gagalady hat geschrieben: Do 23. Jan 2020, 21:21Hallo Jaddy,
meiner Beobachtung nach darf das Gendergefühl eines jeden Menschen einfach SEIN, denn das Gefühl ist IN jedem Einzelnen und damit auch dem Einfluß von aussen entzogen. Dieser Dein Wunsch ist also bereits in Erfüllung gegangen. Und nichts spricht dagegen, daß Dein Gefühl gleichberechtigt und parallel zu den Gefühlen aller weiteren 7,5 Milliarden Menschen existiert. Allerdings verstehe ich nicht ganz, warum Du von 7,125 Milliarden Menschen verlangst, daß sie Dir gegenüber sich stets vor Augen halten sollen, ja, sich und Dir eingestehen sollen, Dir gegenüber intolerant zu sein und damit ein Sakrileg zu begehen. Vielleicht haben diese Menschen ja ganz andere Probleme? Mir z.B. ist es vollkommen egal, ob mich jemand toleriert oder akzeptiert. Wie ich schon schrieb, schließe ich die wenigen faktisch intoleranten Menschen ganz einfach aus meinem Leben aus, das sind in meinem Falle einige wenige. Aber eben nur diese wenigen, und nicht 7,125 Milliarden pauschal.
Gerade pragmatisch betrachtet ist es leider nicht egal, ob ein Mensch toleriert, akzeptiert oder eben ausgegrenzt, diskriminiert, die Bedürfnisse ignoriert werden. Denn das alles hat Folgen. Ganz praktische im Job, in Familie, sozialem Umfeld. Da wird auf dem Zuweisungsgeschlecht beharrt, abwertend über "solche Leute" gesprochen, die schiere Existenz in Frage gestellt und alle, die nicht ins cis- und_oder binäre System passen als krank oder verwirrt bezeichnet.
Es darf nämlich nicht einfach SEIN, sondern wird von aussen entwertet. In der Folge wird nicht eingestellt, nicht befördert, nicht mitgenommen (Firmenfeier, Verein, ...), gehen Bindungen und Support verloren, so ganz pragmatisch.
Und die psychischen Folgen existieren auch. Nicht nur die großen Klopfer, sondern auch die Mückenstiche. Ein Großteil der Therapien bei trans Personen besteht darin, die psychischen Folgen der latenten und tatsächlichen Ausgrenzungen einzufangen.
Selbst bei gelegentlich crossdressenden wirkt der Normierungsdruck. Als Scham, als Selbstzweifel und Angst, was passiert, wenn andere es erfahren. Schau dir an, wie Carry die Gefühlslage ihres Partners beschrieben hat. Es gibt allein hier im Forum zig andere Threads mit dem gleichen Tenor.
Es ist toll, wenn du einfach bei Bedarf alle andern ausschliessen kannst. Vielleicht bist du wirtschaftlich, familiär, sozial und psychisch so autonom und stabil. Oder du bist irgendwann aus schierer Notwendigkeit auf die Übersprungshandlung(1) gegangen. Oder du bist tatsächlich total unempfänglich, keine Ahnung. Auf jeden Fall ein absoluter Luxus, den die meisten Menschen nicht haben, egal ob cis oder trans, binär oder nicht, oder auf andere Weise (Aussehen, Fähigkeiten, Interessen, Bedürfnisse) nicht konform mit dem Soll-Bild anderer.
Ich bin tatsächlich in einer ziemlich luxuriösen Lage. Meine Partnerin war und ist voll auf meiner Seite, ich habe keine wirklichen materiellen Sorgen und kann mein soziales Umfeld justieren. Aber ich bin nicht empfindungslos. Jede binär gegenderte Tür, jede Anrede-Zwangsauswahl ist ein Mückenstich mit dem Gift "du kommst nicht vor". Bei jedem Projekt - ich bin freiberuflich - ist die Frage, ob ich einfach SEIN kann, oder mich binär tarnen muss, indem ich wieder eine Rolle spiele, ob das irgendeinen Einfluss auf den Job hat. Es nervt. Es juckt, es kribbelt, es lenkt ab und bindet Energie.
Was ich verlange ist eigentlich nur, was allen Menschen per Verfassung und humanistischen Grundwerten zusteht. Den gleichen Respekt und Beachtung der Verletzungsgrenzen. Dazu gehört, dass diese Grenzen klar benannt werden.
Es ist schon mal prima, wenn andere tolerant und akzeptierend sein wollen. Aber dann sollten sie auch akzeptieren, wenn ihnen aufgezeigt wird, was eben nicht so toll ist.
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(1) Im Konflikt zwischen innerem und äusserem Druck, Verlangen vs Konformität, lösen einige Menschen dies durch eine Art "Scheissegal"-Haltung, die das Leiden an der äusseren Norm nicht wirklich beendet, sondern das eigene Sein als in irgendeiner Weise "besser" oder "befreiter" interpretiert, um das Selbstwertgefühl zu stabilisieren (ja, ich kenne mich und andere...).