So wie es einigen anderen wohl auch ergeht, so reift es auch langsam in mir, daß ich einfach keine Lust mehr habe, mich zu verstellen und zu verstecken, was ich gerne habe. Für die "Frischlinge" unter uns sei gesagt: Das braucht Zeit und ein paar gute Erfahrungen. Nur nicht zu schnell aufgeben!
Aber zurück zum Thema, was ich hier eigentlich berichten wollte, ist nämlich eine solche "gute Erfahrung"
Ich denke letzten Samstag habe ich dem Namen dieses Forums, nämlich "Crossdresser", alle Ehre gemacht!
Und zwar besuchte ich zusammen mit meiner Frau eine Abend-Veranstaltung - Comedy/Kabarett, oder etwas dazwischen. Auf jeden Fall ein eher gesellschaftliches Ereignis in einer Veranstaltungshalle.
Ich erschien dort reichlich "cross", also weder richtig masculin noch feminin. Ich trug einen langen Herrenrock (Modell 108 von Sabine Seidel in Schwarz, dazu schwarze FSH, Damenschuhe mit 4cm Blockabsatz (nicht sehr feminin, aber keinesfalls Herrentreter), eine leicht glänzende Bluse in leichter crash-Optik, etwas grössere Creolen Ohrringe. Eigentlich kein Make-Up bis auf Mascara. Ich habe längere Haare (bis etwa Schulterblatt) die blau-schwarz gefärbt sind. Die Haare hatte ich nur leicht hinten mit einer Spange locker zusammen. Als Jacke eine, leicht zu kleine, Blazer-Jacke - Größe geht so gerade noch, die ist halt von meiner Frau geborgt, die etwas kleiner ist als ich.
Suma sumarum würde ich also sagen, das war im wahrsten Sinne des Wortes "cross dressing". Ich denke also dem Forum in diesem Sinne alle Ehre gemacht zu haben
Rock trage ich in letzter Zeit oft auch in der Öffentlichkeit, allerdings allesamt lang, schwarz und mit Kellerfalten vorne und hinten, aus Jeans-artigem Baumwollstoff, sogenannte "Herrenröcke", weiter verbreitet in der Gothic Scene. An diesem Abend war das aber schon ein bischen etwas anderes
Also das war schon reichlich aufregend!
Das spannendste daran fand ich eigentlich auch, daß nichts von alledem irgendetwas aufdringlich feminines hat.
Und so ging's dann los...
Der Weg von zu Hause zum Auto waren nur 5m, das war also noch relativ unspannend.
Vom Parkplatz zur Halle waren schon 500m und, na klar, voller anderer Leute. Der Parkplatz war noch im relativ halb-dunkel gelegen, also noch keine große Gefahr, wirklich gesehen zu werden. Doch mit jedem Schritt in Richtung Halle wurden Leute und Licht mehr - noch ein paar Schritte und dann kann mich jeder in voller Pracht sehen! OMG - jetzt wird's ernst!
Oder vielleicht doch wieder nach Hause?
Nein, das ziehen wir jetzt durch!
Vor der Halle leichtes Gedränge, ich lasse mir nichts anmerken. Aber so langsam sieht man doch, wie der/die ein oder andere einen von der Seite mustert, die Blicke von meinen Füßen, zum Kopf und zurück wandern, um sich dann dem oder der Begleitung zuzuwenden, anfangend zu tuscheln.
An dieser Stelle würde ich noch einwerfen: Wir als "Männer" sind es auch glaube ich schlicht nicht im geringsten gewohnt, intensiv angesehen und dann "besprochen" zu werden. Umgekehrt wenn ich an Männer denke, die Frauen betrachten, ist dies vollkommen normal, daß diese diese ausgiebig mustern und sich dann zum Diskurs mit ihren Kollegen abwenden. Insofern, ist dies vielleicht gar nicht so schlecht oder schlimm?
Aber zurück zu diesem Abend...
Ich wurde also als "sonderbar" erkannt, aha. Nun gut, damit war zu rechnen. Dummerweise konnte ich nicht ausmachen, was sie da dachten oder tuschelten? War es Ablehnung? Nur einfach Konsterniertheit? Unglaube?
Insofern war es aber auch nicht schlecht, denn ich sah niemanden, der sich krampfhaft lachend abwendete. So schlimm kann es also nicht gewesen sein. Nur mir schlug das Herz bis zu Kragen!
Meine Frau an meiner Seite gab mir Halt in dem Sinne, als das sie eine Art Anker in der tosenden See der Menschen für mich war. Solange sie da war, konnte mir nichts passieren, dachte ich - nunja, denken wäre übertrieben, eher "fühlte ich". Eine große Sorge hatte ich allerdings - was würde ich tun oder was würde passieren, wenn ein Bekannter oder Freund auch auf dieser Veranstaltung war? Bei sicherlich weit über 1.000 Besuchern nicht ganz unwahrscheinlich in dieser Gegend! Was würde er/sie wohl sagen? Wie würde ich ihm/ihr jemals wieder normal begegnen können?
Schnickschnack - daran denken wir jetzt gar nicht, weiter im Text!
Und jetzt kommt aber der Knaller
Im Foyer der Halle gab es, wie das bei solcherlei Veranstaltung nicht unüblich ist, einen Getränkeverkauf. Ich wollte meine Frau (und mich
Am Getränketisch angekommen ist noch ein Kunde vor mir und dann komme ich dran. Die Dame hinter dem Tisch lächelt mich an und fragt wie selbstverständlich "Und für die Dame?" - da war ich erstmal etwas platt! Was verflixt nochmal hat mich jetzt als "Dame" bzw. eben Frau ausgezeichnet? Sie sah von mir lediglich vom Kopf abwärts maximal bis Anfang Oberschenkel. Bevor ich realisierte was ich vielleicht besser hätte stattdessen tun sollen, bestellte ich mit meiner normalen Stimme zwei Sekt - und das klang dann vermutlich derart unweiblich, daß sich die Dame sofort entschuldigte, sich dienstbeflissen umdrehte und die zwei Sekt holte
Was hat die jetzt nur gedacht?
"Und für die Dame?" - ich fasse es immernoch nicht wirklich...
Im weiteren Verlauf standen wir noch vor Beginn der Veranstaltung gut eine halbe Stunde im Foyer, unterhielten uns und ab und zu bemerkte man die verwirrten Blicke umherschlendernder Besucher. Ich hätte zu gerne gewußt, was die dachten!? Der nächste Speißrutenlauf war der Einlaß zur Halle - eine Treppe hinauf und eine hinunter. Hier wurde das Beinkleid offenbar, also gerade jene, die hinter mir liefen, müssen die FSH und die Schuhe gesehen haben. Dann Durchzwängen durch enge Stuhlreihen, vorbei an "gut situierten Mittelstandsbürgern", deren Blicke auch mehr Verwirrung als Bestürzung ausdrückten
Dann endlich Licht aus, Spot an, die Show beginnt und mein erster Akt endet.
Gut eine Stunde später, 20 Minuten Pause. Also wieder raus aus der Halle, Treppe hoch, alle sehen mich in vollem Ornat, ich habe das Gefühl, die ganze Welt guckt mich fragend an. So langsam möchte der Sekt wieder hinausgelassen werden. Ein Blick ins Untergeschoß der Halle, eine längere einreihige Schlange vor der einzigen Toilettentür. Möchte ich mich da anstellen? Und wenn mich schon die Dame am Ausschank nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen konnte, was mir offen gestanden runter ging wie Öl, wie sollte das jetzt hier an der Toilette werden? Ordne ich mich bei den Männlein ein, dann gucken die sicherlich etwas pikiert. Ordne ich mich bei den Weiblein ein, könnte das im Falle des entdeckt werdens für lauthalse Unmutsäußerungen sorgen! Also was mache ich nur?
Ich beschließe die Dringlichkeit herabzustufen und auf den Toilettengang zu verzichten. Das nächste mal vielleicht
Der Rest des Abend verlief dann recht unspektakulär. Wieder rein in die Halle, Treppchen hoch, einige wenige seltsame Blicke, aber irgendwie hatte ich das Gefühl es würden weniger. Was aber vermutlich daran lag, daß ich weniger aufmerksam wurde.
Also alles in allem - ein extrem genialer Abend!
Was habe ich dabei gelernt?
1. Man(n) wird nicht sofort gefressen und verhaftet, wenn Mann "cross" in der Öffentlichkeit unterwegs ist. Solange es halbwegs stilvoll und nicht übertrieben ist, sollte man damit kaum anecken - schlechtes Gegenbespiel wäre sicherlich das gern zitierte Dirndl mit Schnauzbart
2. Ein bischen schade ist es, daß man nicht wirklich erfährt, was Dritte gedacht haben. Das wäre schon sehr interessant gewesen.
3. Das macht Mut auf nochmal und vielleicht auch auf mehr! Ich denke da an dezenten Lidschatten, farbigen Nagellack (aber keine Pastellfarben), richtige Pumps etc.
4. Etwas frustrierend bleibt aber dennoch ein fader Nachgeschmack zurück - ich war mir in der ganzen Zeit vollkommen bewußt darüber, daß ich da nicht "normal" aufgetreten bin. Ob man das mit der Zeit der Gewöhnung ablegt und es selbst für "normal" empfinden kann?
In diesem Sinne - auf bald!
Apropos "auf bald", gibt es eine schöne Sylvesterveranstaltung für unsereine dieses Jahr? Wir, also Frau und ich, haben noch nichts vor und vielleicht könnten wir, also Du Leserin, uns mal in real-life und Party tauglich zurechtgemacht mit weiteren Gleichgesinnten treffen?
PS: Bevor die Frage kommt - nein, von dem Abend gibt es leider kein Bild...
Liebe Grüße
nicole