ich möchte folgenden Beitrag von M&M als Anlass nehmen, ein wenig über meine aktuellen Gedanken zum Thema Trans zur Diskussion zu stellen.
Ich habe mich in letzter Zeit hier etwas rar gemacht, weil ich festgestellt habe, dass ich mich mit meinen Gedanken immer weniger wieder finde. Warum ? Viele Dinge werden hier immer wieder wiederholt und sie verfestigen sich zu einer Art Glaubensgrundsatz. In der Diskussion mit einer Freundin habe ich die These aufgestellt, dass wir Menschen sind, was wir glauben. Damit will ich nicht ausdrücken, dass es in uns keine festgelegte Muster gäbe, aber wesentliches ist, zumindest in Grenzen, steuerbar.M&M hat geschrieben: Do 9. Jan 2020, 19:38 Es ist schon interessant , ich finde immer wieder Parallelen, sei es hier in diesem Thread oder einer der vielen anderen.
Depressionen, die Suche nach sich selbst und so einiges mehr.
Sylvester war für mich so eine Art Schlüsselerlebnis , ich war alleine, den ganzen Tag für mich - en femme - ich hab es so sehr genossen, das ich es nicht mehr missen wollte.
Irgendwie hab ich erkannt, es ist ein fester Teil von mir und jetzt möchte ich diese auch endlich akzeptieren, tief in mich hören, hinterfragen, ergründen - war das schon immer so, wie habe ich mich als Kind und Jugendlicher und junger Erwachsener gefühlt, wie fühle ich mich heute, bin ich zufrieden,wo möchte ich hin.
Es ist interessant was man über sich erfährt , hört man tief in sich hinein - es tauchen immer wieder verschüttete Erinnerungen auf und wirft dadurch noch mehr Fragen auf...
Ich denke das braucht Zeit ,herauszufinden wer man ist, oder immer war. war ich immer schon eher weiblich ,hat sich das entwickelt, ist es nur ein Fetisch oder steckt mehr dahinter und wenn wieviel?!
Der erste Schritt wird wohl sein sich zu akzeptieren einzugestehen nicht der Norm zu entsprechen und sich zu verinnerlichen - es ist OK !
Ich für meinen Teil möchte diese Seite nicht mehr verstecken, sondern richtig kennen lernen.
Das wird leider nicht von heute auf morgen gehen...
Die Zeit wirds zeigen
...
Egal wo der Weg hingeht, es ist aller unser eigen Leben und das wir selbst bestimmen und man sollte sich nicht von falschen Werten und Idealen fehlleiten und einengen lassen![]()
Was bedeutet das für mich ? Ich denke, es gibt viele hier, die in der Geschlechterfrage eine sehr eindeutige Haltung haben, die ziemlich unverrückbar zu sein scheint. Sie nehmen Mühen, Risiken und Kosten auf sich, um ihr Ziel zu erreichen. Von diesen Menschen schreibe ich nicht. Viele von den Übrigen, die sich irgendwie zwischen den Geschlechtern verorten, schreiben viele, dass sie große Probleme haben, Depressionen oder Merkmale von Depressionen aufweisen. Sie sind nicht mit sich selber im Reinen und sie sie brauchen die "Auszeit" en femme. Alles was damit verbunden ist (Schminken, Kleidung, Einkaufen, Sexualität ...), wird zum großen Thema. Viele fühlen sich missverstanden.
Das kenne ich alles auch und ich konnte und kann es nicht für mich akzeptieren. Die Frage, wer ich bin steht für mich im Mittelpunkt. Die Beschäftigung mit der Psychologie hat mich in den letzten Jahren immer mehr daran zweifeln lassen, dass es so etwas wie ein "Ich" gibt, dass man finden und erkennen kann, nur sehr begrenzt gibt. Es stellt ein Fundament dar, auf dem mein Leben aufbaut. Alles andere ist gelernt, durch Eindrücke von außen geprägt und durch die eigenen Gedanken angepasst. Damit meine ich nicht, dass wir beliebig formbar sind, wenn nur die entsprechenden Einflüsse auf uns wirken, aber ich nehme wahr, dass wir viel mehr Einfluss auf unser Wohlbefinden haben als wir denken.
Ich gehe davon aus, dass Mann/Frau neben der körperlichen auch eine gesellschaftliche Dimension haben. An der körperlichen Erscheinung will ich nichts ändern. Mein Körper ist gut, wie er ist. Was er für mich leistet, ist beeindruckend. Er wehrt Bakterien ab und kann sich selber heilen. Und wenn ich ihn gut behandle, leistet er diese Dinge für mich um so besser. Ich könnte mir in meinen Gedanken gut vorstellen, auch einen weiblichen Körper zu besitzen. Ich habe hier ein Dilemma. Ändern kann und will ich aber nur etwas, was auf der Gedankenebene läuft.
Es wird hier immer wieder diskutiert, ob man Mann ist oder Frau. Als würde sich das ausschließen. Der erste Schritt um mich besser zu fühlen, ist die Annahme, dass Mann/Frau nicht männlich/weiblich entspricht. Einfaches Beispiel sind weibliche Männer und männliche Frauen, die sich aber trotzdem so fühlen, wie ihr Körper es erwarten lässt. Männlich/weiblich ist in diesem Sinn etwas, was wir lernen. Simone de Beauvoir schreibt von der "gemachten Frau". Das was weiblich zu sein scheint, darf ich ruhig für mich gelten lassen. Damit fühle ich mich schon besser.
Der nächste Schritt besteht darin, dass ich mir erlaube, die Kleidung zu tragen, die ich möchte. Auch als Mann kann ich z.B. Spitzenwäsche tragen. Es gibt keine Notwendigkeit, dass nicht zu tun, außer wenn wir es denken, dass wir es nicht tun "dürften". Die Probleme, die wir damit haben, stecken in erster Linie in unserem Kopf. Es sind unsere eigenen Ängste, die uns verbieten, etwas zu tun. Bei mir ist es die Angst alleine zu sein, weil ich diese Dinge tue. Meine Schere ist in meinem Kopf, nicht in der Gesellschaft. Die gibt es als solche gar nicht, sondern auch hier wirken Glaubenssätze, um eine Gemeinschaft zu schaffen. Wir können ohne Gemeinschaft nicht leben. Die schlimmste Strafe, die man früher einem Menschen angedeien lassen konnte, war der Ausstoß aus einer Gemeinschaft. Bei Naturvölkern kommt das der Todesstrafe gleich. Der Mechanismus wirkt noch in uns, aber hat er noch seine fundamentale Berechtigung ? Ich denke nein. Wir brauchen deswegen keine existentiellen Ängste mehr zu haben. Als ich mir das klar machte, ging es mir schon viel besser. Das Leben wurde leichter.
Mein vorläufig letzter Schritt geht noch weiter. Er betrifft die Frage, warum ich Männlichkeit ablehne und deshalb (zeitweise) als Frau fühle bzw. fühlen will. Ich fühle bei Männlichkeit wahrscheinlich wie viele hier. Ich finde es (teilweise) abstoßend. Der Gedanke Männlichkeit zu leben, will ich für mich nicht annehmen. Aber auch damit fühle ich mich nicht wirklich wohl. Ist am Ende meine Männlichkeit so verletzt, dass ich sie ablehne, weil ich mich vor diesen Verletzungen fürchte ? Der Gedanke hat mich erschüttert. Er würde bedeuten, dass mit der Aussöhnung mit meiner Männlichkeit ein Tor sich öffnen kann, anders zu leben ? Was passiert, wenn ich es zulasse, ein Mann zu sein, ohne die Tür zur Weiblichkeit zu schließen ? Damit meine ich nicht das Pendeln zwischen den Geschlechtern, sondern das Integrieren meiner Männlichkeit in mein Leben.
Der Gedanke ist für mich radikal. Er macht mir Angst. Ich habe mich bequem in meiner Situation eingerichtet, entweder Frau zu sein oder nicht darüber nachzudenken. Aber fühle ich damit vollständig ? Und was macht mir Angst ? Soweit ich das erkennen kann, ist ein wesentlicher Teil der Angst darin begründet, dass ich Angst vor einem Verlust meines bisherigen Lebens habe. En femme zu sein bedeutet für mich, vollkommen im Hier und Jetzt zu leben. Da gibt es keine Gedanken an morgen oder gestern oder was außerhalb meines Ichs passiert. Es scheint vollkommen zu sein. Das soll ich aufgeben ? Aber das muss ich gar nicht und wenn ich mit der Entdeckung meiner männlichen Seite etwas Neues finde, um so besser. Ich kann ja jederzeit in meine Weiblichkeit flüchten.
Das ist der Prozess, der gerade in mir läuft. Er scheint vielversprechend zu sein, verlässt er doch ausgetretene Pfade, die auf Dauer eine Sackgasse sind. Das Forum hat viel für mich getan, in dem es mir zeigte, dass man viel gelassener mir der Frage der Weiblichkeit umgehen kann. Das Risiko ist groß, dass ich mich damit begnüge. Die Glaubenssätze, die hier immer wieder vertreten werden, sind bequem, für mich zu bequem. Sie haben früher einen Entwicklungschub für mich bewirkt, aber das ist für mich nicht das Ende. Ich kann für mich sagen, und ich glaube es auch bei Anderen zu erkennen, dass die Beschäftigung mit der Männlichkeit viel zu kurz kommt. Hier habe ich Wunden, die nicht heilen können, wenn ich sie beiseite schiebe. Biologisch betrachtet, stammen wir alle aus einem geschlechtslosen Etwas. Erst viele verschiedene Prozesse führen zu einer körperlichen Geschlechtsbildung, Intersex eingeschlossen. Mit Gender scheint es mir ähnlich zu sein. Nur sind hier neben körperlichen Aspekten, wie z.B. der Hormonspiegel, auch die Einflüsse von außen eine wesentliche Rolle zu spielen. Im Kern steckt beides in uns allen. "Vollständig" oder "Ganz" können wir uns nur dann fühlen, wenn wir uns mit männlichen und weiblichen Aspekten auseinander setzen und für uns akzeptieren, egal wie der Körper aussieht oder aussehen soll.
Viele Partnerinnen von uns lehnen es ab, uns en femme zu sehen. Natürlich wirkt ein "was nicht sein kann, was nicht sein darf", aber ich habe den Eindruck, dass viele auch instinktiv auf unsere fehlende Auseinandersetzung mit unserer Männlichkeit reagieren. Sie sehen in uns vielleicht mehr als wir selber wahr nehmen. Meine Frau hat sehr positiv auf den Gedanken der Aussöhnung mit meiner Männlichkeit reagiert. Dabei verurteilt sie nicht meinen weiblichen Teil unseres Kleiderschranks. Und was Partnerinnen hier schreiben, lässt mich vermuten, dass es ihnen ähnlich geht.
Trans sein, gehört zu unserem Leben. Es ist die Auseinandersetzung mit unseren weiblichen Anteilen. Viele scheinen aus meiner Perspektive die Auseinandersetzung mit der männlichen Seite zu vermeiden. Hier wird etwas verleugnet. Unsere Partnerinnen haben einen Mann geheiratet und genau das fordern sie ein. Ich bin davon überzeugt, dass viele Partnerinnen mit unserer weiblichen Seite gut leben können, wenn wir uns aufmachen, unseren männlichen Part zu rkunden. Damit sind nicht männliche Klischees gemeint, sondern das was in uns originär männlich ist. Was das ist, muss jede/r für sich selber finden. Wichtig ist, dass wir es tun und unsere dunklen Ecken erkunden, die wir so vehement verbergen wollen. Es geht nicht um die Frage, ob wir Röcke, BH oder FSH tragen wollen. Es geht darum, dass wir uns zu Menschen entwickeln, die vollständig sind.
Die Psychologie zeigt für mich, dass Lebenskrisen (Depressionen, Burnout, Verzweiflungen ...) nichts anderes als eine Aufforderung sind, sich mit den eigenen Leichen im Keller, die wir so gerne verdrängen, zu beschäftigen. Es geht darum, dass wir lernen, äußere und innere Anforderungen zu erkennen und zu unterscheiden. Wir müssen nicht Klischees bedienen, um uns mit unserer Männlichkeit auszusöhnen. Wir müssen auch nicht unsere Weiblichkeit deswegen verleugnen. Durch die Aussöhnung können wir etwas hinzugewinnen, ohne das Bestehende zu verlieren. Wir werden für diese langwierige, schmerzhafte und anstrengende Auseinandersetzung viel Respekt von den für uns richtigen Menschen erhalten.
Für mich scheint es ein guter Weg zu sein. Vielleicht ist er ja auch eine Anregung für Andere.