elfe hat geschrieben: Di 13. Dez 2022, 18:23
Hallo, habe deinen Artikel gelesen und natürlich hat es viel wahres. Allerdings ist es für mich nach 2 Jahren des ungewollten outings immer noch schwer. Ich hab meinen Mann sehr lieb und eigentlich ist er der perfekte Partner. Aber er macht es mir nicht sehr leicht mit der Situation umzugehen. Er ist zu Hause nur noch mir frauenklamotten unterwegs. Da hab ich ja kein Problem mehr. Allerdings fragt sich immer noch mein Kopf warum er eine Privatsphäre braucht. Was geht in seinem Kopf rum??? Warum wird beim Computer ein anderes Fenster aufgemacht wenn ich komme ? Ist es soo schrecklich dass ich daran nicht teilhaben darf??? Ich finde dass jedes Geheimnis in einer Partnerschaft zu viel Raum für Kopfkino zulässt. Das frisst einen innerlich auf. Reden funktioniert nicht. Er macht sofort zu. Ich weiss nicht wie ich dieses Problem lösen könnte ohne dass wir zum streiten anfangen. Für meinen Partner ist es so für ihn ok. Für mich nicht. Das thema wird totgeschwiegen und solange ich nicht damit anfange Fragen zu stellen ist alles " ok" Bin schon daran an mir zu arbeiten dass ich ihn nur als sehr sehr guten Freund sehe. Vielleicht komme ich dann mit meinen Gefühlen klar. Daher leidet auch unser sexualleben leider darunter.
Ich finde dass wir Frauen nach einer gewissen Zeit damit klarkommen dass unsere Partner frauenklamotten anzieht aber ich denke dass auch der Partner an sich arbeiten muss. Und das heisst nicht nur in frauenklamotten rumzulaufen. Auch wenn ihm vielleicht einiges peinlich ist. Immerhin bin ich seit über 25 Jahren seine Partnerin und er weiss dass er mir vertrauen kann.
Habe bis jetzt immer noch keine Lösung für Offenheit gefunden.
Irgendwann befürchte ich dass das Fass übergehen wird. Und davor habe ich eigentlich Angst.
L.g. Elfe
Guten Morgen Elfe,
danke, dass du dich als Partnerin zeigst und weiter schreibst hier.
Jene, die vor mir geschrieben haben, brachten schon richtig gute Gedanken hervor.
Wichtig ist, zu sehen, was tatsächlich ist und dieses IST anzuerkennen und anzunehmen. Krass, hart, absolut brutal real.
Das Anziehen von Feinstrümpfen hat eine intime und auch erotische Komponente, wenn du zusiehst. Das kann schon für ihn beklemmend sein vor allem, weil er auch weiß, dass es für dich immer noch schwer ist.
Er kann nur für sich selbst mit der Situation lernen best möglich umzugehen. Und du bist diejenige, die bestimmt, wie leicht oder schwer die Situation für dich ist. Du schreibst, du arbeitest an dir.
Aus der Situation mit einem transidenten Partner heraus, auch noch mit sich selbst zu arbeiten, das IST ein ordentliches Stück Arbeit vor der Brust.
Überfordere dich nicht mit den Erwartungen an deine Beziehung und was
er tun oder verändern sollte, sondern bleib bei dir.
Es geht um eure Beziehung und daß du bei dir bleiben sollst, hört sich an wie ein Paradox, aber es kann euch beide etwas entlasten.
Denn jeder Ballast aus deinem Leben, den du für dich abwerfen kannst, ist weniger Ballast, den du mit einbringst.
Du lernst immer besser, Erwartungen und illusorische Wünsche loszulassen und kommst mehr bei dir in deiner eigenen Kraft an.
Ob er an sich arbeitet und ob er an sich überhaupt arbeiten kann oder will, das ist allein seine bewußte oder unbewußte Entscheidung. Egal wie sie ist, diese anzunehmen ist mal mehr mal weniger schwer, gar keine Frage, aber egal wie sie ist. Es bedeutet Veränderung. Nach 25 Jahren all dies anzunehmen und zu bewerkstelligen, das ist viel auf einmal - für euch beide.
Wer weiß, was er an Pein mit sich herum trägt, weshalb ihm etwas peinlich ist.
In peinlich, steckt Pein - also Schmerz mit drin.
Was kann er selbst nicht ertragen? So viel Schmerz wahrscheinlich. Wie der Schmerz aussieht und wie er entstanden ist, ist fast unerheblich, sondern im Vordergrund steht diese scheinbare Übermacht. Nicht nur bei ihm, auch bei dir wirken Schicksal und Schmerz.
Der Weg aus Angst und Schmerz hinaus ist der Weg hindurch.
Dies darf Angst machen und ihr beide dürft davor gehörigen Respekt haben bis ihr beide, jeder für sich erkennt: jetzt ist genug und ihr bereit seid, jeder in seinem eigenen Tempo, dort hindurch zu gehen.
Das schlimmste, was wir Partnerinnen tun können, ist, uns in ihren Weg und in ihr Schicksal einmischen zu wollen. Das gilt für jede Beziehung. Es gilt auch, dass man das Schicksal gegenseitig würdigt.
Darin liegt Kraft, die gebraucht wird, um hinsehen zu können, was tatsächlich wirkt.
Über den Verstand hinaus gehen, auf die Gefühlsebene kommen und dort dann verschmerzen zu können, was gerade noch schmerzhaft ist.
Es braucht Kraft und Mut, gar keine Frage, aber nach dem Verschmerzen, findet sich ein, frei atmen zu können, Leichtigkeit, die gewünschte Harmonie, Offenheit, uvm.
Bist du bereit dafür?
Dass du erst einmal für dich, dich gut um dich kümmerst, durch Schmerz und Angst hindurchzugehen und dann kommt der schwierigste Part von allen. Kannst du wirklich den Raum, der geschaffen ist, mit neuem Gutem füllen. Dies ist weite Zukunftsmusik, ja, doch so in etwa kann ein Weg aussehen, der nach vorne gerichtet ist.
Ein Cocon, der etwa 25 Jahre gewachsen ist, braucht vielleicht einen Knall, eine Explosion, damit ihr überhaupt vielleicht in der Lage seid, euch selbst, jeder für sich zum ersten Mal klar und berührbar zu begegnen.
Meine Worte sind vielleicht hart, nicht verschönt und nicht um den heißen Brei geredet, aber ihr beide habt von mir tiefstes Mitgefühl. Der Schmerz zwischen deinen Zeilen, ist deutlich zu erkennen.
Liebe Grüße,
Ulla