Mal zurück zu Tinas Fragen:
Tina hat geschrieben: Sa 15. Jan 2022, 19:19
Was unterscheidet, und wie erkennt man das Geschlecht..?
Ist es das Aussehen"¦dürfen Frauen keine maskulinen Züge und Empfindungen haben?
Dürfen Männer keine feminine Züge haben?
Ist "Frau" nur an Kleidung und Lippenstift festzumachen?
Ist "Mann" nur an dem Bizeps zu erkennen?
Ist es in uns, die inneren Empfindungen und Gefühle dem anderen Geschlecht stärkeren Raum zu geben?
Was sind den die geschlechtssymptomatischen Gefühle und Empfindungen"¦.Mann - Frau?
Mit der stärkeren Thematisierung und der damit verbundenen Eigenanalyse, kommen Zweifel und Verwirrungen"¦
Ich habe meine weibliche Seite sehr stark mit den klassischen äußeren Symbolen verbunden und mich so gekleidet, wie ich "Frau" gerne sehen würde.
Das ist mir nun zu einfach. Es muss noch mehr sein"¦ aber was?
Man könnte da jetzt ganze Bücher darüber schreiben... Es läßt sich jedenfalls nicht mit wenigen Sätzen beantworten.
Wichtig für ein grundsätzliches Verständnis der ganzen Sache scheint mir, dass wir spontan im Alltag, bei Begegnungen mit anderen Menschen, diese sofort und strikt binär nach "männlich" oder "weiblich" einteilen. Das steckt sozusagen fest verdrahtet in uns, wir ALLE (auch Transgender!) tun das, unbewußt, wir können gar nicht anders. Wir wissen aus psychologischen Untersuchungen, dass das Geschlecht das allererste ist, was wir an einer uns zufällig begegnenden Person abchecken, blitzschnell schon in den ersten Zehntelsekunden - und zudem mit einer höchst erstaunlichen Treffsicherheit angesichts der Tatsache, dass das in üblicher Alltagskleidung objektiv gar nicht so einfach zu erkennen ist; Immerhin muß man dazu eine ganze Reihe wenig markanter,
sekundärer Geschlechtsmerkmale mit weiten Überschneidungen abchecken, die erst in der Gesamtsicht eine halbwegs zuverlässige Geschlechtserkennung erlauben. Trotzdem geht das so blitzschnell, dass man es nur mit angeborenen, "fest verdrahteteten" Gehirnfunktionen erklären kann; jede bewußte, erlernte Geschlechtserkennung würde selbst mit viel Übung mindestens zehnmal so lange dauern: wenigstens ein paar Sekunden statt nur Sekundenbruchteile.
Weiterhin wissen wir aus solchen Untersuchungen, dass wir sehr verunsichert reagieren, wenn diese prompte, binäre Geschlechtserkennung ausnahmsweise scheitert; wir wissen dann nicht, wie wir uns gegenüber dieser Person verhalten sollen, und haben das intensive Bedürfnis - nun auch bewußt - vorrangig erst mal diese Frage zu klären.
Obwohl wir Transgender selber zweifellos
nicht in diese Schubladen passen und die Frage nach unserem persönlichen Geschlecht eben nicht so einfach binär beantwortet werden kann, steckt das Geschlecht als BINÄRE KATEGORIE eben doch tief in uns drin: es gehört zu unserer menschlichen Natur, dass wir unsere Mitmenschen spontan und eindeutig nach dieser Kategorie unterscheiden - und dass uns das im Umgang miteinander ausgesprochen wichtig ist.
Ein weiterer, wichtiger Wissensbaustein dazu:
männliche Körpermerkmale sind bei unserer angeborenen, spontanen Geschlechtserkennung absolut dominant. Wer männliche Merkmale (Bart, Stimme, Knochenbau, Adamsapfel usw) trägt, wird daran prompt und eindeutig als Mann identifiziert; als Frau wird erkannt, wer
nichts Männliches an sich hat. Spezifisch weibliche Körpermerkmale wie Brüste oder breite, runde Hüften spielen dabei nur eine sehr untergeordnete Rolle, sie qualifizieren einen Menschen in der Wahrnehmung der Mitmenschen
nicht eigenständig zur Frau! Wenn wir eine perfekte 90-60-90-Figur im Bikini, aber mit männlichem Kopf sehen, identifizieren wir diesen Menschen zuverlässig und ausnahmslos als "Mann mit falschem Körper" - und eben NICHT als "Frau mit falschem Kopf", weil männliche Körpermerkmale unsere Geschlechtserkennung dominieren; kein weibliches Merkmal, und sei es noch so deutlich, kommt dagegen an. Das ist auch der Grund, warum die allermeisten von uns MzF-Transsexuellen und Crossdressern die leidigen Probleme mit dem Passing zeitlebens nicht loswerden, während FzM ein halbes Jahr lang Androgene schlucken und dann in der Öffentlichkeit schon allein an Bartwuchs und Stimme zuverlässig als Mann identifiziert werden; die brauchen dazu noch nicht mal ihren Busen zu verstecken, der wird halt dann als "Biertitten" interpretiert...
Was mich heute - als mittlerweile 73-Jährige - wundert: obwohl ich sehr genau weiß, dass mich meine Umgebung eben
nicht als Frau, sondern als "verkleideten Mann" wahrnimmt (mangels Erfolg versuche es schon gar nicht mehr ernsthaft, trage keine Perücke über meiner Halbglatze und schminke mich auch nicht), empfinde ich es trotzdem durchweg und dauerhaft als riesengroße Befreiung und rundum wohltuenden Zustand, dass ich nun seit einem Jahr auch öffentlich konsequent in eindeutig weiblicher Kleidung (meist Rock/Bluse, gelegentlich auch im Kleid) und mit deutlich weiblichen Körperkonturen (Busen, Hüften) lebe. Zu meiner eigenen Überraschung erfordert mein Wohlbefinden nicht zwingend, dass ich darin auch als Frau wahrgenommen und bestätigt werde; natürlich würde ich mir das wünschen, wenn's denn möglich wäre. Aber zu meinem persönlichen Wohlbefinden genügt es bereits, dass man mich in diesem Outfit wenigstens kommentarlos toleriert, dass man mich deswegen weder anfeindet noch isoliert. Das demonstrative, öffentliche Präsentieren (m)eines weiblichen Körpers ist offenbar ein emotionaler Wert an sich, es befriedigt ein eigenständiges Bedürfnis in mir selber, ganz uanbhängig davon, wie es bei anderen Menschen ankommt. Zeigt sich darin ein Stück weibliche Sexualität, eine Art weiblicher Exhibitionismus? Ich weiß es nicht. Ich merke einfach nur, dass es mir gut tut. Und zwar dauerhaft, der wohltuende Effekt nützt sich auch nach einem ganzen Jahr noch nicht ab.
Soviel von mir zu "Es muss noch mehr sein"¦ aber was?"