Vicky macht wieder einmal ein wenig Nabelschau und muss etwas loswerden. Nein, es geht nicht um Probleme. Wenn Ihr interessiert seid, holt Euch eine Tasse Kaffe und los geht's ...
Ich habe es ja schon des öfteren beschrieben, dass ich mich als bigender verstehe. Das hat Jahrzehnte gedauert bis ich es verstehen und akzeptieren konnte. In den Phasen, in denen ich tendenziell meinem physischen Geschlecht angehöre, fühle ich mich am ehesten als "Neutrum" als weder männlich noch weiblich. Ich spiele meinen Part als Mann und das ist dann auch kein Problem, auch wenn ich die tradierten Vorstellungen von Männlichkeit, die allgemein gelebt werden nicht verstehen kann. So sagte einmal in unserer Tanzgruppe einmal ein Mann, er mag keinen Tango Argentino, weil ihn die Bewegungen zu "schwul" seien. Ok, wenn er das so sieht. Ich finde das befremdlich. Auch das Verhalten vieler Männer finde ich eher "uninteressant". Ich denke, ähnliches kennen viele von Euch auch. Ich habe damit kein Problem, wenn ich mich nicht an den männlichen Schemen beteiligen muss. In meinen "männlichen" Phasen bin ich ziemlich produktiv und habe viele Ideen, bin neugierig und an vielen Dingen interessiert.
Aber dann kommt der Augenblick, an dem die Weiblichkeit in mir anklopft. Irgendein Trigger wirkt da auf mich ein. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Eine Frau in einem Film, mit der ich mich spontan identifizieren kann, ein Blick in meinen Kleiderschrank, ein simpler Gedanke an Weiblichkeit oder es schieben sich andere Themen in den Vordergrund. Das läuft sozusagen "unter dem Radar". Ich sehe einen BH meiner Frau im Bad und schon kommen in mir Gefühle hoch, dass ich mich nicht ausgeglichen fühle.
Was dann passiert, ist typisch für mich. In den nächsten Stunden kommt ein heftiges Bedürfnis in mir auf, mich meiner Weiblichkeit hinzugeben. Dann bin ich wie ferngesteuert oder eine Marionette. Nur ziehe ich nicht die Fäden. Dr. Jekyll wird zu Mrs. Hyde und die kann nichts mehr bremsen. Mein Denken und Handeln verwandeln sich völlig. Mein Körper fühlt sich weiblich an, die Interessen verschieben sich und ich habe das Bedürfnis, mich mit anderen Menschen über meine Weiblichkeit auszutauschen, was aber nur sehr begrenzt möglich ist, zumal das, was ich zu sagen habe, sehr privat und intim ist. Sind transidente Menschen für Außenstehende schon schwer zu verstehen, wie will ich da meine Schwankungen verständlich machen ? Ich bin mir meiner ja selber nicht sicher. Meine Weiblichkeit ist definitv real, meine Männlichkeit eher nicht, aber komplett als Frau leben, scheint mir auch zu weit zu gehen. Das habe ich zeitweise versucht und es war schön und bei allen Zweifeln auch sinnstiftend.
Was mich dabei immer wieder beunruhigt, ist die Intensität, mit der meine Weiblichkeit zu Tage tritt. Denken, fühlen, handeln, mein ganzes Bewusstsein alles dreht sich darum. Meinen Körper forme und definiere ich weiblich und als Frau fühle ich mich richtig wohl. Kleidung, Schminke sind wichtige Attribute, die ich nach außen zeige, aber nach innen geht es sehr viel tiefer. Ich spüre das u.a. daran, dass mein Tun total selbstständig und selbstverständlich abläuft. Gestern hatte ich z.B. den Wunsch bei Heine im Werksverkauf shoppen zu gehen. Nicht das ich dann etwas kaufe, aber die Anprobe ist dann fast wie ein Rausch. Dann wird probiert, was mir gefällt. Einerseits verliere ich mich fast dann in meinem Tun. Mich als Frau in der Vielfalt des Möglichen im Spiegel zu sehen, hat etwas faszinierendes. Andererseits ist es gleichzeitig auch völlig "normal" und ich habe die Kontrolle über mein Tun. Das zeigt sich darin, dass ich nur das kaufe, was ich auch brauchen kann.
Frausein hat für mich einen ganz besonderen Stellenwert.
Philosophisch gefragt (und das nicht nur auf das Geschlecht bezogen): Was ist Identität und was ist die eigene Identität ? Wie kann ich mir sicher sein, die eigene Identität gefunden zu haben ? Vielleicht brauche ich auch so etwas wie eine "flexible" oder "fluide" Identität, die situations- oder/und entwicklungsbedingt ist. Wozu brauche ich überhaupt eine Identität ?
Ich musste das jetzt einfach einmal aufschreiben, damit ich wieder Platz in meinem Kopf bekomme. Vielleicht könnt Ihr damit auch etwas anfangen.
Schön, dass es Euch gibt.