War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?
War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu? - # 2

Lebensplanung, Standorte
Jaddy
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Re: War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?

Post 16 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Laila-Sarah hat geschrieben: So 27. Sep 2020, 09:04Es gibt ja die Schule, die sagt ja man sei nur TS, wenn man sein Geschlecht auch körperlich anpassen möchte.
Na, ich würde sagen Meinung, nicht Schule, denn die Begründung ist angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnislage eher -äh- unzureichend, um es mal vorsichtig zu sagen.

Auch trans ist ein Spektrum, aber startet doch bei der eigenen Erkenntnis/Gefühl, mit dem zugewiesenen "Geschlecht" nicht zurecht zu kommen. Da beginnt das Leiden an der Zuweisung. Und zwar Geschlecht wieder - unzureichende deutsche Sprache - als Konglomerat aus eigener Körperwahrnehmung/Bedürfnis, Erscheinung, Wahrnehmung durch andere und nachfolgender Zuschreibung von Stereotypen. Geschlechtsstereotypen werden nicht nur im direkten Umgang mit anderen zugeschrieben, sondern lungern auch im eigenen Selbstbild von sich in Relation mit der Umwelt. Sie wurden antrainiert bzw. ergeben sich aus der Sozialisation.

Vereinfacht: Trans beginnt mit "ich kann nicht als di"¢er Mann/Frau leben, di"¢en meine Umwelt von mir erwartet, als di"¢er ich aufgewachsen, aufgezogen, integriert wurde". Daraus folgt logischerweise ein Verlust der bisherigen Zugehörigkeit und wohl immer auch die Suche nach einer neuen, meist "des anderen" Geschlechts. Oder wenigstens "nicht mehr als...".

Das ist der Part, wo es kompliziert und persönlich wird. Was braucht 1, um die Zugehörigkeit zur neuen Gruppe zu empfinden, oder aber nicht nicht-mehr-Zugehörigkeit zur alten, und das auch gespiegelt zu bekommen? Welche Punkte sind der Person wichtig? Also wodurch genau passiert der Übergang von "ich fühle mich eigentlich (nicht) als..." über "ich bin (nicht mehr)..." zu "ich werde (nicht mehr) als ... wahrgenommen / gehöre dazu" (cf. Anja's Threads).

Ich finde es sehr schwierig, das alles genau auseinander zu nehmen. Wenn da diese Diskrepanz namens Geschlechtsinkongruenz ist und im besten Fall die Zielvorstellung, als/im "das andere Geschlecht" zu leben, was ist dann der Wunsch körperlicher Angleichung genau?

Brauche ich die Bestätigung im Spiegel, "echt zu sein"? Geht es um das eigene berühren? Ist es wichtig für Sex? Will ich "unauffälliger" werden? Ist es eine Art Nachweis der Zugehörigkeit für andere? Und ist das eigentlich mein eigenes Körperbild - wie auch immer zustande gekommen - oder das, was ich meine präsentieren zu müssen, damit mich andere als mein wahres Geschlecht wahrnehmen?

Da eine quasi willkürliche Grenze als "Mutprobe" oder "Leidensnachweis" zu setzen ist meiner Ansicht nach verständlich aber auch herabsetzend durch geschlechtsspezifische Vorurteile. Für die betreffende trans Person ist die Inkongruenz da und wird abgesehen von der eigenen Körperempfindung vor allem dadurch verstärkt, dass sie andauernd falsch behandelt wird.
Laila-Sarah
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Re: War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?

Post 17 im Thema

Beitrag von Laila-Sarah »

Jaddy hat geschrieben: So 27. Sep 2020, 13:22 Da eine quasi willkürliche Grenze als "Mutprobe" oder "Leidensnachweis" zu setzen ist meiner Ansicht nach verständlich aber auch herabsetzend durch geschlechtsspezifische Vorurteile. Für die betreffende trans Person ist die Inkongruenz da und wird abgesehen von der eigenen Körperempfindung vor allem dadurch verstärkt, dass sie andauernd falsch behandelt wird.
Da bin ich voll und ganz bei dir. Es war ja auch nicht meine eigene Denke sondern eine Meinung, die ich sehr oft gehört bekommen habe, bzw. auch gelesen habe. Aber es scheint bei einigen fängt es als eine sexuellen Fantasie/Fetisch an und endet im GaOP Stadium. Daher könnte man jetzt auch versuchen zu sagen DWT, TV, CD, TS etc. sind Entwicklungsstadien. Aber ich weis auch, dass z.B. viele TS nicht mit CD verglichen oder in Zusammenhang gebracht werden wollen. Und umgekehrt auch CD sich stark dagegen wehren als werdende TG bezeichnet zu werden. Aber wir driften ab und landen in OT Diskussionen.

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Aria
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Re: War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?

Post 18 im Thema

Beitrag von Aria »

Wenn man die Suche zu sich selbst einfach nicht abstellen kann und sich immer wieder mit dem Thema beschäftig(t)en muss, dann stolpert man u.a. über diesen Begriff oder einen anderen: Inkongruenz.
Damit war ich anfangs irgendwie überfordert. Denn da war einfach nur dieser ständige Drang mich mit dem Thema Transidentität beschäftigen zu müssen - wenn nicht hier, dann in fb-Gruppen oder sonstwo im Netz - aber sonst konnte ich mit dem was diese Begriffe aussagen nicht wirklich identifizieren. Ich meine, es war ja eigentlich alles so wie immer - bis auf dieses ständige "Kopfkino" das mir immer wieder die Fragen stellte: Ist das richtig so? Muss das so sein? Erleben das andere auch so? Bin ich wirklich ich? Wie kann ich mir sicher sein? Warum suche ich und finde keine klare Antwort? Usw. usf.

Heute weiss ich für mich, dass dieser Zustand bereits zur Körperdysphorie gehört. Denn anders als viele glauben, ist dieser Zustand weder geradlinig, noch an wenigen bestimmten Merkmalen festzumachen. Er beschreibt vielmehr das grosse ganze. Und so wunderst es nicht, wenn die sich mit der fortschreitenden Erkenntnis über sich selbst, auch weiter entwickelt. Ist das eine "Kofkino" weg - was bei mir mit Beginn der HET so war - stellten sich andere Inkongruenzen ein. Um so mehr die HET aber ihre Wirkung zeigte, verschwanden manche, andere kamen hinzu und andere verringerten sich ein wenig aber blieben bestehen. Eine ganz grosse Inkongruenz wuchs mit der Zeit aber immer weiter an. Mir war schon immer klar, dass ich eines Tages die GaOP wohl machen werde aber die Dringlichkeit verspürte ich noch nie so wie heute. Es ist etwas, was mich in nie dagewesener Form leiden lässt.

Ich gehe mittlerweile davon aus, dass die Körperdysphorie nie ganz verschwinden wird. Es wird immer etwas dableiben, was mich daran erinnert, wer ich - biologisch gesehen - bin. Deswegen finde ich es auch extrem wichtig, wenn man diesen Wege einschlägt, weiter zur Begleittherapie zu gehen und zu versuchen mit sich Frieden zu schliessen. Denn nur das Zusammenspiel von äusserlicher Anpassung (HET, OP) und innerer Zufriedenheit lässt die Seele einer transidenten Person zur Ruhe kommen. Hat man das nicht begriffen und vernachlässigt die seelische Komponente zu sehr und sucht seine Erlösung nur in HET und OP's wird man die Körperdysphorie nie wirklich los bekommen.
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Re: War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?

Post 19 im Thema

Beitrag von Kerstin »

Aria hat geschrieben: So 27. Sep 2020, 19:48 Wenn man die Suche zu sich selbst einfach nicht abstellen kann und sich immer wieder mit dem Thema beschäftig(t)en muss, dann stolpert man u.a. über diesen Begriff oder einen anderen: Inkongruenz.
Damit war ich anfangs irgendwie überfordert. Denn da war einfach nur dieser ständige Drang mich mit dem Thema Transidentität beschäftigen zu müssen - wenn nicht hier, dann in fb-Gruppen oder sonstwo im Netz - aber sonst konnte ich mit dem was diese Begriffe aussagen nicht wirklich identifizieren. Ich meine, es war ja eigentlich alles so wie immer - bis auf dieses ständige "Kopfkino" das mir immer wieder die Fragen stellte: Ist das richtig so? Muss das so sein? Erleben das andere auch so? Bin ich wirklich ich? Wie kann ich mir sicher sein? Warum suche ich und finde keine klare Antwort? Usw. usf.

Heute weiss ich für mich, dass dieser Zustand bereits zur Körperdysphorie gehört. Denn anders als viele glauben, ist dieser Zustand weder geradlinig, noch an wenigen bestimmten Merkmalen festzumachen. Er beschreibt vielmehr das grosse ganze.........
Na prostmalzeit.....
Das würde, unter Berücksichtigung anderer Aspekte, bedeuten das ich dieses Körperdingsbums auch habe.

Des kann ich gerade auch noch brauchen 😒😒
Ich brauche Informationen - eine Meinung bilde ich mir selbst.
TanjaTV
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Re: War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?

Post 20 im Thema

Beitrag von TanjaTV »

Hallo Mädels,

ich glaube das es bei mir schon immer da war. Ich habe als ich klein war schon gemerkt das ich lieber mit den Mädchen spiele. Aus angst von anderen gehänselt zu werden habe ich mich immer verstellt und gesagt Mädchenkram ist doof dabei waren die meisten Sachen toll. Als Kind hatte man auch wenig Vorstellung was es bedeutet Mann oder Frau zu sein. Aus meiner Sicht war ich als Kind ehr neutral und dachte alles wird so wie ich es mir erträumte. Dann kam die Pubertät der druck in der Schule und von meinen Eltern.
Heute ärgere ich mich das ich mich versteckt habe und ich mich nicht getraut habe zusagen was mir gefällt und was nicht.
Die letzten Jahre ich begonnen mein Leben zu ändern aber es ist schwieriger als man denkt.
In Jungen Jahren wäre es mit dem wissen von heute einfach gewesen unauffällig zu sein oder gar mit Biofrauen verwechselt zu werden.

Jetzt habe ich die ersten wichtigen Schritte unternommen um aus meinem Gefängnis (meinen Männer Körper auszubrechen)
Seit einigen Jahren kennen mich meine Freunde und Freundinnen ohnehin nur noch als Frau. Vor die Haustüre habe ich mich bislang nur wenig getraut.
Für mich war es wie eine Befreiung als Frau bestätigt und anerkannt zu werden. Viele meiner Freunden hatten schon immer das Gefühl das ich ihnen ehr eine Freundin als ein Freund gewesen wäre. Mit meiner leben als Mann fühlte ich mich immer überfordert. Es war ehr immer der versuch eine Rolle zuspielen. 8-10 Stunden Mann sein dann nachhause das Kostüm ausziehen und dann begann erst mein richtiges Leben.

Jetzt beginne ich keine Rolle mehr zu spielen sondern mein Leben. Ich tue das was andere Frauen auch machen.
Manches ist toll aber manches ist auch nicht so toll. So ist es halt im Leben.

Ich freue mich auf die Veränderungen die kommen und habe aber auch etwas schiss vor manchem was noch kommt.

Für die nächsten Jahre plane ich auch einiges an Körperlichen Veränderungen. Der Doofe Bommel soll da mal weg der stört mich ohne hin sehr. Die Brust benötigt eventuell etwas Füllung das Gesicht möchte ich mir nur machen lassen wenn die Hormone nicht die erwünschten femininen Formen hervor bringt.
Lediglich den Kiefer möchte ich mir Operieren lassen da ich da eine Narbe habe die Kaschiert werden soll. Dafür muss ich aber noch warten bis die Hormone das Fett in meinem Gesicht umgelagert haben. Mit Zuversicht schaue ich auf das was da noch alles kommt die Uhr kann man ja leider nicht zurück stellen.

Liebe grüße Laura
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Re: War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?

Post 21 im Thema

Beitrag von Yevhenia »

Ich denke, Körperdystrophie ist ein ständig Phänomen. Die Entwicklungsrate ist anders. Jemand im 15 Jahren und jemand im 40 Jahren. Vielmehr vom Charakter der Person ab, Beharrlichkeit.
Oft bleibt dir keine Zeit, du schaust nicht in den Spiegel.
Hörst auf. Erkennen dich an. Sie verstehen, dass dies nicht Ihr Weg ist. Nicht dein Körper.

Googlee Übersetzer.
namineritsu
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Re: War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?

Post 22 im Thema

Beitrag von namineritsu »

Ich habe kaum Körperdysphorie, jedoch stört mich der Bartwuchs schon seit meiner Jugend. Nicht optisch, sondern nur vom Körpergefühl. Nachdem ich mir bewusst geworden bin dass ich nonbinary bin,
schließe ich eine Barteplilation nicht mehr aus. In meiner Pubertät ist der Stimmbruch ausgeblieben, am Telefon werde ich immer als Frau angesprochen. Dann fühle ich mich auch als Frau. Im Alltag habe ich kein Problem damit als Mann wahrgenommen zu werden. In meiner Freizeit kleide ich des Öfteren feminin, seit März 2020 bin ich aber nicht mehr dazu gekommen.
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Re: War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?

Post 23 im Thema

Beitrag von Claudia_G »

Bei mir hat sich mit Einsetzen der Vorpubertät bzw. des Geschlechtsempfindens (müsste so mit 8-9 Jahren gewesen sein?) das Gefühl eingestellt: " Da ist was falsch". Es gab da keine konkreten Vorstellungen über ein Aussehen oder gar genaue Bezeichnungen, es gab nur das Gefühl, da "unten" müsse ein Loch sein. Und der Gedanke - vielleicht wird das ja noch, es gibt ja diese "Pubertät". Kindliche Naivität ....
Durch spätere Lektüre von altersgerechter Aufklärungsliteratur kam dann die Gewissheit, das wird nix mit dem Loch und auch das, was an weiteren Körpergefühlen bewusst wurde, würde es nicht geben. Ich erinnere nicht mehr wirklich meine Gefühle beim Klarwerden dessen, aber Begeisterung und ähnliches werden da wohl nicht zugehört haben. Irgendwie alles weg wie auch die ersten Erinnerungen an das Gefühl, wie mein Körper richtig sein würde.
Was geblieben war über gut 40 Jahre meines Lebens - ein Gefühl, dass das, was ich sein sollte, nicht richtig sei. Ablehnung dessen, was dieses manifestierte, Anzug, Hemden, Schlips und Kragen etc. pp., männliches Gehabe war laut und unangenehm, Gruppendynamiken im "Freundeskreis" verletzend und .... ich war da einfach nicht richtig.

Die "Intensität" dieses Nicht-Richtig-Gefühls ist seit Beginn an gleich, mit dem erneuten Bewusstwerdens und dem Erinnern der verdrängten Gedanken und Gefühle der Kindheit hat es sich nicht geändert. Das begann erst, als ich vor 2 Jahren mich auf meinen Weg zu mir gemacht habe. Auch wenn es noch keine körperlichen Änderungen gab - allein der Gedanke, dass es jetzt wenigstens so ähnlich sein werden wird, wie es richtig gewesen wäre, hat eine so starke Wirkung auf meine Psyche gehabt, dass ich diesem für mich falschen Körper "verzeihen" konnte, das er so war, wie er ist. Er kann ja nun wirklich nichts dafür. Ich hab meinen Frieden mit ihm gemacht.

Er wird nie so sein, wie ich ihn fühle, alle OP's und was sonst noch können ihn nicht so verändern, dass er das ist, was meinem Ich entspricht - der Körper einer Frau. Von daher gehe ich im Moment davon aus, dass meine Körperdysphorie nicht verschwinden wird, aber sie ist jetzt schon so "klein", dass sie im Glücksgefühl und Strahlen der Frau in diesem Körper einfach untergeht.
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Re: War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?

Post 24 im Thema

Beitrag von Lana »

Spannende Frage, danke für den Denkanstoß.
Zuerst las ich die Beiträge nur aus Neugier, aber an einigen Stellen sah ich mich deutlicher, als ich das erwartet hätte.

Ich habe mir über meinen Körper nie besonders viele Gedanken gemacht und immer erst rückblickend festgestellt, dass meine Wahrnehmung, die für mich die Normalität darstellte, wohl doch nicht der von vielen Anderen entsprach.

Schon vor der Pubertät war mir irgendwie wichtig, möglichst dünn zu sein. Das hatte wohl seine Ursache in Erwachsenen-Kommentaren von früher, dass ich beim Sitzen meinen Bauch nicht so in Falten legen solle. Es gab einen unausgesprochenen Wettbewerb zwischen mir und meinem besten Freund, wer der dünnste Strich in der Landschaft ist. Ich verlor, weil ich nach einem Beinbruch und dem darauf folgenden wochenlangen Sitzen und Liegen bei gleichzeitiger Überversorgung mit Süßigkeiten ein wenig in die Breite ging.

Was mir danach am Bauch unangenehm viel wurde, freute mich weiter oben. Nicht, dass da ein wirklicher Brustansatz geworden wäre, aber es fühlte sich schön an, das Fettgewebe sanft zu streicheln und damit zu spielen. Ich glaube auch, dass es über meine Brust damals im Schwimmunterricht unvorteilhafte Kommentare gegeben hat.

Nach der Pubertät fiel mir irgendwann beim Lesen eines Romans auf, dass der Protagonist sich vollkommen mit seinem Penis identifizierte, wogegen ich diesen lediglich als Anhängsel von mir wahrnahm. So ähnlich wie eine Tasche oder ein Kleidungsstück, nur dass ich ihn nicht ablegen konnte. Ein Problem sah ich darin aber nicht. Auch hatte ich nie das Gefühl, dass das so nicht richtig sei. Nur eben anders als bei Anderen. Und so blieb das auch. Das Ding ist einfach da, und ich mache mir keine besonderen Gedanken darüber. Es stört nicht besonders, erfüllt seinen Zweck, ist aber nicht wirklich Teil meines bewussten Körpers. Ein Zusatz eben, zu dem ich ein neutrales, zweckmäßiges Verhältnis pflege, und der für gewisse Verrichtungen einfach nötig ist.

Es kam mir auch nie ins Bewusstsein, dass es anders sein könnte. Es gab in meiner Vorstellungswelt keine Alternativen dazu. Weder dahingehend, dass ich je angestrebt hätte, diesen Körperteil besser zu integrieren, noch in der Form, dass er mir lästig geworden wäre und ich ihn loswerden wollte. Er war mir schlicht die meiste Zeit meines Lebens ziemlich egal. Man müsste den Zustand in Bezug auf meine untere Körperhälfte wohl eher als Aphorie denn als Dysphorie bezeichnen. Das ist im Prinzip bis heute so geblieben, und damit kann ich auch ganz gut leben.

Obenrum wäre mir inzwischen tatsächlich etwas mehr Brust ganz lieb. Das lässt sich zum Glück leicht passend machen, so dass es auch da keine große Diskrepanz zwischen Fühlen und Sein gibt. Nur ist es mir an der Stelle nicht ganz egal, aber immer noch nicht so stark, dass ich eine dauerhafte Änderung anstreben würde...

Oben wie untenrum hat sich also nicht viel geändert im Laufe der Zeit. Das Körpergefühl ist mehr oder weniger schon immer so gewesen wie es heute ist.

LGL
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.
Blaise Pascal
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Re: War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?

Post 25 im Thema

Beitrag von Diana.65 »

Körperdysphorie ... ... ...

Spannende Frage.

Noch vor nicht allzulanger Zeit hätte ich gesagt, was ist das, ich bin mir mit meinem Körper im Reinen.
Jetzt, nachdem ich für mich das "Anderssein" akzeptiert habe und damit auch, teils mit psychologischer Unterstützung und durch die Hilfe hier im Forum, meine weibliche Seite akzeptieren kann, musste ich auch feststellen, dass es auch schon seit meiner Jugend gewisse Teile an mir gibt, die ich nicht so, wie andere, akzeptieren konnte bzw. kann. Ich konnte es nur früher nicht zuordnen.
Gerade dieses, männlichste aller männlichen Teile, war doch schon immer etwas Besonderses für mich. Einerseits doch irgendwie für die Fortpflanzung erforderlich, des öfteren auch Lustspender, konnte ich doch irgendwie keine "Liebesbeziehung" zu ihm aufbauen, halt Mittel zum Zweck. Ich weiß nur noch nicht, wie es ohne dieses Teil wäre.
Genau so geht es mir mit der Körperbehaarung.
Als Mann, so wurde einem immer wieder vermittelt, gehört sie dazu. (Punkt, Aus) Andererseits habe ich gerade im Gesicht, immer versucht diese möglichst nicht zum Wachstum anzuregen. Da war doch mal der Glaube, dass, wen man wenig rasiert, der Bart auch nicht so wächst.
Andererseits habe die die Mädels und Frauen schon immer um ihre Oberweite beneidet, hätte selber gerne auch ein paar größere Brüste hehabt.
Also, Körperdysphorie war sicherlich schon immer irgendwie da. Da ich nichts darum wusste, konnte ich aber meine Gefühle zum Körper nicht bewusst zuordnen. Das hat sich erst mit der Beschäftigung mit mir selbst und meiner weiblichen Seite geändert.

Nachdenklich,
Diana.
Ich bin und bleibe ich.
Und ... genieße mein neues Leben.
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Re: War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?

Post 26 im Thema

Beitrag von Engelchen »

Gute Frage...,
wie war es bei mir.
Eigentlich hatte ich nie eine Dysphorie, ich kam immer klar mit meinem Körper.
Ich spürte das etwas verkehrt ist, das ich anders bin als andere...
Irgendwann hatte ich einfach das Gefühl das da etwas nicht hingehört und ich es ändern muss.
Es fühlte sich falsch an was da rumhing...
So ging ich meinen Weg...
So gesehen - kam sie später dazu...

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Re: War die Körperdysphorie schon immer da oder kam sie später dazu?

Post 27 im Thema

Beitrag von Regenbogenfisch »

Nun, das schwankt bei mir. Doch mit zunehmendem Alter wurde das stärker. Jetzt, bin ja schon alt, beneide ich Frauen um ihre Körpermerkmale, insbesondere Geschlechtsteile und Busen. Manchmal bin ich sehr unzufrieden mit meinem Körper und seiner Ausstattung. Doch zu größeren Eingriffen kann ich mich auch nicht entschließen. Vielleicht ist das Gefühl auch zu Unklar. Doch die Sehnsucht bleibt.
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