Annette hat geschrieben: Fr 24. Feb 2023, 10:23
auf jeden Fall lohnt es sich mit diesem Gedanken auseinander zu setzen. Ein Leben als Frau, für immer...
Das kann ich nur bestätigen. Aber ähnliche Reaktionen haben nicht immer die gleichen Ursachen. Wenn es für einige der richtige Weg ist, sich ganz eine Seite zu leben, ist das für andere nicht die beste Lösung. Ich denke, das ist höchst individuell. Ich habe ähnliches verspürt wie Shoshana und habe mich gefragt, wie es denn wäre, ganz als Frau zu leben und habe es mehrfach getestet. Es waren wunderbare Zeiten, in denen ich mich intensiv mit mir beschäftigt habe. Aber immer läuft es auf das gleiche hinaus. Den Schritt ganz zu machen, wäre mir zuviel und so geht der Pendel hin und her.
Aber etwas hat sich in mir doch verändert. Ich kann mir heute erlauben, mein Leben als Frau zu leben und zu genießen. Das "Fluchtmoment", vor allem in Stresssituationen, ist nicht mehr vorhanden. Spüre ich das Frausein ganz bewusst, bin ich es auch. In den übrigen Zeiten habe ich aber kein ausgesprochenes "Männerbewusstsein". In der Männerwelt ist mir schon immer vieles fremd und ich konnte dafür auch kein eigenes Bewusstsein entwickeln. Ich bin dann einfach ich und freue mich, wenn ich in irgendeiner Weise "produktiv" bin. Das reicht vom Lesen über Basteln bis zum Arbeiten am Haus. Im Frausein kann ich das nur begrenzt. Dann stehen andere Dinge im Vordergrund und ich genieße mein Leben auf andere Weise. Mein gefühltes Geschlecht steht hier im Vordergrund und verlangt Aufmerksamkeit.
Das Pendeln ist manchmal sehr anstrengend, aber ich habe es akzeptiert. Verstanden habe ich es nicht. Ich lasse es zu, wie es kommt und das macht es viel ruhiger. Meine Persönlichkeit ist sehr breit gestreut. Sie einzuengen wäre wahrscheinlich ein Fehler. Ich trage ein Bewusstsein für beide Geschlechter in mir, die sich aber nicht spiegelbildlich, sondern in unterschiedlichen Facetten zeigen.
Shoshana hat geschrieben: Fr 24. Feb 2023, 08:58
Bin jetzt natürlich am grübeln, was mir das sagen will.
Auf dem Gebiet des praktischen Handelns hat der Mensch die Möglichkeit, das "Unbedingte" zu finden, das er im Feld des Theoretischen vergebens sucht.
Kant
Ich staune auch oft, was ich so erlebe. Gegrübelt habe ich viel, aber wirklich weitergebracht hat mich eher, mich auf die Dinge einzulassen und gelassener zu werden. Das kann auch mit dem Alter zusammen hängen. Ich interpretiere das einmal so: Die Stresssituation, die Du, Shoshana, beschreibst, ist nicht gut für Dich und Du suchst einen Ausweg. Dein Frausein ist mental abgekoppelt von der Stresssituation und deshalb ist die "Flucht" für Dich erholsam. Aber es ist eine Flucht und keine Lösung. Die Probleme musst Du in dem Teil Deiner Persönlichkeit lösen, in dem sie auftritt. Eine Vermischung von Problemen im MM und CD wird mMn in beiden Bereichen nicht hilfreich sein. Die "Flucht" ist eine Strategie, die Deiner Selbsterhaltung dient. Und das ist ja auch ganz geschickt, wenn sie temporär zur Erholung dient. Aber damit löst Du nicht die Frage, was Dein CD für Dich wirklich bedeutet. Aber ich schließe hier von mir auf Dich. Sieh das bitte nur als Gedankenanregung.
Vielleicht ist auch die Frage hilfreich, wie Du Dich in vergleichbarer, stressiger Situation fühlen würdest, wenn Du eine Cis-Frau wärst ? Du hättest dann nicht die Fluchmöglichkeit. Ich bin überzeugt, dass CD oftmals mit der Ohnmacht im MM zu tun hat. Es ist eine Ausweichbewegung. Aber man darf nicht eine Strategie mit Persönlichkeitsaspekten verwechseln. Das läuft auf völlig unterschiedlichen Ebenen, auch wenn Zusammenhänge vorhanden sein können. Man kann die Strategie auch als Aufforderung verstehen, sich mit der eigenen Persönlichkeit zu beschäftigen.
Obwohl ich seit frühester Jugend den Wunsch in mir trage, in beiden Geschlechtern anerkannt zu sein, ist es mir erst vor relativ kurzer Zeit gelungen, das für mich bewusst anzunehmen. Seitdem bin ich innerlich ruhiger. Vorher konnte ich mich weder in der Welt der Männer (einige Aspekte lehne ich völlig ab), noch ganz in der Welt der Frauen (auch da gibt es Aspekte, die mir nicht gefallen) sehen. Aber nicht in der Ablehnung dieser Aspekte liegt meine Persönlichkeit, sondern in der Annahme dessen, was in mir ist. Im MM schätze ich meine Produktivität, als Frau meine Gefühle, mich als Frau sehen zu können und dem Ausdruck zu verleihen. Die Begriffe Mann/Frau bekommen dann eine persönliche Interpretation, die bis in die Biologie wirkt (en femme habe ich einen echten, weiblichen Körper), aber nicht aus ihr heraus kommt. Aber das ist nicht CD. Wenn ich en femme bin, bin ich Frau.
Was ist es also bei Dir?
- Kleidung als Flucht ? (ich kleide mich, um Ruhe zu finden ?)
- Kleidung als Möglichkeit, sich als Frau zu sehen (ich kleide mich, also bin ich ?)
- Kleidung als Ausdruck der Persönlickeit ? (ich bin, also kleide ich mich)
- ... ???
Edit: Ich bin noch ein wenig stöbern geggangen und bei Kant auf die drei wesentlichen Fragen gestoßen:
Was kann ich wissen ?
Was kann ich tun ?
Was darf ich hoffen ?
Ich denke, wenn wir das individuell auf unser Thema anwenden, gibt es einige Aha-Effekte ...