Liebe Alle, die sich so umfangreich hier geäußert haben,
vielen Dank für eure Anteilnahme an meiner Vorstellung. Es waren sehr, sehr viele Aussagen dabei, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Für meine "Wegfindung" ist es sicherlich hilfreich, Bezug auf ein paar dieser Aussagen zu nehmen und mich damit selbst besser zu positionieren.
Helga hat geschrieben: Fr 2. Apr 2021, 21:33
Carrie_C hat geschrieben: Fr 2. Apr 2021, 08:26
Aber dann gab es deine entscheidende Erkenntnis in meiner Therapie und das Frau-Sein-Wollen stellte sich als eine Kompensation für ein emotionales Defizit meiner Kindheit heraus.
Du wirst hier im Forum viele Beispiele von Crossdressern finden, die ihre weibliche Seite ausleben, indem sie einfach mal aus ihrem Alltag ausbrechen. Du hast die Stichworte bereits geschrieben: Kompensation und Leichtigkeit. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Tag "en femme" ähnlichen Effekt hat wie eine Woche Urlaub. Handy aus, volles Programm mit Perücke, Pölsterchen, Schminke, chicker Kleidung. Ein Treffen mit Freundinnen, Fotoshooting, Shoppingtour, etc. Der ganze Alltag ist vergessen. Eine derart effiziente Rückzugsmöglichkeit haben "normale" Männer nicht.
Helga
Helga, was du hier mit dem Crossdressing beschreibst, trifft bei mir den Kern der Sache nicht so ganz. Ich habe nicht den Eindruck, dass es um das Ausbrechen aus dem Alltag geht, indem ich mich als Frau kleide. So etwas wie Shoppingtour und Fotoshooting en femme würde mir damit nicht geben können, was mein Bedürfnis ausmacht.
Es ist vielmehr so, als würde ich durch das Tragen weiblicher Kleidung etwas Inneres zum Ausdruck bringen, einen elementaren Teil von mir. Ja, es fühlt sich gut an, aber es fühlt sich auch richtig an, nach "so bin ich auch". Ich schreibe bewusst "auch", da ich gerade der etwas wackeligen Meinung bin, dass ich irgendwie zwischen zwei Stühlen sitze, also in gewisser Weise "nicht-binär" bin. Ich verabscheue nicht mein männliches Ich. Aber es ist längst nicht alles von mir.
Damit komme ich zum Beitrag von Patricia, der mich auch sehr berührt hat.
Patricia_cgn hat geschrieben: Sa 3. Apr 2021, 15:34
Beim Lesen deines Beitrags stellte ich mir die Frage ob das wirklich so einfach ist wie du es beschrieben hast. Deine feminine Seite einfach nur als Ausdruck für ein Kindheitstrauma, oder steckt vielleicht mehr dahinter? Spielen die Ehe und die Liebe vielleicht eine so große Rolle in deinem Leben, dass du dich, vielleicht auch unbewußt, dafür entschieden hast als Mann zu leben weil du sie sonst verlieren würdest?
Spielen Ehe und Liebe eine so große Rolle, dass sie mich beeinflussen? Absolut, ich kann aber nicht sagen wie sehr nun bewusst oder unbewusst. Vor gut 9 Jahren stand ich am Scheideweg — Gehe ich den Weg, Frau zu werden und verliere meine Familie (damals Frau und Tochter, mittlerweile noch mit zwei Söhnen) oder finde ich einen Weg zurück?
Ich hatte höllische Angst, meine Frau und Tochter zu verlieren. An meiner Liebe zu meiner Frau hat sich durch das Frau-Sein nichts geändert; im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, ihr nochmal mit anderer Zärtlichkeit begegnen zu können (was ihr so gar nicht gefallen hat — woraus ich ihr keinen Vorwurf machen kann, sie fragte mich z.B.: Wenn ich mir einen Bart ankleben würde, würde dich das beim Küssen stören?, was ich mit "Ja" beantworten musste"¦). Umgekehrt galt das aber schon. Warum sollte sie auch lesbisch werden, nur weil ich entscheide, eine Frau zu sein? Körperlich findet sie eben gerade meine männlichen Attribute attraktiv.
Und ja, auch jetzt keimt diese Angst wieder auf, diese Angst, etwas zu sein, das meine Frau nicht lieben kann — und verliere ich sie, verliere ich ein Stückweit meine Kinder, was ich unter keinen Umständen passieren lassen will.
Patricia_cgn hat geschrieben: Sa 3. Apr 2021, 15:34
Geht es darum weibliche Kleidung zu tragen oder eher darum eine Frau zu sein? Denn das sind definitiv zwei paar Schuhe, auch wenn manche anderer Meinung sind.
Was bedeutet es, wenn ich diese Frage so beantworte: Es geht darum, mit der weiblichen Kleidung einen Teil meiner Selbst zum Ausdruck zu bringen? Ist dieser Teil dann Frau und die Antwort lautet: Es geht tatsächlich darum, eine Frau zu sein? Ist es schon mehr als Crossdressing, es dann auch passend und richtig und angenehm zu finden, die Brust weiblich zu modellieren (rasieren + mit Push Up in eine etwas schönere Form zu bringen) — und es überhaupt eigentlich ganz schön zu finden, keine platte Männerbrust zu haben, sondern ein "solides" A Körbchen?
Ansonsten gilt: Ich habe keine Abneigung gegen meine männlichen Geschlechtsteile oder meine männliche Sexualität.
Aria hat geschrieben: Sa 3. Apr 2021, 21:31
Wenn du deinen Abend oder Wochenende als Helga hattest, fühlst du dich so entspannt als wärst du im Urlaub gewesen. Das ist toll für dich, ehrlich, diese Entspannung gönne ich dir. Das geht der TS aber nicht so! Di zieht die Kleidung an und fühlt keine Entspannung, ausser dem Gefühl, dass es richtig ist. Kein Tüff-Tüff, kein Schi-Schi. Einfach normal sein. Hier gabs mal einen Thread "CD darf auch Spass machen". Schön, wenn das Spass macht, für TS ist das aber bitterer Ernst.
Ich muss zugeben, dass mich das Tragen weiblicher Kleidung entspannt. Aber eigentlich deshalb, weil es sich so richtig anfühlt, denke ich. Nicht wie in den Urlaub fahren, sondern eher wie nach Hause kommen. In sich selbst ankommen. Durchatmen. Anspannung nachlassen können.
Am Ende dieses Beitrages muss ich sagen, dass ich noch verwirrter bin als vorher. Ich habe das Gefühl, entscheidende Fragen eurer Beiträge mit "Ja" beantworten zu müssen, wenn ich ehrlich zu mir selbst sein will. Und das macht mir schlicht und ergreifend Angst.
Mit meiner Frau bin ich im Gespräch. Sie ist erstmal offen und bereit, sich auf einen Prozess einzulassen. Ich kann ihr nur noch nicht richtig aufzeigen, wohin der Weg meiner Meinung nach gehen soll, weil ich es einfach nicht weiß. Ich habe ihr klar gemacht, dass ich es erstmal ganz langsam anzugehen und ein wenig mit Grenzverschiebungen zu spielen. Bunte Halstücher tragen, die Augenbrauen in eine femininere Form zupfen, Ohrstecker tragen (zu meinem Leidwesen ist mein linkes Ohrloch zugewachsen ☹) — also alles Dinge, die als Mann erstmal okay sind, aber eben gewisse Akzente setzen. Gerade vor den Kindern will ich ja nicht mit der Tür ins Haus fallen und mich unkommentiert mit Kleid an den Frühstückstisch setzen"¦!
Ich spiele schon mit dem Gedanken, ob ich frühzeitig wieder Kontakt zu meiner damaligen Therapeutin suchen sollte, um so früh wie möglich eine Begleitung zu haben, die mir bei den (zu) vielen Fragen helfen kann.
Das war viel digitale Tinte. Was denkt ihr, was ist euer Eindruck meiner Situation? Ich merke, dass mir eure Kommentare viel Input bringen und teilweise wunde Nerven treffen, aber geht es nicht genau darum"¦?
Ich freue mich über weitere Kommentare!
Liebe Grüße
Carrie