Jaddys Beitrag (den ich insgesamt für gut und wichtig halte - danke!) animiert mich dazu, hier mal etwas grundsätzlicher über die Bedeutung von Namen und Bezeichnungen zu philosophieren. Ich denke schon, dass das auch im Sinne von Vickys Fragestellung ist: denn letztlich hängt daran die Frage, inwieweit es uns (Transgender im weitesten Sinne) überhaupt gelingen kann, uns anderen, nicht direkt betroffenen Mitmenschen als das sichtbar, denkbar und referenzierbar zu machen, was wir sind.
Jaddy hat geschrieben: Mi 17. Jul 2024, 00:05
Viele cis-Menschen muss ich ziemlich bei Null "abholen". Ich denke, ich kann den meisten in ca. 5 Minuten die wichtigsten Dinge rüberbringen ( ... ) . Mit Glück kriege ich noch unter, dass geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung verschiedene Dinge sind.
Das zeigt sozusagen in Ultra-Kurzform die ganze Crux: Nichtbetroffenen sind wir mit unseren - individuell auch noch höchst unterschiedlichen - Transgender-Empfindungen und -Bedürfnissen so fremd, dass die allermeisten Menschen kaum eine Chance haben, die Natur unseres Andersseins auch nur in Grundzügen halbwegs realistisch zu erfassen; schon gar nicht in 5 Minuten, in denen man (das muss ich aus eigener, jahrzehntelanger Erfahrung bestätigen) noch nicht mal zuverlässig verständlich machen kann, dass ein Transvestit etwas grundsätzlich anderes ist als ein Schwuler. Selbst bei meiner lieben Frau, mit der ich nun schon bald 20 Jahre lang glücklich zusammen bin, die mich beim Rollenwechsel und in meinem neuen Leben schon von Anfang an immer liebevoll unterstützt hat und mich besser kennt als jeder andere Mensch, bin ich mir keineswegs sicher, dass sie mich diesbezüglich
wirklich versteht: sogar von ihr höre ich immer mal wieder Kommentare, die mich daran zweifeln lassen. Keine Aversion, keine Kritik von ihrer Seite - sondern einfach nur ein Stück unüberbrückbarer, ratloser Fremdheit gegenüber diesem Teil meiner selbst.
Abgesehen davon
wollen es die meisten Menschen auch gar nicht wissen. In all den Jahrzehnten, in denen ich versucht habe, meine weibliche Seite unterhalb der Travestie-Schwelle sichtbar zu machen und "rüberzubringen", habe ich mir immer gewünscht, die Leute würden nicht bloß irritiert gucken, wenn sie an mir was "Tuntiges" entdecken, sondern
fragen, mich in ein Gespräch ziehen, dem ich mich liebend gerne offen und ausführlich gestellt hätte. Aber dazu kam es nur höchst selten. Und meinerseits ein solches Gespräch zu initiieren wagte ich dann auch nur selten. Sich offen so zu zeigen, wie man ist, ist eine Sache, Anderen ein (möglicherweise als unangemessen intim empfundenes) Gespräch darüber aufzudrängen nochmal eine ganz andere...
Wozu sind Wörter und Begriffe eigentlich da? Wozu brauchen wir sie, inwieweit sind sie uns nützlich?
Ich kann auf einen beliebigen, äußeren Gegenstand - auf einen Baum, eine Wanduhr, ein Insekt - mit dem Finger zeigen und dazu ein bestimmtes Wort sagen: den Gegenstand somit
benennen. Wenn genug Menschen das oft genug einvernehmlich tun, bildet sich daraus ein gemeinsames Wort: sobald wir es aussprechen, assoziieren die Zuhörenden damit den Gegenstand, den man einvernehmlich be-
deutet hat - eine innerhalb der Gemeinschaft allgemeingültige, verbale Referenz auf den benannten Gegenstand. Man muss dann nicht mehr unmittelbar darauf deuten, er muss nicht mehr greifbar sein, er muss nicht mal mehr real existieren - mit dem bloßen Wort kann ich den anderen Menschen klar machen, was ich meine. So entsteht Sprache.
Sprache funktioniert
assoziativ: Wenn wir ein Wort hören, verbinden wir damit alle möglichen,
persönlichen Sinneserfahrungen: optische Bilder, akustische Laute, Gerüche, Tastgefühle, mit dem Gegenstand verbundene, persönliche Erlebnisse... Damit ist auch schon klar, dass Wortbedeutungen nur höchst selten (allenfalls in Mathematik oder Informatik, innerhalb dort streng definierter Regeln)
exakt sein können: jeder einzelne Mensch verbindet mit "Baum" eine etwas andere Bedeutung, abhängig von seinen persönlichen Erfahrungen damit. Trotzdem taugt das Wort in den allermeisten Fällen zur Verständigung, weil die gemeinsame Schnittmenge der Bedeutungen groß genug ist, um schwerwiegende Missverständnisse die Ausnahme bleiben zu lassen.
Schwieriger wird es, sobald mit einem Wort nicht mehr unmittelbar ein konkreter Gegenstand, sondern eine ganze
Kategorie von Gegenständen und deren kulturellen Zwecken und Bedeutungen gemeint ist. Eine "Vase" etwa mag in jemandem die Vorstellung einer staubtrüben Plastikvase mit verdorrten Blumen an einem verlassenen Grab wecken, für den nächsten ist es ein blitzblank silbernes Prunkstück mit exotischen Orchideen in einem Luxusrestaurant, für einen Dritten sind es vielleicht nur ein paar Tonscherben in einer Ecke einer antiken Römersiedlung. Man muss oft schon den konkreten Gesprächskontext kennen, um da überhaupt noch eine gemeinsame Bedeutung zu finden.
Ganz schwierig wird es, wenn man mit einem Wort nicht einen konkreten, äußeren Gegenstand, sondern Emotionen, Gefühle, persönliche Befindlichkeiten ausdrücken will - womit wir wieder beim Thema wären: wie, zum Teufel, können wir uns mit x-beliebigen, nicht selber betroffenen Menschen über die Bedeutung von Begriffen wie "transsexuell", "transgender", "nonbinär" oder "queer" einigen? Worauf kann ich mit dem Finger zeigen, um ihnen zu be-
deuten, was ich mit solch einem Wort meine? Bei "Crossdresser" mag das wenigstens ansatzweise noch funktionieren: ich deute auf jemanden, der körperlich erkennbar männlich ist, aber eindeutig weibliche Kleidung trägt - oder umgekehrt. Aber auch das charakterisiert den Gegenstand nur höchst oberflächlich, ohne die eigentliche Bedeutung zu erfassen: ein so be-
deuteter "Crossdresser" kann ein Schauspieler sein, der eine klassische Rolle spielt, er kann ein Fetischist sein, der sich damit einen "runterholt", er kann ein Kabarettist oder professioneller Frauenimitator sein oder jemand, der sich einfach nur mal im Fasching einen harmlosen Spaß ohne jegliche, tiefere Bedeutung macht - oder er kann einer von uns sein. Wo liegt unser Unterschied zu all den Vorgenannten, und wie kann ich das einem nicht persönlich Betroffenen erklären? Wohl können wir ihm noch halbwegs plausibel machen, was wir so alles
nicht sind - aber was
sind wir stattdessen wirklich? Der Kern der Sache, die Motivation, die eigentliche Bedeutung, die damit verbundenen Gefühle - das alles ist für Nichtbetroffene eine völlig fremde Welt, sie kennen solche Anwandlungen und Empfindungen nicht aus eigener Erfahrung, sie können sich nichts darunter vorstellen. Selbst wenn sie probeweise mal dasselbe tun,
bedeutet es für sie etwas gänzlich anderes, sie tun es aus völlig anderen Gründen und empfinden es gänzlich anders. Sie haben schlicht keine Chance, uns in einem tieferen Sinn zu verstehen: sie können nicht nachfühlen, was wir dabei empfinden, weil das komplett außerhalb ihrer eigenen Erfahrung liegt. Beobachten sie jemanden von uns beim Crossdressing, dann können sie über unsere dahinter stehenden Motive nur wild spekulieren, im Rahmen derjenigen Motive, die sie sich
vorstellen können, die aber in Bezug auf uns allesamt falsch sind; unsere
tatsächlichen Motive kommen in ihrer Vorstellungswelt gar nicht erst vor.
Die eigentliche Bedeutung unseres Tuns einem nicht selbst Betroffenen verbal verständlich zu machen ist also schon von vornherein so gut wie unmöglich. Ein auch nur annähernd übereinstimmendes Sprachverständnis ist unter wenigstens am Rande Betroffenen noch möglich; die können sich unter Worten wie "queer-° oder "nonbinär" eher etwas
vorstellen. Aber der cis-hetero-Normalo von nebenan ist damit schlicht überfordert, für den sind das böhmische Dörfer. Man kann es ihm nicht erklären, weil dazu eine beiderseits verständliche, gemeinsame Sprache fehlt - die kann mangels gemeinsamer, einschlägiger Erfahrungswelt gar nicht erst entstehen.
Für uns Crossdresser und Transsexuelle ist das tragisch: denn es liegt in der Natur unserer Veranlagung, dass unsere Bedürfnisse ihre wirkliche Befriedigung erst im Schritt nach außen, im offenen und öffentlichen Sich-Zeigen vor realen Mitmenschen finden. Es sind ganz überwiegend
soziale Bedürfnisse... Erzählt mir da jetzt nix: ich selber hab's die längste Zeit meines Lebens fast ausschließlich heimlich im stillen Kämmerlein gemacht; ich weiß sehr genau, dass das immerhin besser ist als gar nix. Aber es war und blieb immer sowas wie eine Trockenschwimmübung, es war bloß Fantasie statt Substanz; im übertragenen - und oft genug dann auch im realen - Sinn war's Onanie statt Geschlechtsakt. Womit ich nix gegen Selbstbefriedigung gesagt haben will, auch das würde ich nicht missen wollen. Aber statt der eigentlichen Substanz blieb's halt bloß eine - oft schale - Ersatzbefriedigung.
Warum habe ich mich so elend lange nicht getraut? Da sind wir wieder beim Thema: Worte, Begriffe, Etiketten... Das Outfit ist ja letztlich auch nichts anderes als eine Sprache, in der wir Teile von uns selbst präsentieren, mit der wir uns
sichtbar und
verstehbar zu machen versuchen. Wie bei der verbalen Sprache gibt es auch hier das Problem der Fehlinterpretation - seitens nicht selbst betroffener Menschen, die sich unter dem Gezeigten/Gesagten einfach nix vorstellen können. Wenn ich in den 80er Jahren jemandem verbal erklärte, ich sei eine Frau, dann war die übliche - wenn auch schon damals oft nur gedachte statt gesagte - Antwort: "Du spinnst!" Wenn ich stattdessen still im Rock oder mit Pumps rausging, war's auch nicht besser: speziell im Grinsen zuschauender Männer war dann so regelmäßig wie unmissverständlich "Du schwule Sau!" zu lesen. Aus Gesprächen "unter Männern" wusste ich ja sehr genau, wie die üblicherweise über sowas dachten, und was so ein ganz bestimmtes, dreckiges Grinsen zu bedeuten hatte. Auf beide Arten versuchte ich gleichermaßen, mich offen und ehrlich als der Mensch zu zeigen, der ich unter meiner schicksalhaft irreführenden Schale
wirklich bin - und wurde in beiden Fällen noch krasser fehlinterpretiert als in der männlichen Rolle.
Das war eine verdammt harte Zeit für unsereins. Der soziale Schaden durch die permanente Fehlinterpretation überwog ganz klar den kargen Nutzen. Dabei hat das öffentliche Sich-Zeigen durchaus auch einen Wert für sich - ganz unabhängig davon, wie es aufgenommen und interpretiert wird. Heute weiß ich sehr genau, dass wir - Toleranz hin oder her - von den allermeisten Menschen
nicht wirklich erkannt und verstanden werden; die können gar nicht anders, es liegt einfach außerhalb ihrer Erfahrungswelt. Trotzdem genieße ich es seit meinem endgültigen Rollenwechsel jeden Morgen von Neuem, mir vorm Spiegel mein Outfit zusammenzustellen, und ich atme jedesmal wieder befreit durch, wenn ich dann so vor die Tür trete und mich in die Öffentlichkeit begebe. Das schleift sich auch nicht ab: auch nach drei Jahren Alltag als Frau ist es immer noch dieselbe, euphorisch kribbelnde Empfindung; nur die anfangs noch damit verbundenen Ängste sind im Lauf der Jahre verschwunden. Es ist für mich einfach zutiefst befriedigend, mich gegenüber jedermann offen und unübersehbar als Frau zu zeigen - auch wenn dem jeweiligen Gegenüber trotzdem manchmal noch ein "Herr Sowieso" rausrutscht. Schwamm drüber - fehlinterpretiert zu werden war und ist für mich zeitlebens der Normalfall, egal in welcher Rolle, ich bin's gewöhnt, es ist für mich auch nicht mehr wichtig. Wenigstens darf mich jetzt endlich offen und ungestraft so
zeigen, wie ich mich selber sehe und am liebsten mag; endlich muss ich mich nicht mehr verstecken. Und
vielleicht gibt's ja doch den einen oder anderen Menschen, der mich so wenigstens ein Stück weit wirklich erkennt und versteht - allein das zählt. Ich fühle mich seitdem wie eine Blume, für die das Blühen Lebenszweck ist: all die Bienen und Schmetterlinge, die mich übersehen und an mir vorbeifliegen, zählen nicht. Was zählt, ist allein das Blühen, in lustvoller Hingabe an die natürliche Bestimmung.
Den Raum für dieses Leben mussten wir uns erst mühsam erkämpfen. Solange wir für unser bloßes Dasein verachtet, diskriminiert und ausgegrenzt wurden - das wurden wir in meiner Generation weiß Gott massiv - , blieb es nicht aus, dass der Kampf auch zu Härte und Verbitterung führte. Das berüchtigte "Transengift" entstammt wohl größtenteils diesem verzweifelten Überlebenskampf - und einem schon sehr speziellen, streitbaren Charakter, der damals dazu gehörte, sich diesem Kampf überhaupt offen zu stellen. Insofern kann ich es gut verstehen, dass so viele - speziell ältere - Transsexuelle auch heute noch so verkrampft und aggressiv bevormundend auftreten und in jedem schrägen Blick gleich Verachtung und Diskriminierung wittern. Lange genug blieb uns ja gar nichts anderes übrig, als unseren Mitmenschen bei jeder offenen Missachtung unserer erklärten Identität brutal über den Mund zu fahren, um wenigstens passiv schweigende Duldung zu erzwingen, wo verstehende Toleranz sowieso nicht zu erwarten war.
Aber heute - in einem doch sehr weitgehend tolerant gewordenen Umfeld - fällt uns diese Haltung auf die Füße. Immer noch maßlosere Forderungen nach Sonderrechten und wasserdichtem Rundumschutz gegen etwaige "Diskriminierungen", wie ihn niemand sonst beanspruchen kann, Strafandrohungen gegen falsches Gendern, Beleidigungsklagen wegen irgend eines gedankenlos herausgerutschten Worts - damit macht man sich auf Dauer keine Freunde. Dass so enttäuschend wenige Menschen - heute noch weniger als in früheren Jahrzehnten, ich hab's ja erlebt und kann es vergleichen - das Gespräch mit uns suchen, liegt nicht nur an mangelndem Interesse; die Leute haben mittlerweile schlicht Angst vor uns. "Eine Transe? Sag jetzt bloß kein falsches Wort; sag am besten gar nichts, sonst steckst du schneller in der "Nazi"- und "Transphoben"-Ecke, als du "Entschuldigung" sagen kannst!"
Duldung kann man bis zu einem gewissen Grad erzwingen; das ist uns mittlerweile in erstaunlichem Umfang gelungen. Empathisches Verstehen kann man nicht erzwingen, man muss darum werben. Aggressive Zwangsbelehrungen mit immer ausgefeilteren Spezialbegriffen, bei denen Genosse Normalbürger schon lange nur noch "Bahnhof" versteht, sind da eher kontraproduktiv; man geht den Leuten damit nur auf den Wecker. Wirkliches Verständnis können wir bei den meisten Leuten sowieso nicht erwarten. Sie können nichts dafür, sie sind dazu einfach nicht in der Lage; für unsere Lebensrealität gibt es in ihrer Vorstellungswelt keine Analogien. Umgekehrt können auch wir Teile ihres Weltbilds genauso wenig verstehen. Kein Grund also, sich klüger zu wähnen...
Was wir tun können: uns offen so zeigen, wie wir sind. Wir können das hier und heute wirklich unbesorgt tun, es drohen uns kaum noch negative Folgen deswegen. Ich tue es jetzt seit dreieinhalb Jahren konsequent 24 Stunden an jedem Tag jeder Woche, ich genieße es jeden Tag und habe es in diesem ganzen Zeitraum noch keinen einzigen Augenblick bereut.
Wie unser Auftreten von anderen Leuten
interpretiert wird, ist allein deren Sache. Niemand kann Anderen vorschreiben, wie sie jemanden in ihr ganz persönliches Weltbild einordnen. Es gibt ein Menschenrecht, so zu leben, wie man von Natur aus ist - freilich nur so weit, wie man damit nicht dasselbe Recht anderer Menschen verletzt. Ein Recht, verstanden zu werden, gibt es grundsätzlich
nicht.
Verstehen wird man uns um so mehr, je offener wir uns
zeigen. Wir selber müssen den Grund und Boden für den Realitätsanker der Leute bilden, an dem sie unsere für sie noch fremde Realität frei erkunden können. Je bessere Erfahrungen sie dabei machen, je freundlicher, toleranter und unaufdringlicher
wir uns
ihnen dabei zeigen, desto eher können wie darauf hoffen, dass aus der momentanen noch vorherrschenden, stillen Duldung irgendwann auch verstehende Sympathie wächst.
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Mein Respekt denjenigen, die sich durch diesen doch sehr lang gewordenen Text bis hierher durchgebissen haben. Es schien mir nötig, zu diesem Thema einmal den weiten Bogen über ein halbes Jahrhundert einschlägiger Lebenserfahrung zu ziehen.