich über die Benutzenden, wie sie denken, was sie wollen,
wie sie etwas wollen bzw auch wie sie es machen
sollen. Im Falle von Verwaltung etc in der Regel: So, dass sie möglichst wenig Freiraum haben und keine Reibung in der Verarbeitung erzeugen. Was gleichzeitig weniger Qualifikation der Verarbeitenden möglich macht: Wenn das Programm strikt führt und nur Standard zulässt, ist egal, wer die Knöpfchen drückt.
Das spart Kosten bei der Entwicklung und Betrieb, siehe oben, verlagert sie aber in Form von Zeit, Geld und Nerven auf jene, die "nicht berücksichtigt" wurden und die, die ihnen dann helfen müssen, doch an die nötigen Leistungen zu gelangen. Falls es diesen Support überhaupt noch gibt.
"Sonderfälle" und Varianz kosten Geld. Deshalb mögen Controller* keine Varianz.
Für ein paar schöne Standard-Beispiele, wo beim Nachdenken gespart wird, hier zwei bekannte Artikel (engl) zu
Namen und
Zeit. Zu beiden Themen habe ich reichlich persönliche Anekdoten, dass es wirklich so ist.
Zum Beispiel mein Erlebnis mit meiner
Versicherung.
Da muss sich die Denke ändern. Von strikten Ablaufstrukturen und überkomplexen Universal-Anwendungen zu eher kleinteiligen, werkzeugartigen Prozeduren, die wenige Voraussetzungen benötigen und genau eine Aufgabe möglichst gut erledigen. Anders gesagt: Weg von "ich weiss was gut für dich ist" und "es gibt nur diesen einen Weg" a'la Microsoft, SAP, usw zu Tools, die die Selbstwirksamkeit der Anwendenden unterstützen.
Problem: Diese Anwendenden müssen dann auch besser ausgebildet werden, siehe oben, und sie müssen Verantwortung bekommen und übernehmen.
Fazit: Das wenigste an diesen Problemen ist technisch. Das größte ist, dass die (vermutlich falschen) Leute mit falschen Zielparametern die falschen Entscheidungen über die Art und Durchführung der Digitalisierung treffen.