Carry hat geschrieben: Mi 22. Jan 2020, 14:15
Obwohl ich es echt nicht mehr wollte, jetzt muss ich doch nochmal auf Dich reagieren...
Ich möchte Dich freundlich und höflich bitten, Dich jetzt aber doch mal so langsam zu entscheiden!
Was möchtest Du denn jetzt gerne? Soll ich jetzt das, was ich schreibe, als meine ganz persönliche Überzeugung kennzeichnen - wie Du weiter oben angeraten hast - oder, weil Dir das jetzt ja auch wieder nicht passt, soll ich vielleicht einfach besser die Klappe komplett halten, weil Dir einfach meine Überzeugungen nicht in den Kram passen?
Und nochmal....sorry, wenn der Ton jetzt etwas rauher wird - aber wieso versuchst Du die ganze Zeit, mich von meinen Überzeugungen vehement abzubringen? Ein Gedankenaustausch, in dem man über das, was der andere sagt, ganz wertfrei nachdenken kann, funktioniert anders, als einem Teilnehmer dieses Austausches die ganze Zeit fortwährend immer nur abzusprechen, dass seine Gedanken auch Gültigkeit haben könnten.
Moin Carry,
Deine Überzeugungen als solche zu kennzeichnen ist schon sehr prima. So liest es sich für mich nicht mehr so sehr zuschreibend bzw. absprechend.
Mein Hinweis mit den festen Überzeugungen bezog sich auf deinen völlig richtigen Ansatz, die alldurchdringende Genderung auch der unsinnigsten Dinge (aber auch Menschen) zu überwinden. Das funktioniert natürlich nicht, wenn 1 gleichzeitig fest von dem widersprechenden, fundamentalen, d.h. auch tiefgehenden Unterschieden überzeugt ist. Dabei kommt dann häufig ein "naja, _eigentlich_ ist die Person ja ...".
Also _wenn_ du das ganze Zeugs näher begreifen möchtest, auch was bei trans Personen und Crossdressenden alles so passiert und welches Probleme nicht-binäre Menschen damit haben, dann wird das mit diesen festen Überzeugungen nicht funktionieren. Falls dir das egal ist, dann bleibst du eben da, wo du bist.
Für mich ist das allerdings nicht wirklich spassig. Diese Diskussion ist nur ein Abbild dessen, was ich ständig erlebe. Für mich, aber auch viele andere binäre und nicht-binäre Menschen ist es durchaus ein Problem, dass die meisten Menschen keine Veranlassung sehen, nicht mehr alles zu gendern.
Bitte beachte, dass ich von nicht-gendern schreibe, du aber das Wort ent-gendern verwendet hast. Der Unterschied ist genau die "feste Überzeugung", dass es so etwas wie einen universellen männlichen und weiblichen Kern gäbe. Und das entstehende Problem sind die alldurchdringenden Annahmen und Zuschreibungen.
Du empfindest meine Beiträge als Angriffe auf dein Selbstverständnis und Weltbild. Das mag zum einen an meinen Formulierungen liegen. Auf der anderen Seite stelle ich tatsächlich die Basis deiner Überzeugungen in Frage, die Idee, dass alles irgendwie binär gegendert wäre und dies irgendwie "natürlich" (und normal, also nicht diskutabel) sei.
Ich versuche dir aufzuzeigen, dass deine Überzeugungen letztlich nur Gewohnheiten sind. Zu Überzeugungen werden sie nur (meine Interpretation), weil sie sozusagen einen virtuellen Halt bilden. Wenn die zerfallen, bleibt von Gender nichts als eine Sammlung willkürlicher und in vielen Fällen falscher und häufig schädlicher Zuschreibungen und Beschränkungen anderer. Das muss ich wohl erklären, wegen deiner Aussage mit der Veranlassung zum ent-gendern.
Binäre Gender-Überzeugungen schlagen sich überall nieder. In Sprache und Verhalten. In erstaunten, irritierten, missbilligenden Blicken. In Erwartungen, was Menschen tun oder nicht tun dürfen. In Bemerkungen über Mannweiber und Weicheier. Wer "die Hosen anhat" und Pantoffelhelden. In "festen Überzeugungen", "wie Männer und Frauen eben" sind. Und damit implizit, dass alles andere unnormal, unnatürlich, abweichend ist. Jede Bemerkung am Esstisch, beim Fernsehen, in der Bekanntschaft, in der Werbung, in Filmen schafft so Eindrücke. Und alle, die irgendwie mit diesen Erwartungen hadern fühlen sich mit jeder dieser Bemerkungen irgendwie attackiert, so wie du von mir. Fremde Ansichten kollidieren mit dem Selbstgefühl.
Rate mal, warum dein Partner sich lange Zeit nicht getraut hat, mit seinem Seelenkern vor dir aus dem Schrank zu kommen...
Es sind eben nicht nur irgendwelche virtuellen Begriffe, über die wir einen lockeren Gedankenaustausch führen können. Diese Begriffe strukturieren und normieren wirklich alldurchdringend alles. Wie heftig und wie tief spürt allerdings nur, wer nicht in die Schachteln passt.
Für mich ist jede Genderung ein kleiner Angriff. Mindestens eine Erinnerung, dass ich entweder falsch vereinnahmt oder ausgegrenzt werde. Jedes Stereotyp, jede Bezeichnung, jede Sortierung, jede gedenderte Sprache. Alles was von mir erwartet, entweder durch die linke oder rechte Tür zu gehen, rosa oder hellblau, usw. Und vor allem jede Behauptung, dass diese Zweiteilung "natürlich" sei und sich jeder Mensch da irgendwo einzuordnen habe. Deine Statements dieser Art kommen bei mir entwertend, nicht-wahrnehmend und ausgrenzend an. Natürlich nicht nur deine.
Ich weiss, dass du das nicht beabsichtigst. Dass du bestimmt der Überzeugung bist, dass du doch ganz normal denkst und schreibst. Genau das ist das eigentliche Problem. Die "Normalität" ist schädlich für viele (frag deinen Partner). Und das Beharren darauf so frustrierend, weil es eben tatsächlich ausser Gewohnheiten keinerlei "natürliche" Grundlage hat. Naja, "feste Überzeugungen"...