Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...
Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Lebensplanung, Standorte
Antworten
ExUserIn-2026-04-08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3889
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Pronomen:
Hat sich bedankt: 140 Mal
Danksagung erhalten: 1028 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 1 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Guten Morgen in die Runde,

Vicky macht wieder einmal ein wenig Nabelschau und muss etwas loswerden. Nein, es geht nicht um Probleme. Wenn Ihr interessiert seid, holt Euch eine Tasse Kaffe und los geht's ...

Ich habe es ja schon des öfteren beschrieben, dass ich mich als bigender verstehe. Das hat Jahrzehnte gedauert bis ich es verstehen und akzeptieren konnte. In den Phasen, in denen ich tendenziell meinem physischen Geschlecht angehöre, fühle ich mich am ehesten als "Neutrum" als weder männlich noch weiblich. Ich spiele meinen Part als Mann und das ist dann auch kein Problem, auch wenn ich die tradierten Vorstellungen von Männlichkeit, die allgemein gelebt werden nicht verstehen kann. So sagte einmal in unserer Tanzgruppe einmal ein Mann, er mag keinen Tango Argentino, weil ihn die Bewegungen zu "schwul" seien. Ok, wenn er das so sieht. Ich finde das befremdlich. Auch das Verhalten vieler Männer finde ich eher "uninteressant". Ich denke, ähnliches kennen viele von Euch auch. Ich habe damit kein Problem, wenn ich mich nicht an den männlichen Schemen beteiligen muss. In meinen "männlichen" Phasen bin ich ziemlich produktiv und habe viele Ideen, bin neugierig und an vielen Dingen interessiert.

Aber dann kommt der Augenblick, an dem die Weiblichkeit in mir anklopft. Irgendein Trigger wirkt da auf mich ein. Das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Eine Frau in einem Film, mit der ich mich spontan identifizieren kann, ein Blick in meinen Kleiderschrank, ein simpler Gedanke an Weiblichkeit oder es schieben sich andere Themen in den Vordergrund. Das läuft sozusagen "unter dem Radar". Ich sehe einen BH meiner Frau im Bad und schon kommen in mir Gefühle hoch, dass ich mich nicht ausgeglichen fühle.

Was dann passiert, ist typisch für mich. In den nächsten Stunden kommt ein heftiges Bedürfnis in mir auf, mich meiner Weiblichkeit hinzugeben. Dann bin ich wie ferngesteuert oder eine Marionette. Nur ziehe ich nicht die Fäden. Dr. Jekyll wird zu Mrs. Hyde und die kann nichts mehr bremsen. Mein Denken und Handeln verwandeln sich völlig. Mein Körper fühlt sich weiblich an, die Interessen verschieben sich und ich habe das Bedürfnis, mich mit anderen Menschen über meine Weiblichkeit auszutauschen, was aber nur sehr begrenzt möglich ist, zumal das, was ich zu sagen habe, sehr privat und intim ist. Sind transidente Menschen für Außenstehende schon schwer zu verstehen, wie will ich da meine Schwankungen verständlich machen ? Ich bin mir meiner ja selber nicht sicher. Meine Weiblichkeit ist definitv real, meine Männlichkeit eher nicht, aber komplett als Frau leben, scheint mir auch zu weit zu gehen. Das habe ich zeitweise versucht und es war schön und bei allen Zweifeln auch sinnstiftend.

Was mich dabei immer wieder beunruhigt, ist die Intensität, mit der meine Weiblichkeit zu Tage tritt. Denken, fühlen, handeln, mein ganzes Bewusstsein alles dreht sich darum. Meinen Körper forme und definiere ich weiblich und als Frau fühle ich mich richtig wohl. Kleidung, Schminke sind wichtige Attribute, die ich nach außen zeige, aber nach innen geht es sehr viel tiefer. Ich spüre das u.a. daran, dass mein Tun total selbstständig und selbstverständlich abläuft. Gestern hatte ich z.B. den Wunsch bei Heine im Werksverkauf shoppen zu gehen. Nicht das ich dann etwas kaufe, aber die Anprobe ist dann fast wie ein Rausch. Dann wird probiert, was mir gefällt. Einerseits verliere ich mich fast dann in meinem Tun. Mich als Frau in der Vielfalt des Möglichen im Spiegel zu sehen, hat etwas faszinierendes. Andererseits ist es gleichzeitig auch völlig "normal" und ich habe die Kontrolle über mein Tun. Das zeigt sich darin, dass ich nur das kaufe, was ich auch brauchen kann. (yes)

Frausein hat für mich einen ganz besonderen Stellenwert. (so) Trotzdem bleiben da immer noch Zweifel, Unsicherheit und Irritationen bei mir, was und wer ich eigentlich bin. Mann, Frau, Pendler/in zwischen den Welten, ... Es ist kein wirkliches Problem, aber es ist für mich schwierig, jemandem erklären zu wollen, wer man ist, wenn ich selber ständig neue Perspektiven einnehme und neue Einsichten generiere. Einerseits ist es etwas schmerzhaft, andererseits ist es aber auch richtig spannend, so zu neuen Einsichten zu kommen.

Philosophisch gefragt (und das nicht nur auf das Geschlecht bezogen): Was ist Identität und was ist die eigene Identität ? Wie kann ich mir sicher sein, die eigene Identität gefunden zu haben ? Vielleicht brauche ich auch so etwas wie eine "flexible" oder "fluide" Identität, die situations- oder/und entwicklungsbedingt ist. Wozu brauche ich überhaupt eine Identität ?

Ich musste das jetzt einfach einmal aufschreiben, damit ich wieder Platz in meinem Kopf bekomme. Vielleicht könnt Ihr damit auch etwas anfangen.

Schön, dass es Euch gibt.
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
ExUserIn-2026-04-08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3889
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Pronomen:
Hat sich bedankt: 140 Mal
Danksagung erhalten: 1028 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 2 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Ich hänge zum Thema Identität noch einen Artikel an:

https://www.spektrum.de/lexikon/psychol ... itaet/6968

Nicht trivial und ich weiß noch nicht, ob ich es wirklich verstehe, aber es gibt interessante Aspekte, die gut zum Thema passen:
Aus soziologischer Sicht hat Anthony Giddens (1991, S. 74 ff.) zusammengefaßt, was Selbst- oder Identitätskonstruktion heute kennzeichnet:

1) Das Selbst wird zum reflexiven Projekt: "Wir sind nicht was wir sind, sondern was wir aus uns machen".
2) Das Selbst bildet eine entwicklungsmäßige Verlaufskurve. Im Entwicklungsgeschehen zwischen Kindheit und Zukunft wird deren innere Kohärenz durch die jeweilige Lebensspanne erzeugt.
3) Die Reflexivität des Selbst ist kontinuierlich und alles durchdringend: "Was geschieht gerade mit mir? Was denke ich? Was tue ich? Was fühle ich?"
4) Identität entsteht in einem narrativen Prozeß: "Ich erzähle mich selbst".
5) Selbstverwirklichung bedeutet die Schaffung persönlicher Zeitzonen, die bewußt gegen die äußere Zeit gesetzt werden.
6) Die Selbstreflexivität bezieht den Körper ein.
7) Selbstverwirklichung wird im Spannungsfeld von Chancen und Risiken verstanden.
8) Authentizität wird zum Leitfaden der Selbstverwirklichung.
9) Identität vollzieht sich in "Übergängen", die ohne gesellschaft-liche Stützrituale gelebt und gestaltet werden.
10) Die Verlaufskurve der Identitätsentwicklung ist unheilbar selbstreferentiell: Ich muß meine Lebenserzählung in sich stimmig präsentieren.
Identität ist als konzeptioneller Rahmen zu verstehen, innerhalb dessen eine Person ihre Erfahrungen interpretiert und die jeweils die Basis bildet für die alltägliche Identitätsarbeit. Identitätsarbeit zielt darauf, ein individuell gewünschtes oder notwendiges "Gefühl von Identität" zu erzeugen. Voraussetzungen für dieses Gefühl sind soziale Anerkennung und Zugehörigkeit. Vor dem Hintergrund von Pluralisierungs-, Individualisierungs- und Entstandardisierungsprozessen ist das Inventar übernehmbarer Identitätsmuster ausgezehrt. Alltägliche Identitätsarbeit hat die Aufgabe, die Passungen, die Verknüpfungen unterschiedlicher Teilidentitäten vorzunehmen. Qualität und Ergebnis dieser Arbeit findet in einem machtbestimmten Raum statt, der schon immer aus dem Potential möglicher Identitätsentwürfe spezifische erschwert bzw. andere favorisiert, nahelegt oder gar aufzwingt. Qualität und Ergebnis der Identitätsarbeit hängen von den Ressourcen einer Person ab, von individuell-biographisch begründeten Kompetenzen über die kommunikativ vermittelten Netzwerkressourcen (Soziale Netzwerke) bis hin zu gesellschaftlich-institutionell vermittelten Ideologien und Strukturvorgaben. Die Konstruktion der individuellen Identität wird von Bedürfnissen geleitet, die aus der persönlichen und gesellschaftlichen Lebenssituation gespeist sind. Insofern konstruieren sich Subjekte ihre Identität nicht in beliebiger und jederzeit revidierbaren Weise, sondern versuchen sich in einem "Gefühl von Identität" in ein "imaginäres Verhältnis zu ihren wirklichen Lebensbedingungen" zu setzen (Althusser). Beim Herstellen dieser Identitätskonstruktionen werden zumindest "Normalformtypisierungen" benötigt (Identifikationen), Normalitätshülsen oder Symbolisierungen von alternativen Optionen, Möglichkeitsräumen oder Utopien.
Es gibt aber auch Kritik:
Er wird von kritischen Sozialwissenschaftlern wie Adorno oder Foucault als Begriff einer ideologischen Versöhnung zwischen Subjekt und Gesellschaft gesehen, als gäbe es gelingendes Leben in einer Gesellschaft, die subjektive Lebenswünsche systematisch zerstört, entfremdet und beschädigt. Auch in der feministischen Kritik wird Identität als patriarchal bestimmte Zwangsfiguration für weibliche Subjektivität kritisiert (Feministische Psychologie). In diesen Kritikformen wird die oft "vergessene" Anpassungs- und Unterwer-fungsdimension in der Passungsarbeit zwischen Innen und Außen zum Thema und in dem Maße wie sie unausgesprochen bleibt, gibt sie dem Identitätsdiskurs eine ideologische Aufladung. Bei der Rekonstruktion der alltäglichen Identitätsarbeit müssen diese "Identitätszwänge", die aus ihnen folgenden subjektiven Verbiegungen und Beschädigungen ebenso aufgezeigt werden wie die zu gewinnende Handlungsfähigkeit.
Uff, für mich ist das harter Tobak. Aber ich spüre, dass darin für mich etwas liegt, was ich weiter nutzen kann. "wir sind ... was wir aus uns machen". Das ist sehr leicht nachzuvollziehen. Es zeigt aber auch die Grenzen auf, da wir in einem Konfliktfeld zwischen uns und der Außenwelt agieren. Als Individuum sind wir alleine nicht zu erkennen. Wir können uns nur im Kontext und ggfs. im Konflikt mit der Außenwelt verstehen. Was ist meine Weiblichkeit, wenn sonst niemand da ist ? Aber sobald eine andere Person hinzutritt, spielt meine Weiblichkeit eine Rolle. Ich kann mich erst verstehen, wenn ich im Austausch mit der Welt bin. Hier kommt aber die angesprochenen Machtfrage zum Tragen: Wer definiert Weiblichkeit ? Hier spielt z.B. die Diskussion um und mit Terfs eine Rolle. Das soll aber jetzt nicht Thema sein. Viele wichtiger ist die Frage im Kontext mit Partner/in, im Verwandtschafts- und Freundeskreis. Die Demonstration der eigenen Weiblichkeit erzeugt bei Menschen, die eine andere Vorstellung haben, zunächst Widerstand. Sie berührt die Identitätsdefinition anderer Menschen. Ist diese anpassungsfähig oder starr ? Wie weit muss ich mich "unterwerfen" ? Ist die Angst vor einem Coming Out letztlich auch als Angst "sich selbst zu schaffen", was letztlich in Konflikten mündet und eine Anpassung oder auch "Verbiegen" der gefühlten Identität nach sich zieht. Wie kann man in diesem Spannungsfeld handlungsfähig sein und/oder werden ? Oder anders gesagt, wie mache ich etwas aus mir selber ? Das will ausgelotet werden und ist einer zeitlichen Entwicklung unterworfen. Es bedarf der Öffentlichkeit oder zumindest eine Teilöffentlichkeit in Form der Familie oder nahestehnder Personen.

Provokant gefragt: Kann eine "Stubentranse" sich in ihrer Individualität weiter entwickeln oder ist sie dazu verdammt, in ihrem begrenzten Raum zu verharren ? Ermöglicht die Öffnung des eigenen Selbst nicht gerade die Entfaltung und, wenn man so will, die Befreiung aus dem Erwartungskäfig, dem man sich in der Reduktion auf sich selbst unterwirft ? Es erscheint widersprüchlich. Zur eigenen Anerkennung gehört die Auseinandersetzung mit dem Außen. Nur im Widerstreit entsteht Individualität. Die Frage nach dem "wer bin ich", kann nur durch Sicht von außen beantwortet werden. as bedeutet nicht, dass man sich der Sicht des Außen unterwirft, sondern man schärft die eigene Kontur durch das Außen, in dem man sich entwickelt. Man schleift die weiche Schale (unausgegorene Ansichten) ab und das Harte bleibt übrig. Gleichzeitig setzt man neue Konturen an, in dem man Ansichten von außen aufnimmt und weiter formt. Erweiterte Handlungsmöglichkeiten sind die Folge. Der Preis ist investierte Energie, Schmerzen und Leid durch Konflikte mit dem Außen. Zu einem gelungenen Leben gehört also die Bereitschaft zu Konflikten, aber auch die Wahl, mit wem die Konflikte ausgetragen werden. Einem Konflikt mit fanatischen Menschen werde ich also immer aus dem Weg gehen, da ich dort außer der Erkenntnis, dass ich nichts gewinnen kann, nichts gewinne. Jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen, bringt mich auch nicht weiter.

Was bleibt ? "Liebe Dich selbst und freu' Dich auf die nächste Krise" wie ein bekannter Buchtitel lautet...
Zuletzt geändert von ExUserIn-2026-04-08 am Do 1. Dez 2022, 12:42, insgesamt 2-mal geändert.
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
Jaddy
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3968
Registriert: Fr 24. Okt 2014, 21:38
Geschlecht: a_binär / a_gender
Pronomen: en/en/ens
Wohnort (Name): nahe Bremen
Hat sich bedankt: 280 Mal
Danksagung erhalten: 1225 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 3 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Sehr eindrücklich beschrieben. Vielen Dank. Deine philosophischen Gedanken gehen nach meinem Gefühl in die richtige Richtung. Ein richtiges Problem hast du offenbar nicht, höchstens eine Herausforderung bei der Feinsteuerung.

Für mich war 2017 die Erkenntnis wichtig, dass ich mich nicht einordnen muss, sondern weder-noch oder alles-zu-seiner-Zeit auch stabile Positionen (bzw Aufenthaltswahrscheinlichkeiten) im Genderverse sind. Das hat Konsequenzen durch Reibung mit der Binarität meiner Umwelt, aber ich selbst muss mich dazu nur verhalten, nicht entscheiden. Und vor allem nicht "ein für alle Mal".

Wenn die Frage "was bist du denn" kommt, kontere ich gerne mit "Was bist du denn? Team Brokkoli oder Team Sauerkraut?", weil mal so, mal so, mal ganz was anderes. Wieso sollte ich mich für den Rest meines Lebens auf eine Art festlegen müssen, wo doch gerade die Abwechslung bereichert?
Violetta Arden
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3875
Registriert: Mi 5. Jul 2017, 17:53
Geschlecht: Part-time-lady
Pronomen: was auch immer
Wohnort (Name): Tirol
Forum-Galerie: gallery/album/213
Hat sich bedankt: 1208 Mal
Danksagung erhalten: 2601 Mal
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 4 im Thema

Beitrag von Violetta Arden »

..hab's überflogen - berührt mich auch und verstehe die Geankengänge - schreib später noch was dazu....
LG Violetta
Mein weibliches Ich ist ein Teil von mir und lässt sich nicht mehr unterdrücken. Ungenützte Zeit lässt sich nie mehr zurückholen.
Lebe Dein Leben.

Mein Blog:
https://violettaarden9.blogspot.com/
ExUserIn-2026-04-08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3889
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Pronomen:
Hat sich bedankt: 140 Mal
Danksagung erhalten: 1028 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 5 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Jaddy hat geschrieben: Do 1. Dez 2022, 11:54 Für mich war 2017 die Erkenntnis wichtig, dass ich mich nicht einordnen muss, sondern weder-noch oder alles-zu-seiner-Zeit auch stabile Positionen (bzw Aufenthaltswahrscheinlichkeiten) im Genderverse sind.
Das habe ich damals wahrgenommen und es hat mich sehr beschäftigt. Es war in gewisser Weise eine Art Richtungswechsel für die Akzeptanz meiner Gefühlswelt. Man könnte such sagen, es war der Einstieg in ein unbekanntes Höhlensystem in mir. Da gibt es viel Wunderliches, enge Gänge und Räume wie Kathedralen. Nur eins weiß ich. Den Weg zurück finde ich nicht mehr. Warum auch ?
Jaddy hat geschrieben: Do 1. Dez 2022, 11:54 aber ich selbst muss mich dazu nur verhalten, nicht entscheiden.
Wieder so ein Satz, in dem viel Erkenntnis steckt ...
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
ExUserIn-2026-04-08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3889
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Pronomen:
Hat sich bedankt: 140 Mal
Danksagung erhalten: 1028 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 6 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Hi Marina,

vielen Dank für Deine Antwort. Zu Deinen Fragen:
Marina hat geschrieben: Do 1. Dez 2022, 13:52 Du schreibst in deinem Post " Mein Denken und Handeln verwandeln sich völlig. Mein Körper fühlt sich weiblich an, die Interessen verschieben sich....", kannst Du das dann auch ausleben ohne auf die äußeren Attribute einer Frau, z.B. Kleidung, zurückzugreifen?
Ja und nein. Prinzipiell bin ich nicht auf Kleidung angewiesen, aber es macht einen großen Unterschied, ob ich Weiblichkeit auch im Körperlichen ausdrücken kann. Auch wenn ich Möglichkeiten habe, mich weiblich zu kleiden, ist es doch nicht so, dass es alltäglich wäre. Auf meinen Versuchen im Urlaub mehrere Tage am Stück en femme zu leben, ist die Bedeutung der Kleidung zurück gegangen, ohne ganz zu verschwinden. Wie sich das bei noch längeren Zeiträumen verändern würde, weiß ich nicht. Vielleicht ist ein Alltagstest angebracht ... :roll:
Marina hat geschrieben: Do 1. Dez 2022, 13:52 Du beschreibst "In meinen "männlichen" Phasen bin ich ziemlich produktiv und habe viele Ideen, bin neugierig und an vielen Dingen interessiert." Als Frau gekleidet nicht?
Oder die Passage "dass mein Tun total selbstständig und selbstverständlich abläuft". Als Mann nicht?
Du hast Recht, das habe ich missverständlich formuliert. Meine Interessenlage verschiebt sich im Frauenmodus. Ich habe zwar schon en femme im Keller gebastelt oder bin auch neugierig, aber Ich finde en femme an "Frauenthemen" viel mehr Gefallen. Interessant ist aber, dass ich das, was ich bei den Frauen finde, im "Männermodus (ich mag den Ausdruck nicht) einbringen kann.

Natürlich lebe ich auch im m-Modus "automatisiert". Was ich mit dem Satz betont ausdrücken wollte, war die Selbstverständlichkeit, mit der ich Frau bin. Das geht weit über die Kleidung hinaus und ich bin mir sogar eines weiblichen Körpers (samt Innenleben) bewusst. Dann bin ich gefühlt ganz Frau und kein "verkleideter Mann". Ich habe den Eindruck, dass sich das auch auf meine Ausstrahlung auswirkt.
Marina hat geschrieben: Do 1. Dez 2022, 13:52 Sind diese Empfindungen von der gewählten Kleidung abhängig?
Nein, nicht die Empfindungen sind von den Kleidern abhängig, sondern die Kleider von den Empfindungen ...
Marina hat geschrieben: Do 1. Dez 2022, 13:52 Ist das nun fraulich, männlich, oder einfach eine gesellschaftliche Frage was Männer und was Frauen zu tragen haben?
In den NL habe ich gute Erfahrungen gemacht. Da ging man mit mir völlig selbstverständlich um. Mein Eindruck: da war ich auch für die Anderen einfach nur eine Frau. Diese Frage würde ich mir so nicht stellen. Es kommt darauf an, was die Menschen damit verbinden. Wenn ich ein Kleid oder eine Damenjeans trage, ist das Folge meiner inneren weiblichen Einstellung. Wenn jemand anders mich damit sieht, hängt das von dieser Person ab. In dem, was Du beschreibst, hatte die Verkäuferin wohl eine sehr offene Einstellung zum Thema. Ich habe aber auch schon gesehen, dass mich ein Beobachter mit verzogenem Gesicht ansah. Er hatte wohl stringentere Ansichten. Hätten wir uns unterhalten, gäbe es wahrscheinlich einen Konflikt, wie ich ihn oben beschrieben habe. Der kann furchtbar oder auch fruchtbar sein, je nachdem, wie offen wir gewesen wären.
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
Wally
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 700
Registriert: Fr 7. Sep 2018, 23:37
Geschlecht: Transfrau
Pronomen: Sie
Wohnort (Name): Hurlach
Hat sich bedankt: 17 Mal
Danksagung erhalten: 190 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 7 im Thema

Beitrag von Wally »

Hallo Vicky,

In Anthony Giddens' Ausführungen vermisse ich einen grundlegenden, vermutlich angeborenen, unveränderlichen Kern der Identität, der eben NICHT frei konstruiert und erst in der Interaktion mit der Außenwelt begrenzt wird, sondern unserer bewußten Identitätsentwicklung schon von vornherein - in uns selbst - einen Rahmen setzt.

Ich bin fest davon überzeugt, dass gerade unsere Identität als Transgender einen solchen, unveränderlichen Kern in uns selber hat: was sonst hätte mich denn seit meiner Kindheit daran hindern können, eine "normal" männliche Identität zu entwickeln - was ich ja (als gesellschaftliches Introjekt, entgegen meiner Veranlagung) mein halbes Leben lang vergeblich versucht habe? Die Umwelt hat mich ganz bestimmt nicht daran gehindert, ganz im Gegenteil! Und mein Körper als biologische Grundlage war vom äußeren Bild her auch eindeutig männlich...

Meine psychisch weibliche Identität habe ich nicht einfach frei aus einem Nichts heraus frei gewählt und aufgebaut, sondern letztlich erkannt und gefunden: sie war als unabänderlicher Kern (in Form einer angeborenen, emotionalen Veranlagung) schon in früher Kindheit vorhanden und hat meiner Identitätsbildung permanent und immer wieder Grenzen gesetzt. Eben wegen dieser psychischen Grenzen hatte ich nie die Chance, eine "normale", männliche Identität zu entwickeln, denn da stieß ich immer wieder an meine ureigenen, in mir selber liegenden, ganz persönlichen Grenzen. Meine heutige Identität als Transfrau ist dementsprechend auch kein beliebiges Konstrukt, sondern beruht einerseits auf der Erkennung und Anerkennung meiner ureigenen Grenzen, andererseits auf der konsequenten Nutzung des Freiraums, den mir diese Grenzen auch weit jenseits gesellschaftlicher Konventionen lassen.

Identität ist für mich nicht ein starres Persönlichkeitsbild, sondern ein Freiraum, innerhalb dessen ich mit mir selber im Reinen bin und mich wohlfühlen kann. Dieser Freiraum liegt bei mir nicht vollständig, aber doch weit überwiegend auf der weiblichen Seite der gesellschaftlichen Konventionen. Deshalb war und ist es für mich wichtig, auch äußerlich meine weibliche Seite sichtbar und erkennbar zu machen: um damit meinen Anspruch auf meine persönlichen Freiräume auch öffentlich anzumelden.

Dein anfangs erwähntes "Pendeln zwischen den Welten" halte ich nicht etwa für eine instabile Identität: m. E. entsteht das einfach dadurch, dass Deine ureigenen, persönlichen Grenzen - wie bei mir auch - weit über die Geschlechtergrenze hinausreichen und Dich eher als Mann denn als Frau einschränken. Du beschreibst es ja selber als immer wiederkehrendes, längst bekanntes Muster. Indem Du Deinen individuellen Lebensspielraum gerade auch über die Geschlechtergrenze hinweg in Anspruch nimmst, lebst Du Deine Identität - und bleibst dabei dieselbe Person.
Herzliche Grüße
Wally
Violetta Arden
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3875
Registriert: Mi 5. Jul 2017, 17:53
Geschlecht: Part-time-lady
Pronomen: was auch immer
Wohnort (Name): Tirol
Forum-Galerie: gallery/album/213
Hat sich bedankt: 1208 Mal
Danksagung erhalten: 2601 Mal
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 8 im Thema

Beitrag von Violetta Arden »

..was bin ich, was will ich sein, wann will ich SIE sein..... fragt man sich auch immer wieder. Es ist nicht so, daß ich mich im falschen Körper fühle - ich fühle, daß ich meinen weiblichen Teil ausleben will. Muß auch nicht immer kleidungsmässig sein- ich habe immer schon gerne Kataloge angeschaut- habe die Kleider, die Strümpfe, die Unterwäsche bewundert und mir immer vorgestellt, daß ich sie auch tragen möchte....
Ich habe sehr lange nicht die Möglichkeit gehabt, mal enfemme nach draussen zu gehen, deshalb hat sich sicher etwas aufgestaut.
Und auch das Verlangen kommt dann immer wieder - und da drängt es mich einfach in mein Refugium, um mich zurechtzumachen- tja, und das mit dem Ausprobieren, das kenn ich auch - es muß kein Kauf sein - aber allein das Anprobieren und das im Spiegel Ansehen sind schon ein toller Kick...
Alles in allem fühle ich doch eher männlich mit weiblichen - nicht zu kleinen-Anteilen.
Alles Liebe Violetta
Mein weibliches Ich ist ein Teil von mir und lässt sich nicht mehr unterdrücken. Ungenützte Zeit lässt sich nie mehr zurückholen.
Lebe Dein Leben.

Mein Blog:
https://violettaarden9.blogspot.com/
Joan Autumn
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 410
Registriert: Sa 22. Jan 2022, 14:01
Pronomen: Sie
Hat sich bedankt: 566 Mal
Danksagung erhalten: 563 Mal
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 9 im Thema

Beitrag von Joan Autumn »

Hallo Vicky,

zunächst, ich bezeichne mich auch als bigender. Ich empfinde es nur so, dass ich einen männlichen Part habe genauso wie einen weiblichen. Da der weibliche Teil in mir lange versteckt war, bekommt er jetzt mehr Platz. Beide Teile fühle und lebe ich, im Inneren, wie im Äußeren, aber beide vermischen sich auch.

Interessanterweise gibt es tatsächlich auch Phasen, wo er oder sie überwiegt oder ein Teil verschwindet einfach eine zeitlang. Das ärgert mich sogar manchmal. Ja, insofern bin ich eine Marionette.

Ein weiterer Aspekt: "Er" denkt sich von selbst, "Sie" denkt verlangend und sehnsüchtig, denn "Sie" wird nie vollkommen sein. Vollkommen im übertragenen Sinne. Beides Vollkommen geht eben nicht.

Damit habe ich mich arrangiert und lebe jetzt einfach so, dass alle damit leben können, und immer mehr auch ich. So werde ich auch zum Marionettenspieler meiner selbst.

Liebe Grüße
Joan
Es gibt nur zwei Tage im Leben, die Du nicht ändern kannst: Gestern und Morgen. (Dalai Lama)
Lorelai74
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 746
Registriert: So 7. Jan 2018, 21:14
Geschlecht: Abgeschafft
Pronomen: Xier
Wohnort (Name): Raum Leonberg -Stgt
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 1 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 10 im Thema

Beitrag von Lorelai74 »

Hallo Vicky
Und alle
Wunderbarer Thread. Danke.

Ich denke Identität wächst und verändert sich, sie lebt mit uns. Die erste Teile unsere Identität bilden sich in der Kindheit, aus unsere Kultur heraus, Aus unseren Erfahrungen heraus.

Ich denke nicht, das Identität unveränderlich ist. Eher im Gegenteil sehe ich dass so, das unsere Identität einen permanenten Veränderungs- und Anpassungsprozess an die eigene Umwelt unterliegt. Man sollte also vielleicht nicht von Identität als etwas festem sprechen sondern Identitätsentwicklung als inhaltsgleich zu Identität benutzen.

Spannend ist, das zwar unsere Umwelt die Identität eines Menschen beeinflusst, aber wir gleichzeitig auch unsere Umwelt gestalten.
Muss Man dann die Identitätsentwicklung nicht als gleichzeitige Überlagerung aus Interaktion mit der Umwelt stehender sowie der unserer Beeinflussung und Gestaltung dieser sehen?

Diese Entwicklung der Identität lässt sich auch aktiv steuern. Eltern versuchen ihre Kinder zu erziehen, die Schule auch und auch Organisationen wir Kirche oder Militä oder Firmen versuchen Identität in Teilen oder ganz zu entwickeln und beeinflussen.

Würde man Identität oder Teile davon als etwas unveränderliches sehen, dann wäre keine Veränderung möglich; alle Therapien wären dann sinnlos.
Denn es würde ja gelten :
"Ich bin halt so. Ich kann nichts dafür"


Viele moderne psychologische Modelle gehen heute nicht mehr von einem konsistent Ich , einem konsistentem Selbst aus, sondern propagieren z.B ein inneres Familiensystem mit vielen Teilen. Wenn ich diese Idee heranziehe, dann gibt es nicht eine Identität sondern viele Identitäten, jedes Familienmitglied hat eine und die können auch die Führung unsers Körpers übernehmen.
Und nein, das hat nichts mit Schizophrenie zu tun.

Vielleicht Vicky rührt sich deine innere Frau wenn du einkaufen gehst oder dich weiblich fühlst, und sie führt dich dann. Mit eigenen Bewegungen und denken.

Ich kenne dass so ähnlich auch bei mir. Menschen die beide Seiten kennen sagen mir auch das ich als Lori ganz anders bin als in meiner männlichen Seite.

Was ich gerade anstrebe ist die Integration beider Teile
Um mich mehr ganz zu fühlen. Spannend das zu probieren.

Viele liebe Grüße
Lori
Männlich / Weiblich: das sind doch bürgerliche Kategorien.
ExUserIn-2026-04-08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3889
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Pronomen:
Hat sich bedankt: 140 Mal
Danksagung erhalten: 1028 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 11 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Lorelai74 hat geschrieben: Do 1. Dez 2022, 17:47 Vielleicht Vicky rührt sich deine innere Frau wenn du einkaufen gehst oder dich weiblich fühlst, und sie führt dich dann.
Ein schöne Formulierung, die merke ich mir ...

Danke für Eure Kommentare. Einen Gedanken werfe ich jetzt noch schnell in die Runde. Habt Ihr Euch schon einmal überlegt, wie Ihr Euch entwicklt hättet, wenn Ihr als Mädchen auf die Welt gekommen wärt und die ganze Sozalisation zur Frau "durchgemacht" hättet ? Mal abgesehen davon, dass ich nicht die gleiche Grundlage, insbesondere Hormone und die damit verbundene unterschiedliche Verhaltensweise vorweisen kann, wäre ich von Anfang an auf "Frau getrimmt" worden. Heute wäre ich vielleicht mit einem Mann verheiratet und hätte zwei Kinder. Die Welt komplett durch die Augen einer Frau zu sehen ist, etwas ganz anderes. Würdet Ihr Euer "Mannsein" vermissen ? Was würde Frausein für Euch bedeuten ?

Ich bin mir nicht sicher, wie sehr ich wirklich den Mann in mir spüre. In Phasen wie jetzt kann ich gut darauf verzichten und wenn ich nichts anderes kennen würde, was soll ich schon vermissen ?
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
Wally
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 700
Registriert: Fr 7. Sep 2018, 23:37
Geschlecht: Transfrau
Pronomen: Sie
Wohnort (Name): Hurlach
Hat sich bedankt: 17 Mal
Danksagung erhalten: 190 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 12 im Thema

Beitrag von Wally »

Vicky_Rose hat geschrieben: Do 1. Dez 2022, 18:35 XHabt Ihr Euch schon einmal überlegt, wie Ihr Euch entwicklt hättet, wenn Ihr als Mädchen auf die Welt gekommen wärt und die ganze Sozalisation zur Frau "durchgemacht" hättet ? Mal abgesehen davon, dass ich nicht die gleiche Grundlage, insbesondere Hormone und die damit verbundene unterschiedliche Verhaltensweise vorweisen kann, wäre ich von Anfang an auf "Frau getrimmt" worden. Heute wäre ich vielleicht mit einem Mann verheiratet und hätte zwei Kinder. Die Welt komplett durch die Augen einer Frau zu sehen ist, etwas ganz anderes. Würdet Ihr Euer "Mannsein" vermissen ? Was würde Frausein für Euch bedeuten ?
Hm - interessante Frage... Aber letztlich läuft das auch wieder darauf hinaus, wer und was "ich" eigentlich bin. Wenn "ich" einfach nur die Identität einer ganz normal als Mädchen aufgewachsenen und sozialisierten Frau hätte, dann würde ich wahrscheinlich Männer anschmachten und im Erfolgsfall Kinder kriegen - klar, was denn sonst? Das ist banal. Ich wäre dann freilich auch nicht mehr "ich", sondern eine komplett andere Person.

Interessant wird die Frage eigentlich erst, wenn "ich" - so, wie ich jetzt bin - meine "Grundtriebe", dieselben, individuellen, tieferen Emotionen und Motivationen sozusagen als psychische Grundausstattung in ein Leben als körperliches Mädchen mit weiblicher Sozialisation mitnehmen würde und dort davon genauso schicksalhaft geprägt wäre, wie es mir jetzt in meinem körperlich männlichen Leben beschieden war.

Einen Mann heiraten und von ihm Kinder kriegen würde "ich" dann schon mal ganz sicher nicht: weil ich sexuell so eindeutig und ausschließlich auf Frauen fixiert bin, dass ich mir eine sexuelle Beziehung mit einem Mann - auch als biologische Frau! - überhaupt nicht vorstellen kann. Diese sexuelle Orientierung ist ein grundlegender, unveränderlicher Bestandteil meiner Identität, sie setzt der Entwicklung meines freien Willens klare Grenzen; ohne sie wäre "ich" nicht mehr ich. Allenfalls die Intensität meines Sexualtriebs wäre unter einer weiblichen Hormonlage vermutlich etwas geringer, aber die Richtung wäre - solange ich überhaupt "ich" bleibe - dieselbe: ich wäre ganz klar und eindeutig lesbisch.

Ansonsten würde "ich" als biologisches Mädchen vermutlich weitaus konfliktfreier, harmonischer und unproblematischer aufwachsen, als es mir als Junge möglich war. Dass mir dann sozial auf der männlichen Seite etwas wesentliches fehlen würde, glaube ich eher nicht; dazu empfinde ich die männliche Rolle in meinem jetzigen Leben viel zu sehr als überfordernd und viel zu wenig als erfüllend. Vermutlich würde ich mir um die geschlechtliche Identität mangels Konfliktstoff gar nicht erst groß Gedanken machen - und könnte damit freilich auch nicht zu dem Wissensstand und zu dem Bewußtsein gelangen, das ich in meinem Leben als MzF-Transsexuelle nolens volens erreicht habe. Das Frau-Sein wäre dann wohl einfach das Selbstverständliche, das implizit Gelebte - ohne mir überhaupt wirklich klar zu werden, was es bedeutet.

Ob's unterm Strich besser wäre? Da wird's philosophisch: was ist Lebensglück? Unter einem erfüllten Leben verstehe ich nicht problemlos glatte Bedürfnisbefriedigung: das wäre nicht Leben, sondern bloßes Vegetieren. Glück ist ein Kontrastphänomen: nur wer auch die Tiefen kennt, weiß die Höhepunkte zu schätzen und zu genießen. Ein erfülltes Leben bedeutet, vor Herausforderungen gestellt zu werden, daran teilweise auch zu scheitern, aber letztlich daran zu wachsen und sie im wesentlichen eben doch zu bewältigen.

DIE große Herausforderung in meinem Leben war meine geschlechtliche Identität, und - daraus resultierend - das Problem, zu einer stabilen, funktionierenden, harmonischen Liebe und Partnerschaft mit einer Frau zu finden. Das war für mich ein langer Weg voller Entbehrungen und Rückschlägen, ich habe diese Herausforderung erst sehr spät bewältigen können; aber es ist mir letztlich gelungen, ich lebe jetzt seit 15 Jahren in einer glücklichen Ehe, und seit zwei Jahren zudem auch öffentlich konfliktfrei und zufrieden in der weiblichen Rolle. Wenn morgen Schluss wäre (was ich nicht hoffe, ich genieße mein jetziges Leben sehr!), könnte ich's gut sein lassen: ich habe - wenn auch erst spät - mein Leben gelebt und nichts wirklich Wichtiges versäumt. Letztlich war es gut so, wie es war.

In einem Leben als körperliche Frau mit weiblicher Sozialisation wären die Herausforderungen mit Sicherheit ganz andere. Ob und wie ich die dann bewältigen könnte? Das hängt von unendlich vielen Faktoren ab - keine Ahnung...
Herzliche Grüße
Wally
Magdalena
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2704
Registriert: Di 4. Feb 2014, 10:17
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Dresden
Hat sich bedankt: 355 Mal
Danksagung erhalten: 451 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 13 im Thema

Beitrag von Magdalena »

Liebe Vicky,

ein interessantes und unererschöpfliches Thema, welches Du eröffnet.

Und ich kann jetztnur über mich schreiben. Um das Thema aufzunehmen, viele Jahre hing ich wie eine Marionette an Stricken, welche mich steuerten. Jetzt sind die Menschen, für die ich da war, weggefallen. Die Stricke führen mich nicht mehr.

Da wankte ich hin und her. Meine innere Weiblichkeit begehrte auf. Sie wollte sich nicht mehr länger fernsteuern lassen. Wie machte es sich bei mir bemerkbar? Mir ging es plötzlich sehr schlecht. In mir tobte ein Kampf. Eine Lösung musste her. Über Vieles dachte ich nach, ordnete es neu ein.
Und es wurde mir vieles klarer.

Die alten Stricke gibt's nicht mehr. An neue Stricke lasse ich mich nicht mehr hängen. Inzwischen habe ich in meinem Bekanntenkreis mein Outing vorangetrieben. Und es wurde doch sehr gut aufgenommen. Aber es gab auch kritische Stimmen. Ein Leben als Frau hat nicht nur Sonnenseiten. Ich bekam Ratschläge. Unter anderem die Beschäftigung mit Frauenthemen, wurde mir geraten. Sich mit Frauen über Frauenthemen unterhalten. Die Sozialisation als Frau! Ein Stück weit ist es bei mir schon Normalität im Umgang mit meinen Kolleginnen geworden. Und ich kann es nicht anders beschreiben, als es ist richtig für mich, diesen Weg hin zur Frau für immer zu gehen.

Viele liebe Grüße von Magdalena
Lebe jeden Tag.
Liv
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 296
Registriert: Sa 24. Okt 2020, 16:02
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Hannover
Hat sich bedankt: 60 Mal
Danksagung erhalten: 395 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 14 im Thema

Beitrag von Liv »

Vicky_Rose hat geschrieben: Do 1. Dez 2022, 10:18 Was ist Identität und was ist die eigene Identität ? Wie kann ich mir sicher sein, die eigene Identität gefunden zu haben ? Vielleicht brauche ich auch so etwas wie eine "flexible" oder "fluide" Identität, die situations- oder/und entwicklungsbedingt ist.
Lorelai74 hat geschrieben: Do 1. Dez 2022, 17:47 Viele moderne psychologische Modelle gehen heute nicht mehr von einem konsistent Ich , einem konsistentem Selbst aus, sondern propagieren z.B ein inneres Familiensystem mit vielen Teilen. Wenn ich diese Idee heranziehe, dann gibt es nicht eine Identität sondern viele Identitäten, jedes Familienmitglied hat eine und die können auch die Führung unsers Körpers übernehmen.
Danke Vicky, dass du diesen tollen Thread gestartet hast! Auch wenn er gerade von der Philosophie in die Psychologie rutscht, aber ich glaube das liegt in deinem Sinne. Loris Einwand finde ich hier ungemein wichtig.

Die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen ("Parts Party", "Ego States", "Inneres Team", "Teilearbeit", "Inneres Parlament") ist mittlerweile fester Bestandteil verschiedenster Therapieformen, von der Systemischen Therapie bin hin zu allerlei esoterischen Coachings. Allen gemein ist die Auffassung, dass sich die Persönlichkeit sich aus mehreren/vielen Bestandteilen zusammensetzt, die sowohl miteinander als auch gegeneinander agieren können. Nehmen die Konflikte überhand, entstehen Blockaden oder andere Belastungszustände (z.B. Depressionen, Ängste etc.). Nicht selten werden unerwünschte Anteile dann ins Unterbewusstsein verdrängt.
Schon Sigmund Freud ging ja bereits von einer Dreiteilung aus (Ich, Über-Ich, Es). Das kann man leicht weiterspinnen und mit verschiedensten Charakteren besetzen (der Hedonist, die Ängstliche, die Mutige, der Kritiker etc.). Je nach Modell sind diese Anteile entweder vorgegeben, erweiterbar oder gänzlich frei wählbar. Auch sind die Anteile manchmal nur Berater eines übergeordneten Entscheiders, oft geht man aber auch von einer Basisdemokratie aus.
Na, wer sitzt bei euch mit am Konferenztisch? Eine Femme fatale oder eine Femme fragile? Oder wurde sie gar schon vom Tisch verbannt? Dann wird sie wiederkommen, notfalls als Fetisch verkleidet.

Mir hat dieses Modell sehr geholfen, meine inneren Mechanismen zu verstehen. Seitdem ich den weiblichen Anteilen bewusst Raum gebe und versuche zuzuhören, fühle ich mich nicht mehr als Marionette. Wobei das ja dann eine echte Fremdbestimmung gewesen wäre. So war es eigentlich nicht. Eher ein unerwartetes "ins Steuer greifen".

Für Laien (und Kinder) ist der Pixar-Film "Alles steht Kopf" ein toller Einstieg in die Thematik.

LG
Liv
ExUserIn-2026-04-08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3889
Registriert: Do 20. Nov 2014, 15:59
Pronomen:
Hat sich bedankt: 140 Mal
Danksagung erhalten: 1028 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Ich fühle mich, als wäre ich eine Marionette ...

Post 15 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

Hallo Magdalena,

vielen Dank für Deinen Beitrag. Du hast den Begriff "Marionette" ganz anders interpretiert als ich es meinte. Ich ging von den eigenen "Stricken" aus, also die inneren Triebfedern, die mich Dinge tun lassen, die für mich unkontrollierbar sind. Du schreibst von den äußeren Stricken, also der Steuerung durch andere Menschen. (yes)

Da geht es mit fast so wie Dir. In den letzten Jahren sind bei mir bis auf meine Frau auch die treibenden familiären Stricke weggefallen. Ohne meine Frau würde ich wahrscheinlich jetzt auch durch meine inneren Stricke das Thema anders vorantreiben. Grundsätzlich sehe ich hier den Konflikt Antrieb (innere Stricke) zu bremsenden Stricke (äußere Stricke). Das ist schon wieder ein eigenes Thema wert: "Was treibt uns, was bremst uns und wie lösen wir den Konflikt ?" Und beide Aspekte können aus der Innen- wie auch aus der Außensicht betrachtet werden.
Liv hat geschrieben: Fr 2. Dez 2022, 10:06 Wobei das ja dann eine echte Fremdbestimmung gewesen wäre. So war es eigentlich nicht. Eher ein unerwartetes "ins Steuer greifen".
Ein passendes Bild ...

Bei den Bremsen aus der Innensicht sind wir beim Thema von Liz, dem Konglomerat der inneren Player und deren Konflikte. Vielen Dank, dass Du mich daran erinnert hast. (ki) Ich habe mich früher bereits einmal damit beschäftigt. das war im Jahr 2016, da habe ich ein fiktives Gespräch meines "Inneren Teams" protokolliert. In dieser "Besprechung" kam es auch zu einem Beschluss, den ich auch umgesetzt habe: mein Segeltörn en femme über zwei Wochen. Mir hat das viel gebracht. Einige innere Stimmen sind leiser geworden, andere deutlicher.
Liv hat geschrieben: Fr 2. Dez 2022, 10:06 Na, wer sitzt bei euch mit am Konferenztisch?
Ich kann um die Moderatorin ("Ich") 8 Stimmen identifizieren:

die Konfliktscheue,
die Mutige,
die Ängstliche,
die Realistische,
die Kämpferische,
die Zweifelnde,
die Träumende,
die Sicherheitsbedürftige

Jede dieser Stimmen (eine männliche Stimme finde ich hier nicht) hat ihren eigen Charakter definiert bekommen. So treiben die Konfliktscheue die Kernfragen "Kann ich mich anderen zumuten ? Kann ich mich meiner Frau zumuten ? Was ist mit meinem Freundeskreis ?" Die Kämpferische sagt: "Wenn nicht jetzt, wann dann ? Du kannst nur gewinnen!" Ich kann dieses Konzept nur empfehlen.

Die Randbedingungen haben sich für mich in den letzten Jahren verändert und ich habe einige Erfahrungen gemacht. Ich glaube, da wird wieder eine Konferenz fällig ...
Viele Grüße
Vicky

Respekt ist nicht teilbar.
Antworten

Zurück zu „Körper - Gefühle - Empfindungen“