Deine Beiträge lesen sich fast 1:1 wie die Sätze, die meine Frau (auch kein "Weibchen"-Typ) äußert, wenn man von den unterschiedlichen Randbedingungen absieht. Gerade gestern Abend hatten wir wieder ein emotional intensives Gespräch. Sie ist vielem gegenüber tolerant, teilweise auch akzeptierend. Ich habe einen eigenen Kleiderschrank für meine weibliche Kleidung und sie weiß auch, dass ich en femme unterwegs bin. Sie will mich aber nicht als Frau sehen. Sie sagt, es tut ihr weh. Mir tut es weh, dass ich nicht so leben kann, wie ich es gerne möchte. Wir stoßen beide an unsere Grenzen. Wir akzeptieren unterschiedliche Sicht- und Verhaltensweisen und wir müssen auch nicht alles teilen. Aber wir sind an einem Punkt, an dem sich etwas ändern muss, da wir so nicht weiter leben können. Sie spricht von "Verkleiden", ich von Identität. Hier prallen Gegensätze aufeinander. Das muss man zuerst einmal aushalten.
Die Frage ist, wie kann man das auflösen ? Wenn wir das wüssten, wären wir in unserer Ehe (die nach meiner Einschätzung sehr glücklich ist), ein ganzes Stück weiter. Ich fange mit den Positionen an:
Sie: Sie wusste von Anfang an, was mit mir los ist. Wie tief das geht, hat sie wahrscheinlich nicht erfasst. Sie akzeptiert vieles, kann es aber nicht nachvollziehen. Sie sieht keine Notwendigkeit, es nachvollziehen zu müssen. Sie versteht nicht, dass ich mich verkleide. Körperrasur und lackierte Fingenägel (transparent) findet sie befremdlich. Wieso bedeutet Kleidung Weiblichkeit ? Wieso kann ich mich nicht auf das beschränken, was mir im gegenwärtigen Rahmen möglich ist ? Wieso soll sie sich ändern und anpassen ? Sie hat keine Ambitionen mit einer Frau zu leben.
Meine Sicht: Ich bin dankbar für das, was ich habe und was ich leben kann. Aber es ist eine abgekapselte Welt. Ich kann mich nicht voll in die Beziehung einbringen, weil ein wesentlicher Teil aus der Beziehung ausgeklammert wird. Wie kann sie mich da ganz lieben ? Es schmerzt mich sehr. Ich wünsche mir Akzeptanz und mehr Normalität in meinem Leben, das auch den Aspekt Weiblichkeit umfasst. Mein Traum wäre, auch als Frau akzeptiert zu werden. Wieso kann meine Frau sich nicht ein wenig der Thematik öffnen ?
Das sieht nach einer ausweglosen Situation aus, aber ich denke, beide Seiten müssen Geduld haben. Es geht mir nicht um eine Regelung à la "ich darf Mo, Mi, Fr im Rock herum laufen, Di, Do, Sa nur ohne Makeup und So bleibt die Frau ganz im Schrank". Das bringt mMn nichts. Ich habe sogar einmal ein Paar kennen gelernt, die hatten sogar im Ehevertrag festgeschrieben, wann er seinem Hobby nachgehen durfte.
Das ist eine Ebene, auf der geschachert wird. Vielleicht ist das manchmal notwendig, aber im Kern verbessert man nicht viel, denn es wird immer eine Art Buchführung mitgenommen. "Hier komme ich Dir entgegen, wenn Du mir dort entgegen kommst." Das kann vorübergehend helfen, aber es ist aus meiner Sicht keine Lösung. An der müssen wir noch arbeiten. Es ist immer einfacher zu erkennen, an was der Andere arbeiten kann und soll. für mich selber ist das schon schwerer, denn ich weiß ja, dass ich nicht anders kann. Umgekehrt dürfte das auch so sein.
Ich bin der Ansicht, dass ein wesentlicher, vielleicht sogar der wesentlichste, Aspekt einer Beziehung die eigene Entwicklung ist. Man kommt an Grenzen und um die zu überwinden, muss man sich ändern. Deshalb liegt in der aktuellen Diskussion ein großes Potential. Aber das ist knifflig. Wie kann das gehen ? Wir lassen zunächst die Oberflächlichkeiten weg, z.B. keine Diskussion über Kleidung, Auftreten, Beschränkungen, Unverständnis etc., weil das vom Kernaspekt ablenkt. Dann könnten wir uns gegenseitig sagen, an welchen Punkten wir Entwicklungspotential für den Anderen sehen. Dann ist für eine Weile Funkstille in dem Thema, damit jeder über die vom Anderen genannten Punkte nachdenken kann. Von Zeit zu Zeit, z.B. einmal in der Woche, kommt man wieder zusammen, um über seine Erkenntnisse und Einsichten zu berichten. Ich glaube, auf dieser Basis kommt es mit der Zeit zu Veränderungen, die auch dann die Dinge an der Oberfläche betreffen. Hilfreich in diesem Kontext ist das Buch von Michael Lukas Moeller "Die Wahrheit beginnt zu zweit: Das Paar im Gespräch". Hier werden Regeln definiert, wie man zu einem besseren Austausch kommt. Auf dieser Basis wird dann quasi automatisch eine Entwicklung eingeleitet.
Es gibt aber noch einen Aspekt, der mir wichtig zu sein scheint. Bekannt ist der Effekt, dass man Dinge am Anderen am einfachsten erkennt, die einen selber betreffen. Man schaut ja durch die eigene Brille und die ist an den Punkten am klarsten, die einem wichtig sind. Es lohnt sich darüber nachzudenken, warum man gerade die Punkte am Anderen verändern möchte. Oftmals sind das die, die einen selber betreffen.
Was Dich betrifft, möchte ich nur drei Aspekte heraus greifen, die mir aufgefallen sind:
Was bedeutet eine funktionierende Beziehung ? Eine, bei der alle glatt geht und man glücklich ist ? Was muss der Partner dafür tun oder liegt es nicht an einem selber, für eine gute Beziehung zu sorgen ? Nützt es mir vielleicht selber nicht mehr, wenn ich durch Auseinandersetzung mit mir selber zu neuen Wegen für eine gute Beziehung zu sorgen, statt vom Anderen ein Einlenken zu fordern ? Einfordern von Verhalten beschränkt den Anderen in seiner Freiheit. Und Liebe ist ein Kind der Freiheit.Lilly-Fee hat geschrieben: Do 17. Okt 2019, 15:09 sondern möchte ernsthaft, dass unsere "neue" Beziehung funktioniert.
Das ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben, es ist eine fundamentale Veränderung von sich selber. Dadurch reift man in seinem Wesen. Dadurch reift die Beziehung. Ist es wirklich von Bedeutung für Dich, wenn Dein Mann sich den Körper rasiert ? Oder steckt nicht etwas anderes dahinter ?
Für mich ist eine "funktionierende Beziehung" auf Dauer eine tote Beziehung.
Wie definiert sich Deiner Meinung nach Weiblichkeit ? Was ist Weibichkeit ? Was ist von den Punkten nur Klischee ? Ist es wirklich nur die biologische Funktion ? Warum darf ein Mann nicht seine Weiblichkeit ausdrücken ?Lilly-Fee hat geschrieben: Do 17. Okt 2019, 16:32 Weiblichkeit definiert sich doch nicht an Röcken, Pumps und Schminke?!
Weibliche Kleidung und Accessoires sind Ausdruck für Weiblichkeit. Man zeigt, wie man gesehen werden möchte. Weibliche Männer kannten schon die Griechen vor 2500 Jahren. Sie waren gesellschaftlich benachteiligt. Aber trotz der erheblichen Nachteile haben diese Menschen an ihrem Wesen fest gehalten. Warum ? Das ist heute nicht wirklich anders. Warum trägt ein Mann Deiner Meinung nach Röcke, Pumps und Schminke und ich möchte noch "Einlagen für Brüste" ergänzen ? Ist das wirklich nur Verkleiden ? Oder steckt da nicht eine tiefe Sehnsucht nach einem Körper dahinter, der weiblich ist ? Muss darauf verzichten ? Gibt es zwischen Mann und Frau nicht viele Zwischenformen, die ein zeitweises Leben im anderen als dem körperlichen Geschlecht erlaubt ? Würde eine Einschränkung auf ein Geschlecht für einen Mensch zwischen den Geschlechtern nicht eine extreme Belastung bedeuten ?
Das sind nachvollziehbare Sätze. Sie provozieren mich aber zu Fragen. Warum kannst Du Dir das nicht vorstellen ? Du schreibst selber vom aktuellen Entwicklungsstand. Bedeutet das, Du siehst die Möglichkeit und die Notwendigkeit Dich weiter entwickeln ? Top ! Was ist wirklich so schlimm an dem Gedanken, mit einer Frau, die Dein Mann ist, eine Beziehung zu haben ? Könnte das nicht auch eine Bereicherung für Dich sein ?Lilly-Fee hat geschrieben: Do 17. Okt 2019, 17:29 Bei meinem derzeitigen Weiterentwicklungsstand, würde ich tatsächlich eine Partnerin an meiner Seite nicht akzeptieren können. Eine WG mit einer Frau, warum nicht, aber für eine Beziehung, kann ich mir das nicht vorstellen.
Ich will damit nicht sagen, dass Du Dich zu ändern hast und dein Mann nicht. Ihr hattet wahrscheinlich eine funktionierende Beziehung. Jetzt hat dein Mann mit dem Ausdruck seiner Weiblichkeit Dynamik in die Beziehung gebracht. Er ist der Auslöser. Er ist voran gegangen. Du kannst die Dynamik aufgreifen und etwas für Dich/Euch tun, was Du vorher nicht tun konntest. Es ist eine Horizonterweiterung für Dich. Du kannst es als Geschenk sehen. Auch Dein Mann wird dann auf Deine Änderung reagieren (müssen).
Für mich ist das eine lebendige Beziehung, im Gegensatz zu einer funktionierenden Beziehung. Und das ist manchmal schmerzhaft. Sich von Dingen zu verabschieden, damit man Neues erleben kann, ist nicht immer einfach. Vor allem wenn man Angst vor Veränderungen hat. Wenn man Veränderungen annimmt, kann man verlieren, wenn man sie nicht annimmt, hat man verloren, denn Stagnation bedeutet Rückschritt. Oder wie Giuseppe Tomasi Di Lampedusa im "Leopard" in einem anderen Zusammenhang schreibt:
Für mich bedeutet es, wenn ich mir selber treu sein will, muss ich mich ändern. Aber die Veränderung muss aus mir selber kommen und kann nicht durch jemand vorgegeben werden. Aber der Andere ist der Anlass für Veränderungen.Es muss sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist
Edit: Vera Birkenbihl beschreibt die Idee Moellers in einem kurzen Video: