Hallo ihr Lieben,
ich bin total gerührt, dass ihr euch - berechtigte - Sorgen gemacht habt. Aber bitte streitet euch nicht meinetwegen! Das ist eine neue Erfahrung für mich, weil es sonst keinen interessiert, ob ich lebe oder nicht. Bis vor kurzem jedenfalls. Aber der Reihe nach.
Ja, ja - ich war wieder ein böses Mädchen, hab's getan, längst statt quer geschnitten, vor zwei Wochen ...
Wie dumm muss man sein, die Ader zu verfehlen ... Hatte vor lauter Blut nichts mehr erkennen können, kann doch kein Blut sehen. Eine riesige Sauerei war's trotzdem, mein Arm sieht aus wie von einer Borderlinerin. Es hat furchtbar weh getan, wovor ich doch immer solche Angst hatte. Aber es heilt verblüffend schnell - wie gewöhnlich.
Auslöser waren wieder mal böse Dinge auf Arbeit - und dass ich endgültig mein neues schönes Hobby, das mir doch eine lebensrettende Oase sein sollte, aufgeben musste. Der psychische Druck, ständig in der Nähe dieses besagten Trainers "Herold" zu sein, das dauernde Wieder-von-vorne-anfangen bei den Schlägen, weil von einem Tag auf den anderen plötzlich nichts mehr ging - das alles zerstörte die kleinen Glücksmomente, denen ich monatelang hinterher gejagt war. Obgleich der Trainer und ich uns ausgesprochen hatten und er offenbar kapiert hatte, dass ich nicht in seine heile private Welt eindringen würde, musste er erneut so fies und gemein zu mir werden, dass ich es nicht mehr aushielt. Ich hab nach Bestehen der Theorie meine praktische Prüfung geschmissen und bin nach der dritten versauten Bahn einfach gegangen, hab überall auf den Übungs-Grüns meine mit Namen sorgfältig beschrifteten Bälle verteilt, die Tees, den Handschuh und meine Golfschuhe dort in den Müll geschmissen und meine Ausrüstung abgegeben. Ein Abgang einer Diva würdig. Alle Auswege und Hoffnungen waren zerstört. Also lag ich in meinem schicken Golf-Outfit im Bett und tat es erneut ...
Die Tage danach waren fürchterlich. Auf Arbeit hab ich wie immer meine Rolle gespielt. Leider haben einige die Wunden gesehen, die sich schwer verbergen ließen bei der Hitze. Gesagt hat niemand was. Ich hab ohnehin noch dichter gemacht als zuvor. Wie rauskommen aus diesem Loch, wie weiterleben, wenn man immer und immer wieder zu doof ist zum Sterben?
Ich hörte auf meine Gefühle, die sich - nun lacht mich nur aus - nach etwas zum Kuscheln und Streicheln sehnten. Ich hatte ja seit Jahren jeglichen Berührungskontakt verloren, mal von dem einen Abend mit Herold abgesehen. Also bestellte ich mir zwei niedliche Seejungfrauen-Puppen (meine Geschichte!), eine große und eine kleine. Die Große lebt nun im Haus und ist meist im Bett bei meinem alten Teddy oder mit mir zusammen im Salon. Mit dem Teddy kann ich nicht kuscheln, weil er mich von früher kennt und außerdem Wächter des Hauses ist und in seiner Rolle nicht verwirrt werden darf. Bei Miranda, der großen Seejungfrau, geht das dagegen.
Die Kleine begleitet mich seitdem überall hin, ist in meiner Handtasche stets dabei, beschützt mich unterwegs. Es ist mir vollkommen egal, ob mich deshalb andere nun für total bescheuert halten.
Fakt ist, dass es mir seitdem besser geht. Außerdem bringen mir meine kleinen Seelenverwandten anscheinend Glück. Ich hatte doch diese Datingportale so satt, ein knappes Jahr Rechtfertigung und Verwirrung und ungezählte Dates. Aber dieses Mal versuchte ich etwas anderes und suchte mir spezielle Trans-Portale, um das Outing gleich vorwegzunehmen, was in den "normalen" Portalen alles kaputt macht. Die meisten Seiten sind unter aller Würde, schweinisch, diskriminierend und menschenverachtend. Aber es gibt wenige Ausnahmen. Ich machte seit langer Zeit ein paar Fotos von mir (u.a. dieses hier) und meldete mich an. Und da halfen mir die Seejungfrauen:
Gleich am zweiten Tag bekam ich neben haufenweise niveauloser Anmachen einen lieben, sehr intellektuellen und gefühlvollen Brief von einem wahnsinnig attraktiven Mann, der sich bereits halb in mein Profil "verliebt" hatte. Das ging mir nach dem Lesen seiner Zeilen und seines Profils nicht anders. Innerhalb von zwei Tagen trafen wir uns sehr kurzfristig, weil wir es beide nicht mehr aushielten.
Es war der Wahnsinn ... Sowas ist mir noch nie passiert. Nach kurzem Zögern lagen wir uns schon bei der Begrüßung in den Armen. Total verrückt. Wir saßen stundenlang am Wasser und redeten, kamen uns näher. Dann gingen wir noch in ein gemütliches Café. Zum Abschied dann der erste Kuss ... bin noch immer betäubt davon.
Ich trau mich nicht, wirklich an das Glück zu glauben. Ich muss lernen, den Augenblick zu genießen, mich möglichst lange von den schillernden Tautropfen zu ernähren, wie es geht, nicht jetzt schon ans Ende denken. Bei diesem Date hab ich gegen alle meine Regeln verstoßen. Aber es war ein
richtiges Bauchgefühl, und meine Emotionen wurden erwidert. Keine Ahnung, wie - ob - es weitergeht. Ich verdränge die Gedanken an einen nächsten Absturz. Ich will doch leben, aber wenn alles ringsum dunkel wird, dann sind auch meine Kräfte mal am Ende. Dazu kommt, dass ich offenbar so verdrahtet bin, furchtbare Affinität zu Drama und Tragödie zu hegen - eben die negativen Diva-Eigenschaften. Wie soll das aus meinem Kopf?
Jetzt konzentriere ich mich auf die neuen Glücksgefühle und bitte meine Seejungfrauen, dass sie mir helfen, das Glück noch eine Weile festzuhalten.
Liebe Grüße an alle und entschuldigt, dass ich einigen wohl einen kleinen Schrecken beschert habe
Diva
PS: Ach ja, mein neues Motto ist übrigens von IHM. Passt irgendwie und vielleicht kann ich daraus etwas lernen ...
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