MichiWell hat geschrieben: Do 28. Nov 2019, 23:16
Carry hat geschrieben: Do 28. Nov 2019, 13:13
Aber ich weiß auch, dass wir, als betroffene Partnerinnen, eine unglaubliche Chance bekommen haben....nämlich vielleicht eine Einsicht in das wahre Wesen der echten, der wahren Liebe zu bekommen....
Könntest du mal etwas genauer erklären, wie du das meinst, und wie diese echte, wahre Liebe deiner Meinung nach aussieht?
Ich bin zwar nicht Carry, aber ich möchte trotzdem einen Versuch wagen. Die Basis steht in wunderbaren Worten, wie sie Khalil Gibran in seinem Gedicht, Von Der Liebe, beschreibt.
Der Kern liegt darin, dass die Liebe eben kein Ort des Wohlfühlens ist, wie sie so oft beschrieben wird. Es geht nicht um das Wohlfülen in Gemeinsamkeit. Zunächst geht es darum, sich selber zu stellen. Die Liebe und das damit verbundene Vertrauen bieten hierfür die Basis. Gibran schreibt von Verwundungen, die einem widerfahren. Es sind die eigenen Verletzungen, die man wieder hervorholt. Der oder die Andere ist hierfür der Spiegel. Je mehr ich mich öffne, um so mehr konfrontiere ich mich mit mir selber. Das kann sehr schmerzhaft sein. In der Psychologie ist das übrigens eine Methode zur Behandlung von Traumata. In diesem Vorgang befreie ich mich auch von Träumen, die meiner Entwicklung im Wege stehen. Z.B. von dem Traum einer romantischen Liebe (hier haben unsere Partnerinnen oftmals ihre Probleme) oder Träume von der eigenen Selbstherrlichkeit.
Die Liebe macht mich nackt. Ich stehe ohne irgendwelche Schutzmauer offen da. Alles was wir uns zu unserem Schutz selber aufgebaut haben, fällt von uns ab. Jetzt besteht die Chance, sich von den Dingen zu trennen, die wir eingegraben haben. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Das Ergebnis ist ein reiner Mensch. Gibran schreibt von den "den Geheimnissen des Herzens".
Er warnt aber auch, wenn man nicht bereit ist, sich dem vollständig zu unterziehen, wird man sich nicht wirklich kennen lernen. Man wird nicht "seine ganzen Tränen weinen". Wenn man nur die Ruhe oder die Lust sucht, solle man den "Dreschboden" verlassen in die Welt ohne Jahreszeiten. In der von ihm beschrieben Liebe geht es auf und ab. Wir erfahren immer mehr über uns und finden aber auch Zeiten der Beflügelung, der Verzückung und der Danksagung.
Die Liebe lässt sich nicht lenken. Man gibt sich ihr hin und findet sich selber. Da gibt es nichts zu lenken und was folgt, kommt aus der Liebe heraus. Nicht mehr und nicht weniger.
Er schreibt mit keinem Wort über eine/n Partner/in. In seinen Worten geht es nicht darum, jemanden glücklich zu machen oder von jemand glücklich gemacht zu werden. In seiner Sicht, die ich teile, geht es nur darum, alles fahren zu lassen, was einen hemmt und sich voller Vertrauen hin zu geben und demüt das zu bekommen, was man selber braucht. Da ist kein Wort von Überfrachtung der Liebe, in dem Ansprüche von oder an jemanden zu lesen ist. Überfrachtung ist der Fehler, der in unserer üblichen Beschreibung von Liebe steckt. Und diese Überfrachtung hindert uns daran, die wahre Liebe zu erleben. Die Konzentration auf den Anderen hindert uns daran, uns selber zu entdecken. Es ist eine Möglichkeit sich vor den Erkenntnisse über sich selber zu drücken. Der Alruismus, der so häufig in der Beschreibung der Liebe gefordert wird, ist ein großer Verhinderer der Liebe. Die Liebe fordert etwas ? Es ist anders herum. Die Liebe zeigt mir den Weg, den ich gehen kann. Die Liebe fordert nicht, sie bietet an. Es liegt an mir, mich darauf einzulassen.
Und trotz der Beschreibung, die sich nur auf einen Menschen bezieht, ist diese Liebe im höchsten Grad nicht egoistisch. Die Liebe hat nur den Wunsch, sich zu erfüllen. Es geht nicht darum, mit jemanden zu verschmelzen, sondern im Gegenteil sich zu erkennen. Es geht darum, durch die Öffnung seine Ängste abzulegen. Was ist für mich schrecklicher als meine eigene Wahrheit ? Was macht mich ruhiger als meine eigene Wahrheit ? Nur durch die Liebe komme ich zu meiner eigenen Wahrheit. Die eigene Wahrheit ist die reine Selbstliebe. Und hier schließt sich der Kreis zu Charlie Chaplin mit seinem Gedicht, das ich ja auch immer wieder bemühe.
So sehe ich die Liebe und ich bin weit davon entfernt, diese Liebe zu leben zu können. Aber ich kann mich darum bemühen, Tag für Tag.