Marcia V hat geschrieben: Di 1. Nov 2022, 23:54
was soll ich sagen, man gewöhnt sich an alles.
Ist das nicht ein anderer Ausdruck für Kapitulation ?
Ich habe das früher ähnlich gesehen. Wir hatten eine "funktionierende" Ehe bis ich dahinter kam, dass meine Frau für sich einen anderen Lebensweg gefunden hat. Das war eine schwierige Zeit für mich bis ich kapiert habe, dass darin ein neuer Anfang für mich liegt.
Ich denke, es ist eine Möglichkeit, sich mit seiner Situation zufrieden zu geben, aber ob es zufrieden macht, steht auf einem anderen Blatt. Vor allem muss man akzeptieren, dass Entscheidungen oftmals von anderen für einen selber getroffen werden. Ich habe in meiner ersten Ehe nicht gestaltet, sondern mich nach den Anforderungen anderer gerichtet. Wenn man damit leben kann und will, ist das ja auch i.O.
Mir sagt ständiges Unzufriedensein aber etwas anderes. Ich will mein Leben gestalten. Ich habe vieles ausprobiert, neue Wege gefunden und vieles ist viel besser geworden. So ganz zufrieden bin ich heute auch noch nicht. Aber das macht nichts, ich bin ja auf dem Weg. Interessanterweise ist Vicky vor allem dann präsent, wenn ich das Gefühl habe, eingeengt zu sein. Vicky zu sein bedeutet für mich zum einen Ausbrechen und Freiheit und zum anderen eine starke Facette in meinem Leben, die gelebt werden muss. Ich kann mich mit Vicky und mit dem Frausein identifizieren, aber eben nicht rund um die Uhr. Je freier ich sie leben kann, um so mehr tritt das Frausein in den Hintergrund und mein Blick weitet sich wieder für die anderen Themen in meinem Leben. Ich fühle mich leichter.
Ist das Frausein, so wie ich es heute lebe, für mich eine Art Ausbruch aus dem Korsett der Lebensumstände ? Vielleicht. Ändern sich die Lebensumstände, ändert sich auch das Gefühl für das Frausein. Das verunsichert mich in meinem Frausein. Ist das wirklich so echt, wie ich es mir denke ? Oder haben die Anderen nicht doch Recht, die in mir einen Mann sehen ?
Ich glaube, hier steckt ein Dilemma, in dem ich mich bewege und die Beschreibungen von Dir und Anderen im Forum zeigen mir, dass ich damit nicht alleine bin. Wenn ich mir Deine Situation anschaue, würde ich auch nur ausbrechen wollen. Frauen, Eltern, Kinder, Arbeit etc. alle wirken auf Dich ein und erzeugen Druck, weil, so wie sie Dich sehen, Du dem nicht entsprechen kannst. Im Grunde sind die Anforderungen ja auch nicht falsch. Aber da ist auch noch mehr. Deine gefühlte Weiblichkeit ist ein Teil von Dir. Deine Erotik ist nach Deiner Beschreibung auch weiblich geprägt. Mit Deinen "kleinen Fluchten" suchst Du Dir einen Weg, alles unter einen Hut zu bringen, aber Du spürst, dass das nicht funktioniert. Wenn Dich Deine Frau fragen würde, was Du machen würdest, wenn Du alle Freiheiten der Welt hättest, hättest Du eine Antwort ?
Ich hätte für mich keine Antwort. Weiblichkeit offen und frei zuzulassen, wäre sicher wichtig, aber nicht die Lösung. Ich glaube, vieles müsste sich neu einpendeln. Man spricht oft davon, dass es in einer Beziehung auch Freiräume geben muss. Aber was bedeuten "Freiräume" ? Für mich sind das die Bereiche in denen ich so sein kann, wie ich mich fühle. Diese Freiräume sind im Kopf und im Herz. Es geht nicht darum, nur sein Ding zu machen, sondern eine Balance zu finden, für sich da zu sein und sich für Andere einzubringen. Nur wenn ich auch ich sein kann, kann ich mich auch um Andere kümmern. Die Alternative ist, in beidem nur Wischiwaschi zu sein. Damit kann man keine gute Beziehung aufbauen. Nur wer sich selber achtet, achtet auch andere Menschen, nur wer sich selber annimmt, nimmt auch Andere an, nur wer sich selber liebt, kann auch lieben.
Es geht um die Balance zwischen Individuum und sozialem Wesen. Dazu muss man wissen, wer man ist und welche Bedürfnisse man wirklich hat. Dazu muss man in sich hineinhören und aufmerksam für sich selber sein. Paradoxerweise steigert das auch die Aufmerksamkeit für Andere.
Geht es mir darum, ein Kleid, einen BH oder Strumpfhosen zu tragen, um mir mein Frausein zu demonstrieren ? Manchmal ja. Wenn ich genauer hinschaue, geht es mir nich um die Kleidungsstücke, sondern es ist ein Signal, dass ich Druck von außen habe, für den ich ein Ventil brauche. Den Druck muss ich aber anders bewältigen. Die Lösung liegt bei mir nicht in kleinen Fluchten. Und da sind dann die Momente, in denen ich ohne Druck mein Frausein lebe. Sei es, dass ich meinen Gefühlen nachgehe, sei es, dass ich ich mich auch als Frau kleide. Das hat dann eine ganz andere Qualität, weil es sich "echt" anfühlt. Ich bin dann ganz in dem Moment.
Das waren eine Menge Gedanken von mir. Ich glaube nicht, dass wir unser Leben mit wenigen Worten oder Rezepten in den Griff bekommen. Das mag manchmal helfen, ist aber nicht von Dauer. Ich glaube, die Selbstreflexion und das Handeln danach ist eine lebenslange Aufgabe, der wir nie ganz gerecht werden können. Aber ich sehe keine Alternative...