Auf die Ausgangsfrage dieses Threads habe ich noch gar nicht geantwortet, fällt mir gerade auf ...
Also ICH - ich sende das nochmal voraus - ICH persönlich "brauche" für mich und mein Wohlbefinden tatsächlich Schubladen - und auch Geschlechter-Schubladen...mir persönlich erleichtern sie den Umgang mit anderen Menschen enorm.
Was natürlich nicht heißt, dass ich nicht respektiere, wenn jemand in keinerlei Schublade gesteckt werden will, aber ich empfinde es als angenehm, zumindest grob einschätzen zu können, wen ich da vor mir habe, wenn ich mit neuen Menschen zu tun habe.
Allgemeines Beispiel:
In einer Menge von ca. 60.000 Menschen auf einem Rockkonzert spricht mich ein Mensch an!
Kenne ich nicht! - in Sekundenbruchteilen laufen die "Einordnungen" in meinem Gehirn ab um abchecken zu können, ob ich mit diesem
Menschen ins Gespräch komme, oder nicht.
Die erste Einordnung erfolgt tatsächlich nach Geschlecht = ist eine (augenscheinliche) Frau = OK, es droht anzunehmender Weise keine Gefahr!
Sie hat eine Zigarette in der Hand und ein Bier = Einordnung für mich (selbst Raucher) = gesellige Type / Gemeinsamkeiten!
Sie spricht mit norddeutschem Akzent = Einordnung = wahrscheinlich aus Norddeutschland = Aufhänger für Smalltalk "hey, bist Du extra für das Konzert in den Ruhrpott gekommen?" odersowas...
usw
usw
usw
Wenn ich mir vorstelle, ich würde die gleiche Sitaution erleben, ohne dass ich mein Gegenüber ERSTMAL in vermeintlich passende Schubladen sortiere, dann wäre ich vollkommen überfordert und könnte gar keine "Beurteilung" der Situation vornehmen, ich wüsste nicht, erscheint mir der Mensch einigermaßen vertrauenswürdig, oder eher gefährlich usw - komplett ohne Schubladen würde ich nicht wissen, wie ich anderen Menschen beim ersten aufeinandertreffen begegnen sollte.
Jetzt kann es ja sein, dass sie mir sagt, dass sie zwar in Hamburg geboren wurde, jetzt aber in Duisburg lebt. Gut - dann "sortiere" ich eben in eine andere Schublade um - und so verhält es sich doch auch mit den Geschlechter-Schubladen - wenn ich sie erstmal als Frau wahrnehme, was ist daran schlimm? Wenn es so ein sollte und sie das möchte, kann sie mir ja sagen, dass sie z.B. als Mann geboren wurde und sich selbst als Enby wahrnimmt - beispielweise - ist ja gar kein Problem - dann sortiere ich auch da eben in die "Enby-Schublade" um ...aber klar ist, dass mein Umgehen mit diesem Menschen doch ein anderes gewesen wäre, wenn ich diesen als Mann wahrgenommen hätte.
Ein wildfremder Mann quatscht mich mit Bier in der Hand auf einem Konzert an = ACHTUNG! Wachsam sein!
Warum? Aus persönlicher Erfahrung. Natürlich weiß ich, dass weiß Gott nicht alle Männer übergriffig sind, ABER ich weiß eben auch aus eigener Erfahrung, dass sie es sein können - also ist die vorherige Einordnung in Geschlechter-Schubladen auch eine Art "Schutzfunktion" für mich, um die Situation eben entweder ganz entspannt, oder mit einer gewissen Wachsamkeit angehen zu können.
Wenn ich Menschen dann näher kennenlerne, lösen sich die meisten Schubladen dann eh in Wohlgefallen auf. Aber auch da nicht alle ...es ist doch schön, wenn man Gemeinsamkeiten mit Menschen feststellt, wenn AHA-Erlebnisse in Form von "ach, Du magst den selben Fußballclub" oder "hey, wir haben den gleichen kulturellen Hintergrund" etc.pp erfolgen.
Der Mensch ist nunmal ein soziales Wesen und als solches möchte er "dazugehören" - zu welcher Art Gruppe auch immer - das sehe ich zumindest so.
Und wie Dating ablaufen würde, wenn man auf Partnersuche ist und man in keiner Weise einschätzen könnte, welches Geschlecht und dazugehörige Neigung jemand hat - für verortete Menschen (egal ob hetero, oder homo, oder bi...) wäre das doch eine Voll-Katastrophe....
Fazit: ich persönlich kann mit Geschlechter-Schubladen prima leben - ich stecke mich ja selbst auch eindeutig in eine.

"Wenn Du heute aufgibst, wirst Du nie wissen, ob Du es morgen geschafft hättest!"