Vicky_Rose hat geschrieben: Mi 22. Jan 2020, 09:10
Genau das frage ich auch schon seit langem und bisher fehlen für mich greifbare Beschreibungen. Die Krux ist, dass es keine scharfen Trennungslinien geben kann. Jede/r hat eine andere Sichtweise und Einstellung.
Hallo liebe Vicky - und vielen Dank für Deine abermals so inspirierenden Gedanken!
Hallo Ihr Lieben,
ich möchte gerne mit euch ein paar Gedanken teilen"¦Es geht mir dabei NICHT darum, "auf einen grünen Zweig" zu kommen, denn ich glaube, das kann man sowieso nicht. Es geht mir einfach nur darum, mal ein paar Gedanken dazu auszutauschen und zu sehen, ob ich mein Weltbild dadurch eher bestätigt sehe, oder ob ich grundlegende Dinge vielleicht auch ganz anders sehen könnte — ich bin nämlich immer froh, wenn ich neue Gedankenanstöße bekomme.
Vorweg — worum es mir definitiv NICHT geht:
Alles, was ich im Folgenden schreibe, sind MEINE Gedanken zu der Thematik, die sich aus meiner persönlichen Lebenserfahrung, Selbstreflektion, Interaktionen und daraus resultierenden Rückschlüssen zusammensetzen — ich will niemanden von irgendwas überzeugen, ich möchte niemanden angreifen oder diffamieren, niemanden verletzen und niemandem absprechen, seine persönliche Sicht der Dinge als "Wahrheit" zu betrachten — denn eine allgemeingültige "Wahrheit" in diesem Sinne gibt es m.E.n. nicht.
"¦
Schubladen und Säbelzahntiger
Wir leben in einer bipolaren Welt, alles in der allgemeinen Weltsicht wird bipolar eingeteilt:
Gut und Böse, oben und unten, schwarz und weiß, heiß und kalt, Tag und Nacht, falsch und richtig, hell und dunkel "¦usw usw usw"¦Mann und Frau?!
Jedem Menschen ist wohl durchaus klar, dass es z.B. bei schwarz und weiß eine ganze Menge Grautöne dazwischen gibt, aber fast schon automatisch nehmen wir auch hier wieder eine Einteilung in "eher Richtung schwarz" oder "eher Richtung weiß" vor, vor Allem dann, wenn wir versuchen, einem anderen Menschen etwas zu beschreiben oder zu erklären.
Wieso eigentlich?
Ich glaube, der Mensch benötigt diese bipolaren Einteilungen, um sich in dieser Welt zu orientieren, es hilft uns, dass alle Dinge zwei Seiten haben, zwei "Pole", die so das scheinbare jeweilige Ende einer für uns "messbaren" Skala darstellen.
Ich bin der Auffassung, dass dieses Einordnen, dieses "in Schubladen stecken" eine ur-menschliche Eigenschaft ist, die sich auch so bald nicht ändern wird und die uns eine scheinbare Sicherheit verspricht, uns zurechtzufinden — auch wenn gerade dieses "Schubladen-Denken" uns immer wieder in Konflikte führen wird. Bewertungen / Einordnungen helfen uns, Orientierung zu finden.
Es mag denkbar sein, dass es sich bei der bipolaren Einordnung in "weiblich" und "männlich" um Konzepte handelt — und natürlich gibt es Menschen, die diese Konzepte ablehnen und solche, die nicht in diese Konzepte passen — und das ist auch vollkommen in Ordnung so — denn Ausnahmen bestätigen immer die Regel.
Weiblich und Männlich sind also aus meiner Sicht Zusammenfassungen von Tendenzen und Eigenschaften zu einem Konzept — und diese helfen dabei, etwas auszudrücken, ohne alle Bestandteile des Konzeptes ständig und immer aufs Neue aufzählen zu müssen.
Für mich ist daher nicht hilfreich, die Konzepte von männlich und weiblich aufzulösen, denn zum einen fehlt mir dann in meiner bipolaren Weltanschauung die Orientierung und zum anderen würde ich damit vieles, was ich für mich als "Schatz" meines Wesens betrachte, in den Schatten drängen.
Selbstverständlich sage ich damit nicht, dass alle Frauen nun nur in dem weiblichen Konzept, respektive alle Männer nur im männlichen Konzept unterwegs sein sollten — mit Nichten!
Ich halte es da mit dem Psychiater und Begründer der analytischen Psychotherapie und seinen Theorien über die Archetypen. Archetypen also, so Jung, seien "universell vorhandene Strukturen in der Seele aller Menschen, unabhängig von ihrer Geschichte und Kultur. Sie können sich im Einzelnen und in Gesellschaften unterschiedlich realisieren".
Nach Jungs Ausführungen zu "Animus und Anima", also den männlichen und weiblichen Prinzipien, gibt es also in allen Menschen sowohl das Eine, als auch das Andere in unterschiedlichen Ausprägungen und prozentualen Verteilungen — aber es gibt eine Einteilung — wenn diese auch weder messbar noch wissenschaftlich beweisbar ist, denn dazu müsste man zunächst mal die Existenz einer sogenannten "Seele" beweisen, bevor man beweisen könnte, was ihr innewohnt.
Ich für meinen Teil glaube aber fest an die Existenz dieser feinstofflichen Ebene in uns allen — und auch daran, dass diese bei den meisten (!!! = nicht ALLEN) Menschen eine klare Ausrichtung in Richtung Animus ODER Anima hat, auch wenn alle Anteile vorhanden sind.
Jung sagt weiter: "-«Tatsache ist, dass gewisse Ideen fast überall und zu allen Zeiten vorkommen und sich sogar spontan von selber bilden können, gänzlich unabhängig von Migration und Tradition. Sie werden nicht vom Individuum gemacht, sondern sie passieren ihm, ja sie drängen sich dem individuellen Bewusstsein geradezu auf. Das ist nicht platonische Philosophie, sondern empirische Psychologie.-»" Damit sagt er also ganz klar, dass es spezifische Eigenschaften gibt, die bestimmten Gruppierungen von Menschen zu Eigen werden, ohne jeglichen Einfluss gesellschaftlicher Prägung!
Woher kommen also die unterschiedlichen Konzepte des weiblichen und männlichen?
Als die Menschen noch zu jeder Zeit mit einem Angriff durch Säbelzahntiger und ähnlich bedrohlichem rechnen mussten, entwickelten sich gewisse Überlebensstrategien, und wie immer in der Evolution setzte sich letztlich das Konzept mit den besten Aussichten auf Erfolg auch durch.
Bemerkenswert dabei ist, dass nicht besondere Eigenschaften von einzelnen Individuen das Überleben sicherten, sondern eben die jeweils besonderen Eigenschaften von den beiden menschlichen Gruppen "Männer" und "Frauen".
Durch die Verteilung der Aufgaben innerhalb einer Sippe/ einer Gruppe nach den bestimmten Fähigkeiten und Eigenschaften des männlichen und weiblichen Prinzips wurde also das Überleben der ganzen Art gesichert. Dies steht vollkommen klar in direktem Zusammenhang mit dem biologischen Geschlecht und der damit zumeist einhergehenden körperlichen Konstitution.
Frauen brachten also der Gruppe wesentlich mehr, wenn sie sich um die Aufzucht und Pflege des Nachwuchses und allen damit einhergehenden Dingen befassten, denn sie waren naturgemäß die einzigen, die den Nachwuchs durch das Stillen versorgen konnten.
Männern oblag daher die Verteidigung der Gruppe gegen Feinde und die Beschaffung der Nahrung.
Waren nun zuerst die spezifischen männlichen und weiblichen Eigenschaften da und gruppierten sich die Menschen deshalb entsprechend, oder war zuerst nur die unterschiedliche körperliche Konstitution da und erwuchsen daraus mit der Zeit die spezifischen Eigenschaften?
Das ist wohl wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei und kann, zumindest von mir, nicht beantwortet werden.
In meiner Wahrnehmung unbestritten dürfte aber sein, DASS es spezifische männliche und weibliche Eigenschaften gibt, die Männer und Frauen insofern unterscheiden, als dass sie zum Überleben der Gruppe unterschiedliche Beiträge leisten konnten.
Die neuere archäologische Forschung bringt allerdings auch neue Erkenntnisse, so darf man sich die frühsteinzeitliche Gruppenhierarchie nicht als eine "patriarchische Gesellschaft" vorstellen, in der die Männer nur auf die Jagd gingen und die Frauen nur das heimische Feuer hüteten. Es hat, nach neuesten Grabfunden, durchaus Männer gegeben, die Kleidung hergestellt haben, sowie es Frauen gab, die mit Waffen bestattet wurden und Verletzungen aufwiesen, die sie sich bei der Jagd zugezogen haben könnten. Man darf also auch das urgeschichtliche Rollenbild der Geschlechter durchaus differenzierter Betrachten. Es gab also sicherlich (noch) keine Bewertung von männlich und weiblich und schon erst Recht keine Abwertung des Weiblichen, diese hielten erst mit der Entstehung Monotheistischer Religionen Einzug in die menschliche Kultur.
Fazit?!
Ich erlebe an mir selbst und an anderen in meiner individuellen Wahrnehmung immer wieder "typisch" weibliche und männliche Eigenschaften, Wesenszüge, Denkmuster, Seelenanteile"¦und ich finde gar nichts schlimmes dabei.
Für mich gibt es spezifisch männliche und weibliche Energien, was natürlich nicht bedeutet, dass ein Mann keine weiblichen Energien haben kann, sowie auch Frauen natürlich männliche Energien haben können.
Die Emanzipation ist noch jung, betrachtet man die Menschheitsgeschichte — mittlerweile ist sie meines Erachtens nach allerdings zu einer Art "Besessenheit der Gleichmachung" mutiert.
Ich bin der Meinung, Männer und Frauen sind natürlich GLEICHWERTIG, aber eben NICHT GLEICH — und das ist — in meiner Weltanschauung — auch gut so!
Menschliche Beziehungen und Interaktionen leben von den Unterschieden — alles gleichmachen zu wollen, bedeutet, diesen Unterschieden ihre Existenz absprechen zu wollen — und ich erlebe im Alltag, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt — frei von jeder Wertung.
Ich kann mit Animus und Anima in meiner Seele sehr gut leben, ich lehne weder das Eine noch das andere für mich ab — aber ich kann mich selbst absolut glasklar als weiblich verorten und empfinden — und je älter ich werde, desto mehr stelle ich fest, dass ich so einige "typisch weibliche" Eigenschaften habe, die ich nicht WEGEN, sondern TROTZ der gesellschaftlichen Prägung habe und gegen die ich so gar nichts tun kann — und auch nicht will — denn ich sehe diese "ur-weibliche" Energie in mir als etwas durchweg positives, auch wenn es mir z.B. im Berufsleben immer wieder Probleme und Konflikte bringt.
Ich teile mit Vicky eindeutig die Leidenschaft, sich immer wieder über Dinge Gedanken zu machen, die nicht abschließend und allgemeingültig beantwortet werden können — und meines Erachtens nach auch nicht müssen.
Ich muss — nach meinem Empfinden so ganz typisch Frau — keine "Beweise" haben, für die Existenz von etwas, das ich für mich erfühlen und erspüren kann.
Noch ein Gedanke, der mich damit auch wieder zu dem Eingangspost von Vicky bringt:
Die ganze Problematik mit den Einordnungen von männlich und weiblich erwächst doch eigentlich nur aus der (Be-)Wertung, die diese erfahren. So wie Vicky sich Gedanken darüber macht, warum sie selbst ihre männlichen Anteile ablehnt, oder mit ihnen nicht im Reinen ist, so findet wahrscheinlich — wenn auch unbewusst — in jedem von uns eine Art "Wertung" der verschiedenen Anteile statt.
Diese Wertung ist aus meiner Sicht ganz klar auf unsere kulturelle Prägung und unsere jeweilige Erziehung zurückzuführen und kann — da bin ich sicher — auch überwunden werden.
Und ganz hypothetisch gesponnen: Vielleicht braucht es erst eine wirkliche Überwindung der Wertungen von "männlich und weiblich" von jedem Individuum, bevor eine Gesellschaft eine solche Unterscheidung wirklich ablegen könnte?!
In diesem Sinne beste Grüße "¦
Die Carry

"Wenn Du heute aufgibst, wirst Du nie wissen, ob Du es morgen geschafft hättest!"