elfe hat geschrieben: Mi 19. Mai 2021, 08:38
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Liebe Elfe
Ich hab dich nun noch paar mal komplett gelesen um dich wieder bissl fühlen zu können. Es arbeitet in mir, was und wie ich dir reagieren kann. Übrigens danke, weil du auf meine Worte reagiert hast, hatte ich doch bissl Zweifel dich evtl verletzt zu haben.
Mein erster Gedanke den ich heute beim lesen deiner neusten Nachricht hatte, war meine Erinnerung an den Moment als mir mein Schatz von Michi erzählt hat. Ich erinnere mich noch sehr genau daran mit welchen Worten er das Thema eröffnete. Er sagte/fragte ob er mir seine verletzlichste Seite zeigen dürfe!? In den nächsten Sekunden bekam ich Bilder von Michi zu sehen. Ich habe nur tief Luft geholt, ihm zugehört, zugeschaut (gelächelt weil ich nichts obszönes sah), und einfach den Moment ohne negativen Gedanken fließen ließ.
Elfe hast du dich jemals mit dem Gedanken beschäftigt, was die Liebsten in deinem Leben tun müssten um von dir bewertet, verurteilt, verachtet oder verstoßen zu werden? Ich schon, auch bevor mein Schatz in mein Leben getreten ist.
Mitgefühl ist für mich immer die Antwort, wenn ich in Situationen mit etwas konfrontiert werde, was nicht "dem Alltag oder der Norm" entspricht.
Ein mächtiger Schlüsselmoment in meinem Leben für mich war, die Schwangerschaft mit meinem Sohn. Mein damaliger Mann mit seiner Familie bestand darauf jede mögliche Untersuchung zu machen ob wir ein völlig gesundes Baby bekommen werden. Um dann halt eine Abtreibung vornehmen zu lassen, falls das Kind behindert sein sollte. Ich möchte das Thema Trans nicht mit dem Thema Behinderung vergleichen.
Ich erzähle dir davon, weil ich dir einen Gedanken, eine Frage von mir aufzeigen möchte. Wonach wird ein Mensch bewertet lebenswert genug zu sein? Kann man eine Behinderung eines ungeborenen Menschen einfach wegwischen, so auf die Art, was nicht gesehen wurde existierte nicht? Steht ein Leben in all seinen schönsten Seiten und Vergnügungen (ich meine jetzt die zukünftigen Eltern), über dem Leben eines behinderten Kindes? Und was ist eigentlich mit einem Kind was gesund geboren wird, und später eine Behinderung bekommt? Schmeißen wir dieses Kind, diesen Menschen dann auch in den Müll damit die Eltern weiterhin ein schickes Leben führen können?
Diese Gedanken die damals vor 10 Jahren in mir entstanden sind, sind für mich mit keinem Reichtum der Welt aufzuwiegen. Diese Zeit hat mir klar gemacht, wie wertvoll jedes einzelne Leben ist, egal von wem.
Diese Erfahrung damals (keine Untersuchungen vorzunehmen und mein Baby anzunehmen wie es ist) lässt es mich schaffen meine Akzeptanz zu den Menschen zu trainieren. Ich möchte nicht abgelehnt werden, kein Mensch möchte abgelehnt werden

Jeder wünscht sich bedingungslos geliebt zu werden

Wahre Akzeptanz ist eine große Herausforderung, weil wir alle geneigt sind unser Umfeld, unsere Mitmenschen dahin umzuformen, damit es uns selbst gut geht. Die wenigsten sind diesbezüglich einsichtig, aber es ist leider so. Unser ganzer Alltag ist mit diesen Versuchungen gespickt. Warum? Weil wir uns selbst immer wichtiger nehmen, als die anderen...und das ist Egoismus. Übrigens für mich das schlimmste und gefährlichste Seelengift für uns Menschen.
Als mir damals von Michi erzählt wurde, wollten zum Abend hin sich meine Gedanken einfach nicht beruhigen, was ich als sehr gefährlich empfinde. Weil in einem Zustand der Unruhe wir niemals klar sehen können. Ich habe mich von allem und jeden zurückgezogen um wieder in meine Ruhe zu kommen. Etwas später kam mir dann eine Frage in den Sinn. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich, Michi mit einer anderen Frau, in haargenau derselben Situation sehen würde, als er/sie mir seine/ihre verletzlichste Seite zeigte. Die Antwort auf diese Frage machte mir innerhalb von einer Sekunde klar, wie sehr ich diesen Menschen liebe. Für mich hatte und hat das Thema Trans keine Priorität A. Aber es hat für mich Priorität A das mein Schatz glücklich sein soll. Und wenn ich das ehrlich will, dann gibt es für mich kein "Wenn" oder "Aber".
Etwas anderes was ich gerne loswerden möchte, ist das Thema "zuhören". In unserer Gesellschaft hat sich "das Zuhören" in meiner Wahrnehmung dahin entwickelt, zuzuhören um antworten zu können. Ich finde wir sollten aber auch nur zuhören um verstehen zu können.
Ich frage mich, wie wichtig dir gerade das Reden über das neue Thema ist? Ich frage mich ob es so wichtig ist, dass du zum Taktgeber in dieser Sache werden willst? Elfe verzeihe es mir bitte, aber bei diesem Thema sind nicht wir die Partnerinnen die Taktgeber, sondern die Betroffenen selbst
Es stimmt das Reden wichtig ist, ich bin da absolut bei dir, aber Druck erzeugt nur Gegendruck. Und du und ich würden auch mit Rückzug reagieren, wenn wir zZt noch nicht bereit sind (egal worum es da grade gehen möge). Jeder muss sich selbst öffnen und für das Neue bereit sein. Und es ist überhaupt nicht untypisch das zwei Menschen ein unterschiedliches Tempo haben.
Und noch etwas möchte ich ansprechen. Ich glaube dir das du aktuell unter dem Schweigen zwischen euch leidest. Aber ganz ehrlich, dass ist deine alleinige Herausforderung und nicht die Herausforderung deines Partners. Warum? Er selbst hat vermutlich Jahrzehnte lang mit sich selbst zurecht kommen müssen. Es ist nicht untypisch für Transbetroffene Jahrzehnte lang alleine mit dem Thema sich auseinander setzen zu müssen.
Und diese Stille, dieses Schweigen was du aktuell erlebst und durchlebst, könnte dazu führen, dass du deinen Partner besser verstehen und nachempfinden kannst, was er all zu lange allein durchleben musste.
Dein Partner muss auch erst neu lernen, jetzt reden zu dürfen.
Ihr schafft diese Herausforderungen nur mit Geduld, Mitgefühl und Liebe

Ich sehe da keinen anderen Weg...sry.
Namaste
Zusatz: falls der Drang sich austauschen zu wollen doch zu stark in dir ist, nutze doch vorübergehend das Forum bis dein Schatz auf derselben Ebene ist und mit dir reden will

•Liebe & Mitgefühl sind die höchsten Formen von Intelligenz.
•Du musst selbst zu der Veränderung werden, die du in der Welt sehen willst. Mahatma Gandhi
•Irgendwo ist Jemand glücklich mit weniger als du hast!
*Wer mag, ich bin gerne da mit 💖,👂und📝*